13.01.2017

Die Sprachdiktatur der Nichtbetroffenen

Analyse von Ilka Bühner

Titelbild

Foto: Pug50 via Flickr / CC BY 2.0

Die Ablehnung von Begriffen wie „Nafri“ ist ein Kampf gegen die Realität. Der magische Glaube, man könnte etwas Böses durch Worte wegzaubern, treibt die Sprachpolizei an.

„Nafri“ ist ein Begriff, der einen gelungenen Polizeieinsatz des Silvesterabends am Kölner Hauptbahnhof bei manchen Kritikern in Ungnade fallen ließ.1 Wörter sind wie Honig. Entlässt man sie einmal aus ihrem Glas und streicht sie auf das Leben, sammelt sich im Laufe der Zeit auch allerlei Unrat an ihnen an. Durch den Gebrauch und den Umgang mit einem Wort bleiben am linguistischen Honig vor allem die negativen und anstößigen Bedeutungen hängen. Das Wort ist nicht mehr ausschließlich nüchterne Beschreibung, sondern kann gleichzeitig eine Bewertung vermitteln, die den Bezeichneten in ein falsches Licht rückt.

Direkt abwertende Wörter sind zum Beispiel Schimpfwörter wie das Wort „Sau“. Seine eigentliche Bedeutung bezeichnet ein weibliches Schwein, dennoch ist es allgemein als Schimpfwort und somit als direkt beleidigend bekannt und hatte im personenbezogenen Kontext noch nie eine andere Bedeutung. Aber es gibt auch noch die Wörter, die nur implizit beleidigend sind oder sein sollen und genau gegen die wird vermehrt vorgegangen.

Wörter als Todfeinde

Politik und Medien sehen solche Wörter als Todfeinde an und versuchen alles, um sie zu vertreiben, auf dass sie nie wieder in jemandes Mund landen und falls doch, wird dieser jemand geteert, gesteinigt und zum schlechten Menschen erklärt. So wurde von der Nationalen Armutskonferenz (insbesondere aus Verbänden der freien Wohlfahrtspflege bestehend) eine Liste mit 23 sozialen Unwörtern erstellt, die zukünftig nicht mehr genannt werden sollen. Diese sind laut Armutskonferenz irreführend, abwertend und beschreiben die Lebenssituation von Menschen auf eine falsche Art. Zu diesen Wörtern zählt zum Beispiel das Wort „alleinerziehend“, denn damit würde oft eine „mangelnde soziale Einbettung oder gar Erziehungsqualität“ assoziiert. Ein anderes Unwort ist „Person mit Migrationshintergrund“. Ursprünglich war der gängige Begriff „Ausländer“, der dann zur „Person mit Migrationshintergrund“ wurde. Aber dieser Begriff soll ebenfalls schon so sehr mit negativen Assoziationen behaftet sein, dass er zukünftig nicht mehr genannt werden soll.

„Politik und Medien sehen solche Wörter als Todfeinde an und versuchen alles, um sie zu vertreiben“

Wörter, die Menschen anderer Herkunftsländer beschreiben, sind besonders heikel. Das fängt an bei Begriffen, die hierzulande seit langer Zeit verwendet werden und nun auf dem Prüfstand sind, da sie als diskriminierend aufgefasst werden können. Ganz besondere Unworte, die nur unter Strafe genannt werden dürfen, sind unter anderem ältere Bezeichnungen für Menschen mit dunkler Hautfarbe. „Mohr“ zum Beispiel. Die beliebte Süßigkeit „Mohrenkopf“ wurde umbenannt in „Schokokuss“. Wer sich trotzdem noch der alten Bezeichnung bedient, sollte das mit großer Vorsicht tun, da es ihm sonst so ergehen kann wie dem Grünenpolitiker und Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Wegen eines Facebook-Posts mit der Frage „Was wurde aus dem Mohrenkopf?“ wurde er für 24 Stunden von Facebook gesperrt.

Ein weiteres Wort, das nicht genannt werden darf, ist das böse Wort mit „N“: „Neger“. Ursprünglich wurde dieser Begriff eingeführt, weil das Wort von „niger“ kommt, was im Lateinischen „schwarz“ bedeutet. Der Wortursprung war beschreibender Natur und wurde über Jahrhunderte verwendet, um eine Person mit schwarzer Hautfarbe zu bezeichnen. In den letzten 50 Jahren wandelte sich dieser neutrale Begriff zu einem abwertenden, wird heute ganz und gar vermieden und wird auch rückwirkend ausgetauscht, wie im Beispiel des Buches „Die kleine Hexe“ von Ottfried Preußler oder in Astrid Lindgrens „Pipi Langstrumpf“. Lindgren wurde wegen dieser Formulierung auch verdächtigt, Rassistin gewesen zu sein. Dass dieses Wort zur Zeit der Veröffentlichung kein abwertendes, rassistisches Wort war, wird leicht vergessen.

Der Kölner Comedian Marius Jung, der selbst eine schwarze Hautfarbe hat, benutzt das Wort ganz bewusst provozierend als Untertitel seines Buches „Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde“ und wurde dafür prompt mit dem Negativpreis des „Student_innenRats“ der Universität Leipzig ausgezeichnet. Jungs Buch ist ein satirisches, in dem er Rassismus, Vorurteile und auch die Übertriebenheit der politisch korrekten Sprache aufs Korn nimmt. Er möchte diese Themen aussprechen, darüber lachen, auch lächerlich machen – aber nicht verbieten. Er nennt das „Lachen gegen Rassismus“ und plädiert dafür, auf die verkrampfte Debatte um politisch korrekte Wortwahl zugunsten einer Debatte um den alltäglichen Umgang und Respekt anderen gegenüber zu verzichten. Was nützt es, wenn man als Betroffener korrekt angesprochen, aber dennoch benachteiligt wird?

Kampf gegen die Realität

Worte sind mächtig, wenn ihnen eine breite Masse diese Macht einräumt. Ängstlich erstarrt wird immer wieder versucht, vor dieser Macht des Wortes auszuweichen und die leichteste Methode ist die der Ablehnung. Worte werden als politisch unkorrekt gebrandmarkt und jeder, der sich von nun ihrer bedient, erhält den Stempel „Rassist“, „Sexist“ oder „Mensch, der andere diskriminiert und nicht achtet“. Stattdessen werden neue Wörter vergeben, welche man für politisch angemessen erachtet. Allerdings ist dieser Segen des reinen Wortes oft nur von kurzer Dauer. Das „schwer erziehbare Kind“ wurde in kurzer Zeit erst zum „verhaltensauffälligen“ und dann zum „verhaltensoriginellen Kind“. Als könnte man mit dem Wort die Tatsache auswischen, dass ein „verhaltensoriginelles Kind“ schwierig zu handhaben ist.

Mit dem Tilgen von Wörtern versucht man auch die Abwertung, die Diskriminierung, den Rassismus zu tilgen. Aber kann das funktionieren? Und wenn ja, wie lange? Ist der alte schmuddelige Honig abgekratzt und neu aufgetragen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er sich wieder voll gesetzt hat mit Unrat. Rassismus und Diskriminierung schafft man damit nicht ab. Was erreicht wird, ist eine Spaltung zwischen denen, die sich politisch korrekt ausdrücken (das sind die Guten) und jenen, die es nicht tun (das sind die Bösen). Und verletzend und ausgrenzend wird es oft auch eher für die „Bösen“, die sich des Unwortes bedienten, als für die angeblich Diskriminierten. Denn ob sich die Angesprochenen wirklich besser fühlen, wenn man um Worte ringt, um über sie zu sprechen, kann man bezweifeln.
„Wer will schon Afrogermane, Afroafrikaner oder Maximalpigmentierter genannt werden?“, sagt Marius Jung. Seiner Meinung nach haben jene, die vor lauter Betroffenheit alle Wörter tilgen wollen, die rassistisch verstanden werden könnten, ebenfalls rassistische Tendenzen, denn sie können in den Benannten nichts Anderes als Opfer sehen.

„Es kommt nicht mehr darauf an, was gesagt wird, sondern darum, welche Wörter benutzt werden“

Die Empörungswut der Nichtbetroffenen übersteigt mittlerweile die Betroffenheit der Angesprochenen und die Auswüchse der geforderten politischen Korrektheit haben ihren Zenit noch nicht erreicht. iese übertriebene politische Korrektheit verbreitet keine Gerechtigkeit, sondern führt zu Denk- und Sprachverboten. Es kommt nicht mehr darauf an, was gesagt wird, sondern darum, welche Wörter benutzt werden und wen diese Worte eventuell verletzen könnten. Man fühlt sich erinnert an George Orwells Neusprech in seinem Roman „1984“, wo den Menschen mit Neusprech ein eingeschränktes Sprachspektrum zur Verfügung gestellt wird, damit sie gar nicht in der Lage sind, entgegen dem Sinne des Regimes zu denken und somit auch keine „Gedankenverbrechen“ begehen können.

Verbote haben allerdings häufig die Folge, dass sich Menschen dagegen auflehnen. So entsteht bei vielen das Gefühl von Ablehnung, Ironie und der Einstellung „Jetzt erst recht!“, wenn sie verbal mehr und mehr gemaßregelt werden. Auch damit konnte Donald Trump im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf punkten. Er sprach die Dinge so aus, wie viele sie dachten. Er bemühte sich nicht verkrampft um die richtigen Worte, sondern benutzte genau jene, die doch unbedingt vermieden werden sollten. Und er hatte Erfolg damit.

Der Kaiser ist nackt

Die Gerechtigkeit, um die man sich mit politischer Korrektheit so sehr bemüht, ist längst zur Ungerechtigkeit geworden. Befürworter der politischen Korrektheit wollen alles einschränken und zensieren, was ihnen als unmoralisch und nicht schicklich erscheint und diffamieren damit Menschen, die sich der Unwörter bedienen. Die Unwörter grenzen sie aus, machen sie zu diskriminierenden Unmenschen und wer sie vermeidet, erhebt sich selbst zu Tugenddiktatoren. Dabei sind es nicht Worte, die abwerten, es sind die Menschen, die das tun. Mit neuen Worten werden die bestehenden Probleme wie Diskriminierung und Rassismus nicht beseitigt, sie bekommen nur einen neuen Anstrich und erwecken den Anschein, nicht mehr zu existieren. Dass sie aber dennoch da sind, ist unbestritten. Geht es denn bei der ständigen Suche nach politisch korrekten Begriffen wirklich um die eventuelle Verletzung von Personen oder geht es darum, dem eigentlichen Problem aus dem Weg zu gehen?

„Die Gerechtigkeit, um die man sich mit politischer Korrektheit so sehr bemüht, ist längst zur Ungerechtigkeit geworden“

Der Philosoph Wolfgang Marx beschreibt das Begehren der politischen Korrektheit anhand des Märchens „Des Kaisers neue Kleider“. Es durfte dem Kind in keinster Weise gestattet sein, den Kaiser „nackt“ zu nennen, da ihn das aufs Höchste blamierte und kränkte. Das einzig korrekte Verhalten ist das aller anderen Personen im Stück, die stets darauf bedacht sind, dem Kaiser nichts von seiner Nacktheit mitzuteilen, sondern ihn durch die Lüge, er sei bekleidet, nicht zu verletzen. „Das nämlich ist der Grundgedanke der politischen Korrektheit: so zu tun, als ob nichts wäre, auch, oder gerade, wenn etwas ist“, wie Professor Wolfgang Marx dazu schreibt.

Der Grundgedanke der politischen Korrektheit ist ein verbittertes Bestreben, eine befürchtete Kränkung nicht zuzulassen. Da man Menschen hauptsächlich durch Worte kränkt, sollte es keine kränkenden Worte mehr geben, und damit verschwände die Kränkung. Getreu dem Motto: Wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert auch die Gedanken. Verbot und Kontrolle statt Aufklärung, ein häufiger Versuch, eines Problems Herr zu werden. Ewig kann das nicht so weitergehen.