08.06.2012

Die verlorenen Mädchen von Gorleben

Kurzkommentar von Walter Krämer

Eine Studie will einen Zusammenhang zwischen der Strahlungsbelastung durch das dortige atomare Zwischenlager und der niedrigen Geburtenrate von Mädchen um Gorleben festgestellt haben. Solche Behauptungen sind nicht viel mehr als Kaffeesatzleserei.

Anfang Mai haben die „verlorenen Mädchen“ von Gorleben im deutschen Medienmeer für gehörige Wellen gesorgt; um Gorleben sei das Jungen-Mädchen-Verhältnis mit 109 zu 100 deutlich überhöht. Zahlreiche ansonsten lebensfähige Mädchen, so eine Arbeitsgruppe um den Münchner Epidemiologen Hagen Scherb, erblickten wegen der von dem Zwischenlager ausgehenden Strahlenbelastung nicht das Licht der Welt.

Diese Behauptung ist wissenschaftlich völlig unhaltbar und verdiente angesichts der notorischen Datenmanipulationskünste der Münchener Arbeitsgruppe auch keinen weiteren Kommentar. Jedoch wurde sie wie manche weitere krude Anti-Atom-Behauptungen von grünen Gläubigen in den Medien republikweit ohne Prüfung nachgebetet. Sehen wir uns also die Zahlen einmal nüchtern und genauer an. Demnach kommen auf 100 geborene Mädchen weltweit zwischen 102 und 109 Jungen (von gewissen ostasiatischen Ländern abgesehen, wo Mädchen systematisch abgetrieben werden und der Jungenanteil nochmals höher ist – in China etwa 112 Jungen auf 100 Mädchen). In den meisten Ländern schwankt diese Zahl über die Jahre zwischen 104 und 107. Am höchsten war sie in Deutschland nach dem Krieg (alte Bundesländer) im Jahr 1950 mit 107,4, am niedrigsten im Jahr 1985 mit 104,9. Und auch im gegenwärtigen Querschnitt ist der Jungenanteil nicht für alle sozialen Schichten und Regionen gleich. So steigt er etwa leicht mit dem Einkommen der Eltern oder dem Körpergewicht der Mutter. Dagegen nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Jungengeburt mit dem Alter der Mutter, der Zahl der Geschwister oder einer Umweltbelastung durch Pestizide ab. Daneben gibt es zahlreiche weitere Theorien, die mit den geringfügigen Schwankungen der Jungenquote gut vereinbar sind. In den Ländern Europas etwa korreliert der Jungenanteil positiv mit der Nähe zum Mittelmeer. In den meisten Fällen dürfte eine Variation der Jungenquote aber ein Produkt des Zufalls sein.

Das gilt umso mehr bei regional begrenzten und daher kleineren Gesamt-Geburtenzahlen, hier tobt sich der Zufall ganz besonders aus. So schwankte etwa die Anzahl der Mädchen pro 100 Jungen in einem 40-km-Umkreis um Gorleben in den Jahren von 1970 bis 2010 zwischen 81 und 119 wild hin und her; das Maximum von 119 Jungen auf 100 Mädchen wurde zehn Jahre vor dem ersten Castortransport nach Gorleben erreicht. Aber auch Jahre mit mehr Mädchen- als Jungengeburten kamen vor. Und auch nach Beginn der Castortransporte gab und gibt es in vielen Gemeinden um Gorleben (Lanz, Cumlosen, Karstädt, Gartow, Luckau, Neu-Kaliß usw.) mehr Mädchen als Jungen. In dieses Chaos ein Muster hineinzulegen, ist eine der leichtesten Übungen der Welt, so liest man seit alters her im Kaffeesatz.

Allen systematischen Erklärungsversuchen für die beobachteten Variationen im Jungen-Mädchen-Verhältnis ist gemein, dass sie sich durch die vorliegenden Daten nie beweisen lassen. Bestenfalls lässt sich die These, dass einer der vielen hypothetischen Erklärungsfaktoren tatsächlich vorliegt, nicht widerlegen. Aber um sich mit solchen Feinheiten der popperschen Wissenschaftstheorie auseinanderzusetzen, fehlt der scherbschen Arbeitsgruppe wohl die Zeit. Die Theorie der Strahlenbelastung als Ursache jedenfalls erscheint besonders unplausibel, da die Strahlenbelastung aus natürlichen oder medizinischen Quellen diejenige aus Atomanlagen bei weitem übersteigt.

Damit fügt sich auch diese Studie nahtlos in eine unrühmliche Reihe pseudowissenschaftlicher Attacken gegen die friedliche Nutzung der Atomkraft ein. Im Herbst 2009 hatte eine von der Bundestagsfraktion der Grünen in Auftrag gegebene Studie „bewiesen“, dass Kernkraftwerke Kinder-Leukämie erzeugen. Nun ist seit langem bekannt und unumstritten, dass Leukämie bei Kindern reicher Eltern häufiger vorkommt als bei Kindern armer Eltern. Weitere bekannte leukämiefördernde Faktoren sind die Ethnie (in den USA gibt es fast doppelt so viel Leukämie bei Latinos als bei Farbigen) oder die demographische Durchmischung: In Gegenden mit hoher Bevölkerungsfluktuation ist die Leukämieanfälligkeit für Kinder höher. Alle diese bekannten Faktoren sind bei einem der rund 80 in der Studie betrachteten weltweiten Kraftwerkstandorte ganz besonders ausgeprägt. Lässt man aber dieses Kraftwerk weg, so gibt es in der Umgebung von Kernkraftwerken auf einmal weniger Leukämie als anderswo! Werden wir jemals eine Tagesschau erleben, in der der Sprecher beglückt die Nachricht vorliest: „Entwarnung: Kernkraft schützt vor Leukämie“?


„Die Verlorenen Mädchen von Gorleben“ ist die „Unstatistik des Monats“ Mai. Die Aktion wurde von dem Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, dem Bochumer Ökonomen Thomas Bauer und dem Dortmunder Statistiker Walter Krämer im Jahr 2012 ins Leben gerufen. Die Initiatoren werden jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen hinterfragen. Die Aktion will so dazu beitragen, dass mit Daten und Fakten vernünftig umgegangen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu interpretiert und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoller beschrieben wird.