15.04.2016

Mikroaggressionstheorie oder die neue Gedankenkontrolle

Essay von Frank Furedi

Der Kreuzzug gegen den unbewussten Rassismus fördert nicht die Verständigung unter den Menschen. Er sät neue Zwietracht.

Heutzutage prüfen wir fortwährend unsere Aussagen und Gespräche auf anstößige und beleidigende Inhalte. Selbstverständlich hatten Worte, vor allem erniedrigende und entwürdigende, schon immer das Potenzial, die Gefühle der Menschen zu verletzen. Aber heute ist es anders. Worte beleidigen nicht einfach nur, nein, sie fügen verbale Gewalt zu, sie traumatisieren.

Während Worte heutzutage als unglaublich mächtig betrachtet werden, so werden die Menschen als extrem verletzlich erachtet – als unfähig, mit feindseligen Worten umzugehen. Sogar Alltagsgespräche, seien sie noch so belanglos, können Anstoß erregen. Diese inquisitorische Einstellung gegenüber der Alltagssprache wird in dem Video „Everyday Racism“ („Alltäglicher Rassismus“) vom britischen Fernsehsender BBC3 perfekt eingefangen.

„Everyday Rascism“ bietet zahlreiche Beispiele sogenannter „Mikroaggressionen“. Die Botschaft lautet, dass der Rassismus so selbstverständlich ist, dass praktisch alles, was ein Weißer sagt, mit hoher Wahrscheinlichkeit Spuren von Vorurteilen enthält. Ein typisches Beispiel für eine alltägliche rassistische Mikroaggression ist die Frage „Von woher kommen Sie?“ Den Mikroaggressionsexperten zufolge wird damit die Aussage „Du gehörst nicht hierher“ angedeutet.

„Worte beleidigen nicht einfach nur, nein, sie fügen verbale Gewalt zu, sie traumatisieren.“

Als ich mir dieses alberne Video, das der Daily Mirror als „schockierende“ Darstellung der „unfassbaren rassistischen Stereotype, denen ethnische Minderheiten ausgesetzt sind“ bezeichnete, ansah, erinnerte ich mich an das erste Mal, als ich der eingebildeten Mikroaggression begegnet war. Seitdem ich es mir leisten kann, mit dem Taxi zu fahren, frage ich die Fahrer mit ungewöhnlichem Nachnamen: „Woher kommen Sie?“ Mich faszinieren die Namen und die Herkunft der Leute und ich liebe es, mit den Taxifahrern über ihre persönlichen Geschichten zu reden. Aber erst letzten November entdeckte ich, dass meine Neugier bezüglich der Herkunft der Menschen als Akt der Mikroaggression verurteilt werden kann. Ich war in New York und nachdem ich mich fünf Minuten mit dem äthiopischen Taxifahrer über unsere jeweilige Herkunft ausgetauscht hatte, sagte mir ein Akademiker aus Boston, dass meine Fragen als Mikroaggressionen aufgefasst werden können.

Bis dahin hatte ich das Thema Mikroaggressionen als zu albern, als dass man es ernstnehmen könnte, abgetan. Aber wir leben in merkwürdigen Zeiten. Als Mikroaggressionen bezeichnet man unterbewusste verbale Angriffe auf Einzelne und kulturelle Gruppen. Nach der orwellianisch anmutenden Broschüre der University of California in Los Angeles (UCLA) namens „Werkzeug zum Erkennen von Mikroaggressionen und ihrer Botschaften“ bin ich wohl tatsächlich schuldig im Sinne der Anklage. Offenbar enthält die Frage „Wo kommst Du her oder wo wurdest Du geboren“ die Botschaft „Du bist keine echter Amerikaner“. Man kann annehmen, dass dieselbe Frage in London „Du bist keine echter Brite“ bedeutet.

Das Faszinierende am Leitfaden der UCLA ist, dass demnach alles, was jemand zu einem Angehörigen einer anderen Kultur sagt, als Mikroaggression gelten kann. Die Erklärung „Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ kann etwa als Mikroaggression gedeutet werden, denn sie impliziert, dass „Rasse und Geschlecht keine Rolle für den Erfolg im Leben spielen“. Es scheint, als gäbe es eine wahrhaftige Leitfadenindustrie, die Sensibilitätsseminare und Websites für die Erhöhung des Mikroaggressions-Bewusstseins betreibt. Gleichzeitig steigt die Zahl und Bandbreite der Wörter und Aussagen, die als aggressiv und bedrohlich gegeißelt werden, fortwährend an. Das „Zentrum für inklusive Exzellenz“ der University of Wisconsin gab bekannt, dass der neueste Begriff in seinem Verzeichnis der verbotenen Worte „politisch korrekt“ lautet. Ohne Anflug von Ironie wird festgestellt, dass „PC“ ein „herabsetzender Begriff“ ist, der andeutet, dass „Menschen zu ‚sensibel‘ sind und die Sprache regulieren“. Mit dem Versuch, den Begriff „politisch korrekt“ zu zensieren, haben die Mikroaggressionswächter bewiesen, dass sie das Geschäft der Sprachregulierung betreiben.

Kampagnen, die Mikroaggressionen in Angriff nehmen, haben sich auch außerhalb des US-amerikanischen Universitätslebens ausgebreitet. In Großbritannien fügt sich die Anti-Mikroaggressionskampagne nahtlos in die obsessive Suche nach gefährlichen Gesten und Worten aus den Bereichen des Alltagsrassismus und -sexismus ein. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die „Alltagsempörungs-Bewegung“ gestartet wird, um die Gesamtheit des Alltags abzudecken.

„Kampagnen, die Mikroaggressionen in Angriff nehmen, haben sich auch außerhalb des US-amerikanischen Universitätslebens ausgebreitet.“

Die Inszenierung der Empörung ist das zentrale Merkmal des moralischen Kreuzzugs gegen die Mikroaggression. Die Mikroaggressionwebsites schießen wie Pilze aus dem Boden. Darauf werden gleichgesinnte Opfer ermutigt, ihre Kümmernisse und Bedenken zu verbreiten, um das Bewusstsein derer zu wecken, denen die Epidemie der Mikroaggression noch gar nicht aufgefallen ist. Typischerweise zeigen diese Websites Leute, die den Mikroaggressoren Schilder mit wohlformulierten, rebellischen Botschaften entgegenhalten. So haben Studenten aus Oxford die Kampagne „I, Too, Am Harvard“ („Auch ich bin Harvard“) kopiert. Auf der zugehörigen Website werden die unbeabsichtigten Kränkungen und Beleidigungen, die Schwarze erlitten haben, ausgestellt. Auf der „I, Too, Am Oxford“-Website werden Selbstportraits hochgeladen, auf denen Leute Schilder mit so empfundenen Beleidigungen zeigen. Auf einem Schild steht: „‚Wow, Dein Englisch ist großartig.‘ ‚Danke, ich wurde in London geboren.‘“

Einige dieser Szenarien sind wohl des Effekts wegen erfunden worden. Eine junge Frau hält ein Plakat mit der Aufschrift: „‚Ich bin wirklich froh, mit Dir zu gehen und Du bist braun… das beweist, das ich kein Rassist bin.‘ ‚Ähhh.‘“ Hat ihr Partner das wirklich gesagt? Was die Bilder auf der „I, Too, Am Oxford“-Website bieten, ist weniger Empörung als die Inszenierung der Empörung.

Selbstzensur

Trotz ihrer Zusammenhanglosigkeit hat die öffentliche Kampagne gegen Mikroaggressionen erstaunlichen Erfolg. Val Rust, Pädagogikprofessor an der UCLA, wurde von seinen Vorgesetzten für seine angebliche „rassistische Mikroaggression“ gedemütigt und zurechtgewiesen. Sein Vergehen? Er änderte die Großschreibung des Adjektivs „indigen“ bei einem Studenten in Kleinschreibung. Rust wurde durch die UCLA schuldig befunden, den ideologischen Standpunkt eines Studenten zu verachten. In diesem Klima wundert es kaum, von einer Reihe von Akademikern zu hören, dass sie nun aus der Furcht heraus Selbstzensur betreiben, der Mikroaggression beschuldigt zu werden.

Solche Vorwürfe beschränken sich längst nicht mehr auf den Campus. Vor Kurzem rügte die amerikanische TV-Polittalkgastgeberin Melissa Harris-Perry einen ihrer Gäste. Er beschrieb Paul Ryan, der kürzlich zum Sprecher des Repräsentantenhauses ernannt wurde, als „hart arbeitend“. Harris-Perry behauptete nun, indem man Ryan als „hart arbeitend“ bezeichnet, würden Sklaven und arbeitende Mütter „im Zusammenhang mit einem relativen Privileg“ herabgewürdigt. Typischerweise machen die der Mikroaggression Beschuldigten einen Rückzieher und akzeptieren somit implizit die moralische Autorität ihrer Ankläger.

„Das ist ein Aufruf zur Kontrolle unserer Gedanken.“

Das wesentliche Merkmal des Konzepts der Mikroaggression besteht darin, dass es nicht nur um die Worte an sich geht, sondern auch um die Bedeutung, die man ihnen unterstellt. Die Frage „Woher kommen Sie?“ wird nicht deswegen verurteilt, weil die Worte an sich anstößig wären, sondern das soll anstößig sein, was sie vermitteln können. Mikroaggressoren werden für etwas angeprangert, das sie angeblich denken, nicht notwendigerweise für das, was sie sagen. Das ist ein offener Aufruf zur Kontrolle unserer Gedanken.

Letztlich zählt nicht die Bedeutung der Worte, sondern ob jemand behauptet, sich durch die Worte angegriffen zu fühlen. Weder der Inhalt der Worte noch die Absicht dahinter sind von Bedeutung. Es zählt einzig, dass das vermeintliche Opfer seine Identität durch die Worte missachtet sieht. Somit werden Bedeutung und der Status einer Aussage durch das Opfer definiert. Ignoriert man diese Vorwürfe oder stellt sie in Frage, so macht man sich des unverzeihlichen Verbrechens der „Opferschuldzuweisung“ schuldig.

Der Kreuzzug der Mikroaggressionsjäger wird durch die Überzeugung, dass das Opfer immer recht hat, gestützt. Der amerikanische Komiker Louis CK hat diese „Achte-auf-deine-Sprache“-Etikette offensichtlich internalisiert. „Wenn Dir jemand sagt, dass Du ihn verletzt hast“, sagte er vor Kurzem, „dann kannst Du nicht entscheiden, dass es nicht so war“. Die arrogante Intoleranz von Louis CK ist bezeichnend. Er sagt, dass Individuen nicht die Bedeutung ihrer Worte und Handlungen bestimmen dürfen.

Was sind Mikroaggressionen?

Der Begriff „Mikroaggression“ wurde von Derald Wing Sue, Professor für Psychologische Beratung an der Universität von Columbia, wie folgt definiert: „Die kurzen und alltäglichen verbalen, verhaltensmäßigen und umweltbedingten Demütigungen, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt, die feindselig, herabwürdigend oder negativ über Rasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Religion geäußert werden und welche die angesprochenen Personen oder Gruppen vor den Kopf stoßen oder beleidigen.“ 1 Maßgeblich bei Sues Definition ist, dass diese Demütigungen nicht unbedingt durch beabsichtigtes Verhalten zustande kommen müssen. Er behauptet, dass „die Verursacher der Mikroaggression“ sich der Demütigungen, die sie anderen zufügen, „oft nicht bewusst sind“ 2.

Der Fokus auf die unbewusste und unbeabsichtigte Dimension der Mikroaggression ist entscheidend. Menschen, denen Mikroaggressionen zur Last gelegt werden, werden nicht für das, was sie getan oder gesagt haben, angeklagt und noch nicht einmal für das, was sie bewusst denken, sondern für ihre unterbewussten Gedanken.

Sue schreibt: „Mikroaggressionen werden oft unbewusst in Form subtiler Brüskierungen oder herabwürdigender Blicke, Gesten und Stimmlagen ausgesandt“. 3 Wie aber beweist man nun einen Akt der Mikroaggression? Wenn nämlich all diese Empfindungen tief in der Psyche des Mikroaggressors verborgen sind, wie kann man dann ihre Existenz beweisen? Wenn es nach Sue und seinen Mitarbeitern geht, bedarf es keiner komplexen Psychoanalyse des Täters. Warum? Weil, nach Sue „fast alle zwischenrassischen Begegnungen für die Manifestierung von Mikroaggressionen anfällig sind.“ Mit anderen Worten: Es gibt wenig zu beweisen. Dasselbe gilt für Interaktionen mit Frauen, Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transsexuellen und Behinderten. Mikroaggressionen sind in jedem Fall geradezu unausweichlich.

In all diesen Fällen geht die Schuldvermutung den Worten und Gesten des unbewussten Aggressors voraus. Es ist eine säkularisierte Version der Ursünde, die jedem weißen, heterosexuellen Mann anhaftet. Nach Sue leiden sogar „wohlmeinende Weiße“ unter „unbewussten rassistischen Voreingenommenheiten“. 4

„Die Empörung verhält sich umgekehrt proportional zum Maß der erlittenen Kränkung.“

Der Kreuzzug gegen Mikroaggressionen spielt eine zentrale Rolle in der Ausgestaltung der westlichen Identitätspolitik. Die Inszenierung der Empörung auf den Mikroaggressionswebsites, mitsamt ihren zahlreichen Bildern von plakathaltenden Personen, macht aus den banalen Beleidigungen und Missverständnissen des Alltags Beispiele für eine große soziale Ungerechtigkeit. Die Empörung der Plakathalter verhält sich umgekehrt proportional zum Maß der erlittenen Kränkung. Somit entfacht ein schlecht formuliertes Kompliment die wütendsten Reaktionen, gefolgt von Beschwerden bei den zuständigen Behörden.

Das Konzept der Mikroaggressionen fügt sich in eine weit verbreitete Stimmung des Misstrauens zwischen und unter Erwachsenen ein. In den letzen Jahrzehnten fühlt sich die Gesellschaft zunehmend unwohl dabei, Menschen ihren Umgang mit anderen selbst gestalten zu lassen. Somit mehren sich Verhaltensregeln und -codices, die Mobbing, Belästigung und Konflikte abdecken. Zwischenmenschliche Spannungen und Missverständnisse werden nun oft von Profis geregelt.

Jetzt eröffnet sich den Regelaufstellern und Juristen eine völlig neue Dimension – die des unbewussten Verhaltens und seiner unbeabsichtigten Konsequenzen. Die menschliche Kommunikation war schon immer eine komplizierte Angelegenheit. Das Lesen der Körpersprache und die Interpretation von Worten und Gesten waren schon immer mit Missverständnissen verbunden. In einer aufgeklärten Gesellschaft wird anerkannt, dass es schwierig, um nicht zu sagen unmöglich ist, jemanden für unbeabsichtigte Konsequenzen seiner Taten und Worte verantwortlich zu machen. Wenn man die Leute nicht dafür zur Verantwortung zieht, was sie tun oder sagen, sondern dafür, was sie unbewusst denken, dann wird der Gedanke der moralischen Verantwortung bedeutungslos. Das wirklich Tragische am Mythos der Mikroaggressionen ist, dass er einen echten Dialog unmöglich macht. Die „Mikrokontrolle“ der menschlichen Beziehungen ist die unaufhaltsame Konsequenz der Kriminalisierung unbewussten Denkens und Handelns.

„Die Kontrolle von Aussagen und Worten ist zutiefst intolerant.“

Eine der Errungenschaften moderner, offener Gesellschaften liegt darin, dass sie Menschen ermöglichen, ihre Ausdrucksweise und die Einstellung, die sie in der Öffentlichkeit vertreten, frei zu wählen. Anders als in vormodernen Gesellschaften braucht niemand auf seine Sprache zu achten oder sich der vorgeschriebenen Sprache der traditionellen Kultur anzupassen. Doch die Mikroaggressionskreuzzügler wollen die Zeit zurückdrehen. Sie verachten die Toleranz und streben danach, ein neues Regime der Konformität in unserer jetzigen Gesellschaft zu errichten.

Die Kontrolle von Aussagen und Worten ist zutiefst intolerant. Die Aussage „Pass auf, was Du sagst!“, die so selbstverständlich im Kreuzzug gegen die Mikroaggressionen verwendet wird, ist ein Aufruf, die Diskussion zu beenden. Also, ignorieren Sie Louis CK & Co. – wir alle sollten die Freiheit besitzen, die Bedeutung unserer Worte selbst zu bestimmen.