31.03.2014

Die Feinde der freien Rede

Essay von Kenan Malik

Wie hat sich die Bedeutung der Meinungsfreiheit seit der Rushdie-Affäre bis zum dänischen Karikaturenstreit gewandelt? Für viele in der westlichen Welt gilt die freie Meinungsäußerung zunehmend als bedrohlich.

„Ich bin auf jeden Fall ein Fundamentalist der Meinungsfreiheit geworden“, sagt Flemming Rose. Eigentlich sollte das niemanden überraschen. Immerhin war es Rose, der 2005 den Karikaturenstreit in Dänemark als Kulturredakteur der Zeitung Jyllands-Posten mit entfachte. Rose griff den Fall des Kinderbuchautors Kåre Bluitgen auf, der für sein Buch über den Islam keine Illustratoren fand. Alle von Bluitgen kontaktierten Illustratoren befürchteten, wie Theo van Gogh zu enden, der niederländische Filmemacher, der auf den Straßen von Amsterdam von einem über seine anti-islamischen Filme empörten Moslem rituell hingerichtet wurde. Rose wollte sehen, so sagte er, „wie tief diese Selbstzensur in der dänischen Öffentlichkeit verankert war“. Also stellte er die dänischen Karikaturisten mit dem folgenden Angebot auf die Probe: Zeichnet eine Karikatur des Propheten Mohammed und wir werden eine Auswahl in der Jyllands-Posten veröffentlichen.

Rose kontaktierte 42 Karikaturisten, von denen zwölf die Herausforderung annahmen. Ihre Karikaturen, unter ihnen auch Kurt Westergaards berüchtigte Zeichnung des Propheten mit einem Turban in Form einer Bombe, wurden am 30. September 2005 in der Jyllands-Posten abgedruckt. „Die moderne säkulare Gesellschaft“, schrieb Rose in einem Kommentar, „wird von einigen Muslimen abgelehnt. Sie fordern eine besondere Behandlung und beharren auf der speziellen Berücksichtigung ihrer religiösen Gefühle. Das ist mit der heutigen Demokratie und der Freiheit der Meinungsäußerung nicht vereinbar, denn hier muss man auch Beleidigungen, Hohn und Spott ertragen können.“

Roses Kritiker betrachteten die Veröffentlichung der Karikaturen und die Provokation einer Reaktion der Muslime als unverantwortlich, ja sogar rassistisch. Für sie war Rose schon immer ein „Fundamentalist der Meinungsfreiheit“, und zwar im negativen Sinne. Aber das stimmt nicht, wie Rose mir erzählte. Er publizierte die Karikaturen, weil er an die freie Meinungsäußerung glaubte, aber ein tieferes Verständnis von dem Thema hatte er nicht. Erst der Streit selbst brachte ihn dazu, über die tiefere Bedeutung der Freiheit der Meinungsäußerung nachzudenken und viele seiner bisherigen Vorstellungen zu hinterfragen.

Die satanischen Verse: Neue Debatte, neue Formen von Gewalt

Die heutige Debatte um die Meinungsfreiheit wurde im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte von zwei elementaren Konfrontationen geprägt. Die erste war die Affäre um Salman Rushdie, die zweite die Kontroverse um die dänischen Karikaturen. Die Debatte um Die satanischen Verse markierte einen kulturellen und politischen Wendepunkt, einen Sturm durch den viele der Aspekte, die inzwischen zu den bestimmenden Problemen unseres Zeitalters geworden waren, erstmals ins öffentliche Bewusstsein traten – das Wesen des Islam und dessen Beziehung zum Westen, die Bedeutung des Multikulturalismus, die Angst vor Terrorismus, die Grenzen der Toleranz in einer freien Gesellschaft, die Rahmen der Meinungsfreiheit in einer pluralistischen Welt und so weiter.

„Wenn die Debatte über Die satanischen Verse bereits einen Ausblick auf die weitere Entwicklung der Welt gegeben hatte, so hat die Aufregung um die dänischen Karikaturen aufgedeckt, wie die Welt mittlerweile tatsächlich geworden ist.“

Wenn die Debatte über Die satanischen Verse bereits einen Ausblick auf die weitere Entwicklung der Welt gegeben hatte, so hat die Aufregung um die dänischen Karikaturen aufgedeckt, wie die Welt mittlerweile tatsächlich geworden ist. „Der Kontext war sehr differenziert“, sagt Rose über die beiden Diskussionen. „Ich habe die Rushdie-Affäre verfolgt, aber damals war es vor allem der Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa, der die Welt bewegte.“ Die heutige „Debatte über Einwanderung, Integration und Vielfalt“ ist etwas völlig anderes als diejenige von 1989, „und sie ist viel komplexer“.

Aber der größte Unterschied zwischen der Rushdie-Affäre und der Kontroverse um die Karikaturen liegt möglicherweise weniger im Kontext als in den Einstellungen, speziell in den Einstellungen linksliberaler Intellektueller zur Meinungsfreiheit und der Vorstellung, man könnte Verärgerung erregen. 1989 gab es viele Unstimmigkeiten zwischen Politikern und Intellektuellen, aber mit Ausnahme von ein oder zwei Personen, wie etwa John le Carré, der darauf hinwies, dass „es kein Gesetz im Leben oder in der Natur gibt, das besagt, dass große Religionen ungestraft beleidigt werden dürfen“, und Germaine Greer, die angeblich gesagt haben soll, dass „das Gefängnis ein guter Platz für Schriftsteller ist“, wurde Rushdies Recht auf Veröffentlichung seines Werks von niemandem angezweifelt. Bezüglich der dänischen Karikaturen gab es kaum Uneinigkeit. Vorherrschend war fast ausschließlich die Annahme, Jyllands-Posten sei im Unrecht gewesen, und das gelte in noch stärkerem Maße für diejenigen Zeitungen, die die Karikaturen erneut veröffentlicht hatten. Viele Beobachter bestanden darauf, Schriftsteller und Künstler seien zur Rücksichtnahme auf religiöse Empfindlichkeiten verpflichtet und dürften niemanden kränken oder verletzen.

„Viele Beobachter bestanden darauf, Schriftsteller und Künstler seien zur Rücksichtnahme auf religiöse Empfindlichkeiten verpflichtet und dürften niemanden kränken oder verletzen.“

„Ich verstehe ihre Besorgnis“, sagte Louise Arbour, UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, zu Delegierten auf einer Veranstaltung des Gipfeltreffens der Islamischen Konferenz in Mekka im Jahr 2005, „und ich möchte betonen, dass ich jede Äußerung oder Handlung, die den Eindruck eines Mangels an Respekt gegenüber anderen Religionen erwecken könnte, bedauere.“ Die Europäische Union äußerte ebenfalls ihr „Bedauern“ über die Veröffentlichung der Karikaturen. „Solche Art von Zeichnungen können die wachsende Islamphobie in Europa fördern“, behauptete Franco Frattini, EU-Kommissar für Justiz, Freiheit und Sicherheit. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton verurteilte „diese abscheulichen Karikaturen gegen den Islam“ und fürchtete, dass antisemitische Vorurteile durch antiislamische Vorurteile ersetzt worden seien.

Die Unterschiede auf der Einstellungsebene verraten, wie sich das Landschaftsbild freier Meinungsäußerung gewandelt hat. Peter Mayer war zur Zeit der Fatwa Geschäftsführer bei Penguin, Rushdies Herausgeber. In einem für mein Buch From Fatwa to Jihad gegebenen Interview äußerte er sich öffentlich über diese Ereignisse. Am frühen Morgen des Valentinstages 1989 erhielt Mayer einen Anruf von Patrick Wright, Penguins Verkaufsleiter in London. Ob er die Schlagzeilen über die Fatwa gesehen hätte, fragte ihn Wright. „Was ist eine Fatwa?“, fragte Mayer amüsiert. Nicht nur der Begriff der Fatwa war neu, sondern weder Mayer noch Penguin hatten die blasseste Vorstellung von den Problemen, die schon bald ihr Leben bestimmen würden. „So eine Diskussion hatten wir damals noch nie gehabt“, bemerkte Mayer. Heute gibt es eine endlose Kette von Diskussionen über Multikulturalismus, Rechte von Minderheiten und das Gesetz der Scharia. Damals nicht. Wir brauchten uns nie Gedanken über Meinungsfreiheit oder darüber machen, warum wir Verleger sind.“

Aber die Fatwa führte nicht nur zu einer neuen Art von Debatte, sondern auch zu einer neuen Form von Gewalt. Salman Rushdie war gezwungen, sich für fast zehn Jahre zu verstecken. Übersetzer und Herausgeber wurden angegriffen und sogar ermordet. Im Juli 1991 wurde Hitoshi Igarashi, ein japanischer Literaturprofessor und Übersetzer der Satanischen Verse, auf dem Campus der Tsukuba Universität erstochen. Im selben Monat wurde Ettore Capriolo, ein anderer Übersetzer von Rushdies Roman, in seiner Wohnung in Milano zusammengeschlagen und mit Messerstichen verletzt. Im Oktober 1993 schoss man dreimal auf den norwegischen Herausgeber der Satanischen Verse, William Nygaard, und ließ ihn halb tot vor seinem Haus in Oslo liegen. Auf Buchläden, die den Roman auf Lager hatten, wurden Bombenattentate verübt.

Meyer selbst wurde Opfer einer bösartigen Kampagne des Hasses und der Einschüchterung. „Mir wurden Briefe zugestellt, die mit Blut geschrieben wurden“, erinnert er sich. „Ich bekam mitten in der Nacht Anrufe, wo nichts gesagt wurde, außer, dass sie mich töten und meine Tochter entführen und ihren Kopf an einer Betonwand zertrümmern würden. Abscheuliche Dinge.“

Die Verteidigung der Meinungsfreiheit: eine unbedingte Pflicht

Und trotzdem hatten bisher weder Mayer noch Penguin einen Rückzieher gemacht. „Ich sagte zum Gremium‚ ihr müsst das langfristig betrachten. Wenn wir jetzt nachgeben, wird das Einzelne oder Gruppen, die sich aus irgendwelchen Gründen durch von uns veröffentlichte Bücher beleidigt sehen, nur darin bestärken, weitere terroristische Angriffe zu führen.“ Mayer und seine Kollegen begriffen, dass „das, was sie jetzt tun würden viel mehr als nur das Schicksal dieses einen Buches beeinflussen würde. Unsere Reaktion auf die Kontroverse um die Satanischen Verse würde sich auf die Zukunft der freien Forschung auswirken, ohne die es künftig weder ein Verlagswesen noch eine Zivilgesellschaft wie wir sie kennen geben könnte. Wir waren uns einig, alles, was wir als Einzelne oder als Gruppe tun könnten, war, an den unserem Berufsethos zugrunde liegenden Prinzipien festzuhalten, die ihm seit der Erfindung des Buchdrucks den Respekt gesichert hatten. Wir waren Verleger. Ich dachte, dass das etwas bedeutete. Wir dachten das alle.“

Auch Nygaard war entschlossen, nicht aufzugeben. Er verbrachte Wochen im Krankenhaus, gefolgt von einer monatelangen Reha. Es dauerte zwei Jahre bis er Arme und Beine wieder komplett bewegen konnte. „Journalisten fragten mich immer wieder, ob ich aufhören würde, Die satanischen Verse zu publizieren?“, erzählte er mir im Interview. „Ich sagte, mit Sicherheit nicht.“

„Mayer und Nygaard lebten in einer Welt, in der die Verteidigung der freien Meinungsäußerung ein über jeden Zweifel erhabener Auftrag war. Aber diese Welt gibt es nicht mehr.“

Mayer und Nygaard lebten in einer Welt, in der die Verteidigung der freien Meinungsäußerung ein über jeden Zweifel erhabener Auftrag war. Aber diese Welt gibt es nicht mehr, sie wurde zum Teil im Nachklang der Rushdie-Affäre fortgeschwemmt. In der Welt, der Mayer und Nygaard angehörten, wurde die Meinungsfreiheit als rechtmäßiges Gut angesehen, als die unbedingte Voraussetzung für Aufklärung, Wahrheit, moralische Autonomie, für Sicherung des gesellschaftlichen Fortschritts und die Entwicklung aller anderen Freiheiten. Natürlich war die traditionell liberale Verteidigung der Meinungsfreiheit immer auch scheinheilig. So brachten die Verteidiger der Meinungsfreiheit doch andererseits auch immer wieder zahllose Verunglimpfungen vor – sei es mit dem Hinweis auf Aufhetzung, Bedrohungen der nationalen Sicherheit, Blasphemie oder Verleumdung –, um die Verbreitung vermeintlich besonders anstößiger Meinungen einzugrenzen. Aber auch wenn die liberale Argumentation mitunter heuchlerisch war und irgendwo wohl auch eine Grenze gezogen werden musste, so bestand doch der Konsens, dass die freie Meinungsäußerung wirklich wichtig war und deren Beschränkung eher die Ausnahme bleiben sollte.

Zur Zeit des Karikaturenstreits in Dänemark galt die freie Meinungsäußerung gleichermaßen als Gefahr für die Freiheit und als deren Schutzschild. Ihrem Wesen nach würde die Meinungsfreiheit, wie viele nun argumentierten, Grundrechte verletzen. Sie war nun kein echtes Gut mehr, dafür aber durchaus ein Problem, denn Meinungsäußerung führe zwangsläufig zu Kränkung und Verletzung. Daher musste sie gezügelt werden, und zwar nicht nur in Ausnahmefällen, sondern immer und überall – besonders in heterogenen Gesellschaften mit den verschiedensten tief verankerten Ansichten und Glaubensrichtungen. Zensur und Selbstzensur wurden zur Norm.

Wir leben in einer Welt, so das geläufige Argument, in der tiefgreifende Konflikte zwischen den Kulturen unterschiedliche Werte ausdrücken. Damit solche facettenreichen Gesellschaften funktionieren können und gerecht sind, müssten wir anderen Menschen, Kulturen und Blickwinkeln gegenüber Respekt zeigen. Soziale Gerechtigkeit erfordere nicht nur, dass Individuen als politisch Gleichgestellte behandelt werden, sondern auch, dass ihren kulturellen Überzeugungen gleichermaßen Anerkennung und Respekt gezollt wird. So ist es dazu gekommen, dass die Vermeidung von Widerspruch gegen irgendwelche kulturellen Gepflogenheiten für wichtiger gehalten wird als das selbstverständliche Recht der freien Meinungsäußerung. So schreibt der britische Soziologe Tariq Modood: „Wenn Personen konfliktfrei im selben politischen Raum leben sollen, müssen sie in gegenseitigem Einverständnis das Ausmaß der an den jeweils anderen geübten grundsätzlichen Kritik einschränken.“ Oder, wie es der muslimische Philosoph und Sprecher des Bradford-Rates der Moscheen Shabbir Akhtar auf dem Höhepunkt der Rushdie-Affäre fordert: „Selbstzensur ist eine sinnvolle Forderung in einer Welt voller vielfältiger und leidenschaftlicher Überzeugungen. Was Rushdie über den Islam veröffentlicht, ist nicht allein seine Angelegenheit. Das geht jeden – und nicht zuletzt jeden Moslem – etwas an.“

In seiner Beschreibung der Umgestaltung der Toleranz hat Rose diese Transformation gut eingefangen. Toleranz, so erzählte mir Rose, sollte „die Fähigkeit sein, offen zu sein, Dinge, die man nicht mag, zu akzeptieren und mit dem, was man geschmacklos findet, zu leben.“ Aber dieses Konzept wurde in den letzten Jahren „auf den Kopf gestellt.“ Toleranz ist, seiner Ansicht nach, heute „nicht mehr die Fähigkeit, Dinge, die uns nicht kümmern, zu tolerieren, sondern eher die Fähigkeit, still zu schweigen und davon abzusehen, Dinge zu sagen, die andere Leute vielleicht nicht hören wollen. Die Jyllands-Posten wurde dafür kritisiert, intolerant zu sein. Anscheinend wird Toleranz mittlerweile also eher von dem erwartet, der spricht, die Karikatur zeichnet oder den Roman schreibt, als von demjenigen, der zuhört, sich die Karikatur ansieht oder den Roman liest. Daher sage ich, der Begriff der Toleranz ist auf den Kopf gestellt worden.“

Toleranz meinte einmal, mit anderen Worten, die Akzeptanz von Vielfalt und Unterschieden. Heutzutage bedeutet sie das genaue Gegenteil: die Weigerung, Vielfalt und Unterschiede zu akzeptieren, das Beharren darauf, dass andere meinen Ansichten darüber, was akzeptabel und nicht akzeptabel ist, folgen. Sobald jede Gruppe darauf besteht, dass andere Gruppen ihre Grenzen respektieren müssen, muss jede soziale Konversation über einen Stacheldrahtzaun der „Toleranz“ hinweg geführt werden.

Das Recht, nicht gekränkt zu werden

Nirgendwo ist diese Entwicklung deutlicher zu erkennen als in Indien. Dort gibt es eine lange Geschichte der Anwendung strenger Zensur, angeblich, um angespannte Beziehungen zwischen verschiedenen Gemeinschaften zu erleichtern, ein Prozess, der sich in den letzten Jahrzehnten erheblich intensiviert hat. Die Zensur hat jedoch nicht zu einer friedlicheren Gesellschaft geführt, sondern zu einer, in der das Gefühl einer gemeinsamen Nation zunehmend zu einem der konfessionsgebundenen Rivalitäten verkommen ist, und wo jede Gruppe auf ihr Recht pocht, nicht beleidigt zu werden. Die Kontroverse über die Satanischen Verse war ein klassisches Beispiel hierfür. 1988 knickten die Behörden unter dem islamischen Druck ein und verboten Rushdies Roman. Dies habe nicht nur die Muslime dazu ermutigt, weiterhin Zensur zu fordern, mutmaßt Rose, sondern auch andere Gruppen dazu animiert, ihrem Beispiel zu folgen. Die Hindus, sagt er, hatten von den Muslimen gelernt. Da die indische Regierung den Moslems nachgegeben hatte, meldeten sich daraufhin die Hindus und sagten: „Uns soll in gleicher Weise nachgegeben werden. Wir wollen ebenfalls alles, was uns missfällt, verboten sehen.“ Hat man einmal eingelenkt, gibt es also kein Halten mehr.

„Die Hindus sagten: ‚Uns soll in gleicher Weise nachgegeben werden. Wir wollen ebenfalls alles, was uns missfällt, verboten sehen.‘“

Eine Woche nachdem ich Rose interviewt hatte, kam es zu verschiedenen Ereignissen, die seine Beobachtungen perfekt veranschaulichten. Salman Rushdie sollte auf dem Jaipur Literatur Festival einen Vortrag über seinen preisgekrönten Roman Mitternachtskinder halten, dessen Verfilmung im Laufe des Jahres veröffentlicht werden sollte. Muslimische Aktivisten riefen Drohungen aus. Anstatt den Einschüchterungen entgegen zu treten, lenkten sowohl lokale als auch staatliche Regierungen ein und übten Druck auf die Organisatoren des Festivals aus, um Rushdie fernzuhalten. Die Organisatoren gaben wiederum nach und disqualifizierten vier Autoren, Hari Kunzru Amitava Kumar, Jeet Thayil und Rushir Joshi, alles Redner auf dem Festival, die Solidarität mit Rushdie gezeigt hatten, indem sie aus den Satanischen Versen vorlasen. Es war, wie die Veranstalter behaupteten, „eine unnötige Provokation“, und sie drohten, gegenüber solchem Verhalten würden „alle notwendigen Maßnahmen“ ergriffen. Ermutigt durch dieses Zeugnis der Schwäche drängten muslimische Aktivisten weiter vor und brachten die Veranstalter dazu, auch von späteren Plänen abzusehen, denen zufolge Rushdie über eine Videobotschaft hätte sprechen sollen.

Als nächstes waren die Hindus an der Reihe. Eine Woche nachdem Islamisten Rushdie von Jaipur ferngehalten hatten, drängten hinduistische Aktivisten die Symbiosis Universität in Pune dazu, eine Vorstellung von Jashn-e-Azadi, einem neuen Film über Kaschmir, abzusagen, da er „anti-indisch“ sei, und ein dreitägiges Seminar zu diesem Thema zu verbieten. Wenn die Muslime für sie anstößige Inhalte abschaffen konnten, dann können sie das auch, beharrten die hinduistischen Aktivisten.

In der darauffolgenden Woche nahmen dann die Sikh das Zepter an sich. Der amerikanische Komiker Jay Leno mutmaßte, dass der amerikanische Präsidentschafts-Kandidat Mitt Romney so reich sei, dass er den Goldenen Tempel in Amritsar als seine Sommerresidenz mieten könne. Das Shiromani Gurdwara Parbanhak-Komitee, das sogenannte Sikh-Parlament Indiens, initiierte eine Demonstration vor der US-Botschaft in Delhi und rief zu einem weltweiten Protest über diese unerträgliche Verunglimpfung auf. Ein Sikh reichte bei den amerikanischen Gerichten eine Klage gegen Leno ein, wegen „Bloßstellung der Sikh und ihrer Religion durch Hass, Verachtung, Spott und Schande“.

„Wer einen Marktplatz der Entrüstung errichtet“, wie die Autorin Monica Ali anschaulich schreibt, „muss auch damit rechnen, dass ihn jeder betritt. Jeder möchte nun sagen: ‚Meine Gefühle werden mehr verletzt, als deine‘“. Die Forderung, niemand solle Anstoß erregen, hat nicht nur keine konfliktfreiere, sondern im Gegenteil eine konfessionsgebundenere, fragmentiertere und stammesgebundenere Welt geschaffen.

„Die Forderung, niemand solle Anstoß erregen, hat nicht nur keine konfliktfreiere, sondern im Gegenteil eine konfessionsgebundenere, fragmentiertere und stammesgebundenere Welt geschaffen.“

Toleranz, so wie Rose sie definiert, kann keine Einbahnstraße sein. Wenn, wie er behauptet, Muslime das Recht anderer, sich blasphemisch zu äußern oder andere zu verärgern, akzeptieren müssten, würden die anderen sicherlich auch das Recht der Muslime darauf akzeptieren, dasselbe zu tun. Tatsächlich ist jedoch das genaue Gegenteil eingetreten. Hand in Hand mit der Kriminalisierung von Kritik und Verspottung des Islam ging die Kriminalisierung abweichender islamischen Meinungen einher. Islamische Prediger, wie Abu Hamza, dessen aufwieglerische Predigten in der Finsbury Park Moschee im Norden von London die Bombenattentäter des 7. Juli 2005 beeinflusst haben sollen, und Abu Izzadeen, der dabei gefilmt wurde, wie er den Jihad als „Pflicht eines jeden Muslim“ bezeichnete, wurden wegen der Unangemessenheit ihrer Predigten zu langen Haftstrafen verurteilt. Am bizarrsten war die Verhandlung und Verurteilung (welche im Anschluss im Berufungsverfahren aufgehoben wurde) von Samina Malik, einer 23-jährigen Fanatikerin aus West-London, die vom Jihad träumte und als die „lyrische Terroristin“ grauenhafte Gedichte schrieb, einschließlich solch unvergesslicher Verse wie: „Lasst uns den Jihad beginnen / Bewegt euch an die Front / Um den ungläubigen Schweinen die Köpfe abzuhacken.“

Rose hat eingesehen, dass er zu jener Zeit, als er die Karikaturen erstmals veröffentlichte, wahrscheinlich auch auf die Inhaftierung von Hamza, Izzadeen und Malik hätte hinweisen müssen. Was die Kontroverse um die Karikaturen ihn gelehrt hatte, war, dass Muslime dasselbe Recht hätten, ihn zu beleidigen und seinen Glauben zu beschimpfen, wie er den ihren. Er sei, wie er meint, „definitiv ein Fundamentalist der freien Meinungsäußerung“ geworden. Wo würde er also heutzutage die Grenze ziehen, wenn es um Meinungsfreiheit geht? „Bei der Anstiftung zur Gewalt“, antwortet Rose, „Anstiftung zur Gewalt im Sinne des ersten Verfassungszusatzes. Es muss eine klare und gegenwärtige Gefahr zu erkennen sein, dass den Worten in kurzer Zeit Gewalt folgen wird.

Der Krieg gegen Terror und bürgerliche Freiheiten

Im Jahr 2006 versammelten sich ungefähr 300 Muslime vor der dänischen Botschaft in London, um gegen die Karikaturen zu protestieren. Vier der Demonstranten wurden zu Haftstrafen von vier bis sechs Jahren verurteilt, da sie Parolen wie „Vernichtet jene, die den Islam beleidigen“, „Bombardiert, bombardiert Dänemark. Bombardiert, bombardiert die USA“ oder „Europa, du wirst mit deinem Blut bezahlen“ geäußert hatten. Hatten sie ein Verbrechen begangen? Nein, sagt Rose. „Es bestand keine klare und gegenwärtige Gefahr, dass jenen Worten auch Taten folgen würden.“ Mit anderen Worten wurden die Demonstranten weniger für ihre schlechten Taten als für ihre schlechten Gedanken inhaftiert.

Die Inhaftierung der radikalen Prediger und der Demonstranten gegen die Karikaturen hat zum Aufschrei der „Islamphobie“ geführt. Viele behaupten, die westlichen Regierungen hätten die Muslime jetzt vorsätzlich für ihre inakzeptablen Gedanken auf dem Kieker. Aber viele von denen, die jetzt „Foul“ rufen, haben solchen Aktionen selbst den Weg bereitet. Es ist wahr, dass der Kampf gegen den Terror im Laufe des letzten Jahrzehnts einen Vorwand dafür geliefert hat, härtere Beschränkungen der bürgerlichen Freiheiten durchzusetzen. Es wäre falsch, die Schuld an dieser Beschränkung der freien Meinungsäußerung einfach auf die „Islamphobie“ abzuwälzen. Die öffentliche Verwaltung war nur durch die Nutzung einer bereits bestehenden Kultur der Zensur dazu im Stande, abweichende islamische Meinungen einzugrenzen – und diese Kultur ist durch die Kampagne gegen anstößige, blasphemische und aufhetzende Rede geschaffen worden. Westliche Regierungen sind von der Idee besessen, dass es falsch ist, Anstoß zu erregen, und verwandeln sie in eine Waffe sowohl gegen radikale Islamisten als auch gegen die Islamkritiker. Die Moral von der Geschichte ist, dass man vorsichtig sein sollte, was man sich wünscht. Wenn wir den Staat einladen, die Grenzen zulässiger Meinungsäußerung zu definieren, sollten wir uns nicht wundern, wenn nicht nur jene Meinungen eingeschränkt werden, die uns nicht in den Kram passen.

„Wenn wir den Staat einladen, die Grenzen zulässiger Meinungsäußerung zu definieren, sollten wir uns nicht wundern, wenn nicht nur jene Meinungen eingeschränkt werden, die uns nicht in den Kram passen.“

Kritiker der Jyllands-Posten entgegnen, dass die Debatte um die Karikaturen wenig mit freier Meinungsäußerung zu tun hat. Es ginge nur darum, Muslime in Visier zu nehmen. Es ist wahr, dass Jyllands-Posten, wie die Kritiker aufführen, ein konservatives Blatt ist, oftmals feindselig gegenüber Einwanderung und besessen von der Bedrohung des Islam. Aber das ist ein Argument gegen seine politische Position, nicht gegen sein Recht, Karikaturen zu veröffentlichen, die einige als anstößig oder blasphemisch ansehen könnten. Letzten Endes haben nicht nur diejenigen mit den netten und liberalen Ansichten das Recht zur freien Meinungsäußerung, obwohl immer mehr Leute zu der Überzeugung zu kommen scheinen, dass das so sein sollte.

Sachlicher ist wohl der Vorwurf, bei der Jyllands-Posten sei eine Doppelmoral erkennbar, womit sie letztlich weit davon entfernt sind, ein Verteidiger freier Meinungsäußerung zu sein. Im Jahr 2003 hatte die Zeitung es abgelehnt, Cartoons des Karikaturisten Christoffer Zieler zu veröffentlichen, welche Jesus zeigten. „Ich glaube nicht, dass die Leser der Jyllands-Posten über die Zeichnungen erfreut sein dürften“, schrieb der Redakteur Carsten Juste an Zieler. „Tatsächlich denke ich, dass sie einen Aufschrei provozieren werden.“

Rose weist den Vorwurf der Doppelmoral zurück. Die Zeichnungen seien, wie er mir erzählte, abgelehnt worden, weil sie „von schlechter Qualität“ waren, aber der Redakteur „hätte den Fehler gemacht, es dem Künstler nicht direkt mitzuteilen“, sondern „ seine Arbeiten mit dem Verweis auf die mögliche Verärgerung der Leserschaft zurückgewiesen.“ Jyllands-Posten, so meint er, habe oft Zeichnungen veröffentlicht, die für Christen und Juden anstößig waren, inklusive der von Kurt Westergaard. Einer der Karikaturen von Westergaard stellt Jesus am Kreuz mit Dollar-Zeichen in seinen Augen dar; ein anderer zeigt einen unterernährten Palästinenser, verfangen in einem Stacheldrahtzaun in der Form des Davidsterns. „Wir greifen die Muslime nicht mehr oder weniger an, als wir das auch mit allen anderen tun.“

Eine lange Geschichte der Scheinheiligkeit

Was immer man auch von dieser Verteidigung halten mag – und ich bin von ihr nach wie vor nicht überzeugt –, insgesamt lässt sich die lange Geschichte liberaler Scheinheiligkeit bei der freien Meinungsäußerung nicht verleugnen. John Milton, dessen Aeropagitica, seine berühmte „ Rede für die Freiheit des nicht lizensierten Druckens“ aus dem Jahr 1644, noch heute zu Recht als eine der größten Verteidigungen der freien Meinungsäußerung betrachtet wird, lehnte die Ausweitung von Freiheiten für Katholiken ab. John Locke, auf dessen Arbeit die philosophische Grundlage des Liberalismus ruht, und dessen Brief über die Toleranz ein Schlüsseldokument in der Entwicklung von modernen liberalen Ideen über die Freiheit der Meinungsäußerung und der Religion ist, zieht der Ausbreitung der Freiheiten und Rechte von Katholiken und Atheisten eine Grenze. „Es sollen keine Meinungen toleriert werden, die der menschlichen Gesellschaft oder den moralischen Regeln zuwiderlaufen, die zur Erhaltung der Zivilgesellschaft notwendig sind.“

Viele der heutigen Verteidiger der Meinungsfreiheit würden ebenso den Moslems Grenzen aufzeichnen, oftmals aus denselben Gründen. Von Geert Wilders Kampagne für das gesetzliche Verbot des Koran, über Ayaan Hirsi Alis Unterstützung für das Schweizer Minarettverbot bis hin zu Martin Amis „Gedankenexperiment“ darüber, „wie die muslimische Gemeinde leiden wird, bis sie ihre Sache in Ordnung gebracht hat“, Scheinheiligkeit und Doppelmoral grassieren in den heutigen Debatten um Freiheit und Rechte. Solche Doppelmoral kann natürlich beidseitig auftreten. Während einige abgeneigt sind, die Grundrechte auf die Muslime auszuweiten, oder Muslime zu Standards anzuhalten, die von Nicht-Moslems nicht erwartet werden, sind andere demgegenüber glücklich damit, das Christentum oder den Konservatismus oder den Kommunismus in einer Weise zu kritisieren oder zu verhöhnen, wie sie es sich beim Islam nicht einmal träumen ließen.

„Hätten wir annehmen sollen, der beste Weg ihrer antikatholischen Bigotterie zu begegnen, wäre es gewesen, die Beschränkungen, die sich Milton und Locke für die Katholiken wünschten, allen aufzuerlegen?“

Jeglicher Doppelmoral muss entgegengewirkt werden, nicht durch die Ausweitung von Beschränkungen, aber durch die Ausweitung von Freiheiten, durch die Sicherstellung, dass eben nicht nur alle gleichermaßen der Freiheiten beraubt sind, sondern, dass alle gleichermaßen durch sie geschützt werden. Um zu verstehen, wie wir heute mit dieser Doppelmoral umgehen sollten, müssen wir uns nur selbst fragen, wie wir im Zeitalter von Milton und Locke hätten reagieren müssen. Hätten wir annehmen sollen, der beste Weg ihrer antikatholischen Bigotterie zu begegnen, wäre es gewesen, die Beschränkungen, die sich Milton und Locke für die Katholiken wünschten, allen aufzuerlegen? Oder hätten wir vielleicht doch eher die Beschränkungen für Katholiken für falsch erklären und uns dafür aussprechen sollen, dass alle dieselben Freiheiten verdienen? Nach vier Jahrhunderten und reich an später Einsicht, ist für die meisten Menschen die Antwort völlig klar. Es sollte gleichermaßen heute so sein, als Antwort auf die Meinungsfreiheit und die Scheinheiligkeit antimuslimischer Vorurteile.

Vorurteile zeigen sich nicht nur in der Doppelmoral, sondern auch in einem verdrehten Bild der „Anderen“. Im Fall der Jyllands-Posten hat die Zeitung die Karikaturen genutzt, um mit geschmacklosen Klischeevorstellungen von Muslimen zu spielen, und gleichzeitig die Idee gefördert, die Ansichten radikaler Moslems würden die Ansichten aller Moslems repräsentieren.

Die Publikation der Karikaturen verursachte keine unmittelbaren Reaktionen, noch nicht einmal in Dänemark. Erst als Journalisten, enttäuscht über das Ausbleiben einer Debatte, eine Reihe von Imamen hinsichtlich ihrer Reaktion kontaktierten, erkannten die Islamisten die Gelegenheit, die sich ihnen nicht nur auf Grund der Karikaturen selbst bot, sondern auch durch die Sensibilität der dänischen Gesellschaft selbst.

Unter denen, die als erste kontaktiert wurden, befand sich der umstrittene Kleriker Ahmed Abu Laban, berühmtberüchtigt für seine Unterstützung von Osama bin Laden und die Anschläge des 11. Septembers. Er nutzte die Karikaturen, um sich selbst als Sprecher der dänischen Muslime darzustellen. Seine Islamische Gemeinde war eng mit der Muslimischen Bruderschaft verbunden, hatte aber wenig Unterstützung unter den dänischen Muslimen. Dänemarks Muslime, so betont die Soziologin Jytte Klausen, „sind zum großen Teil politisch harmonisch und neigen nicht dazu, islamische Radikale und Extremisten zu unterstützen.“ Aber, so Klausen in „The Cartoons that Shook the World“, ihrer akademischen Studie über die Debatte, Jyllands-Postens „Attacke auf die ‚bösen Mullahs‘ würde alle dänischen Muslime klischeehaft als radikale Extremisten darstellen.

Rose erkennt an, dass genau das passiert ist. „Ich denke, es war ein Fehler“, sagt er, „ein Fehler, der nicht nur von Jyllands-Posten begangen wurde, sondern ein Fehler, der allgemein von den Medien begangen wurde, dass man jedes Mal, wenn man die Stimme eines Muslimen hören wollte, einen der radikalen Imame präsentiert hat. Das verstärkt das Wir-gegen-die-Gefühl.“

„Jedes Mal, wenn man die Stimme eines Muslimen hören wollte, hat man einen der radikalen Imame präsentiert. Das verstärkt das Wir-gegen-die-Gefühl.“

Die Idee von einem „Kampf der Kulturen“ zwischen dem Islam und dem Westen, einer Idee, der erstmals durch den amerikanischen Politologen Samuel Huntington ein Jahrzehnt vor dem 11. September Popularität verschafft wurde, betrachten viele als für die nächsten zehn Jahre bestimmend. Aber es sind nicht nur die Konservativen oder diejenigen die den Islam ablehnen, die die Welt inzwischen auf diese Weise betrachten. Einige der härtesten Kritiker der „Kampf der Kulturen“-These sowie einige der schärfsten Widersacher von Jyllands-Posten haben selbst dazu beigetragen, die Idee von einer in unvereinbare Kulturkreise aufgespaltenen Welt voranzutreiben.

Viele dänische Muslime haben sich über die Veröffentlichung der Karikaturen gefreut. Bunyamin Semsek war ein Mitglied des Stadtrates der Stadt Aarhus. Er war religiös – er besucht die Moschee, trinkt nicht, isst kein Schweinefleisch und fastet während des Ramadans. Aber er war auch weltoffen. „Es gibt“, wie er behauptete, „eine große Anzahl von Muslimen in dieser Stadt, die in einer weltoffenen Gesellschaft leben wollen, und die an dem Grundsatz festhalten, dass die Religion eine Angelegenheit zwischen ihnen und Gott ist und dass die Gesellschaft sich damit nicht zu befassen braucht.“ Erschreckt über die Tatsache, dass Raed Hlayhel und Ahmed Abu Laban als authentische Sprecher der muslimischen Interessen wahrgenommen wurden, gründete Simsek ein Netzwerk von Muslimen, die sich den Islamisten entgegenstellten und halfen dabei, eine Gegendemonstration zur Karikaturen-Protestaktion zu organisieren. „Wir wollten zeigen, dass nicht alle dänischen Muslime Islamisten sind“, führte er an. „Tatsächlich sind es nur die Wenigsten. Aber letztlich wird nur den Islamisten, wie Raed Hlayel und Abu Laban, Gehör geschenkt.“

Stimmen wie Simseks hört man kaum in den Medien, da sie nicht zur typischen Erzählung über Muslime passen, eine Erzählweise, die sowohl von den Konservativen als auch von den Liberalen, von den Freunden gleichermaßen wie von den Feinden des Islam, gefördert wurde. Der dänische Parlamentsabgeordnete Nasser Kader, der wie Simsek ein Kritiker der Antikarikaturen-Proteste ist, erzählt von einer Unterhaltung mit Toger Seidenfaden, einem Redakteur der linken Zeitung Politiken, die ein harter Kritiker der Jyllands-Posten und der Publikation der Karikaturen ist. „Er sagte mir, die Karikaturen hätten alle Muslime beleidigt“, entsinnt sich Khader. „Ich habe mich nicht beleidigt gefühlt“. Daraufhin meinte Seidenfaden: „Aber du bist auch kein richtiger Moslem.“

Für links und rechts, für liberal und konservativ, für alle hieß ein echter Moslem zu sein, sich von den Karikaturen beleidigt zu fühlen. Die Authentizität eines Muslims wurde alsbald so definiert, dass nur noch Personen wie Abu Laban als echte Vertreter der Muslime angesehen werden. Bunyamin Simsek und Nasser Kader – und auch Salman Rushdie – gelten als zu westlich, weltoffen und fortschrittlich, um ihrer Gemeinde wirklich zu entsprechen. Weil nur eine Seite der Kontroverse als „authentisch“ angesehen wird, wobei es in Wirklichkeit allerdings eine Debatte innerhalb der Religionsgemeinschaft selbst gibt, wird dies als Beleidigung der ganzen Gemeinde angesehen. Dies gilt nicht nur für Muslime. Die Sikh-Protestanten, die dafür sorgten, dass Gurpreet Kaur Bhattis Stück Behzti im Jahr 2004, ein Jahr vor Veröffentlichung der Karikaturen, eingestellt wurde, wurden als „authentischere“ Sikh angesehen als Kaur Bhatti selbst. Und genauso verhielt es sich mit Juden, Christen, Hindus und einer Menge anderer Protestler, die in den letzten Jahren „Beleidigung!“ bei Filmen, Stücken, Büchern oder Kunstwerken schrien, die ihnen missfielen.

Beide Parteien haben in dieser Debatte über den Islam die Angelegenheit jeglicher Meinungsfreiheit beraubt und das Konzept der Freiheit so verbogen und deformiert, dass es nahezu bedeutungslos geworden ist. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die angeblich die Meinungsfreiheit verteidigen, aber nur unter Bezug auf die eigenen kulturellen Bedingungen, die ihnen aber als Waffe des Westens gegen den Islam dienen und als Mittel, um den Muslimen die Grundrechte abzuerkennen. Auf der anderen Seite befinden sich jene, die angeblich die Freiheiten und die Muslime verteidigen, aber dies nur durch Einschränkung der Meinungsfreiheit, also jene, die das wesentliche Mittel beschränken, das uns ermöglicht zu denken, zu debattieren, zu argumentieren, sprich: menschlich zu sein. Beide Seiten sind auf unterschiedliche Weise Feinde der Meinungsfreiheit, aber auch der Freiheit im Allgemeinen und des Wesens unserer Menschlichkeit. Sieben Jahre nach der Karikaturen-Krise, zwei Jahrzehnte nach der Affäre um Rushdie und 40 Jahre nach der Gründung von Index on Censorship ist es heute nicht nur unsere Aufgabe, die freie Meinungsäußerung zu verteidigen, sondern auch sie von den Fesseln der Unglaubwürdigkeit zu befreien.