04.04.2011

Die Islamdebatte und das Desaster deutscher Multi-Kulti-Politik

Kommentar von Kenan Malik

Nach der gescheiterten Islamkonferenz wird die aktuelle Islamdebatte und die Geschichte des Multikulturalismus in Deutschland beleuchtet. Nicht "die Ausländer" sind die Hauptverantwortlichen für gegenwärtige Probleme, sondern eine verfehlte Politik. Einwanderung ist positiv

Der jüngste Eklat auf der Deutschen Islamkonferenz (DIK) offenbart eine zusehends gereizte Stimmung zwischen deutschen und muslimischen Repräsentanten. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) erhob die Forderung, die Islamverbände sollten eine „Sicherheitspartnerschaft“ mit dem deutschen Staat eingehen. Muslimische Vertreter entgegneten empört, dies laufe auf eine pauschale Kriminalisierung islamischer Kulturzentren hinaus. Angesichts des Diktums Angela Merkels (CDU), wonach „Multikulti komplett gescheitert“ sei, erscheint die Idee des „interkulturellen Dialoges“ mit Repräsentanten der etwa 4 Millionen hierzulande lebenden Muslime, den sich die DIK auf die Fahnen geschrieben hat, in der Tat in sich widersprüchlich. Ich persönlich war schon lange bevor es Mode wurde ein vehementer Kritiker des Konzeptes und der Politik des Multikulturalismus. Dennoch stört mich die gegenwärtige Kritik daran. Denn sie ist rückständig; sie wendet sich gegen Einwanderer – und gegen Ausländer.

Das Klima wird rauer und die Debatte über muslimische Migranten in Deutschland deutet auf eine zunehmende Entfremdung hin. Der frühere Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin schrieb mit seinem umstrittenen Buch „Deutschland schafft sich ab“ einen Bestseller: Darin warnt er vor einem Niedergang Deutschlands aufgrund einer bedrohlichen und „verdummenden“ Islamisierung der deutschen Hochkultur. Auch der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) fordert mittlerweile einen Stopp der Einwanderung von Menschen aus „fremden Kulturkreisen“. Und Familienministerin Kristina Schröder beschwört eine unter muslimischen Jugendlichen verbreitete „Deutschenfeindlichkeit“. Die Sprache Angela Merkels passt sich auch angesichts anstehender Wahlen den kursierenden Bedrohungsszenarien mehr und mehr an.

In gewisser Weise hat Merkel recht. Deutschlands multikulturelle Politik ist ein Desaster, und sie sollte aufgegeben werden. Doch das Versagen des Multikulturalismus hat wenig mit Immigranten zu tun. Immigrantengruppen haben diese Politik immer bekämpft, weil sie zersetzend und destruktiv ist. Um das zu verstehen, machen wir einen kleinen historischen Exkurs in die bundesdeutschen Nachkriegsjahre der Einwanderung.

Wie viele andere europäischen Länder, war auch Deutschland in den ersten Jahren der Nachkriegszeit mit einem Mangel an Arbeitskräften konfrontiert. Deshalb wurden Ausländer angeworben, anfangs aus Italien, Spanien und Griechenland, später aus der Türkei. Diese Arbeiter kamen nicht als Einwanderer, geschweige denn als potenzielle Bürger, sondern als „Gastarbeiter“. Von ihnen wurde erwartet, dass sie wieder nach Hause gehen sollten, wenn man sie nicht mehr brauchte.

Mit der Zeit wandelte sich aber die Rolle der Gastarbeiter, denn ihre Präsenz in Deutschland hielt an. Der Grund dafür liegt darin, dass man sich weiterhin auf ihre Arbeit verließ, und dass auch die Gastarbeiter und ihre Kinder sich an ihren Wohnorten in Deutschland immer heimischer fühlten. Doch der deutsche Staat dachte gar nicht daran, sie einzubürgern, und betrachtete sie weiterhin als Ausländer. Auch heute haben viele türkische Einwanderer keine deutsche Staatsangehörigkeit. Das gilt auch für ihre in Deutschland geborenen Kinder.

Statt eine offene Gesellschaft zu schaffen, in der Einwanderer als Gleiche geachtet wurden, gingen deutsche Politiker seit den 1980er Jahren dazu über, sich des „türkischen Problems“ mittels der Politik des Multikulturalismus anzunehmen. Anstelle einer handfesten deutschen Staatsbürgerschaft wurde den Immigranten ihre eigene Kultur, ihre eigene Sprache und ihr eigener Lebensstil „zugebilligt“. Die Folge war die Schaffung so genannter „Parallelgesellschaften“. Der Politik ging es nicht so sehr darum, kulturelle Vielfalt zu respektieren. Man wollte vielmehr der schwierigeren Frage nach der Schaffung einer gemeinsamen, einenden Kultur ausweichen.

Als eine bedenkliche Folge der multikulturellen Politik Deutschlands wendeten sich türkische Gemeinden von der deutschen Mehrheitsgesellschaft ab; sie wurden introvertiert. Ohne den Anreiz, an der nationalen Gemeinschaft teilzunehmen, dachten viele Türken nicht einmal daran, die deutsche Sprache zu lernen. Die Immigranten der ersten Generation waren ganz überwiegend säkular, oder sie trugen ihren Glauben nicht besonders zur Schau. Heute jedoch besucht fast ein Drittel regelmäßig Moscheen. Das ist eine weit höhere Rate als in türkischen Gemeinden im übrigen Europa, und höher als in der Türkei selbst. Frauen der ersten Generation trugen noch kaum Kopftücher; viele ihrer Töchter tragen Kopftücher.

Türken waren nicht nur von der deutschen Gesellschaft getrennt. Sie entfremdeten sich auch zunehmend von den Gemeinschaften, aus denen sie einst ausgewandert waren, und von den traditionellen Institutionen des Islam. Zusammen mit einer verstärkten Religiosität und Introvertiertheit sorgte die zunehmende Isolation vor allem der zugewanderten Türken aus der zweiten Generation dafür, dass man sich mehr und mehr islamistischen Einflüssen öffnete. Meldungen über Gotteskrieger aus Deutschland, die sich in Terrorcamps ausbilden lassen, waren die Folge.

Deutschlands Multikulturalismus sorgte dafür, dass sich türkische Ausländer gleichgültig, manchmal sogar feindlich gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft verhalten. Doch auch Deutsche entwickeln eine verstärkte Abneigung gegenüber Türken. „Deutsch“ zu sein wird häufiger definiert in Form einer Abgrenzung gegenüber den Werten und Einstellungen von Ausländern. Da viele Immigranten ausgeschlossen sind, ist es einfacher, sie als Sündenböcke von Fehlentwicklungen in Deutschland heranzuziehen. Kürzlich brachte eine Umfrage zutage, dass mehr als ein Drittel der Deutschen der Meinung ist, in Deutschland lebten „zu viele“ Ausländer, und mehr als die Hälfte finden Araber „unangenehm“.

Deutschland hat einen anderen Weg zum Multikulturalismus genommen als beispielsweise Großbritannien. In Großbritannien kamen die Immigranten nicht als Gastarbeiter, sondern als britische Staatsbürger. Sie wurden aus der Mehrheitsgesellschaft nicht dadurch ausgeschlossen, dass man ihnen die Staatsbürgerschaft verwehrte, sondern durch Rassismus. Die Antwort des britischen Staates darauf war aber die gleiche wie die Deutschlands – die Ermutigung der Minderheiten, ihre besonderen Identitäten zum Ausdruck zu bringen, ihre eigene Geschichte zu erkunden, ihre eigenen Werte zu formulieren und ihren eigenen Lebensstil zu verfolgen.

In Deutschland entsprang Multikulti der formellen Verweigerung deutscher Staatsangehörigkeit. In Großbritannien führte multikulturelle Politik zu einer de-facto-Trennung der Minderheiten, die nun weniger als Bürger und eher als Angehörige einer besonderen ethnischen Gruppe abgesehen wurden. Die Folge war in beiden Fällen, wie auch in jeder anderen westeuropäischen Nation, dass fragmentierte Gesellschaften entstanden, sich viele Minderheitengruppen von ihren Gesellschaften entfremdeten und umgekehrt die Ausländerfeindlichkeit stieg.

Ein Grund, weshalb wir heute Probleme haben, liegt darin, dass man das Thema der Einwanderung mit der Debatte über den Multikulturalismus vermengt. Einerseits meinen viele, darunter Angela Merkel, Einwanderung sorge für Uneinigkeit in unserer Gesellschaft. Andererseits meint man, dass sich die Rechte der Minderheiten nur durch mehr Multikulti verteidigen lassen. Beide Seiten gehen fehl.

Einwanderung ist eine große Errungenschaft, denn sie sorgt dafür, dass Gesellschaften vitaler und aufgeschlossener werden. Nicht Einwanderer haben fragmentierte Gesellschaften geschaffen, sondern Multikulti. Wir sollten das Thema Einwanderung gesondert behandeln.