24.11.2016

Die neue Zugmaschine der Menschheit

Essay von Fabian Herrmann

Titelbild

Foto: Don Davis via WikiCommons

Wo bleiben Arbeit und Arbeitsmotivation in Zeiten der Robotisierung? Statt durch Sozialleistungen im Status quo zu verharren, sollten wir einen neuen Aufbruch wagen.

Seit Entstehung der ersten menschlichen Gesellschaften vor rund zehntausend Jahren mussten diese das Grundproblem der Arbeitsmotivation lösen: Wie bewegt man Menschen dazu, zermürbende, langweilige oder sogar gefährliche Arbeit zu verrichten, die für das Fortdauern der Gemeinschaft unverzichtbar sind?

Straßen müssen geputzt, Müll entsorgt, Erz abgebaut, Bäume gefällt, Felder bestellt, Mauern errichtet werden. In jeder komplexen Gesellschaft fallen Abertausende von frustrierenden Verwaltungsaufgaben an. Irgendjemand muss die Abwasserkanäle freischaufeln, Leder gerben, auf die Schweineherde aufpassen, die Soldlisten der Armee führen – und so weiter. Vermutlich fiel der größte Teil der im Lauf der Geschichte in den verschiedenen Staaten weltweit zu leistenden Arbeitsprozesse unter mindestens eine der Kategorien: langweilig, aufreibend oder gefährlich.

Man ersann verschiedene Methoden, Arbeitskräfte zu finden und anzuspornen. In der Antike war die Sklaverei verbreitet. Man besiegte ein fremdes Volk, verschleppte die Bevölkerung und schärfte ihr ein: Arbeitet für uns, sonst bekommt ihr kein Essen, werdet ausgepeitscht oder sogar umgebracht. Eine krude, aber recht effiziente Motivationsmethode. Im Inkareich stand sogar für die eigenen Bürger auf Faulheit die Todesstrafe. Ähnlich mussten sich die hörigen Bauern im europäischen Mittelalter ins Zeug legen, um nicht nur sich und ihre Familie zu ernähren, sondern auch die geforderten Abgaben an den Grundherren zu zahlen. Es sei allerdings bemerkt, dass die Bauern nicht die ganze Zeit über hart zu arbeiten brauchten: Im Winter gab es weniger zu tun, sie konnten sich während der kalten Monate längere Ruhepausen gönnen.

Arbeitsmotivation in der Moderne

Zugleich entstand in den Städten mit ihren Handwerksgilden und Handelskammern ein neues Motivationssystem, das sich über den Merkantilismus im 18. Jahrhundert allmählich zum modernen Kapitalismus entwickelte: Man setzte nicht mehr auf Bestrafung, sondern auf Belohnung. Die Arbeiter und Angestellten bekamen für ihre Leistung Löhne ausgezahlt – die Pseudoressource Geld. („Pseudo-“, da weder Goldmünzen und noch viel weniger Papierscheine einen inhärenten Wert haben, sie erhalten ihn nur durch die gesellschaftliche Vereinbarung, dass man sie gegen Güter und Dienstleistungen eintauschen kann.) Wer viel arbeitet, erhält viel Lohn und genießt dadurch einen hohen Lebensstandard; wer weniger arbeitet, dem stehen auch weniger Güter und Dienstleistungen zur Verfügung (bzw. sollte es so wenigstens in der Theorie funktionieren). Dieses Motivationsschema erwies sich als äußerst effizient, weswegen es inzwischen weltweit in den meisten Staaten in verschiedenen Formen realisiert wurde. Basierend auf dem kapitalistischen Belohnungsansatz konnte der Lebensstandard in phantastischem Maße gesteigert werden und es gelangen enorme technologische Durchbrüche.

„Die wenigsten Arten der Arbeit sind hinreichend selbstmotivierend.“

Die kommunistischen Staaten des ehemaligen Ostblocks versuchten es mit einem anderen Belohnungsschema – d.h. sie hatten eigentlich keines: Man ging davon aus, dass die Arbeiter ihren Aufgaben aus eigenem Willen nachgehen würden, sobald ihnen die Produktionsmittel gehörten. Die Arbeit würde sich somit von selbst belohnen. Bei den meisten Aufgaben funktioniert das jedoch nicht. Eine Straße zu bauen ist an sich keine motivierende Tätigkeit, es ist letztlich anstrengend und langweilig. Da die Arbeiter weder ihren Lebensstandard substantiell steigern konnten, indem sie sich Mühe gaben, noch von Entlassung bedroht waren, wenn sie nachlässig zu Werke gingen, sahen sie oft wenig Anlass, rasch und effizient zu arbeiten. Westliche Beobachter sprachen manchmal vom „Arbeiterstandbildphänomen“, wenn sie sahen, wie in den Ostblockstaaten Bauarbeiter träge herumstanden, rauchten, plauderten, anstatt eifrig Mauern hochzuziehen.

Margaret Thatcher bemerkte einmal, das Problem des Sozialismus sei, dass seinen Proponenten anderer Leute Geld ausgehe. Diese Aussage ist jedoch nicht sehr treffend, da Geld, wie oben erläutert, eine reine Pseudoressource darstellt und von den Staatsbanken der Ostblockrepubliken in beliebiger Menge gedruckt werden konnte. Richtiger wäre: Ihnen gingen die Möglichkeiten aus, die Arbeiter zu motivieren. Man hatte sich darauf verlassen, dass sie sich im sozialistischen Wirtschaftssystem aus freien Stücken ans Werk machen würden, um gemeinsam die neue Welt aufzubauen. Doch die wenigsten Arten der Arbeit sind hinreichend selbstmotivierend. Nur Wissenschaft, Kunst und Philosophie vermögen dies für sich zu beanspruchen. Menschen zeichnen in ihrer Freizeit die Lichtkurven veränderlicher Sterne auf, ohne dafür Geld zu bekommen, malen Bilder oder schreiben philosophische Werke, weil sie ein inneres Bedürfnis dazu treibt. Auf Straßenbau, Landwirtschaft, Stahlverhüttung u.v.m. trifft das nicht zu.

Der Kapitalismus breitete sich weltweit aus – nicht, weil ihm irgendwelche geheimnisvollen, mystischen Tugenden innewohnten, sondern weil sich sein Motivationsschema als wirksam erwies; es harmonierte anscheinend mit der menschlichen Grundpsychologie. Aber auch der Kapitalismus barg ein entscheidendes Problem: Wie versorgt man diejenigen, die sich nicht durch eigene Arbeit über Wasser halten können (oder wollen?), z.B. die Arbeitslosen? Um dieses Problem zu lösen, wurden verschiedene Ansätze herangezogen.

„Man diskutiert viel über Hartz-IV-Empfänger – aber kaum mit ihnen.“

Für Arbeitslosigkeit kann es viele Gründe geben. Ein Arbeiter mag sich im Betrieb derart unzuverlässig und unkooperativ verhalten, dass der Chef sich entschließt, ihn zu entlassen. Oder möglicherweise wurde eine Maschine erfunden, mit der weniger Arbeiter mehr zu leisten vermögen, so dass ein Großteil der Belegschaft überflüssig wurde. Unternehmen können pleitegehen, woraufhin sämtliche Angestellte plötzlich auf der Straße sitzen. Im Fall einer Wirtschaftskrise sehen sich die Betriebe einer ganzen Region eventuell dazu gezwungen, zu schrumpfen, was Entlassungen zur Folge hat.

Sozialstaat und Grundeinkommen

Hungernde Menschenmassen haben die Eigenschaft, dass sie fix mit dem Molotowcocktail sind. Großflächiges Elend führt fast zwingend zu sozialen Unruhen, Revolten, sogar Revolutionen. Daher musste man Methoden ersinnen, die Arbeitslosen auf irgendeine Weise zu unterstützen. Bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts versuchten Gewerkschaften, Vereine, Kirchen und andere private Organisationen, diese Aufgabe zu übernehmen. Doch sie sahen sich überfordert, da ihre Mittel zur Bekämpfung des Elends einfach ungenügend waren. Daher übten sie Druck auf die Regierungen aus, ein allgemeines Arbeitslosenhilfesystem zu schaffen, was in vielen Ländern zur Einrichtung des Sozialstaats führte. In Deutschland hört die neueste Iteration des Fangnetzes unter der kapitalistischen Zirkuskuppel auf den Namen „Hartz IV“ (eigentlich: ALG II).

Das Bemerkenswerte an Hartz IV ist, dass man viel über die Menschen diskutiert, die diese Sozialleistung empfangen – aber kaum mit ihnen. Hartz IV ist knapp bemessen, doch es reicht, um sich über Wasser zu halten. Die Mehrzahl der Arbeitslosen in Deutschland braucht heutzutage nicht zu hungern. Es ist jedoch ein massives Stigma damit verbunden. Wer von Hartz IV lebt, steht ganz unten auf der sozialen Stufenleiter.

Neokonservative und Libertäre fordern öfter, man möge den Sozialstaat wieder privatisieren, d.h. Vereine, Logen, Gewerkschaften, Kirchen mit der Versorgung der Arbeitslosen betrauen. Sie übersehen jedoch, dass das öffentliche Sozialsystem gerade deshalb erschaffen wurde, weil die privaten Organisationen der Aufgabe rein finanziell und logistisch nicht gewachsen waren. Eine Privatisierung des Sozialsystems würde die Bedingungen des späten neunzehnten Jahrhunderts wiederherstellen. Damals kam es immer wieder zu Massenelend und Hunger. Eine Rückkehr zu dieser Situation würde heutzutage blitzschnell bewaffnete Aufstände und bürgerkriegsartige Zustände auslösen.

Andere dagegen stellen in Frage, dass „Arbeit“ überhaupt ein Wert an sich ist. Seit dem 18. Jahrhundert werden Arbeit und Fleiß allgemein als Tugenden angesehen: Wer hart arbeitet, verbessert sich dadurch moralisch. Bemerkenswerterweise wurde dieses Diktum besonders oft von Angehörigen der Oberschicht ausgesprochen – reiche Aristokraten, Erben industrieller Imperien, hohe Funktionäre und Politbüromitglieder sozialistischer Staaten, die selbst nicht zu arbeiten brauchten. Die Gleichsetzung von „Arbeit“ und „Moralität“ war naheliegend: Es ist offensichtlich, wie es historisch zu diesem Mythos kommen konnte – es ist der Mythos, der die moderne Welt aufzubauen half –, aber ebenso klar ist, dass es sich auch nur um einen nützlichen Mythos handelt. Es gibt unzählige Beispiele für „faule“ Menschen, die sich unter moralischen Gesichtspunkten löblich, und für Fleißige, die sich moralisch völlig indiskutabel verhielten. Die NS-Akademiker und SS-Offiziere, die den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust planten und durchführten, waren sicherlich vieles, aber nicht faul.

„In der Antike wären die Wenigsten dem Gedanken verfallen, Arbeit als Mittel der moralischen Besserung anzusehen.“

In der Antike wären die wenigsten dem Gedanken verfallen, Arbeit als Mittel der moralischen Besserung anzusehen. Platon hätte, mit diesem Konzept konfrontiert, verständnislos den Kopf geschüttelt: Arbeit war doch etwas für „kupferne Seelen“, niedrige stumpfe Menschenwesen. Moralisch hochstehende Menschen, „goldene Seelen“, beschäftigten sich mit Philosophie, Rhetorik, Dialektik, Wissenschaften, Staatskunst! – und nicht mit dem Abbau von Erz oder dem Bestellen der Felder.

Strenggenommen sind natürlich auch Philosophie, Wissenschaft und Kunst Arbeit. Doch sie gehören eben zu den seltenen „selbstmotivierenden“ Tätigkeiten, denen viele nachgehen, ohne finanziellen Lohn dafür zu erhalten. Insbesondere Philosophie und Kunst werden daher heutzutage von den meisten Menschen als „nettes Hobby nebenher“ angesehen, das man „zur Entspannung“ ausübt. Platon hätte höchstwahrscheinlich gefordert, solche Leute aus Athen hinauszuprügeln; Arno Schmidt hätte für Menschen, die die Beschäftigung mit alten Büchern und Literatur als „Hobby zur Entspannung“ betrachten, bestenfalls ein verächtliches Knurren übriggehabt.

Vor diesem Hintergrund, und angesichts der Tatsache, dass der technologische Fortschritt es ermöglicht, unter Einsatz von immer weniger Mensch-Arbeitsstunden immer mehr zu leisten, wird vermehrt die Forderung nach einem Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) laut. Beispielsweise weist Zoltan Istvan, Kandidat der Transhumanistischen Partei der USA im Präsidentschaftswahlkampf 2016, oft darauf hin, dass das massive Vordringen von Robotern in alle Bereiche der Wertschöpfung uns bald gar keine Alternative zur Etablierung eines BGE ließe.

Bei seiner Wahlkampf-Bustour durch die USA begegnete er vielen Truckern: stolze, zähe Menschen, die sich mit ihrer Arbeit identifizieren und größtenteils bewaffnet sind. Die zurzeit erfolgende Einführung robotischer Vehikel, die die Umstellung sämtlicher Nutzfahrzeuge auf automatische Steuerung in Aussicht stellt, wirft die Frage auf, wie die Lastkraftwagenfahrer reagieren werden, wenn der Chef ihnen sagt: „Danke, du hast gut gearbeitet, aber der RoboTruck 3000 übernimmt jetzt deine Position. Geh nach Hause, wir brauchen dich nicht mehr.“ Zwei Millionen zornige, hungrige Trucker, die vom Molotowcocktail bis zum 45er Halbautomaten alles in den Händen halten, was ein amerikanischer Südstaatenhaushalt hergibt, wären in der Lage, die USA ins Chaos zu stürzen – oder zumindest Washington D.C. zu brandschatzen. Daher empfiehlt Istvan die Einführung des BGE, einfach deshalb, weil er es zur Erhaltung des sozialen Friedens im robotischen Zeitalter als unerlässlich ansieht.

„Das BGE erschiene manchen Betroffenen nur als entbürokratisierte Form der Sozialhilfe.“

Die Trucker kämen sich vermutlich abgespeist vor: Das BGE erschiene ihnen nur als entbürokratisierte Form der Sozialhilfe, insbesondere, weil es in der meist angestrebten Höhe (ca. 1000 US-Dollar pro Mensch und Monat) deutlich unter ihrem bisherigen Lohn liegen würde. Eine Abnahme des Lebensstandards, nachdem Maschinen ihren Platz am Lenkrad eingenommen hätten, würden sie auch mit BGE erfahren. Möglicherweise würde das Grundeinkommen nicht wesentlich zur Vermeidung sozialer Unruhen beitragen.

Wenn man das Problem ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit betrachtete, müsste die Transportfirma dem Trucker weiterhin seinen Lohn in voller Höhe zahlen, obwohl dessen Arbeitskraft durch einen Computer ersetzt wurde. Die Arbeit des Truckers würde ja weiterhin ausgeführt werden, wenn auch ohne dessen Dazutun. Da der robotische Truck sogar mehr leistet als der vom Menschen gesteuerte, müsste die Firma sogar noch Geld drauflegen. Doch diese Regelung würde die Einführung selbstfahrender LKWs für die Firma ökonomisch sinnlos machen. Sie würde sie dann gar nicht erst anschaffen, sondern bei menschlichen Fahrern bleiben, da sich mit diesen pro investiertem Dollar mehr Profit erwirtschaften ließe.

Geht man andererseits an Einkaufszentren in ostdeutschen Vorstädten vorüber und wirft einen Blick auf die Neonazis und sonstige abgerissene Gestalten, die bereits um neun Uhr morgens einen substantiellen Teil ihres ALG II in Bier und Wodka investiert haben, dann fragt man sich, was ein BGE in diesen Gegenden leisten könnte. Höchstwahrscheinlich würden diese Leute sich davon nur noch mehr Alkohol und Zigaretten kaufen. Im Zusammenhang mit Hartz-IV-Empfängern wird oft der Vorwurf von Dekadenz und Trägheit geäußert. Wer einmal durch die Plattenbausiedlungen in Jena-Winzerla oder Eberswalde spaziert ist, wird eventuell Mühe haben, sich diesen Vorwürfen nicht anzuschließen.

Dennoch, argumentiert Kai Rogusch, richtet die Kritik sich an die falsche Adresse. Zwar habe die deutsche Gesellschaft in der Tat ein Dekadenzproblem, dieses gehe jedoch primär nicht von Hartz-IV-Empfängern aus, sondern von den Eliten in Politik und Wirtschaft. Es habe sich ein Geist der Beschränkung, des Nicht-Könnens und Nicht-Wollens durchgesetzt. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass Hartz IV u.a. von den Grünen abgenickt wurde, einer Partei, die oft und viel das Konzept der „Nachhaltigkeit“ propagiert, d.h. das Beibehalten eines bestimmten Status quo auf unbegrenzte Zeit. Wer sich keine Veränderungen wünscht, wird auch keine Anstrengungen unternehmen, aus der Plattenbausiedlung auszubrechen, vor allem, wenn die, die das Alimentationssystem eingeführt haben, das die Plattenbausiedlung als „Aufbewahrungskarton“ für Arbeitslose überhaupt erst ermöglicht hat, dauernd betonen, dass Veränderungen ohnehin nicht besonders wünschenswert – da eben nicht „nachhaltig“ – seien. Vor diesem Hintergrund dürfte auch ein BGE wenig bis gar keine Verbesserungen bewirken. Egal, welches Buchstabenkürzel den monatlichen Geldeingang auf dem Bankkonto nun bezeichnet: Die Plattenbaubewohner werden ausgegrenzt und unglücklich sein und tief in ihrem Inneren Sehnsucht nach der schönen alten Zeit verspüren, als sie mit dem Traktor über die Felder der LPG fuhren oder im Verzinkungskombinat Friedrich Engels an der Werkbank standen, eingebunden in das soziale Gefüge und respektiert.

„Verfügbare Arbeitskräfte, die rund um die Uhr Höchstleistungen erbringen – die neuen Sklaven aus Stahl, Kunststoff, Kupfer und Silizium.“

Robotisierung und BGE mögen dem jungen Informatiker, der mit seinem MacBook bei Starbucks sitzt und die neueste Killer-App zu ersinnen versucht, die ihn schlagartig reich machen wird, als pfiffige Einfälle erscheinen – aus Sicht des Industriearbeiters, der, aus seinem Beruf „wegautomatisiert“, sich mit einer monatlichen Geldportion begnügen soll, mag das Konzept dagegen zynisch anmuten.

Zukunftsprojekt und Dekadenz

Kürzlich war Zoltan Istvan zu Gast bei Jacque Fresco, einem Architekten, Erfinder und Futuristen, der das „Venus Project“ in Florida betreibt – ein Zwischending aus Forschungseinrichtung und Museum, in dem er seinen Entwurf für die Zukunft der Menschheit präsentiert. Fresco ist Schöpfer des Begriffs „Resource Based Economy“ (deutsch etwa: „ressourcenbasiertes Wirtschaftssystem“). Ähnlich wie die BGE-Anhänger geht Fresco von dem Grundsatz aus, dass Arbeit keinesfalls ein Gut an sich sei, sondern man sie vielmehr soweit wie irgend möglich von Computern, Robotern, 3D-Druckern u.ä. übernehmen lassen solle, damit die Menschen sich weiterbilden, weiterentwickeln, ihr wahres Selbst ausprägen lernen können.

Fresco empfiehlt jedoch nicht die Einführung eines BGE, sondern die Abschaffung der Zahlungsmittel überhaupt. Da Maschinen nun mal keinen Lohn benötigen, sondern Güter und Dienstleistungen bedingungslos zur Verfügung stellen, machen sie Fresco zufolge das im Kapitalismus entwickelte Belohnungssystem (das in gewisser Form auch von den Ostblockstaaten übernommen wurde) überflüssig. Sobald sich menschliche Anstrengung aus der Wertschöpfungsgleichung eliminieren lässt, braucht es kein Geld mehr. Produkte können kostenlos verteilt werden. Kein Roboter wird je streiken, weil er mit seinem Gehalt unzufrieden ist. Fresco sieht seine ressourcenbasierte Ökonomie als Antwort auf eine Entwicklung, die weder Karl Marx noch Adam Smith vorherzusehen vermochte: die Ankunft eines Zeitalters fast unbegrenzt verfügbarer Arbeitskräfte, die ohne jede Motivation rund um die Uhr Höchstleistungen erbringen – die neuen Sklaven aus Stahl, Kunststoff, Kupfer und Silizium.

Man mag dieses Konzept – das Zoltan Istvans Interesse und sogar begeisterte Zustimmung gewann – belächeln, es als hippieartig-naiv abtun und tausend Fragen anbringen: Wie belohnt man die Techniker, die die Roboter überwachen? Was ist mit Lehrern, Pädagogen, Psychologen – arbeiten sie umsonst und freiwillig? Sollen Forscher, die große Entdeckungen oder Erfindungen gemacht haben, sich ausschließlich mit dem Ruhm begnügen? Insgesamt scheint es nichtsdestotrotz eher mit den Bedürfnissen der Menschen in Einklang zu bringen, als ein mit BGE unterfütterter Kapitalismus (oder, notabene, Sozialismus). Anstatt den Arbeiter nach Hause zu schicken mit den Worten: „Mach’s gut, der Roboter übernimmt deinen Platz, zum Trost kriegst du monatlich ein wenig Geld!“, würde Fresco zu ihm sagen: „Du hast genug malocht! Geh nach Hause. Du benötigst kein Geld mehr, denn die Maschinen werden dir Kleidung, Nahrung und sonstige Güter bringen so viel du brauchst. Bilde dich weiter, lies endlich einmal Bücher, kümmere dich um die alten Leute in deiner Siedlung, beteilige dich an dem Projekt zur Wiederherstellung der Flussauen.“

Doch Flussauen-Aufforstung, ein wenig soziale Nachbarschaftshilfe und Beschäftigung mit klassischer Kultur reichen nicht aus, um Menschen längerfristig zu inspirieren. Trägheit würde sich ausbreiten. Hier – und nicht bei Vorwürfen der Naivität oder des mangelnden Realismus – liegt mein Hauptkritikpunkt an Frescos „Venus Project“. Es wird nämlich eine „nachhaltige“ Welt angestrebt – wie vielerorts von den ökologischen Bewegungen gefordert –, in der der Status quo nahezu unendlich lange aufrechterhalten wird. Neue Entdeckungen sind willkommen, aber nur, solange sie dazu geeignet sind, die „paradiesische Gegenwart“ zu zementieren. Unter diesen Bedingungen würden die meisten Menschen die Roboterökonomie wohl nur nutzen, um sich Essen und Getränke zur Couch bringen zu lassen. Diese Mentalität des Beharrens, der Vermeidung jeglicher Änderungen, ist es, was Kai Rogusch als Ursache der in den westlichen Staaten verbreiteten Dekadenz identifiziert.

„Nicht kleckern, sondern klotzen!“

Ließe sich das Venus Project so modifizieren, dass es nicht in die Nachhaltigkeits- und Dekadenz-Fallgrube stolperte? Das Ziel sollte nicht die Etablierung eines paradiesischen Endzustandes sein, sondern die dynamische Weiterentwicklung der Menschheit. Das entspricht vermutlich auch eher den ursprünglichen Absichten von Zoltan Istvan. Doch dynamische Weiterentwicklung bedeutet zwangsläufig, dass die terragene Intelligenz die Grenzen ihres Ursprungsplaneten überwinden lernen muss, d.h. zusammen mit den Robotern ins Weltall aufbrechen, um dort völlig neue zivilisatorische Möglichkeiten zu erschließen. Derartige Projekte könnten die Menschen in solchem Maße motivieren, dass ein geldbasiertes Motivationssystem in der Tat überflüssig würde, insbesondere, wenn alle lästigen Arbeiten und Handgriffe – Schweißnähte an Raumschiffen schließen, Asteroidenmaterial abbauen und verhütten, Lebenserhaltungssysteme und Habitate aufbauen und einrichten – von Maschinen übernommen würden.

Kai Rogusch fordert eine neue Aufbruchsstimmung, das Bewusstsein, Grenzen überwinden zu können: Dann würden Trägheit und Unlust von alleine nachlassen und dem Willen zur Verbesserung der individuellen und kollektiven Situation weichen. Dem schließe ich mich an – mit dem Zusatz: nicht kleckern, sondern klotzen! Anstatt darüber nachzugrübeln, an welcher Stellschraube gedreht werden müsste, um das momentane System um einige Prozentpunkte zu verbessern, sollten wir uns wieder an große Entwürfe wagen, ja, an Entwürfe, die alle bisher gültigen Einschränkungen der Menschheit hinter sich lassen. Jahrtausendelang waren wir an einen Planeten im Sonnensystem und an verschiedene Zwangs- und Anreizschemen, die uns zum Arbeiten bewegen sollten, gefesselt. „Das wird auch in Zukunft so sein, es gibt prinzipielle Grenzen, die für Menschen unüberschreitbar sind!“, werden einige rufen. „Da kriegen die mich nie rein“, sagte die Raupe, als sie hoch über sich den Schmetterling bemerkte.

Wie ein solches Zukunftsprojekt realisiert werden könnte? Jacque Fresco empfielt, eine „experimentelle Stadt“ aufzubauen, in der die ressourcenbasierte Wirtschaft in kleinem Maßstab getestet wird. Dieser Vorschlag ließe sich auch auf mein „modifziertes Venus Project“ anwenden. In meinem derzeit in Entstehung begriffenen Roman „Curiepolis“ wird auf einer künstlichen Insel im Pazifik ein neuer Staat (eben die titelgebende Curiepolis) errichtet, der ähnliche Ziele verfolgt und dadurch als „Leuchtfeuer“ bzw. „Stadt auf dem Hügel“ für den Rest der Erde fungiert. Zoltan Istvan ist Mitglied des Seasteading Institute, das experimentelle Kolonien auf dem Meer plant. Vom 18. bis zum 20. Jahrhundert waren die Vereinigten Staaten die Zugmaschine der Menschheit. In kommenden Jahrzehnten könnte ein neues politisches Gebilde diese Rolle übernehmen – nicht auf vorhandenen Landflächen, denn die sind inzwischen gänzlich unter etablierten Staaten aufgeteilt, sondern in internationalen Gewässern und später im All.