25.07.2016

Europas Geschichte zurückerobern

Essay von Frank Furedi

Titelbild

Foto: Aleksandr Zykov via Flickr (CC BY-SA 2.0 / bearbeitet)

Für die EU ist Europas Geschichte eine Schande. Das ist grundfalsch, denn wir können aus der Geschichte eine wertvolle Orientierung für unsere Zeit gewinnen

Von Zeit zu Zeit möchte die EU routinemäßig die politische und kulturelle Distanz zwischen ihr und den europäischen Bürgern verringern. In der dritten Aprilwoche dieses Jahres diskutierte das Europäische Parlament über den Bericht „Über die EU in der Schule lernen“ 1 von Damian Drăghici, einem rumänischen Mitglied des Europaparlaments. Der Bericht ruft die Mitgliedsstaaten dazu auf, das Ideal der EU in den Schulen zu propagieren und die „Wichtigkeit und das Potential eines europäischen Ansatzes im Geschichtsunterricht“ zu betonen. Laut Drăghici lieben die Menschen die EU darum nicht, weil sie ihre wichtige Bedeutung und ihre Funktionsweise nicht verstehen. Er behauptet, dass die Ignoranz der Europäer bezüglich des „konkreten Zusatznutzens“ der EU zu einer „Wahrnehmung eines demokratischen Defizits“ beiträgt und zu einer „weitverbreiteten Euroskepsis in den Mitgliedsländern und Beitrittskandidaten“ führt.

Die Frage, ob die Erklärung einer anwachsenden Euroskepsis durch eine ignorante Öffentlichkeit nicht eine Übersimplifizierung des Problems darstellt, verneinte er: „Nein, das glaube ich nicht. Gemäß einer Studie geben 44 Prozent der Europäer an, die Funktionsweise der EU nur bedingt zu verstehen und viele Europäer haben das Gefühl, ihre Stimme werde in der EU nicht gehört. Wenn ich mich nun in die Lage eines jungen Menschen versetze, so würde ich meine Rechte kennen wollen. Ich würde nicht nur mehr über meine Geschichte, die europäische Geschichte, erfahren wollen, sondern auch darüber, wie ich mich als Bürger für ein besseres Europa und das europäische Projekt engagieren kann - insbesondere heutzutage, in Zeiten, in denen der Euroskeptizismus stark zunimmt.“ 2

Es ist nicht der erste Versuch von EU-Technokraten, mit Hilfe von Propaganda in Schulen der EU Legitimität zu verleihen. Dabei erwies sich die EU allerdings als ausgesprochen unfähig dabei, jungen Menschen einen Sinn für europäische Geschichte mit auf den Weg zu geben.

Welche Geschichte?

Es ist wesentlich einfacher, eine Europäische Union zu schaffen, als Leute dazu zu bringen, sich europäisch zu fühlen. Es wird oft gesagt, dass einer der Hauptgründe dafür, warum die europäische Identität so kraftlos ist, das Anwachsen nationalistischer Stimmungen in Europa sei. Doch trotz wiederkehrender Erfolge nationalistisch-populistischer Parteien wurde die EU nicht von einem Anstieg des Nationalismus überwältigt. Ganz im Gegenteil, viele Gesellschaften in Europa – Belgien, England, Frankreich und die Niederlande, um nur einige zu nennen – wissen selbst nicht so genau, wie sie ihre eigene nationale Identität definieren würden. Wenn es den EU-Bürgern an einer starken Bindung and Europa mangelt, dann sicher nicht, weil sie eine starke nationale Identität vorzuweisen hätten. Dennoch gibt es freilich viele Gründe dafür, warum die europäische Identität so wenig ausgeprägt ist. Einer der zentralen Gründe lautet, dass Europa als Idee, als ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur, den Kindern, die Drăghici versucht zu beeinflussen, wenig bedeutet.

„Als ob Europa erst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren worden wäre“

Man schaue sich nur einmal die pädagogischen Initiativen an, die für Europa werben sollen. Sie neigen zu einem institutionellen und propagandistischen Charakter. Nehmen wir als Beispiel die von einer britischen Stiftung herausgebende Schul-Arbeitshilfe „The EU Explained: A Toolkit for Teachers“ („Wir erklären die EU: Eine Arbeitshilfe für Lehrer“) 3. Diese Arbeitshilfe fokussiert sich gänzlich darauf, den Schülern die institutionelle Struktur der EU zu vermitteln. Die zugrundeliegende Absicht ist die Darstellung der pragmatischen Gründe, die für eine EU-Mitgliedschaft sprechen. Sie bietet keinen Einblick darin, was es bedeutet, ein Europäer zu sein und enthält nur einen winzigen Abschnitt 4, der das geschichtliche Vermächtnis des Kontinents streift: „Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen die Länder Europas in Trümmern und waren entschlossen, eine solche Zerstörung nie wieder zuzulassen. Europa begann darüber nachzudenken, wie sich ein künftiger Konflikt vermeiden lassen könnte.“ Eine Lektüre anderer pädagogischer Angebote über die EU zeigt, das „Wir erklären die EU“ für eine Tendenz steht, Europa außerhalb jeglichen historischen, philosophischen und intellektuellen Zusammenhangs zu diskutieren. Ganz so, als ob Europa erst im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg geboren worden wäre.

Warum es die Kinder nicht interessiert

Erziehung hat viele Dimensionen, man darf sie nicht einfach auf den Akt des Lehrens beziehungsweise des Lernens reduzieren. Vielmehr handelt es sich dabei um einen Prozess, durch den wir eine jüngere Generation in den Lauf der Welt einführen. Durch Erziehung versucht die erwachsene Gesellschaft, die Kinder mit der Welt, wie sie ist, vertraut zu machen und vermittelt ihnen dabei das Wissen, mit dem sie sie verstehen können. Die generationsübergreifende Dynamik ist ein zentraler Bestandteil der Erziehung. Durch Erziehung stellen die Erwachsenen ihre Verantwortung gegenüber der neuen Generation unter Beweis, indem sie junge Menschen an die Welt heranführen, wie sie diese verstehen.

Sowohl für linke als auch rechte Denker ist Erziehung ein Austausch zwischen den Generationen. Antonio Gramsci, der italienische Marxist, schrieb, dass „in Wirklichkeit jede Generation die neue Generation erzieht“ 5. Aus konservativer Warte schließt der englische Philosoph Michael Oakeshott, dass „sich Erziehung in ihrer allgemeinsten Bedeutung als ein spezifischer Austausch verstehen lässt, der sich zwischen den unterschiedlichen Generationen von Menschen abspielen kann, wobei Neuankömmlinge in die bewohnte Welt eingeführt werden.“ 6 Die liberale Philosophin Hannah Arendt betrachtet den „Bereich der Erziehung“ als einen Ort, der durch die „Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern“ beherrscht würde. Sie vertrat die Ansicht, wonach diese Beziehung viel zu wichtig sei, um sie „der Pädagogik, einer Spezialwissenschaft“ zu überlassen. 7

Eine der Aufgaben der Erziehung ist es, die Kinder über die Welt wie sie ist, zu informieren. Obwohl die Gesellschaft ständig den Kräften des Wandels unterworfen ist, muss die Erziehung junge Leute mit dem Vermächtnis der Vergangenheit vertraut machen. „Da die Welt nun einmal alt ist, stets älter als die Kinder, richtet sich das Lernen unweigerlich auf die Vergangenheit, ganz egal, wie sehr sich unser Leben in der Gegenwart abspielt“, bemerkt Arendt. Der Begriff „Aus der Vergangenheit lernen“ verkommt oft zur Plattitüde. Dennoch ist es unmöglich, sich auf die Zukunft einzulassen, ohne auf den Einsichten und dem Wissen aus den menschlichen Erfahrungen vergangener Jahrhunderte aufzubauen. Der Übergang von einer Generation zu einer anderen erfordert Erziehung, um die Lektionen zu vermitteln, die die Menschheit in den vergangenen Zeitaltern gelernt hat. Eine der Hauptaufgaben der Erziehung besteht darin, das Wissen um die Vergangenheit zu bewahren, sodass junge Leute die kulturellen und intellektuellen Ressourcen erhalten, um die Herausforderungen bewältigen zu können, denen sie begegnen.

„EU-Politiker betrachten die Vergangenheit als eine Quelle von Spannungen und Konflikten“

Wie ich bereits an anderer Stelle bemerkte, vermittelt die Erziehung in westlichen Gesellschaften nicht mehr das Vermächtnis der Vergangenheit an die Kinder. 8 Dieses Problem wurde im Kontext der EU sogar noch verschlimmert. Warum? Weil die EU-Projekte, die sich mit der Vergangenheit befassen, etwa das vieldiskutierte Haus der europäischen Geschichte 9 – von Sozialingenieuren gestaltet werden und nicht etwa von Leuten, die sich wirklich für Geschichte interessieren. Sozialtechnik stützt auch den Report Drăghicis, der die „Wichtigkeit und das Potenzial eines europäischen Ansatzes in der Geschichtsvermittlung“ lobt. Würde jemand fragen „Potenzial wozu?“ wäre die Antwort „das Potenzial zur Legitimierung der EU“.

Drăghicis Plan wird seine Absicht verfehlen, aus dem ganz einfachen Grund, weil die EU für eine wirkliche Erkundung der europäischen Vergangenheit nicht offen ist. EU-Politiker betrachten die Vergangenheit als eine Quelle von Spannungen und Konflikten. Für sie ist die zerstrittene Geschichte Europas eher ein Grund, sich zu schämen, als sich von ihr inspirieren zu lassen. Konsequenterweise entschied man sich bei der Umsetzung eines Hauses der Europäischen Geschichte dafür, das Jahr 1946 als Ausgangspunkt der EU-Geschichte zu wählen. Indem sie sich auf 1946 als das europäische Jahr Null einigte, versuchte die politische Elite der EU sich von einer Geschichte zu befreien, die sie weder schätzt noch versteht. Einer politischen Kultur, die so beschämt von der Vergangenheit erscheint, wird es wohl kaum gelingen, ihr kulturelles Vermächtnis einer jüngeren Generation zu vermitteln.

Für das Erziehungsestablishment der EU ist die Geschichte Europas vor 1946 fremdes, um nicht zu sagen feindliches Gebiet. In der Tat enthält die Geschichte Europas einen nicht geringen Anteil deprimierender und schrecklicher Episoden. Und es ist daher vollkommen verständlich, dass viele aufgeklärte Europäer alles in ihrer Kraft Stehende tun möchten, um die regressiven Einflüsse des aggressiven Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit verschwinden zu lassen. Doch ist Europa, ob man will oder nicht, mit seiner Vergangenheit behaftet und kann nicht vorwärtskommen, wenn man sich nicht mit ihr auseinandersetzt.

Es ist ja nicht so, dass die Geschichte Europas nur etwas sei, für das man sich zu schämen hätte. Das antike Griechenland machte die Menschheit mit dem Geist der Philosophie vertraut und es eröffnete uns auch die Welt der Wissenschaft. Vom Judentum und Christentum erhielt Europa moralische Prinzipien, die bis heute als hochgehalten werden. Von den Römern übernahmen wir die Wertschätzung des Gesetzes und der Justiz, die uns Sicherheit und Ordnung bieten.

„Geschichte bietet Europa Erfahrungen, die über Staatsgrenzen hinausreichen und formt somit ein wirkliches transnationales Empfinden“

Die Geschichte Europas ist eine wichtige intellektuelle Ressource zur Revitalisierung unseres Denkens. Die Renaissance und die Aufklärung machten im wahrsten Sinne europäische Geschichte, sie bedienten sich beim Wissen der Antike, um vorherrschende Annahmen und Vorurteile in Frage zu stellen. Die heutigen Europäer werden diesen Bezug zur Vergangenheit brauchen, um ihre Gesellschaften zu erneuern und die intellektuellen Ressourcen zu entwickeln, um sich ihrer Zukunft zu stellen. Die Vergangenheit ist wichtig. Was Europa braucht, sind keine Kommissions-gesponserten Leitbilder über konstruierte Werte, sondern die Wertschätzung des geschichtlichen Vermächtnisses. Paradoxerweise ist das beste Gegenmittel gegen belanglose Rivalitäten zwischen den Nationen eine Dosis historischer Erinnerung. Geschichte bietet Europa Erfahrungen, die über Staatsgrenzen hinausreichen und formt somit ein wirkliches transnationales Empfinden.

Leider ist der Unwillen, über das europäische Jahr Null hinaus in die Vergangenheit zu blicken, im Schulwesen aller Länder Westeuropas verbreitet. Wichtige, aber heikle Fragen über Europa werden umgangen. Unter solchen Umständen mutiert Europa zur EU, und statt einer neuen Generation die Möglichkeit zu geben, sich mit ihrem kulturellen Vermächtnis vertraut zumachen, instruieren Pädagogen die Kinder in den Mechanismen einer Institution.

Der EU-Kult des Neuen

Der „Jahr-Null-Ansatz“ in der Erziehung ist ein Beispiel für die Tendenz, die Vergangenheit als relativ unbedeutend für die Gegenwart und sogar noch unbedeutender für die Zukunft zu halten. Betrachtet man die Dokumente zur Bildungspolitik, so kommt eine einseitige Obsession mit Neuerungen und Wandel zu Vorschein. Der Wandel wird regelmäßig als omnipotente Kraft dargestellt, der naturgegeben die vorherrschenden Formen des Wissens und dessen Vermittlung als hinfällig erscheinen lässt. Unter solchen Umständen wird behauptet, dass die Erziehung keine andere Wahl habe, als sich ständig zu transformieren und damit mit dem Lauf der Zeit Schritt zu halten. Aus dieser Perspektive kann sich Bildungspolitik nur dann rechtfertigen, wenn sie bereit zu Wandel und Anpassung ist. Im Wandel der Zeit wäre eine solche Bildungspolitik unbeständig, ihr Status wäre demnach kurzfristig und provisorisch. Der EU-Report „Bessere Kompetenzen für das 21. Jahrhundert: eine Agenda für die europäische Zusammenarbeit im Schulwesen“10 kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Welt extrem schnell ändere. Daher werden die jungen Leute „Berufe ausüben, die es jetzt noch nicht gibt“. Er warnt ferner: „Die Technologie wird die Welt weiterhin auf für uns unvorstellbare Weise verändern.“

Beständiger Wandel gilt nicht einfach nur als Tatsache des Lebens, mit der Pädagogen zu leben haben, er wird auch als etwas präsentiert, dass einen entscheidenden Einfluss auf den Lehrplan hat. Diese Darstellung des Wandels lässt die gesamte Vergangenheit als irrelevant erscheinen. Wenn wir uns tatsächlich kontinuierlich von einem „neuen Zeitalter“ zum nächsten bewegen, dann haben die Institutionen und Praktiken der Vergangenheit nur wenig Bedeutung für das Heute. Die Neuausrichtung der Erziehung auf das Neue, Innovationen und Anpassungsfähigkeit verleiht ihr einen unbeständigen und kurzfristigen Charakter.

Das EU-Bildungsestablishment beteuert oft, es ginge in den Schulen nicht darum, Kindern und Jugendlichen Lehrinhalte für das Erwachsenenleben zu vermitteln. Die Verteidiger der Autorität des Neuen sind der Auffassung, Schule solle vor allem Wert auf Flexibilität und Anpassungsfähigkeit legen, weil das Wissen schnell obsolet wird.

„Renaissance und Aufklärung bleiben relevant für Schüler“

Ein Bildungspolitikdokument stellt fest: „Herausforderungen wie beispielsweise der Klimawandel werden eine radikale Umstellung verlangen“. 11 Des Weiteren sollten Schulen sich darauf fokussieren, den Schülern zu mehr Flexibilität zu verhelfen, anstatt ihnen bald veraltetes Wissen aufzubürden. Denn „In dieser immer komplexeren Welt werden Kreativität und die Fähigkeit, weiterzulernen und Innovationen vorzunehmen, ebenso viel zählen wie – wenn nicht sogar mehr als – bestimmte Wissensgebiete, die unter Umständen veralten.“

Dokumente zur europäischen Bildungspolitik stellen den Wandel auf eine dramatische und mechanistische Weise dar und übertreiben die Neuartigkeit des Augenblicks. Die Pädagogen gebrauchen dabei regelmäßig eine Rhetorik der Brüche und unsteten Übergänge, wobei sie aussagen, dass nichts sei, wie es vorher war und sich die Gegenwart von der Vergangenheit abgekoppelt habe. Ihre Weltsicht ist von einer Vorstellung geprägt, die sich so sehr auf die Verdrängung des Alten durch das Neue fixiert, dass sie oft die wichtigen Dimensionen der historischen Erfahrung, die für unser heutiges Leben immer noch relevant sind, übersieht.

Die Diskussion über die Beziehung zwischen Erziehung und Wandel wird oft vom Kult um das Neue und den recht oberflächlichen Symptomen neuer Entwicklungen überschattet. Dabei lenkt man von der Tatsache ab, dass sich die grundlegenden Bildungsbedürfnisse von Schülern nicht jedes Mal verändern, wenn eine neue Technologie unser Leben beeinflusst. Und ganz bestimmt bleiben die Fragen, die die griechische Philosophie, die Lyrik der Renaissance, die Wissenschaft der Aufklärung oder die Romane Balzacs aufwarfen, weiterhin relevant für die Schüler im Hier und Jetzt und nicht nur für diejenigen vor Anbruch des digitalen Zeitalters.

Wenn es so wäre, dass das, was wir heute Wissen nennen, bald veraltet sein wird, wie man uns immer einredet, dann wäre es schwierig, irgendein Wissen über die Vergangenheit ernst zu nehmen. Unter solchen Umständen hätte das Vermächtnis von 3000 Jahren europäischer Kultur wohl kaum einen Platz auf einem Lehrplan, der sich dem Neuen verschrieben hat. Wenn nur noch Wissen zählt, das den Einzelnen dazu befähigt, sich einer unbestimmten Zukunft anzupassen, dann wird das Vermächtnis Europas entwertet und dient letztlich nur noch dazu, Material für eine Nostalgieindustrie und für Museen zu liefern.

Wie sollte es nun weitergehen?

Seit einer gewissen Zeit fällt es vielen westlichen Gesellschaften schwer, einen Konsens über ihre Vergangenheit und ihre Grundwerte zu bilden. Traditionelle Symbole und Konventionen haben viel von ihrer Kraft zu begeistern und zu inspirieren verloren, in manchen Fällen sind sie sogar unwiderruflich zerstört. Man erkennt das besonders deutlich an der ständigen Kontroverse über den Geschichtsunterricht. Wenn die herrschende Generation der Meinung ist, dass die Geschichten und Ideale, mit denen sie aufgewachsen sind, ihre Relevanz in einer sich wandelnden Welt verloren haben, dann fällt es ihr sehr schwer, eben diese Geschichten und Ideale überzeugend an ihre Kinder zu übermitteln. In den erbitterten Auseinandersetzungen über historische Momente der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit spiegeln sich eigentlich widerstreitende Ansprüche und Identitäten wider.

Wie man unter diesen Umständen eine generationenübergreifende Diskussion führen möchte, ist eine Frage, die die Gesellschaft nicht zu stellen wagt, geschweige denn zu beantworten versucht. Dennoch erkennen die politischen Entscheidungsträger und Pädagogen intuitiv, dass man diese Frage angehen muss, irgendwie zumindest, und sie sind immer wieder gezwungen, auf den Bedarf an Werten und Traditionen, die man den Kindern vermitteln kann, zu reagieren. Doch die Versorgung mit „relevanten“ Werten nach Bedarf funktioniert kaum – denn anders als die Konventionen, die organisch mit der Vergangenheit verbunden waren, sind diese Werte tendenziell zwar gut gemeinte, aber künstliche Konstrukte, die man leicht hinterfragen kann. Anders als Bräuche und Konventionen, die als sakrosankt gelten, erfordern diese konstruierten Werte wiederholt eine Rechtfertigung. Das ist einer der Gründe, warum von der EU vermittelte Werte und Leitbilder kaum je junge Leute inspirieren oder motivieren.

Will man die Geschichtsthematik wieder nach Europa zurückzubringen, ist es an den Schulen, die intellektuelle Entwicklung der Kinder ernster zu nehmen. Dabei ist es wichtig, die Konzeptualisierung der Rolle Europas in den Lehrplänen nicht als eine abgegrenzte Problematik zu betrachten, die nichts mit der Frage zu tun hat, wie Kinder etwas über ihr eigenes nationales kulturelles Vermächtnis lernen sollten. Sobald über Europa quasi als Zugabe gelehrt wird, wie in „Wir erklären die EU“, dann hört Europa auf, eine organische Beziehung zum Leben der Kinder zu haben. Europa ist nicht von der Kultur und dem Gesellschaftsleben seiner Bürger getrennt. Was Menschen zu Europäern macht, ist die Fähigkeit, ihre gemeinsamen Erfahrungen in einem gegenseitig verständlichen Narrativ zu interpretieren.

„Es war in Europa, wo sich die Idee der Toleranz durchgesetzt hat“

Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Möglichkeiten, wie man das Ideal Europas konzeptionalisieren kann. Stets aufs Neue entdecken die Europäer die Idee der Freiheit als fundamentales Prinzip wieder, das ihre Lebensweise auszeichnet. Es war in Europa, wo sich die Idee der Toleranz durchgesetzt hat und wo die individuelle Glaubens- und Gewissensfreiheit die Fähigkeit der Gesellschaft, sich neuen Ideen und Erfahrungen zu öffnen, vergrößerte. Die Kultivierung einer abgegrenzten Sphäre des individuellen Glaubens und des Gewissens begründet die Trennung zwischen öffentlichem Leben und Privatleben. Das Entstehen dieser beiden Sphären und der Wert, den wir dem Privatleben zumessen, entsprechen der Anerkennung und dem Respekt, die wir dem Individuum zugestehen. Eine der bedeutendsten Hinterlassenschaften der Europäischen Aufklärung ist das Ideal der individuellen moralischen Autonomie und die damit verbundene Anerkennung individueller Entscheidungsfreiheit. Die heutige Würdigung der Selbstverwirklichung und der Selbstentfaltung wäre ohne den Einfluss des aus dem 16. Jahrhundert stammenden Ideals des individuellen Gewissens undenkbar.

Der kombinierte Beitrag der Antike (griechisch und römisch), christlicher Philosophie, der Renaissance und der Aufklärung schuf die Grundlage für eine Offenheit gegenüber Experimenten, die wiederum die wachsende Bedeutung von Vernunft und Wissenschaft begründete. Von daher hat die europäische Kultur Ideen schon immer sehr ernst genommen. Typischerweise überwanden religiöse, philosophische und wissenschaftliche Bewegungen kulturelle und nationale Grenzen und sind schon immer Ausdruck einer wirklich europäischen Sichtweise gewesen. Die Erfahrungen der Renaissance und der Aufklärung sind Belege für die Tatsache, dass wichtige Ausdrucksformen der Kultur und der Wissenschaft von Anbeginn wahrhaft europäische Ereignisse waren. Ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen waren die Bürger unterschiedlicher Kulturen in der Lage, gemeinsam an einem Vermächtnis zu arbeiten, das die Grenzen ihrer Gemeinschaften überwunden hat. Die Geschichte versorgt Europa mit Erfahrungen, die sowohl Staatsgrenzen überwinden als auch ein wirklich grenzübergreifendes Empfinden erschaffen.

Es ist dieses Empfinden, das wir in unseren Kindern kultivieren müssen. Um das zu erreichen, müssen wir uns mehr auf die Klassiker besinnen – was das Erlernen des Lateinischen und Altgriechischen miteinschließt – nicht etwa, weil es sich hierbei um einen elitären Hang zu einer irrelevanten Obsession handelt, sondern weil viele Fragen, die in der Vergangenheit gestellt wurden, uns bis heute verfolgen. Gerade weil das Vermächtnis und die Erfahrungen der Geschichte so wichtig sind, sollten diejenigen, die sich ihnen ernsthaft verschrieben haben, bei der Erziehung der Jugend eine führende Rolle einnehmen. Wenn wir die Geschichte zurück nach Europa bringen möchten, müssen wir uns dafür womöglich von der EU verabschieden.