05.07.2017

Ehe muss man haben dürfen

Kommentar von Thilo Spahl

Titelbild

Foto: mathiaswasik via Flickr / CC BY-SA 2.0

Die Ehe für Alle ist kein Antidiskriminierungserfolg, sondern ein Sieg des Konsumismus.

Homosexuelle haben in der Vergangenheit einen berechtigten, harten und häufig mutigen Kampf um Anerkennung geführt. Das Institut der eingetragenen Lebenspartnerschaft (samt Ehegattensplitting) – im Volksmund Homo-Ehe – ist eine wichtige Errungenschaft, mit der materielle Benachteiligung beendet wurde. Die letzte Etappe, deren Ziel mit der Parlamentsabstimmung am 30. Juni 2017 erreicht wurde, stand jedoch nicht mehr im Zeichen von Antidiskriminierung. Sie war vielmehr Ausdruck des Bedeutungswandels der Ehe.

Die letzte Etappe war auch kein Feldzug der Gay Community, sondern einzelner Aktivisten und vor allem von Teilen der politischen Klasse, denen es nicht um Rechte für sich oder andere ging, sondern um den finalen Triumph beim beliebten politischen Spiel des ungefragten Minderheitenschützens. Ein Erfolg, der ausgekostet werden kann, wenn der Gegner am Boden liegt. Wenn viel Jubel kommt von jenen, die immer brav klatschen, sobald jemand laut „Applaus Applaus“ ruft. Wenn ein paar Vorzeigereaktionäre zetern oder ihnen die Gesichtszüge entgleisen. Und wenn die Medien eine „historische Entscheidung“ vermelden.

Ehe in der Konsumgesellschaft

Die „historische Funktion“ der Ehe für Alle ist es, in der fortgeschrittenen Konsumgesellschaft für Gleichheit zu sorgen. Nicht Gleichheit der Menschen, sondern Gleichheit der Konsumenten. Die traditionelle Ehe ist in einer Zeit, in der die freie Wahl von Lebensformen und -stilen und Identitäten dominierendes Ideologem geworden ist, ein Fremdkörper. Sie ist eine Lebensform, die nicht allen offensteht, die nicht käuflich ist. Mit dieser prinzipiellen Exklusivität verweigert sich die traditionelle Ehe dem Warencharakter. In der Konsumgesellschaft ist jedoch etwas, das man haben will, aber nicht haben kann, ein Sakrileg, das nicht geduldet werden kann.

„Die Ehe ist immer weniger der Ort, an dem man sich ein gemeinsames Leben aufbaut, und immer mehr Ort gemeinsamen Konsums geworden.“

Der Bedeutungswandel von Ehe und Familie ist noch in einer zweiten Weise im Kontext des Übergangs von der Produzenten- zur Konsumgesellschaft zu sehen. Die Ehe als Keimzelle der Familie ist die Institution, in der Kinder zur Welt kommen und großgezogen werden. Sie ist somit primär Ort der Re-Produktion (oder Er-Zeugung) und nicht der Konsumtion. Mit zunehmender Kinderlosigkeit und Verkürzung der durchschnittlichen Dauer hat sich die Ehe schon deutlich in die Konsumgesellschaft eingepasst. Sie ist immer weniger der Ort, an dem man sich ein gemeinsames Leben aufbaut, und immer mehr Ort gemeinsamen Konsums geworden. In der Ehe erwirbt man gemeinsam Hochzeitsfeiern, Eigenheim, Familienauto, Reisen. Die Gemeinsamkeiten, die bei der Wahl des Ehepartners eine wichtige Rolle spielen, sind oft Konsumgewohnheiten. Das einzige, was in dieser ehelichen Konsumgemeinschaft nicht gemeinsam verbraucht, sondern eben gezeugt, zur Welt gebracht, erzogen, gebildet, in der Persönlichkeit geformt wurde, waren Kinder, als Relikte der Produzentengesellschaft.

Den Ball reinmachen

Ging es all jenen, die die Ehe für Alle zur Koalitionsbedingung gemacht haben, darum, letzte Reste der Ehe als Stachel im Fleisch des Konsumismus zu entfernen? Die meisten sehen es wohl anders, einfacher, als „Sieg der Liebe“ oder dergleichen. Im parteipolitischen Kontext ging es darum, eine Chance zu ergreifen, ohne sich Gedanken um Kollateralschäden zu machen. Mit perfekter Deutlichkeit brachte SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann auf den Punkt, was geschah: „Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt. Und der Torwart ist nicht mal drin. Da muss man ihn reinmachen.“

Aber auch die Kanzlerin, die ihn auf den Punkt gelegt hat, hatte ja nur eine Chance ergriffen. Sie mag es hinterher bereut haben, doch als sie in der Brigitte-Talkrunde die Frage eines jungen Manns, der sich als „großer Fan“ von ihr vorstellte, beantwortete, wollte auch sie nur punkten. Statt eine klare politische Position zu beziehen, zog sie es wie so oft vor, sich als nachdenklicher und für alles offener Mensch zu präsentieren. Sie sprach von jener lesbischen Frau, die ihr erzählte, dass sie mit ihrer Partnerin acht Pflegekinder hat. Das sei für sie ein „einschneidendes Erlebnis“ gewesen.

Die Kanzlerin entzog der Frage zudem den politischen Charakter, indem sie sie zur individuellen Gewissensentscheidung erklärte, was dann auch zur Parlamentsentscheidung ohne Fraktionszwang führte. Merkel selbst begnügte sich damit, die Abstimmung ermöglicht zu haben. Sie konnte es sich daher erlauben, gegen das Gesetz zu stimmen und damit für konservative Wähler gerade noch mal so wählbar zu bleiben. Eine inhaltlich argumentative Begründung vermied sie. Da hätte sie sich womöglich angreifbar gemacht.

„Das, was viele als Kampf um Gleichberechtigung interpretieren, ist nur ein Statusgerangel.“

Man muss ja nicht

Was kommt nun? Die Standesämter werden den Ansturm überstehen. Und auch mit einer Welle von Adoptionsanträgen ist nicht zu rechnen. Ein schwuler Freund kommentierte: „Solange man nicht heiraten MUSS, ist die Ehe für Alle doch ganz ok, oder?“ Ein paar Promis müssen natürlich ran: unsere Umweltministerin, die allerdings mit ihren 67 Jahren sicher kein geeignetes Beispiel für das dringende Bedürfnis sein kann, eine Familie gründen zu dürfen, oder die beiden gestandenen Pflegemütter, die die Kanzlerin so berührt haben. Auch auf dem Fragesteller und neuen Nationalhelden Ulli Köppe lastet ein gewisser Druck. Doch wer nicht aus Vorzeigegründen genötigt ist, kann den Siegespokal des historischen Kampfs an sich vorbeiziehen lassen.

Manche erinnern sich ja vielleicht auch noch an vergangene Zeiten, als Homosexualität sich regelmäßig mit dem Stolz verband, sich außerhalb von traditionellen Rollenmustern und Lebensweisen zu bewegen. Auch heute legen sicher längst nicht alle übermäßigen Wert auf die fürsorgliche Bevormundung und den Verehelichungsdruck ihrer selbsternannten Vorkämpfer. Gibt es wirklich so viele, die staatlich anerkannte LGBTQIerende sein und die die eigenen Formen des Zusammenlebens gegen die staatlich beantragte Standardehe tauschen wollen? Geht nicht vielleicht sogar den meisten diese Verhätschelung und Eingemeindung langsam auf die Nerven, weil sie ihre sexuelle Ausrichtung als Privatsache betrachten und nicht „unter den besonderen Schutze der staatlichen Ordnung“ gestellt werden wollen? Und was ist mit denen, die den ideologischen Ballast der Ehe nicht wollen? Ihnen wird jetzt die Option der rechtlichen Gleichstellung mittels eingetragener Partnerschaft genommen.

Der Hype um die Ehe für Alle zeigt vor allem eins: dass die Institution der Ehe an Bedeutung verloren hat. Die Ehe hat an Kraft verloren. Sie ist weniger eine Lebensform als ein beim Staat zu beantragender Status. Das mag man beklagen oder gutheißen. Es heißt aber, dass das, was viele als Kampf um Gleichberechtigung interpretieren, nur ein Statusgerangel ist.
Dennoch wird der „Kampf“ natürlich weitergehen. Mein Tipp: Als nächstes kommt die Quote für Homoeheleute in der Werbung für Familienautos.