16.07.2014

Mehr für alle durch offene Grenzen

Essay von Phillipe Legrain

Die Idee offener Grenzen und der Freizügigkeit für alle Menschen rührt an verschiedenste Ängste. Letztlich sind diese jedoch unbegründet. Immigration ist ein Menschenrecht und bringt auch den Einwanderungsländern viele Vorteile.

Angenommen, Sie wurden in den USA geboren, und zwar in einem Teil, in dem Landwirtschaft sich nicht mehr lohnt, oder in einer Stadt in einer ehemaligen Industrieregion, wo heute alle Fabriken geschlossen sind. Sie hören von guten Jobs in Kalifornien oder Colorado und entscheiden sich umzuziehen. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihnen bei Ihrer Ankunft an der Staatsgrenze die Chance auf ein besseres Leben verweigert würde, weil Sie zufälligerweise in einem anderen Bundesstaat geboren worden sind? Sehen Sie: So fühlt es sich an, Mexikaner in den Vereinigten Staaten zu sein.

Bewegungsfreiheit ist eines der grundlegendsten Menschenrechte, wie jeder bestätigen kann, dem sie verweigert wurde. Dennoch blockieren Regierungen die Bewegungen von Menschen über Grenzen völlig willkürlich in jeder nur denkbaren Weise. Sie verlangen, dass die Leute beweisen (wie denn?), dass ihr Leben in Gefahr ist, bevor sie aufgenommen werden. Sie bestimmen, welchen Familienmitgliedern erlaubt wird, sich ihren Verwandten anzuschließen und welchen nicht. Die nicht-europäischen Ehegatten von Dänen dürfen nicht mit ihnen in Dänemark leben, bis beide 24 Jahre alt oder älter sind. Auch die ausländischen Freundinnen und Freunde von Amerikanern müssen um eine Einreiseerlaubnis kämpfen - die Regeln für Haustiere sind da lockerer. Wer der Arbeit wegen in die USA kommt wird anhand komplizierter Regeln und Quoten auf Herz und Nieren geprüft, die zwar Bürokraten, Juristen und Lobbyisten erfreuen mögen, aber nicht nur den meisten Menschen die Chance auf ein besseres Leben verwehrt sondern auch der Wirtschaft erheblichen Schaden zufügen.

„Einwanderungskontrollen gelten allgemein als normal, vernünftig und notwendig, tatsächlich sind sie aber wirtschaftlich dumm, politisch kurzsichtig und moralisch falsch.“

Einwanderungskontrollen gelten allgemein als normal, vernünftig und notwendig, tatsächlich sind sie aber wirtschaftlich dumm, politisch kurzsichtig und moralisch falsch. Zum einen ist die Freiheit, ein Land zu verlassen und in ein anderes zu reisen, der beste Schutz gegen Gewaltherrschaft. In der Geschichte ging es bei Emigration oft um Leben und Tod: Man erinnere sich an die Pilger, die auf der Mayflower die Segel gesetzt haben, die Hugenotten, die aus Frankreich geflohen sind, um etwa in England oder Deutschland Zuflucht zu finden, und die Juden, die Nazi-Deutschland entkommen sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte die beschämende Einsicht, dass viele Regierungen zahllose Juden in den Tod schickten indem sie ihnen Zuflucht verweigerten, zur Verpflichtung auf Artikel 14 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.“ In der Praxis wird dieses Recht jedoch eher ignoriert als beachtet.

Es ist zwar sehr wichtig, dass Asylsuchende im Ausland Zuflucht finden können, aber die Angst vor Verfolgung ist nicht der einzige legitime Grund, aus dem heraus Menschen Staatsgrenzen überqueren wollen. Es mag sein, dass sie einen besseren Job suchen. Es mag sein, dass mit denjenigen zusammen sein wollen, die sie lieben. Es mag auch sein, dass sie einfach nur etwas anderes erleben wollen. Und warum sollten sie nicht?

Diejenigen, die sich in der glücklichen Lage befinden, reich und gut ausgebildet zu sein, halten es für selbstverständlich, dass sie mehr oder weniger so um die Welt reisen können, wie sie möchten. Sie machen Urlaub in Mexiko, gehen in Afrika auf Safari und gehen sogar auf Weltreise. Zunehmend arbeiten sie zeitweise im Ausland und manche lassen sich schließlich andernorts nieder – wie die vielen Amerikaner, die jetzt in Berlin leben, und die vielen Deutschen, die jetzt in den Vereinigten Staaten leben. Warum also wollen wir anderen dieses Recht verwehren?

In den USA argumentieren Gegner offener Grenzen oft, dass Amerikaner eigentlich nicht die Freiheit haben, überall dahin zu gehen, wohin sie wollen. Sie weisen korrekterweise darauf hin, dass man für viele Länder ein Visum braucht und dass zum Beispiel die chinesische Regierung dies auch verweigern kann. Warum aber sollten wir im Westen unsere Politik auf dem Handeln der chinesischen Regierung gründen? Sollten wir den Leuten die Meinungsfreiheit verweigern, weil die chinesische Regierung das auch tut? Die Sache bei universellen Menschenrechten ist nicht, dass sie notwendigerweise immer schon universell zur Anwendung kommen, sondern dass es vielmehr unbedingt so sein sollte. Dass andere nicht in der Lage sind, sie anzuwenden, ist kein Grund dafür, dabei ebenfalls zu versagen.

In Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen.“ Aber was hat man vom Recht, ein Land zu verlassen, wenn man ein anderes nicht betreten kann? Da nicht mal das internationale Menschenrecht Leuten das Recht einräumt, Grenzen frei zu überqueren, sollten wir mit gutem Beispiel vorangehen, indem wir offene Grenzen verfassungsmäßig garantieren.

Kosten und Nutzen

Viele Leute vertreten die Ansicht, dass Grenzöffnungen verheerende Folgen hätten. Aber sind die möglichen Kosten wirklich so groß, dass sie die maßlose Ungerechtigkeit rechtfertigen, den Menschen die Möglichkeit der Freizügigkeit zu verwehren? Liegt in der Grenzöffnung nicht auch ein großer Nutzen? Und, selbst wenn man Einwanderung als Bedrohung betrachtet: Fallen die mit Einwanderungskontrollen verbundenen Kosten nicht viel mehr ins Gewicht?

Und hier geht es keineswegs nur um abstrakte Prinzipien. Jedes Jahr ertrinken Tausende beim Versuch, Europa zu erreichen. In den vergangenen zehn Jahren starben mehr Menschen bei dem Versuch, von Mexiko in die USA zu gelangen, als bei den Anschlägen vom 11. September. Indem verzweifelten Menschen die Möglichkeit verweigert wird, die Grenzen legal zu überqueren, treiben wir sie dazu, tödliche Risiken einzugehen. Natürlich wäre es den Wählern und Regierungsbeamten lieber, wenn die Einwanderer nicht sterben. Aber unterschwellig sehen sie darin doch einfach den Preis der für den Schutz der Grenzen nun mal zu zahlen ist. Das klingt schockierend und ist es auch. Wie sonst könnten wir aber die allgemeine Gleichgültigkeit etwa gegenüber den durch die die US-Einwanderungskontrollen verursachten Todesfällen erklären? Warum ist die offizielle Antwort immer, dass „wir“ in der Verstärkung „unserer“ Grenzkontrollen hart bleiben müssen, und warum wird nicht in Frage gestellt, ob das System als solches sinnvoll ist? Einwanderer sind keine einmarschierende Armee. Es sind meist einfach nur Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben.

„In den vergangenen zehn Jahren starben mehr Menschen bei dem Versuch, von Mexiko in die USA zu gelangen, als bei den Anschlägen vom 11. September.“

Einwanderung zu ermöglichen, ist nicht nur moralisch richtig, es ist auch ökonomisch von Vorteil. Wenn Beschäftigte aus armen Ländern in reiche ziehen, können sie Nutzen aus Kapital, Technologie und Institutionen der entwickelten Wirtschaftssysteme ziehen, was sie produktiver und die Welt wohlhabender macht. In der Zeit von 1870 bis 1910 wanderte jeder sechste Schwede nach Nordamerika aus. Das hat den auf dem Land lastenden Bevölkerungsdruck beseitigt, die Produktivität und die Gehälter derer erhöht, die geblieben sind, und dazu beigetragen, Schweden in weniger als 50 Jahren von bitterer Armut zu allgemeinem Wohlstand zu katapultieren.

Einwanderer aus armen Ländern können in reichen Ländern um ein Vielfaches höhere Löhne bekommen und das Geld, das sie nach Hause schicken – jährlich offiziell 300 Milliarden Dollar, inoffiziell vielleicht noch einmal so viel – stellt die 100 Milliarden Dollar, die westliche Regierungen an Entwicklungshilfe leisten, leicht in den Schatten. Diese Überweisungen werden nicht an Waffen verschwendet oder auf Schweizer Bankkonten abgezweigt. Sie landen direkt in den Taschen der Leute vor Ort. Sie zahlen für Nahrung, sauberes Wasser und Medikamente. Sie ermöglichen ihren Kindern weiterhin zur Schule zu gehen, sie finanzieren kleine Unternehmen und sie nutzen der örtlichen Wirtschaft auf breiterer Ebene. Wo Überweisungen einen großen Anteil der Wirtschaft ausmachen, reduzieren sie die Armutsquote um ein Drittel. Sogar in Ländern, die relativ wenig erhalten, kann die Armutsquote um ein Fünftel verkleinert werden. Und indem Kinder weiterhin zur Schule gehen, ihnen der Arztbesuch bezahlt wird und neue Unternehmen gegründet werden, können Überweisungen auch das wirtschaftliche Wachstum ankurbeln. Wenn die Einwanderer nach Hause zurückkehren, nehmen sie außerdem neue Fertigkeiten, neue Ideen und das Geld für die Gründung neuer Unternehmen mit. Afrikas erste Internet-Cafés wurden von Migranten gegründet, die aus Europa zurückkehrten.

„Ökonomen schätzen, dass die Abschaffung von Einwanderungskontrollen das weltweite Bruttosozialprodukt verdoppeln könnte“

Ökonomen schätzen, dass die Abschaffung von Einwanderungskontrollen das weltweite Bruttosozialprodukt verdoppeln könnte. So wie die Freiräume im internationalen Handel und in den internationalen Kapitalströmen seit dem Zweiten Weltkrieg geholfen haben, einen gewaltigen Anstieg des weltweiten Lebensstandards anzutreiben, so könnte die Liberalisierung der internationalen Arbeitsmobilität in den nächsten 50 Jahren erhebliche Vorteile bringen. Tatsächlich sind die durch die Migration bedingten wirtschaftlichen Gewinne mit denen des Handels durchaus vergleichbar.

Man denke beispielsweise an einen Amerikaner, der medizinische Betreuung braucht. Er könnte vor Ort von einem amerikanischen Arzt behandelt werden, er könnte ins Ausland gehen, um von einem ausländischen Arzt behandelt zu werden, der ausländische Arzt könnte ihn aus der Ferne behandeln – zum Beispiel über das Internet – oder der ausländische Arzt könnte in die Vereinigten Staaten kommen, um ihn zu behandeln. In den letzten drei Fällen würden die Vereinigten Staaten die medizinische Versorgung vom ausländischen Arzt importieren. Der letzte Fall, den wir als Migration und nicht als Handel einstufen, ist eine Form des internationalen Handels mit Dienstleistungen, bei der ein ausländischer Anbieter nach Amerika kommt, um seine Dienstleistungen den Konsumenten vor Ort anzubieten. Aber wo Dienstleistungen lokal zur Verfügung gestellt werden müssen – Ältere können nicht aus der Ferne versorgt werden, Taxifahrer müssen lokal arbeiten, Geschirr muss an Ort und Stelle abgewaschen werden –, ist internationale Migration die einzige Form internationalen Handels, die möglich ist.

Migration und Handel

Wenn man nun akzeptiert, dass internationaler Handel generell gegenseitig von Vorteil ist – weil er, kurz gesagt, größere Spezialisierung erlaubt, Größenvorteile realisiert, Preise reduziert, die Auswahl erhöht, den Wettbewerb verstärkt, Innovationen antreibt und das wirtschaftliche Wachstum erhöht –, dann gilt das sicher auch für die spezielle Form, die beinhaltet, dass ausländische Dienstleister Grenzen überqueren, um ihrem Gewerbe nachzugehen. Und so wie es Regierungen nicht zusteht, uns die Möglichkeit zu verwehren, ausländische Filme zu schauen, ausländische Speisen zu essen oder ausländische Autos zu fahren, so sollten sie uns nicht die Möglichkeit verwehren, uns an gegenseitig vorteilhaften ökonomischen Transaktionen mit Ausländern zu beteiligen, die deren Umzug in unsere Umgebung mit sich bringen.

Wo Regierungen es gestatten, entsteht ein globaler Arbeitsmarkt: Internationale Finanzexperten treffen sich in New York, London und Frankfurt, IT-Spezialisten im Silicon Valley und Schauspieler in Hollywood, während multinationale Unternehmen qualifizierte Fachkräfte auf der ganzen Welt verteilen.

„Die Regierungen reicher Länder bemühen sich, ausländische Arbeiter fernzuhalten, sogar wenn sie enfach nur Dienstleister sind, die ihr Gewerbe im Ausland anbieten.“

Dennoch bemühen sich die Regierungen reicher Länder, mexikanische Bauarbeiter, philippinische Pflegekräfte und kongolesische Köche fernzuhalten, sogar wenn sie einfach nur Dienstleister sind, die ihr Gewerbe genauso im Ausland anbieten, wie es amerikanische Investmentbanker tun. Und so wie es oft billiger und von gegenseitigem Nutzen ist, Computer aus China und IT-Dienstleistungen aus Indien zu importieren, so ist es oft sinnvoll, niedere Arbeiten, die vor Ort erledigt werden müssen, zu importieren, etwa Reinigungsarbeiten.

Die ökonomische Theorie legt nahe, dass Handelsgewinne dann am größten sind, wenn verschiedene Länder beteiligt sind. Die westlichen Staaten haben eine alternde, gut ausgebildete Bevölkerung, während die der Entwicklungsländer viel jünger und allgemein weniger gut ausgebildet ist. Tatsächlich ergänzen die Erwerbsbevölkerungen einander. Es ist bedauerlich, dass viele Anhänger des Freihandels in den USA darüber jubeln, dass Vietnamesen ihre Stellung verbessern, indem sie in Nike-Fabriken arbeiten, um Schuhe für Amerikaner zu produzieren, die ihre Einwanderung nach Amerika ablehnen, mit der sie dort ihre Stellung verbessern könnten. Menschen, die tatsächlich an offene Gesellschaften und individuelle Freiheit glauben, sind außerordentlich selten.

Warum Einwanderer keine Bedrohung sind

Einwanderungsgegner in den USA bringen eine Reihe von Einwänden gegen die Öffnung der Grenzen in Stellung. Sie behaupten, dass sie Jobs kosten, eine soziale Belastung darstellen und die amerikanische Lebensart bedrohen würde – sogar ihre Sicherheit. Diese Ängste sind aber größtenteils ungerechtfertigt.

Kritiker bringen vor, dass gering qualifizierte Einwanderung schädlich ist, weil die Neuankömmlinge ärmer und ungebildeter sind als Amerikaner. Das ist aber genau der Grund, weshalb sie willens sind, gering bezahlte, wenig qualifizierte Arbeit anzunehmen, die Amerikaner scheuen. In den 1960er-Jahren waren mehr als die Hälfte aller amerikanischen Arbeiter über 25 Jahren High-School-Abbrecher, inzwischen ist es nur noch einer von zehn. Verständlicherweise streben High-School-Absolventen nach Besserem, während sogar diejenigen ohne Qualifikationen bestimmte schmutzige, schwierige und gefährliche Arbeiten nicht machen wollen. Viele geringqualifizierte Jobs können nicht ohne weiteres mechanisiert oder importiert werden: Alte Menschen können weder von Robotern noch vom Ausland aus gepflegt werden.

Und wenn die Leute reicher werden, bezahlen sie zunehmend andere, um mühevolle Aufgaben auszuführen, darunter auch Heimwerker-Arbeiten, die sie früher selber erledigt haben, sodass wiederum Zeit für produktivere Arbeit oder erfreulichere Freizeitaktivitäten verfügbar ist. Wenn fortschrittliche Ökonomien hochqualifizierte Jobs erzeugen, erzeugen sie also auch notwendigerweise niedrigqualifizierte. Die Bestrebungen nach Chancen für alle lassen sich mit der Realität harter Arbeit für manche und mit Einwanderung durchaus in Einklang bringen.

Die Ängste, dass Einwanderer alteingesessene Beschäftigte bedrohen, basieren auf zwei Fehlschlüssen: Dass es eine festgelegte Anzahl von Arbeitsplätzen gibt und dass ausländische Beschäftigte die Alteingesessenen direkt ersetzen könnten. Aber genauso wenig wie Frauen die Männer ihrer Jobs beraubt haben, als sie Teil der Erwerbsbevölkerung wurden, werden Ausländer die alteingesessene Erwerbsbevölkerung um ihre Stellen bringen. Sie nehmen nicht einfach Arbeit an, sondern erzeugen auch neue. Wenn sie ihre Löhne ausgeben, erhöhen sie die Nachfrage nach Leuten, die die Waren und Dienstleistungen produzieren, die sie konsumieren, und wenn sie arbeiten, regen sie die Nachfrage nach alteingesessenen Arbeitskräften in komplementären Metiers an. Ein Zustrom von mexikanischen Bauarbeitern erzeugt zum Beispiel neue Jobs für Verkäufer von Baumaterial und Innenarchitekten in den USA. Daher ist, während die Zahl der Einwanderer in den letzten 20 Jahren stark gestiegen ist, die Arbeitslosenrate Amerikas gefallen.

Aber ziehen manche alteingesessen Beschäftigten nicht wirklich den Kürzeren? Kaum, die meisten profitieren tatsächlich. Warum? Weil, wie Einwanderungskritiker als allererste zugeben werden, Einwanderer anders sind als die Einheimische, sodass sie mit ihnen auf dem Arbeitsmarkt kaum in direktem Wettbewerb stehen. Oft sind sie eine Ergänzung zur deren Bemühungen – eine ausländische Tagesmutter mag es einer amerikanischen Krankenschwester ermöglichen, wieder zur Arbeit zu gehen, wo ihre Produktivität wiederum von hart arbeitenden ausländischen Ärzten und Reinigungskräften verstärkt wird.

„Noch keiner Studie ist es gelungen, Beweise dafür vorzulegen, dass Einwanderer eine Bedrohung für amerikanische Beschäftigte darstellen.“

Immer wieder misslingt es Studien, Beweise dafür vorzulegen, dass Einwanderer eine Bedrohung für alteingesessene Beschäftigte darstellen. Der Harvard-Wissenschaftler George Borjas behauptet zwar etwas anderes, aber sein einseitiger Ansatz ist mangelhaft, denn er vernachlässigt die größere Komplementarität zwischen der Arbeit von Einwanderern, der Arbeit von Einheimischen und dem Kapital. Eine Studie des National Bureau of Economic Research von Gianmarco Ottaviano und Giovanni Peri kommt zu dem Ergebnis, dass der Zuzug von ausländischen Beschäftigten zwischen 1990 und 2004 das Durchschnittsgehalt von in den USA geborenen Beschäftigten um zwei Prozent erhöht hat. Neun von zehn amerikanischen Beschäftigten konnten zulegen, nur einer von zehn, nämlich der High-School-Abbrecher, hat mit einem Prozent leicht verloren. Außerdem erhöhen die Neuankömmlinge die Kapitalerträge und bringen Konsumenten Nutzen durch billigere Waren und Dienstleistungen. Insgesamt gewinnt Amerika also. Aus ethischer Perspektive ist es schwer, gegen eine Politik Einspruch zu erheben, die arme Einwanderer und die große Mehrheit der Amerikaner auf Kosten einer kleinen Zahl von Menschen besserstellt, deren Schicksal durch bessere Bildung und Ausbildung verbessert werden könnte.

Aber wären die Dinge anders, wenn die Grenzen offen für jedermann wären? Die Erfahrung Israels ist da aufschlussreich. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat der Massenexodus der russischen Juden die israelische Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter in zwei Jahren um acht Prozent und von 1989 bis 1997 um mehr als 15 Prozent anschwellen lassen – das entspräche 15 Millionen Ausländern, die in den nächsten zwei Jahren und 29 Millionen, die bis 2016 unerwartet in die Vereinigten Staaten einreisen würden. Juden von überall haben automatisch das Recht, sich in Israel niederzulassen, womit das Land dem massenhaften Zustrom von Einwanderern dauerhaft geöffnet ist, unabhängig von den wirtschaftlichen Bedürfnissen und Umständen des Landes selbst.

Der Zustrom russischer Juden in den 1990er-Jahren stellte die wirtschaftliche Funktionsfähigkeit von Israels Politik des „Rechts auf Rückkehr“ auf eine harte Probe. Immerhin sprachen die Neuankömmlinge kein Hebräisch und hatten auch keine Arbeit. Wie ich aber in meinem Buch Immigrants: Your Country Needs Them (Einwanderer: Dein Land braucht sie) detailliert ausgeführt habe, war Israel in der Lage, diesen großen und unerwarteten Zustrom von Einwanderern aufzunehmen, und zwar ohne einen Anstieg der Arbeitslosigkeit und mit einem lediglich vorübergehenden Rückgang der Gehälter. Das Fazit ist klar: Sogar wenn Einwanderung von einer politischen Krise und weniger von einem wirtschaftlichen Bedarf motiviert ist, können flexible entwickelte Ökonomien eine große Zahl von Einwanderern aufnehmen und kosten die einheimischen Beschäftigten kaum etwas.

Innovation und Dynamik

Zu kurz greifende Rechnungen über den Einfluss von Einwanderern auf das einheimische Lohnniveau oder ihrer Beitrag in die öffentlichen Haushalte lassen die enormen Vorteile außer Acht, die mit einer offeneren und dynamischeren Gesellschaft einhergehen würden. Zufälligerweise sind die außergewöhnlichen Menschen, die sich brillante neue Dinge einfallen lassen und neue Unternehmen gründen, oft Migranten. Statt festgetrampelten Pfaden zu folgen, haben sie die Tendenz, die Dinge anders zu sehen, und als Außenseiter sind sie mehr als andere zum Erfolg entschlossen. Ungefähr ein Drittel der Amerikaner, die in den letzten sieben Jahren den Nobelpreis gewonnen haben, wurde im Ausland geboren. Fast die Hälfte der mit Beteiligungskapital finanzierten Start-ups in Amerika haben Gründungsmitglieder mit Migrationshintergrund.

„Ungefähr ein Drittel der Amerikaner, die in den letzten sieben Jahren den Nobelpreis gewonnen haben, wurde im Ausland geboren.“

Die meiste Innovation kommt von Gruppen talentierter Menschen, die sich gegenseitig anfeuern – und Ausländer mit anderen Ideen, Perspektiven und Erfahrungen ergänzen den bestehenden Mix um das besondere Extra. Wenn zehn Leute um einen Tisch herum sitzen und versuchen, die Lösung zu einem Problem zu finden, und sie alle denken gleich, dann sind diese zehn Köpfe nicht besser als einer. Wenn sie alle verschieden denken, dann können sie Probleme besser und schneller lösen, indem sie gegenseitig ihre Ideen reflektieren, wie immer mehr Untersuchungen belegen. Man muss nur nach Silicon Valley schauen: Google, Yahoo und Ebay wurden alle von Einwanderern mitbegründet, die nicht als Absolventen, sondern als Kinder ins Land gekommen waren. Und ein stets wachsender Anteil des Wohlstands einer Gesellschaft entsteht durch Problemlösungen – also die Entwicklung neuer Medikamente, Computerspiele und umweltfreundlicher Technologien, die Gestaltung innovativer Produkte und Programme, die Lieferung kreativer Managementberatung. Da Vielfalt Innovation und Unternehmergeist ankurbelt, die der Ursprung des größten Teils des Wirtschaftswachstums sind, liegen diejenigen Kritiker komplett falsch, die behaupten, Einwanderung hätte wenige oder gar keine wirtschaftlichen Vorteile.

Einwanderung und Wohlfahrt

Der Ökonom Milton Friedman hat einst behauptet, dass freie Einwanderung und ein Wohlfahrtsstaat nicht zusammengehen. Er hat in vielen Dingen Recht gehabt, aber in dem Fall hat er sich geirrt. Zugegebenermaßen, wenn es Menschen aus armen Ländern mit Transferleistungen besser geht, als wenn sie in ihren Heimatländern arbeiten würden, könnten sie dadurch möglicherweise zum Umzug bewegt werden und wenn das genügend arme Leute machen, dann könnten die Fürsorgeleistungen wirtschaftlich und politisch untragbar werden. Aber sogar in solchen Fällen würde es Einwanderern mit Arbeit besser gehen, als wenn sie vom Sozialstaat leben. Einwanderer müssten einerseits risikofreudig genug sein, um zunächst umzuziehen, nur um dann wenn sie ankommen plötzlich den Unternehmensgeist zu verlieren. Das ist höchst unwahrscheinlich – es gibt keinen Beweis dafür und sogar der US-Einwanderungskritiker George Borjas räumt ein, dass die Vereinigten Staaten eigentlich wie ein „Wohlfahrtsmagnet“ für Menschen in armen Ländern wirken.

In Ländern, in denen hohe Arbeitslosigkeit unter Einwanderern beobachtet werden kann, ist der Grund dafür nicht, dass Einwanderer faul sind und nicht arbeiten wollen. Die Schuld liegt allgemein in Arbeitsmarkt-Restriktionen, die Einheimische auf Kosten von Außenseitern privilegieren. Es würde die Arbeitslosigkeit nicht reduzieren, wenn man die Einwanderer rauswirft, sondern viel eher die Arbeitslosigkeit unter Einheimischen erhöhen. Wenn reiche Länder ihre Grenzen öffnen, könnten sie auf jeden Fall gleichzeitig zunächst die Verfügbarkeit von Fürsorgeleistungen beschränken, so wie das amerikanische Sozialleistungs-Reformgesetz von 1996 den Zugang von Einwanderern zu Bundessozialleistungen abgeschnitten hat.

Es ist eine Verdrehung der Tatsachen, wenn der Sozialstaat als Entschuldigung dafür benutzt wird, dass Einwanderer nicht hineingelassen werden. Wenn das Recht, in einem Land zu arbeiten, zu dem Preis zu haben wäre, dass man bei der Ankunft nicht in der Lage ist, Sozialleistungen zu beantragen, würden ihn die meisten Einwanderer ohne weiteres zahlen. Leider wird ihnen diese Option nicht angeboten.

Die Kosten der Einmischung

Viele Menschen sagen, dass sie gegen legale Einwanderer keine Einwände haben, aber das illegale Migranten ein Problem darstellen. Natürlich würde diese Unterscheidung bei offenen Grenzen verschwinden. Ohnedies sind aber illegale Einwanderer nicht das Problem. Sie sind lediglich das Symptom des eigentlichen Problems: und das sind unsinnige Einwanderungsbeschränkungen.

Dass Einwanderer in den Vereinigten Staaten illegal sind, ist weniger ein Zeichen von moralischer Verworfenheit, sondern eher von fehlgeleiteter Einmischung der Regierung in den Arbeitsmarkt: Da Arbeitgeber keine Visa erhalten, um wenig qualifizierte Ausländer zum legalen Arbeiten zu holen, haben Ausländer, die in den USA einen Job annehmen wollen, keine andere Wahl, als stattdessen illegal zu kommen. Das einzige Verbrechen dieser allgemein hart arbeitenden und rührigen Menschen ist es, dass sie arbeiten wollen, um für sich und ihre Kinder ein besseres Leben zu verdienen – der Inbegriff des amerikanischen Traums. Ohne sie würde Amerika zum Stillstand kommen.

„Illegale Einwanderer nicht das Problem. Sie sind lediglich sind das Symptom des eigentlichen Problems: unsinnige Einwanderungsbeschränkungen.“

Regierungen können die Leute sowieso nicht davon abhalten, Grenzen zu überqueren. Trotz aller Bemühungen, Amerika zu einer Festung zu machen, umgehen jedes Jahr eine halbe Million Ausländer die US-Grenzanlagen. Manche kommen heimlich, die meisten bleiben länger als ihre Visa vorsehen und arbeiten dann verbotenerweise. Weit davon entfernt, Einwanderung zu verhindern, treiben restriktive Strategien sie nur in den Untergrund.

Das verursacht immense Kosten: eine humanitäre Krise, in die Höhe schießende Ausgaben für Grenzkontrollen und Bürokratie, eine kriminalisierte Menschenschmuggelindustrie, eine wachsende Schattenwirtschaft, in der Einwanderer schutzlos der Ausbeutung ausgeliefert sind, Arbeitsgesetze gebrochen und Steuern nicht gezahlt werden, der Vertrauensverlust in Politiker, die ihre Versprechen hinsichtlich Einwanderung nicht einhalten, die Aushöhlung von Einstellungen gegenüber Einwanderern, die eher als Gesetzesbrecher wahrgenommen werden denn als hart arbeitende und risikofreudige Menschen, und die falsche Behandlung von Flüchtlingen, indem man Menschen, die zum Arbeiten kommen möchten davon abhalten will Asyl zu beantragen.

All diese Probleme werden im Allgemeinen den Einwanderern angelastet, rühren aber eigentlich von den Einwanderungskontrollen. Es sollte offensichtlich sein, sogar für diejenigen, die Einwanderer als Bedrohung betrachten, dass solche Grenzkontrollen nicht nur kostenreich und grausam sind, sondern auch ineffektiv und kontraproduktiv. Sie schützen nicht nur nicht die Gesellschaft, sondern unterminieren geradezu Recht und Ordnung, so wie die Prohibition Amerika mehr geschadet hat, als es das Trinken jemals vermochte.

Diejenigen, die sagen, dass härteres Durchgreifen Einwanderung stoppen könnte, gehen mit falschen Perspektiven hausieren. Selbst wenn die Vereinigten Staaten für viel Geld eine Mauer entlang der Grenze zu Mexiko bauen, eine Armada postieren, um an ihren Küsten zu patrouillieren, jedes ankommende Land- und Wasserfahrzeug durchsuchen, allen Menschen aus den Entwicklungsländern die Visa verweigern und im Inneren streng kontrollieren, ob sich die Menschen zu Recht in den USA aufhalten – die Einwanderer würden durchkommen: Papiere können gefälscht oder gestohlen werden, Menschen geschmuggelt, Beamte bestochen. Sogar angesichts des Schießbefehls haben Menschen die Berliner Mauer überquert.

Offene Grenzen und freie Menschen

Viele Menschen befürchten, wenn die westlichen Staaten ihre Grenzen öffnen, würden einfach alle aus den armen Ländern dorthin ziehen, so dass die hiesigen Gesellschaften zusammenbrechen würden. Das ist eine tief verwurzelte Angst, so als wenn die Einwanderer die Barbaren vor den Toren wären. Aber sie ist nicht angebracht.

Amerika etwa hat nicht allzu schlecht abgeschnitten, als Millionen von armen europäischen Einwanderern im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert kamen. Auch ist Großbritannien nicht zusammengebrochen, seit es seine Grenzen für Polen und die sieben anderen ehemals kommunistischen Länder geöffnet hat, die 2004 der Europäischen Union beigetreten sind. Wenn man sich überlegt, dass Polen fast so arm ist wie Argentinien, dann ist Europas Teilexperiment mit offenen Grenzen nicht sehr weit von der Vorstellung entfernt, dass die Vereinigten Staaten ihre Arbeitsmärkte für Lateinamerika öffnen.

„Die meisten Menschen wollen überhaupt nicht von zu Hause weg, geschweige denn für immer.“

Als Großbritannien seine Grenzen für Polen und andere Osteuropäer geöffnet hat, war es vorstellbar, dass alle 75 Millionen Einwohner dieser bedeutend ärmeren Länder umziehen, aber tatsächlich hat das lediglich ein Teil von ihnen getan und die meisten haben Großbritannien inzwischen wieder verlassen. Viele sind tatsächlich internationale Pendler, die ihre Zeit zwischen Großbritannien und Polen aufteilen. Natürlich werden manche sich letztlich dort ansiedeln, die meisten aber nicht. Die meisten Menschen wollen überhaupt nicht von zu Hause weg, geschweige denn für immer: Sie wollen eine Weile im Ausland arbeiten, um Englisch zu lernen und genug zu verdienen, um ein Haus zu kaufen oder ein Unternehmen zu gründen, wenn sie wieder zu Hause sind.

Studien zeigen, dass mexikanische Einwanderer ähnliche Pläne haben. Wenn sie frei ein- und ausreisen könnten, dann würden die meisten nur zeitweise umziehen. Perverserweise sorgen die US-Grenzkontrollen dafür, dass viele für immer bleiben, weil die Grenzüberquerung so riskant und kostenintensiv ist, dass jemand, der sie einmal bewältigt hat, zum Bleiben neigt. Ein Mexikaner, der länger bleibt, als sein Visum vorsieht, weiß dass er nie wieder legal in die USA einreisen können wird, wenn er nach Hause zurückkehrt.

Es gibt also viele triftige Gründe für offene Grenzen. Dennoch wird es nicht einfach sein, die Skeptiker zu überzeugen. Daher muss die Debatte auf verschiedenen Ebenen geführt werden. Da ist einerseits die prinzipielle Frage: Offene Grenzen erhöhen die Freiheit und verringern die Ungerechtigkeit. Dann die humanitäre Frage: Offene Grenzen helfen den Menschen in den Entwicklungsländern. Die wirtschaftliche Frage: Offene Grenzen machen die Industrieländer reicher. Und die pragmatische Frage: Einwanderung ist ohnehin unvermeidlich, so dass es im Interesse eines jeden liegt, das Beste daraus zu machen.

Sie mögen Freizügigkeit für alle Menschen für unrealistisch halten. Das sagte man früher aber auch über die Abschaffung der Sklaverei und das Frauenwahlrecht. Für offene Grenzen zu streiten ist das edle Anliegen unserer Zeit.


Dieser Artikel ist zuerst in der Novo-Printausgabe (#117 - I/2014) erschienen. Kaufen Sie ein Einzelheft oder werden Sie Abonnent, um die Herausgabe eines wegweisenden Zeitschriftenprojekts zu sichern.