28.04.2013

Durchregulierte Spielplätze

Kommentar von Christoph Lövenich

Das Rauchen in der Öffentlichkeit wird zunehmend eingeschränkt. Ab dem 1. Mai gehören in NRW absurderweise auch Spielplätze zum schützenswerten Raum. Dieser prohibitionistische Zeitgeist, führt im Endeffekt nur zur kompletten Bevormundung der Eltern.

Die am 1. Mai im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen in Kraft tretende Rauchverbotsverschärfung beinhaltet, neben rund einem Dutzend anderer Einschränkungen, auch ein landesweites Rauchverbot auf allen ausgewiesenen Spielplätzen. [1] Zur Begründung führte die rot-grüne Landesregierung den – heute bei nahezu jeder Regulierung mantrahaft gemurmelten – „Schutz von Kindern und Jugendlichen“ an. [2] Was hat es damit auf sich? Das Landesgesundheitsministerium in Düsseldorf musste freilich einräumen, dass unter freiem Himmel der Umgebungsrauch (als angebliche Gesundheitsgefahr ohnehin eine Chimäre) [3] keine große Rolle spielt. „Dennoch sollte im Sinne des Gesundheitsschutzes und der Vorbildfunktion auf Spielplätzen in Anwesenheit von Kindern nicht geraucht werden.“ [4] Daher also weht der Wind. Der Anblick von Rauchenden möge den unschuldigen Kindlein tunlichst erspart bleiben. Nach dem Motto: Wenn zwei Schwule sich küssen, hält man dem Kleinen die Augen schön zu, so wird er bestimmt heterosexuell. Es soll schon Eltern geben, die sich auf dem Spielplatz vor ihren Kindern im Gebüsch verstecken, [5] um eine zu rauchen.

Offenbar sollen Raucher also aus der Alltagserfahrung junger Menschen möglichst verschwinden. Unter dem Begriff „Entnormalisierung“ des Tabakkonsums ist dies schon lange ein wichtiger Aspekt der weltweiten Tabakbekämpfung (engl. Tobacco Control). Staatlichen Verboten kommt dabei eine entscheidende, auch erzieherische, Rolle zu. Das „WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle“ – die steuergeldfinanzierte, wesentliche Lobbyeinrichtung gegen das Rauchen in Deutschland – hat schon vor Jahren publizistisch [6] die Spielplatzregulierung angeregt und an ihrem Sitz in Heidelberg wurde auch das erste kommunale Verbot dieser Art hierzulande beschlossen. Dabei wird gerne eine weitere Gefahr heraufbeschworen: Gesundheitsrisiken durch verschluckte Zigarettenkippen. Tatsächlich sterben daran keine Kinder, selbst die Konsultierung von Ärzten ist in der Regel nicht erforderlich, da der menschliche Körper einen solchen Unfall recht unproblematisch verarbeitet und zur Ausscheidung bringt. [7] Die allerwenigsten Fälle des Verschluckens betreffen dabei übrigens Kinderspielplätze.

„Die Stigmatisierung von Rauchern führt zu mehr Regulierung des öffentlichen Raumes, deren Opfer auch Menschen mit hohem Körpergewicht oder schlechten Deutschkenntnissen werden könnten.“

Das Verschlucken von Gegenständen, und das betrifft auf der Spielfläche überwiegend andere Substanzen als Rückstände von Tabakwaren, lässt sich wohl am besten durch Erziehungsberechtigte selbst vermeiden, die ein wachsames Auge auf ihren spielenden Nachwuchs werfen. Wenn diese sich allerdings zum Rauchen außerhalb des Spielgeländes begeben müssen, treten Probleme bei der Aufsicht auf. Auch dem geselligen Austausch unter – vor allem – Müttern sind derlei Vorschriften ebenfalls nicht zuträglich. Wenn rauchende Eltern selbst beim Spielen mit ihren Kindern so gegängelt werden, könnten sie die Häufigkeit und Länge der Spielplatzbesuche vermindern, wie ein FDP-Kommunalpolitiker aus Bonn anmerkt, der im vorvergangenen Jahr als einziger im dortigen Stadtrat gewagt hat, gegen das örtliche Verbot zu votieren. „Der Effekt wäre eine Ausweitung der Diskriminierung rauchender Eltern auf ihre Kinder.“ [8] Der Ratsherr empörte sich über diese Stigmatisierung von Rauchern und sah darin einen Dammbruch hin zu mehr Regulierung des öffentlichen Raumes, deren Opfer auch Menschen mit hohem Körpergewicht oder schlechten Deutschkenntnissen werden könnten. Ferner untergrabe ein schlecht kontrollierbares Verbot das Rechtsempfinden. In Bonn (und wohl nicht nur dort) wurde übrigens – allem Lamentieren über Verschuldungsnöte zum Trotz – das Ordnungsamt personell aufgestockt, [9] um dem grassierenden Bevormundungswahn mit Rauch-, Trink- und weiteren Verboten nachkommen zu können.

„Ein obrigkeitliches Rauchverbot auf Kinderspielplätzen entbehrt jeder seriösen Grundlage.“

Während in NRW durch ein landesweites Einheitsverbot die Unterschiedlichkeit der in kommunaler Selbstverwaltung ergangenen örtlichen (Nicht-)Regelungen bei Spielplätzen zunichte gemacht wird, entscheiden in Berlin die Stadtbezirke. Neukölln installiert kein Verbot, und damit zeigt laut taz der bekannte „Bürgermeister Heinz Buschkowsky […] einmal mehr, warum er im Karottenkuchenmilieu so verhasst ist“. [10] Die Milieufrage spielt hierbei in der Tat eine Rolle. „Wenn man auf Spielplätzen in Mitte und Prenzlauer Berg ist“, [11] berichtet eine Berliner Mutter, „wird man schräg angeguckt, wenn man in der Nähe der Kinder raucht.“ In gewissen Kreisen zählt es längst zum guten Ton, nicht, nur heimlich, oder jedenfalls mit schlechtem Gewissen zu rauchen, und sich der herrschenden Gängelung freudig zu unterwerfen. Dies dient auch der kulturellen Distinktion gegenüber einer wie auch immer gearteten „Unterschicht“, von der man naserümpfend unter anderem zu erzählen weiß, dass sie anders is(s)t, vielleicht Piercings mitten im Gesicht trägt und auf jeden Fall raucht, frecherweise sogar in Gegenwart von Kindern (welche dadurch übrigens bei nüchterner Betrachtung der wissenschaftlichen Faktenlage nicht gefährdet werden). [12] „Eltern müssen Vorbild sein. Und zwar auch für die Kinder anderer, nicht rauchender Eltern”, [13] äußerte ein Kölner FDP-Kommunalpolitiker, offensichtlich weniger liberal als sein oben genannter Bonner Kollege, zur Begründung eines Spielplatz-Rauchverbots. Sonst würden die armen Kinder der braven Neospießer noch durch die Gewohnheiten von hemmungslos genusssüchtigen Hartz-IV-Müttern verdorben, meinte er wohl.

Elternschaft wird heute zunehmend mit allen möglichen Erwartungen überladen, und auch das kritiklose Hinnehmen eines prohibitionistischen Zeitgeistes mit seinen Konsumvorschriften gehört dazu. Da nimmt es nicht Wunder, wenn nicht einmal immer neue Transferleistungen den Geburtenrückgang aufzuhalten vermögen. Die Eltern einfach Eltern sein zu lassen und ihre elterliche Verantwortung zu respektieren, wäre der allemal bessere Weg gegenüber dem krampfhaften Bemühen, ihnen bis ins Kleinste Vorschriften machen zu wollen. [14]

Ein obrigkeitliches Rauchverbot auf Kinderspielplätzen entbehrt jeder seriösen Grundlage und bedeutet eine weitere Grenzüberschreitung zu mehr Raucherdiskriminierung und mehr Reglementierung des öffentlichen Raumes. Gesetzliche Rauchverbote in der Außengastronomie und in bestimmten Abständen von Gebäuden bedeuten da nur einen der nächsten logischen Schritte.