21.11.2016

Facebook ist kein Wahrheitsministerium

Kommentar von Thilo Spahl

Titelbild

Foto: Discovery Communications via FLickr / CC BY 2.0

Die deutsche Ausgabe der Zeitschrift Wired fordert Facebook auf, unseriöse Nachrichten mit Warnhinweisen zu versehen. Die Aufteilung in richtig und falsch wird aber nicht funktionieren.

Beim Technologiemagazin Wired Germany ist man wie an vielen anderen Orten über den Ausgang der US-Wahl nicht glücklich. Und man hat einen Schuldigen gefunden: „Doch, lieber Mark, Facebook ist für Trumps Wahl mit verantwortlich.“

So lautet die Überschrift eines offenen Briefs an den Facebook-Chef Mark Zuckerberg, in dem die Redakteure ihn auffordern, sich „seiner Verantwortung zu stellen.“ Und diese Verantwortung besteht offenbar darin, die Verbreitung von Unwahrheit zu bekämpfen. Man fragt sich, warum als Adressat für diese herkulische Aufgabe nicht gleich der Liebe Gott gewählt wurde.

Die Dringlichkeit wird mit den bevorstehenden Wahlen in Frankreich und Deutschland begründet. Und die Journalisten wissen auch, wie das Problem zu lösen ist: „Mithilfe von Künstlicher Intelligenz und der Zauberkunst deiner Software-Ingenieure sollte es doch möglich sein, Facebook-Nutzern automatisch zu signalisieren, welche Geschichten glaubwürdig sind und welche nicht, gleich auf den ersten Blick.“

Die Künstliche Intelligenz als unabhängige Glaubwürdigkeitsmessmaschine soll dann zu einer Art Ampelkennzeichnung führen, die uns zeigt, welche Nachrichten seriös sind, und welche unseriös. Das solle natürlich keine Zensur sein. Nur so eine Art Orientierungshilfe. Denn „in einer Welt, die von Inhalten überschwemmt wird, brauchen Menschen Orientierung.“

„Wenn Lie-Buttons eingeführt werden, wird munter als Lüge bezeichnet, was man nicht mag.“

Dass das vielleicht noch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, räumen die Briefschreiber demütig ein: „Das ist jetzt nicht mehr als eine erste Idee von ein paar Reportern aus Berlin.“ (Berlin steht hier für das gelobte Land, in dem der Post Truth-Bewegung noch nicht der Putsch gelungen ist). Um dann wieder im Stil eines Kinderbittgebets final zu appellieren: „Was auch immer du am Ende tust: Bitte tu etwas, und zwar schnell.“

Ähnliche Aufrufe haben Herrn Zuckerberg wohl von vielen anderen erreicht und ihn dazu bewogen, nicht tatenlos zu bleiben. In einer Stellungnahme schreibt er:
„[…] Wir wollen keine Falschmeldungen auf Facebook. Unser Ziel ist es, Menschen die Inhalte zu zeigen, die sie am bedeutsamsten finden, und Menschen wollen korrekte Nachrichten. Wir haben schon damit begonnen, es unserer Gemeinschaft zu ermöglichen, Hoaxes und gefälschte Meldungen zu markieren. Und es gibt noch mehr, was wir tun können.“ Er fährt fort, indem er darauf hinweist, dass es allerdings ziemlich kompliziert sei, die „Wahrheit“ zu identifizieren und dass man aufpassen muss, nicht selbst „Schiedsrichter der Wahrheit“ zu werden.

Da hat der Mann vollkommen Recht. Wenn zu den Like-Buttons noch Lie-Buttons eingeführt werden, führt das vor allem dazu, dass munter als Lüge bezeichnet wird, was man nicht mag. Eine ziemlich nutzlose Einrichtung. Aber immer noch besser als die Künstliche Intelligenz zur Lügenpresseerkennung und -markierung mit angeschlossener politischer Orientierungsmaschine, die den paar technokratischen Reportern aus Berlin eingefallen ist.