11.08.2017

Die „Don’t be evil“-Bürokratie

Kommentar von Johannes Richardt

Titelbild

Foto: Robbie Shade via Flickr / CC BY 2.0

Warum hat Google einen Mitarbeiter entlassen? War er zu „böse“ oder hat er einfach nicht richtig funktioniert?

Die Chefs des US-Tech-Giganten Google stellen höchste moralische Ansprüche an sich selbst und ihre Angestellten: „Don’t be evil“ („Nicht böse sein!“) ist nach wie vor das Motto des hauseigenen Verhaltenskodex – nicht mehr und nicht weniger. Jeder, vom einfachen Mitarbeiter bis zum Vorstand, hat sich dem Regelwerk unterzuordnen. Bis ins Detail wird dort festgehalten, was im Google-Universum OK und was, nun ja, eben böse ist.

Böse ist demnach wohl auch das Verhalten des Softwareentwicklers James Damore. In einem internen Memo hatte er dem Konzern vorgeworfen, bei bestimmten Themen eine „ideologische Echokammer“ zu bilden. Es sei bei Google nicht möglich, offen über das moralisch aufgeladene Thema Diversität (Vielfalt) zu sprechen. Jeder, der mit der Unternehmenspolitik bei Geschlechterfragen nicht einverstanden sei, werde als unmoralisch dargestellt. Das Dokument ging bei Google-Mitarbeitern viral. Wie zur Bestätigung seiner These wurde Damore kurz darauf entlassen.

Der Google-CEO Sundar Pichai warf Damore vor, mit „schädlichen Geschlechterstereotypen“ zu argumentieren. Seine Kritik entzündete sich vor allem an Damores These, wonach Frauen auf Grund ihrer Biologie nicht so gut für Berufe in der Technologiebranche geeignet sind, wie Männer. In verschiedenen Zeitungen, u.a. der Zeit, wurde der Vorwurf des Sexismus erhoben.

„Gesellschaftsdeterminismus wird durch biologistischen Determinismus ersetzt.“

Ganz von der Hand zu weisen ist diese Kritik nicht. Das Memo liest sich stellenweise so, als wolle hier jemand seinen Vorurteilen gegenüber dem anderen Geschlecht einen wissenschaftlichen Anstrich verpassen. So wie Gender-Theoretiker Erkenntnisse der Biologie, Evolutionspsychologie und anderer Naturwissenschaften bei ihren Erklärungsversuchen für Geschlechterunterschiede gerne komplett ignorieren, so unterschlägt Damore Sozialisation, Kultur und Gesellschaft, um seine These zu stützen. Gesellschaftsdeterminismus wird durch biologistischen Determinismus ersetzt.

Aber sollte das Äußern einer schlecht durchdachten Meinung ein Kündigungsgrund sein? Entschieden nein! Damores hat das Recht, sich so zu äußern, wie er es getan hat. Das ist jene Meinungsfreiheit, die auch im Google-Verhaltenskodex als „Freedom of Expression“ großgeschrieben wird. Klar ist es am Ende des Tages die Entscheidung der Unternehmensführung, wer dort arbeitet und wer nicht. Aber jemanden, der eine abweichende Meinung vertritt, ausgerechnet mit dem Argument zu feuern, so die Vielfalt im Unternehmen wahren zu wollen, zeugt nicht von Souveränität und Prinzipienstärke.

Paradoxerweise klingt in dieser Begründung auch ein ziemlich alter und ziemlich unschöner sexistischer Stereotyp an: nämlich der von der schutzbedürftigen und verletzlichen Frau, die von einem starken Patriarchen (das vielfaltliebende Google) vor den harten Zumutungen des Lebens (die angeblich unerträgliche Meinung von Damore) bewahrt werden muss. Als würde Google erwachsenen Frauen nicht zutrauen, sich mit kontroversen Meinungen auseinandersetzen zu können. Ein trauriges Menschenbild.

Unter dem Label der Diversität wird heute, nicht zuletzt in der Unternehmenswelt, ein gewaltiger Konformitätsdruck erzeugt. So ist Vielfalt ein leerer Begriff geworden. Denn das, was die Anwälte der Diversität darunter verstehen, ist das Gegenteil von echter Vielfalt. Anstatt Vielfalt von Wertvorstellungen, Lebensweisen und Meinungen zuzulassen und vor allem zuzulassen, dass sich diese verschiedenen Weltzugänge vergleichen, beurteilen und nicht zuletzt auch aneinander reiben können, beruht Diversitäts-Management gerade darauf, echten Austausch zu verhindern.

Menschen sollen sich in der vorgesehenen Gruppen-Schublade einrichten und die anderen in ihrer Schublade möglichst nicht stören. „Freedom of Expression“ ist insofern nur dann erwünscht, wenn sie dieses störungsfreie aneinander vorbei leben der Gruppen nicht in Frage stellt. Eine Umkehrung der klassischen Meinungsfreiheit, die doch gerade auch als Recht zu stören ihren Sinn entfaltet.

„We like cats, but we’re a dog company...“

Vielleicht geht es im Fall des gefeuerten Softwareentwicklers aber auch weitaus weniger um Politik und Moral als man auf den ersten Blick meint. In ihrem kürzlich erscheinen Buch „Officious: Rise of the Busybody State“ (zu Deutsch etwa: „Übereifrig: Vom Aufstieg des Wichtigtuer-Staats“) setzt sich die britische Publizistin Josie Appleton mit einer neuen Form des Bürokratismus auseinander. Wir leben in einer Zeit, in der in allen Lebensbereichen bürokratisch anmutende Prozesse und Regeln enorm an Bedeutung gewinnen. Im Gegensatz zur klassischen Bürokratie erfüllen diese kaum einen erkennbaren Zweck; sie dienen vor allem sich selbst.

Diese neue Regulierungswut drückt sich auch in der wachsenden Bedeutung von Verhaltenskodizes, Richtlinien, Etiketten und formellen Regelwerken aus, die von semi-offiziellen „Beauftragten“ – etwa für Sicherheit, Umweltschutz, Gleichberechtigung, Diversität - überwacht werden. Hierbei geht es weniger um die Erreichung eines positiven Ziels, als vielmehr darum, dass sich die Menschen dem bürokratischen Prozess unterzuordnen haben. Vor allem spontanes Handeln, das als zu riskant und störend gilt, soll so unterdrückt werden.

Beim Blick auf den eingangs erwähnten Google-Verhaltenskodex fällt auf wie kleinteilig das Regelwerk ausstaffiert ist. Es gibt sogar eine eigene „Dog Policy“, die den Umgang mit Hunden regelt („We like cats, but we’re a dog company...“). Vor diesem Hintergrund erscheint auch Damores Kündigung in einem neuen Licht. Vielleicht war es weniger der Inhalt – seine „böse“ Meinung - die Damore den Job gekostet hat, als vielmehr der Umstand, dass durch seine unkonventionelle Äußerung das Funktionieren des bürokratischen Prozesses im Unternehmen gestört wurde? Vielleicht war sein eigentliches Vergehen einfach nur zu spontan, zu frei gehandelt zu haben?