24.06.2016

Die doofe Demokratie

Kommentar von Daniel Fallenstein

Titelbild

Foto: Fernando Butcher via Flickr / CC BY 2.0

Eine junge, urbane, gebildete Schicht ist mit dem Ergebnis der Brexit-Abstimmung nicht einverstanden. In ihren Reaktionen drückt sich eine tiefe Verachtung gegenüber einfachen Leuten aus.

Die Überraschung ist eigentlich keine. Die Mehrheit der abstimmenden Briten hat sich entschieden, die Europäische Union verlassen zu wollen. Nun schlägt die Stunde der fremdenfeindlichen Demokratieverächter. Jetzt schimpft eine junge, urbane, gebildete Elite mit tiefer Verachtung über die alten, ländlichen Briten, deren Lebenswelten sie nicht kennt. Eine Pegida von oben. Stern-Kolumnist Micky Beisenherz stellt sich an die Spitze des virtuellen Mobs, wenn er schreibt: „Demokratie ist eine feine Sache. Das Dumme daran ist nur, dass die Doofen mitmachen dürfen.“ Eine andere Meinung ist für Beisenherz und seinesgleichen also nicht einfach eine andere Meinung. Es ist die Meinung der „Doofen“, ihre Mitwirkung an politischen Entscheidungen ist „das Dumme“. Beliebt ist auch der Vorwurf, die älteren Semester vom Dorf hätten die Jüngeren in den Städten verraten.

„Gut, dass sich diese Demokratie- und Menschenverächter weiter aufregen müssen.“

Dieser ungefilterte Hass auf das Andere, das Fremde, ist nicht so verschieden von dem, was wir bei Pegida beobachten. Die Phänomene gleichen sich frappierend. Zunächst einmal gibt es Menschen, die zur Gesellschaft gehören. Mit allem, was dazugehört: Herausforderungen, Konflikte, Bereicherung und Miteinander. Aber eine Gruppe – eine Minderheit übrigens – regt sich über sie auf. Denn sie interessieren sich für andere Dinge, leben anders, glauben anders – essen anders! Der Hass ist auf sie ist dort am schlimmsten, wo man ihnen kaum begegnet. In diesem Fall sind es keine Überfremdung fürchtenden Sachsen. Es sind junge, weltoffene, akademisch gebildete Menschen, die denen da unten absprechen, zu uns zu passen. Ihnen ist nicht nur die Verachtung des Anderen gemeinsam. Sie gleichen sich auch in ihrem Hass auf bestehende Institutionen, die den anderen nützen. Die „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlands“ hassen das demokratische Parlament, den Bundestag, weil dort die „Falschen“ entscheiden. Die „Europäer gegen die Abwahl der Bürokratie“ hassen das demokratische Referendum, weil dort die „Falschen“ entschieden haben. Aber nicht nur in ihrer Demokratiefeindschaft gleichen sie sich. Beide Gruppen bestreiten, dass es sich bei ihren Hassobjekten um überwiegend vernünftige Menschen mit redlichen Motiven handelt. Gut, dass sich diese Demokratie- und Menschenverächter weiter aufregen müssen.