27.10.2017

Die alten Samen der Zukunft

Interview mit Mahmoud Solh

Titelbild

Foto: Neil Palmer (CIAT) via Flickr / CC BY-SA 2.0

Der durch den Bürgerkrieg aus Syrien vertriebene Genforscher Mahmoud Solh lässt sich nicht unterkriegen. Er erzählt von seinem Bestreben, die Landwirtschaft Afrikas zukunftssicher zu machen.

Novo: Herr Professor Solh, Sie sind Direktor des International Center for Agricultural Research in the Dry Areas (ICARDA), das u.a. eine umfassende Saatgutgenbank unterhält. Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Mahmoud Solh: Das Ziel, das wir uns mit dem ICARDA-Projekt gesetzt haben, ist die Konservierung wichtiger Genressourcen von Landsorten und Feldfrüchten, die in trockenen Weltregionen heimisch sind. Unter Landsorte verstehen wir solche  Pflanzenarten, die über hunderte oder tausende von Jahren an bestimmten Orten gezüchtet wurden und oft sehr gut an die jeweiligen ökologischen Bedingungen angepasst sind. Es ist das von unseren Vorfahren geerbte Ausgangsmaterial unserer Arbeit. Mit anderen Worten: Wir versuchen, dieses wertvolle Keimplasma und verwandte Wildarten zu erhalten, die andernfalls von Bauern durch andere Sorten ersetzt werden oder aussterben würden.

Die ICARDA Saatgutbank sammelt und konserviert Sorten in erster Linie aus drei wichtigen Regionen: Erstens dem sogenannten Fruchtbaren Halbmond, der sich von Palästina über den Libanon, das nördliche Syrien, die südliche Türkei und den südlichen Irak erstreckt. Hier befindet sich die Wiege der Landwirtschaft, denn schon vor etwa 10.000 Jahren wurden hier Getreide, Linsen und Gerste angebaut. Zwei weitere Regionen der Artenvielfalt, in denen wir Keimplasma sammeln, sind Nordafrika und die Abessinische Hochebene, also das Äthiopische Hochland. Nicht zu vergessen sind natürlich auch Zentralasien und der Kaukasus.

Zu bedenken ist jedoch, dass die Erhaltung nicht das Ziel selbst, sondern nur ein Teil davon ist. Der andere Teil ist, diesen Genbestand zur Verbesserung der Produktion von Nahrungs- und Futtermittelpflanzen einzusetzen. Daher kann man sagen, dass Konservierung und Nutzung die beiden Hauptziele unserer Arbeit sind. Die ICARDA vertreibt 25.000 Pflanzen-Akessionen 1 jährlich an Züchter weltweit, die diese in ihren Zuchtprogrammen verwenden, um ihre Nahrungs- und Futtermittelpflanzen zu optimieren.

Mit welchen internationalen Partnern kooperieren Sie?

Wir kooperieren mit vielen internationalen Partnern. Der Crop Trust mit Hauptsitz in Deutschland ist dabei ein besonders wichtiger Partner. Der Crop Trust unterstützt 15 internationale Genbanken wie die ICARDA, sowie nationale Genbanken. Außerdem ist die Bundesrepublik Deutschland einer der wichtigsten Partner des ICARDA. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, beispielsweise, unterstützt unsere Genbank seit Jahren, ebenso wie die Weltbank und USAID. Darüber hinaus wird das ICARDA noch von einigen Spendern wie dem Arab Fund for Social and Economic Development oder dem Kuwaiti Fund for Arab Economic Development unterstützt. Auch einige europäische Länder, z.B. Norwegen, Schweden, die Niederlande oder Italien, sind wichtige Förderer.

Die ICARDA-Saatgutbank musste vor Kurzem ihren Sitz in Aleppo(Syrien) verlassen. Könnten Sie kurz die Umstände beschreiben, wie es dazu kam?

Gerne. Als sich im März 2011 die bedauerlichen Entwicklungen in Syrien zuspitzten, suchten die Leiter der Genbank, mein Kollege Ahmed Amri und ich, nach einer Notlösung. Ich sagte zu ihm: „Ahmed, wie viele unserer Saatgutsammlungen sind außerhalb Syriens vervielfältigt und somit abgesichert?“ „87 Prozent“, meinte Ahmed. Aufgrund der Empfindlichkeit der Akzessionen stellen wir auch unter normalen Umständen Kopien des Keimplasmas her, um gegen Vorfälle wie Feuer und Erdbeben gewappnet zu sein. Ehrlich gesagt rechneten wir damals nicht mit Krieg. Ich sagte also zu Ahmed: „Unsere höchste Priorität in den nächsten drei Monaten ist es, die restlichen 13 Prozent zu duplizieren und aus Syrien zu schaffen.“ Das entsprach 28.000 Akzessionen.

„Wir wappnen uns gegen Vorfälle wie Feuer und Erdbeben. Mit Krieg rechneten wir damals nicht.“

Glücklicherweise erstreckten sich die Kämpfe anfangs nicht in den Norden Syriens, wo sich die Saatgutbank befand. Glück im Unglück, sozusagen. Es blieb uns ungefähr ein Jahr Zeit, die verbliebenen 14.000 Akzessionen zu duplizieren und sie dann über die nahegelegene Grenze in eine Genbank in der Türkei zu schaffen. An dieser Stelle möchte ich bewusst den Einsatz der Türkei und des Libanon wertschätzend erwähnen. Normalerweise ist es schwierig, Saatgut über die Grenze in andere Länder einzuführen. Die beiden Länder vertrauten uns jedoch und sandten sogar Offizielle, um uns an der Grenze in Empfang zu nehmen und die Umsiedlung unseres Saatguts zu beschleunigen.

Inwieweit hat sich Ihre Arbeit verändert, seit ICARDA Aleppo verlassen musste?

Aleppo zu verlassen war keine einfache Entscheidung. Wir hatten dort 1000 Hektar Grund – eine riesige Anlage also – mit all den Laboren und Feldern. Als wir also gezwungen waren, Syrien zu verlassen, entwarf der Vorstand eine „Strategie für Dezentralisierung“ die auf vorherigen Bemühungen aufbaute, unsere Arbeit weniger störanfällig zu machen. Wir begannen 2011 unsere Mitarbeiter einen nach dem anderen abzuziehen, ernteten die Felder ab und vertrauten unsere Einrichtungen unseren exzellenten Technikern in Syrien an, die dort weiter ausharrten. Etwa ein Jahr und drei Monate nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges, am 18. Juli 2012, verließ ich als letzter ICARDA Mitarbeiter das Land. Nur ein paar syrische Mitarbeiter, die aus naheliegenden Dörfern kamen, blieben zurück.

So bewältigten wir die Krise. Wir gründeten drei Hauptzentren: die marokkanische Regierung stellte uns 100 Hektar und ein großes Gebäude für Forschung zur Verfügung, in Äthiopien wurde das zweite Zentrum eröffnet, und mit Unterstützung der indischen Regierung ein drittes in Indien. Außerdem hatten wir ein Subzentrum im Libanon, Terbol Station, das seit 1977 Teil von ICARDA war.

Zwei weitere Länder, die uns in unseren Bemühungen der Dezentralisierung unterstützten, waren die Türkei und Ägypten. Die Türkei stellte uns ihre Station Ismir zur Verfügung, wo wir unsere Arbeit an Biosicherheit und Weizenaufbewahrung weiterführen konnten. In Ägypten begannen wir, ein Forschungszentrum für Bewässerungslandwirtschaft zu betreiben, und im Sudan eins für Hitzebeständigkeit.

Anderes Thema: Wie hat sich die Landwirtschaft in Afrika in den letzten beiden Jahrzehnten entwickelt?

Viele Länder Afrikas sind sehr erfolgreich bei der nachhaltigen Entwicklung ihrer Landwirtschaft. Die CADA – Central African Development Agency – spielt hier eine wichtige Rolle. Auf einem Gipfel afrikanischer Staaten wurde sogar beschlossen, jedes Land solle zehn Prozent des Bruttonationaleinkommens in die Landwirtschaft investieren. Länder wie Ghana oder Äthiopien tun dies bereits und sind sehr erfolgreich damit. Äthiopien hat sich zu einer Exportwirtschaft für Hülsenfrüchte wie Bohnen, Linsen und Kichererbsen entwickelt. Andere Länder, wie Somalia und der Sudan, stecken jedoch in größeren Schwierigkeiten.

„Wasserknappheit und Erosion der fruchtbaren Humusschicht sind die zwei größten Herausforderungen der Landwirtschaft in Afrika.“

Was ist die größte Herausforderung für die Landwirtschaft in Afrika?

Zunächst: Wasser. Obwohl Afrika einigermaßen gute Wasserressourcen hat, leiden die Länder Afrikas an einem Phänomen, das wir wirtschaftliche Wasserknappheit nennen. Das heißt, es besteht großes Verbesserungspotenzial hinsichtlich der Wassernutzung in der Landwirtschaft. Während andere Länder es sich leisten können, 18 oder sogar 20 Prozent des Regenwassers und anderer Wasserbestände zu nutzen, liegt dieser Wert in Afrika bei vier bis fünf Prozent.

Weiterhin würde Afrikas Landwirtschaft von einem erhöhten Düngemitteleinsatz profitieren, um die Bodenfruchtbarkeit zu steigern. Durch Wind- und Wassererosion wird die fruchtbare Humusschicht abgetragen. Daher ist es wichtig, die Bodenfruchtbarkeit und die organische Bodenmaterie zu stärken.

Dies sind die größten Herausforderungen für die Landwirtschaft Afrikas. Dabei kann Afrika auf seinen starken politischen Willen zur Förderung der Landwirtschaft stolz sein. Sicher gibt es einige Länder, die finanziell nicht in der Lage sind, ihre Landwirtschaft ausreichend zu unterstützen, aber immer mehr afrikanische Regierungsführer investieren in die Landwirtschaft. Ich wage zu behaupten, Afrika entwickelt sich in die richtige Richtung.

Sind die gesteigerten Investitionen der Grund, weshalb z.B. arme Länder wie Äthiopien in den letzten Jahren größere Fortschritte in der Landwirtschaft gemacht haben?

Ja, das kann man schon so sagen. Lassen Sie mich diese Frage anhand meiner persönlichen Erfahrung als Leiter des Nile Valley Programms beantworten. Das Projekt erlebte den größten Aufschwung als die äthiopische Regierung, mit der ICARDA schon seit 40 Jahren zusammenarbeitet, die Landwirtschaft zur obersten Priorität erklärte. Man kann sich das ein bisschen so vorstellen, als würde man mit dem Strom schwimmen, anstatt dagegen. Wenn die Regierung die Bauern und die verschiedenen Institutionen, wie z.B. ICARDA, bei ihrer Arbeit unterstützt, geht sofort viel mehr voran.

Wo sehen Sie im technologischen Bereich die größten Chancen?

Erst mal grundsätzlich in der genetischen Verbesserung von Kulturpflanzen und dem Einsatz von integrierten Produktionssystemen. Wenn wir die Landwirtschaft tatsächlich nachhaltig entwickeln wollen, müssen wir drei Grundpfeiler stärken: Erstens: verantwortungsbewusstes Management der natürlichen Rohstoffe wie Wasser, Boden und Artenvielfalt. Zweitens: Verbesserung der pflanzengenetischen Ressourcen, um die Produktivität zu steigern und die Pflanzen gegen abiotische Stressfaktoren zu wappnen; also hitze-, dürre- und salzresistent zu machen. Und drittens – dieser unabdingbare Aspekt wird meistens kaum beachtet –: Sozioökonomische und institutionelle Aspekte. Hier spreche ich nicht von Subventionen, sondern von qualitativer Unterstützung der Bauern, etwa durch die rechtzeitige Bereitstellung nützlicher Technologien, Düngemittel und anderer Notwendigkeiten. Meiner Meinung nach ist die Förderung der Landwirtschaft anhand dieser drei Grundpfeiler am effektivsten.

Inwieweit, würden Sie sagen, war dieser zweite Grundpfeiler in Afrika erfolgreich?

Im Bereich der generellen Pflanzenerzeugung: sehr wichtig, und erfolgreich! Beispielsweise produzierte unsere Schwesterzentrale CIMMYT (Internationales Mais- und Weizen-Verbesserungszentrum) einen in Afrika mittlerweile sehr erfolgreichen, dürrebeständigen Mais. Außerdem gelang es dem CIP (Internationales Kartoffelzentrum), das weiße Fruchtfleisch der Süßkartoffel in nahrhafteres oranges Fruchtfleisch mit höherem Beta-Carotin-Gehalt umzuwandeln. Außerdem ist unsere Forschung im Bereich der Dürre- und Hitzetoleranz zukunftsweisend. Beispielsweise entwickelte das ICARDA in Zusammenarbeit mit einem sudanesischen Programm hitzebeständige Weizensorten, die in Ländern wie Nigeria besonders wichtig sind. Außerdem betreiben wir ein sehr erfolgreiches Weizen-Programm in Kooperation mit der Afrikanischen Entwicklungsbank und ein Reis-Programm mit dem African Rice Center in Abidjan. In Nigeria und Abadan arbeiten wir an Maniok- und Maisforschungsprogrammen mit dem IITA (International Institute for Tropical Agriculture).

„Manche Länder Afrikas vertreten eine konservative Einstellung gegenüber GMOs.“

Was ist die generelle Einstellung Afrikas gegenüber der grünen Gentechnik?

Das kommt ganz darauf an, von welchem Land wir sprechen. Manche vertreten eine konservative Einstellung gegenüber genetisch veränderten Organismen (GMOs). Allerdings können GMOs eine wesentliche Rolle bei der Bewältigung von agrarwirtschaftlichen Herausforderungen spielen, z.B. beim Thema der Insektenresistenz. Beispielsweise können die sogenannten Stängelbohrer, die über Mais und Hirse herfallen, nicht besonders effektiv mit Pestiziden bekämpft werden. Außerdem verursachen diese Pestizide wiederum Umweltverschmutzung. Daher wären Stängelbohrer-beständige GMOs im Kampf gegen diese Schädlinge richtungsweisend. Trotzdem möchte ich betonen, dass GMOs nicht die einzige Alternative darstellen. Man kann immer auch auf traditionelle Züchtungsverfahren und biotechnologische Methoden zurückgreifen, um neue Sorten zu züchten. Geht es jedoch um Eigenschaften, die in der natürlichen Artenvielfalt nicht leicht zu finden sind, können GMOs durchaus sehr hilfreich sein.

Stellt Europas kritischer Standpunkt gegenüber Gentechnologie ein Problem für Afrika dar?

In einigen Fällen, ja. Wenn es sich um ein Land handelt, das aufgrund seiner GMO-Anbaukulturen nicht in die EU exportieren darf, kann man das definitiv als Nachteil bezeichnen. Länder, die nicht exportieren, sind nicht betroffen.

Welche Art von Unterstützung erhoffen Sie sich von Europa?

Vor allem ist die Förderung von Forschung und Technologietransfer nach Afrika wichtig. Dazu gehört die Unterstützung von klar definierten Projekten, bei denen jährliche Fortschritte überprüft werden können. Auch im Bereich der Kapazitätsentwicklung durch Fort- und Fachausbildung sehe ich Verbesserungsbedarf, um neue Technologien in Afrika verbreiten zu können.

Könnten Sie eventuell ein, zwei solcher Projekte nennen?

Natürlich. Das Weizenprojekt in Zusammenarbeit mit der Afrikanischen Entwicklungsbank steht momentan in der zweiten Phase und sucht Unterstützer und Spender, die strategische Nutzpflanzen, also Mais, Maniok, Reis und Weizen, fördern. Ein anderer Bereich, der unbedingt Unterstützung benötigt, ist der der Hülsenfrüchte: Bohnen, Kichererbsen, Linsen. Äthiopien, wie ich schon erwähnt habe, ist besonders erfolgreich in diesem Bereich, weshalb fortwährende Unterstützung im Bereich der Hülsenfrüchte unentbehrlich ist. Oh! Nicht zu vergessen sind auch die integrierten Produktionsprozesse für Vieh und Weideland.

Könnten Sie das etwas näher erklären?

Viele Kleinbauern sind auf Projekte angewiesen, die ihren Kleinbetrieben beim Auftreiben von Futter, bei Impfungen etc. unter die Arme greifen. Und nicht nur das. In anderen ICARDA-Projekten haben wir mit Besuchen von Tiergenetikern bei Schäfern oder Bauern, etwa zur Auslese von unproduktiven Tieren, Fortschritte erzielen können. Die Produktivität des Viehbestands wird so verbessert.

Herr Solh, vielen Dank für das Gespräch.