02.08.2017

Die Presse als Sprachrohr Merkels

Kommentar von Sabine Beppler-Spahl

Titelbild

Foto: MichaelGaida via Pixabay (CC0)

Eine neue Studie zeigt, dass die deutsche Berichterstattung zur Flüchtlingskrise von mangelnder Vielfalt und Distanz zur Regierung geprägt war.

Die Medien haben in der Flüchtlingskrise nicht objektiv berichtet und so die Spannungen innerhalb der Gesellschaft verstärkt. So lautet das verheerende Urteil einer Studie der zur IG Metall gehörenden Otto-Brenner-Stiftung.

Die Studie wurde von der Hamburger Medienschule unter der Leitung von Professor Michael Haller durchgeführt. Analysiert wurden über 35.000 Artikel, die in dem Zeitraum zwischen 2015 und 2016, also dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, veröffentlicht wurden. Im Mittelpunkt standen die überregionalen Tageszeitungen, sowie über 80 Regionalzeitungen. Auch Online-Medien wie Focus Online, tagesschau.de und Spiegel Online wurden ausgewertet.

„Es wurden fast ausschließlich ‚Elitenmeinungen‘ vertreten und Interviews mit regierungsnahen Personen geführt.“

Laut dem Bericht übernahmen viele Journalisten unkritisch die Regierungsposition. Es wurden fast ausschließlich „Elitenmeinungen“ vertreten und Interviews mit regierungsnahen Personen geführt. Vertreter der Opposition, insbesondere der Linkspartei und der AfD, seien dagegen nur selten direkt zu Wort gekommen. In vielen Artikeln wurde das Schicksal der Flüchtlinge beschrieben. Dabei wählten die Journalisten einen Stil, der emotionale Nähe zu ihnen suggerierte. Die Erfahrungen der Helfer und Mitarbeiter, die mit der Bewältigung der praktischen Probleme konfrontiert waren, kamen hingegen viel seltener zur Sprache.

Bemerkenswert an der Studie ist die Kritik an dem Slogan der „Willkommenskultur“, der von den Medien zu einer Art Zauberwort verklärt wurde. Mit der großen Erzählung der Willkommenskultur sei ein Bild von Deutschland und den Deutschen gezeichnet worden, in dem sich viele Menschen nicht wiederfinden konnten. Die Meinungen und Ängste normaler Bürger seien fast völlig zurückgedrängt, wenn nicht sogar verächtlich gemacht worden (wie die Bezeichnung „Dunkeldeutschland“ für die eher skeptisch gesonnenen Ostdeutschen zeigt). Erst mit den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln sei der Ton kritischer geworden.

Natürlich gab es Nuancen. Nicht alle Zeitungen oder Journalisten berichteten gleich. Trotzdem ist die Botschaft der Studie klar: Die Medien haben bei ihren wichtigsten Aufgaben – Information der Öffentlichkeit, kritische Hinterfragung der Regierungspolitik, Unterstützung einer öffentlichen Debatte – versagt.

„Die Flüchtlingskrise ist zu einer Frage von ‚gut‘ und ‚böse‘ stilisiert worden.“

Wie konnte das passieren? Der Bericht spricht von einer Filterblase. Die meisten Journalisten dürften sich jedoch kaum darüber bewusst gewesen sein, dass sie de facto die Regierungspolitik vertraten. Viele dürften sich kaum als Merkel-Freunde gefühlt haben (die traditionell eher konservative F.A.Z. kam im Bericht deutlich besser weg als z.B. die Süddeutsche Zeitung). In einer Zeit, in der die Medien unter Druck stehen, sich der Konkurrenz aus dem Internet erwehren müssen und zudem von rechten Gruppen wie Pegida als „Lügenpresse“ diffamiert werden, hätte man mehr Vorsicht erwartet.

Das Problem liegt wohl darin, dass die Flüchtlingskrise schon längst nicht mehr als ein politisches Thema behandelt wird, das einer rationalen Debatte und der Suche nach Lösungen bedarf. Stattdessen ist sie – auch durch den Einfluss der Medien – zu einer Frage von „gut“ und „böse“ stilisiert worden. Der schlechte Journalismus war mehr als nur ein Ausdruck einer Filterblase. Die Journalisten wussten ganz genau, dass viele mit der Flüchtlingsaufnahmepolitik unzufrieden waren. Ihr Verhalten erklärt sich aus dem Bedürfnis nach moralischer Abgrenzung. Weil sie sich sicher waren, auf der guten Seite zu stehen, hatten sie kein Problem damit, andere Sichtweisen zu ignorieren.

Das ist eine schlechte Strategie. Sie schadet der Politik, den journalistischen Standards, und letztlich auch den Flüchtlingen. Die Kritik der Studie ist harsch, aber berechtigt. Ich hoffe, sie wird von vielen in Deutschland gelesen und ernstgenommen.