09.06.2021

„Die ACLU würde heute den Fall Skokie nicht annehmen“

Interview mit Ira Glasser

Titelbild

Foto: Hpeterswald via WikiCommons / CC BY-SA 4.0

Ira Glasser, ein Bürgerrechtsveteran und früher langjähriger Vorsitzender der American Civil Liberties Union, kritisiert, dass die ACLU nicht mehr die Meinungsfreiheit verteidigt.

„Wir identifizierten uns mit dem Kampf eines Schwarzen gegen den Rassismus auf eine Art und Weise, die für andere Leute unvorstellbar war“, erzählt mir Ira Glasser beim Mittagessen in einem Restaurant in Manhattan. Der 82-jährige Glasser ist einer der wichtigsten Verfechter der Bürgerrechte der letzten 50 Jahre. Von 1978 bis 2001 war er Exekutivdirektor der American Civil Liberties Union (ACLU) und half dabei, diese Organisation in eine schlagkräftige Vereinigung zu verwandeln.

Als lebenslanger Aktivist gegen Rassendiskriminierung erzählt er mir, was ihn ursprünglich zu seinem Engagement bewogen hatte: 1947 kam Baseballspieler Jackie Robinson zu seinem geliebten Baseballverein Brooklyn Dodgers. Er war der erste Schwarze, der im Major-League-Baseball eine Rolle spielte. Glasser war damals neun Jahre alt, ein „Straßenkind“ aus einer den Demokraten nahestehenden Arbeiterfamilie jüdischer Einwanderer in Brooklyn. Seine persönliche Begegnung mit dem Rassismus dieser Tage entfachte seine lebenslange Leidenschaft für Bürgerrechte.

„New York hatte zwar den Ruf, nicht rassisch und ethnisch zu diskriminieren“, erzählt er mir mit unverkennbarem Brooklyn-Akzent. „Tatsächlich aber bestand es aus sehr engen, isolierten ethnischen Stämmen – nicht gesetzlich zwar, aber in tradierter Form. Wo ich lebte, waren alle weiß und jüdisch, und alle unsere Eltern waren Amerikaner in der ersten Generation. Wir waren die Nachfahren von Einwanderern, die im frühen 20. Jahrhundert hauptsächlich aus Russland und Polen gekommen waren.“

Aber dann kam Robinson. „Die Dodgers-Spieler waren für uns wie eine Priesterklasse. Wir beteten sie an …. Wir waren treue Anhänger unseres Teams, das diesen wunderbaren afroamerikanischen Spieler hatte …. Und ohne es zu wissen, wurden wir in ein Rassendrama verwickelt, in dem Jackie Robinson eine zentrale Rolle spielte. Plötzlich befanden sich die kleinen isolierten weißen Jungen wie ich mitten in einem Passionsspiel“, sagt er, „mitten in einem nationalen Drama – wir hatten es mit der ersten großen Herausforderung nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun.“ Nun ging es gegen die rassistische Segregation.

Er und seine Freunde erfuhren von rassistischen Stereotypen, als sie die Dodgers-Spiele im Radio hörten. Sie erfuhren von den systematischen Erniedrigungen, die Robinson ertrug, und den getrennten Hotels und Restaurants, die die Dodgers benutzen mussten, als sie im ganzen Land spielten. „Wir haben es gehasst. Und wir haben es nicht gehasst, weil wir Bürgerrechtler waren, wir haben es gehasst, weil man so etwas unserem Mann nicht antun kann“, sagt er. „Ich scherze oft, dass ich ein Rassist geworden wäre, wenn Jackie Robinson für die gegnerischen Yankees gespielt hätte.“

„Plötzlich befanden sich die kleinen isolierten weißen Jungen wie ich mitten in einem Passionsspiel.“

„Es war tatsächlich ein soziologisches Phänomen“, fügt er hinzu, „das war nicht nur bei mir so. Als ich zur ACLU stieß, stellte ich fest, dass dort fast keine Yankee-Fans arbeiteten. Alle Männer in meinem Alter, die in New York aufgewachsen waren und für die ACLU gearbeitet haben, waren Dodgers-Fans.“

Die ACLU und die Meinungsfreiheit

Die ACLU wurde vor über 100 Jahren gegründet. Aber erst während Glassers Amtszeit entwickelte sie sich zu einer Mammutorganisation. In einer Pressemitteilung der ACLU aus dem Jahr 2001, in der Glassers Rücktritt angekündigt wurde, heißt es, dass er sie von einem Amateurverein zu einem regelrechten „Powerhouse für Bürgerrechte“ beförderte. 1 Unter seiner Führung wurde die ACLU zu einer mit nationaler Reichweite agierenden Organisation mit Geschäftsstellen, die in jedem einzelnen amerikanischen Bundesstaat für Bürgerrechte stritt. Und er tat dies als Nichtjurist – er war von Hause aus Mathematiker und Journalist, als er zum ersten Mal in die „Anwaltskanzlei der Freiheit“ eintrat. Glassers Wirken beschränkte sich jedoch nicht nur auf das Administrative. Er half dabei, die ACLU zu einer wirkmächtigen Kraft zu entwickeln – und das nicht nur auf dem Gebiet von Redefreiheit, Privatsphäre und rechtsstaatlicher Verfahren sowie anderer traditioneller Bürgerrechte. Er setzte sich überdies für reproduktive Freiheiten, die Gleichstellung der Geschlechter und Rassengleichheit ein.

„Als ich in die ACLU kam, gab es einen Unterschied, den man im Hauptvorstand hervorhob – nämlich zwischen, wie sie es nannten, bürgerlichen Freiheiten und Bürgerrechten“, führt Glasser aus. „Ich bin sehr stolz, dass wir der Rassengleichheit wieder ihren angemessenen Rang verschafften – nach ganz oben auf unserer Agenda.“

Tatsächlich war es die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre, die dem First Amendment, also dem ersten Zusatzartikel der Verfassung der Vereinigten Staaten, der die Redefreiheit, die Religionsfreiheit, die Pressefreiheit und die Versammlungsfreiheit schützt, jene Zähne verlieh, die er heute hat, sagt Glasser: „Der Erste Verfassungszusatz hat in diesem Land während der McCarthy-Zeit der 1950er Jahre stark unter der antikommunistischen Hysterie gelitten. Der Oberste Gerichtshof traf dabei viele schlechte Entscheidungen“, so Glasser.

„Es war die Bürgerrechtsbewegung, die den Ersten Verfassungszusatz in den 1960er Jahren juristisch wiederbelebte“, fährt er fort. „Indem wir uns juristisch und politisch gegen die Niederschlagung von Bürgerrechtsmärschen und Demonstrationen stemmten, konnten wir in den 1960er Jahren eine dauerhafte positive Änderung zugunsten des Ersten Verfassungszusatzes bewirken. Fortan waren auch alle anderen rechtlich geschützt.“

„Es war die Bürgerrechtsbewegung, die den Ersten Verfassungszusatz in den 1960er Jahren juristisch wiederbelebte.“

Die damaligen Bürgerrechtler erkannten, wie wichtig Redefreiheit für ihre Sache war. Glasser erzählt mir von einer Begebenheit, als er im Fernsehen auftrat und sich vor dem Publikum dafür rechtfertigen musste, dass die ACLU sogar die First-Amendment-Rechte der Mitglieder des Ku-Klux-Klan verteidigte. Er saß neben Hosea Williams, einem schwarzen Bürgerrechtler und Mitstreiter von Martin Luther King.

Der Moderator wandte sich an Williams und erwartete eine Widerrede zu Glassers Ausführungen. „Und Williams sagt im landesweiten Fernsehen, dass er mir tatsächlich zustimmt“, erzählt Glasser. „‚Wenn wir dem Staat Georgia erlauben, am Montag in Atlanta die Redefreiheit des Klans zu beschränken, dann werden die staatlichen Autoritäten diese Macht auch anderweitig nutzen. Dann werden sie beispielsweise auch mich daran hindern, meine schwarzen Gesinnungsgenossen für die Wahlen in Fulton County zu mobilisieren.‘“ Rede- und Versammlungsfreiheit seien das Lebenselixier im Kampf für Rassengleichheit: „Die Bürgerrechtler haben aus konkreten Erfahrungen heraus verstanden, dass das erste Instrument der Veränderung, das ihnen zur Verfügung stand, das Demonstrieren, Marschieren und Mobilisieren war.“

Aber diese Idee, beklagt Glasser, ist vielen jungen Menschen heute fremd: Sie betrachten den Ersten Verfassungszusatz als „Hindernis auf dem Weg zur sozialen Gerechtigkeit“. In der Tat bemühen sich selbst ernannte „Progressive“ in amerikanischen Universitäten mittlerweile ständig darum, dass öffentliche Auftritte „rechter“ Redner, von Charles Murray bis Ben Shapiro, verboten werden – oder hindern sie sogar gewaltsam an der Ausübung ihrer Rechte. „Hate Speech ist keine Redefreiheit“ ist ein gängiger Slogan.

Diese Abkehr von der Redefreiheit im akademischen Bereich hat eine längere Geschichte. In den 1990er Jahren blühten so genannte Hate-Speech-Codes an US-amerikanischen Hochschulen auf. Glasser erinnert sich, dass er zu dieser Zeit mit Gruppen schwarzer Studenten sprach, die auf ein Verbot rassistischer Redner drängten: „Ich sagte ihnen, dass es das politisch Dümmste war, was ich je gehört hatte.“

Alle Dekane, der Präsident der Universität und das Kuratorium waren weiß. „Sie sind nicht eure Freunde“, habe er den Studenten gesagt. Sein Argument war, dass solche Sprachkodizes, hätten sie in den 1960er Jahren existiert, am häufigsten gegen Personen wie Malcolm X und Black-Panther-Anführer Eldridge Cleaver verwendet worden wären: „Die einzig wichtige Frage in Fällen der Redefreiheit lautet: Wer darf entscheiden? Und die Antwort für Unterdrückte lautet: Nicht du. Niemals du. Niemals ich. Joe McCarthy, Richard Nixon, Donald Trump und Rudolph Giuliani sind diejenigen, die am ehesten über politische Macht verfügen. Warum wollt ihr ihnen die Macht geben, zu entscheiden, wer reden soll?“

„Die Bürgerrechtler haben aus konkreten Erfahrungen heraus verstanden, dass das erste Instrument der Veränderung, das ihnen zur Verfügung stand, das Demonstrieren, Marschieren und Mobilisieren war.“

„Der einzige wirkliche Gegner der Redefreiheit und der sozialen Gerechtigkeit ist die Macht, die politische Macht“, fügt er hinzu, bevor er eine passende Analogie formuliert: „Einschränkungen der Redefreiheit sind wie Giftgas. Man findet sie eine tolle Waffe, wenn man sein Ziel im Blick hat. Aber dann dreht sich der Wind.“

Der Naziaufmarsch in Skokie

Bei allen Schwierigkeiten, mit denen wir heute besonders konfrontiert sind: Das grundsätzliche Argument zugunsten der Redefreiheit – selbst für diejenigen, die wir hassen und die uns hassen – war noch nie leicht zu gewinnen.

Gehen wir also zurück ins Jahr 1977 und schauen uns den Fall Skokie an, der fortan für die ACLU bestimmend sein sollte. Darin verteidigte die ACLU erfolgreich das Recht der Nationalsozialistischen Partei Amerikas – einer kleinen Gruppe von Neonazis unter der Führung von Frank Collin –, durch einen Vorort von Chicago namens Skokie zu marschieren, in dem damals schätzungsweise 7000 Holocaust-Überlebende lebten. 2 Die lokale Verwaltung reichte eine einstweilige Verfügung ein und verabschiedete Verordnungen, um den Marsch der Rechtsextremen zu verhindern, und die ACLU nahm sich Collins Fall an.

Zu dieser Zeit war Glasser Geschäftsführer der NYCLU, der New Yorker Unterorganisation der ACLU. Glasser musste also seinen New Yorker Mitgliedern den Fall vorlegen. „In New York hatten wir wahrscheinlich eine größere Zahl an Juden unter den ACLU-Mitgliedern als sonst im Land. Da schlug mir einiges an Ablehnung entgegen“, erinnert er sich. „Ich ging in Synagogen und sprach über den Fall Skokie mit Juden, die in der Zeit des Zweiten Weltkriegs als Erwachsene persönlich oder deren Angehörige vom Holocaust heimgesucht worden waren.“

Um einen Zugang zu diesen Menschen zu bekommen, musste er ihre Ängste ernstnehmen, aber zugleich an ihren Verstand appellieren. „Juden hatten guten Grund, Angst vor Menschen zu haben, die mit Hakenkreuzen herummarschieren. Doch man musste eben auch verstehen, dass das, was in Deutschland geschah, sich nicht deshalb ereignete, weil es dort einen Ersten Verfassungszusatz gab. Sondern, weil eben kein solches Recht bestand.“ So war es: In der Weimarer Republik gab es Bestimmungen, die wir heute als Gesetz zur Bekämpfung von Hate Speech bezeichnen würden. 3 Gemäß diesem Gesetz wurden NS-Propagandisten wie Joseph Goebbels und Julius Streicher wegen ihrer bösartigen Verleumdungen von Juden immer wieder strafrechtlich verfolgt. Im Gegenzug nutzten diese Hetzer die dadurch entstandene öffentliche Aufmerksamkeit, um ihre Sache zu fördern und sich als Märtyrer auszugeben. Als die Nazis schließlich an die Macht kamen, war es die Staatsmacht, die die Barbarei ermöglichte – und nicht die individuelle Freiheit. „Als Juden zum ersten Mal auf der Straße von Staatsorganen oder NS-treuen Milizen angegriffen wurden, gab es keine Verfassung, die sie zurückhielt. Kein Gericht setzte das Recht der Juden durch“, sagt Glasser. „Es war das Fehlen dieser Beschränkungen, das zunehmende Angriffe auf Juden ermöglichte.“

„Einschränkungen der Redefreiheit sind wie Giftgas. Man findet sie eine tolle Waffe, wenn man sein Ziel im Blick hat. Aber dann dreht sich der Wind.“

Der Fall Skokie löste eine nationale Debatte aus. In der Folgezeit verlor die ACLU zwar Mitglieder und Spendengelder. Aber am Schluss erwies sich, dass sich hasserfüllten Tiraden mit mehr Meinungsfreiheit und mehr Demonstrationsfreiheit besser trotzen lässt als mit Zensur. „Die Holocaust-Überlebenden von Skokie organisierten eine Gegendemonstration“, erzählt Glasser. „Sie hatten ungefähr 60.000 Personen, die bereit waren, gegen diese 15 Leute zu marschieren. Und am Ende, nachdem wir das Recht für Collin und seine Gruppe gewonnen hatten, in Skokie aufzumarschieren, entschieden sie sich, dort nicht zu demonstrieren, weil sie völlig gedemütigt worden wären.“

Die Rechtslage im Fall Skokie war nie zweifelhaft: Die Verordnungen verstießen gegen den Ersten Verfassungszusatz. Aber es war ein Meilenstein: Die ACLU erwarb sich den Ruf, eine prinzipienfeste Verteidigerin der Redefreiheit zu sein – nicht zuletzt deshalb, weil viele Juden an diesem Fall mitarbeiteten. Der Exekutivdirektor der ACLU war in dieser Zeit Aryeh Neier, ein in Deutschland geborener Jude, dessen Familie 1939 aus Berlin geflohen war. Sein wegweisendes Buch über den Fall Skokie trägt den beeindruckenden Titel „Defending My Enemy“. Bei allem „Shitstorm“, den sich die ACLU zu Skokie eingefangen hatte, erwies sich der Fall als die ultimative Feuertaufe des Prinzips der Redefreiheit. Diese Feuertaufe bestand die ACLU schließlich. Eine Feuertaufe, die die ACLU heute nicht mehr bestehen würde.

Alles anders in Charlottesville?

Im August 2017 versammelte sich in Charlottesville (Virginia) eine Mischung aus rechtsalternativen, neofaschistischen und „White-Nationalist“-Gruppen, um den so genannten „Unite the Right“-Aufmarsch zu veranstalten. Auslöser war die geplante Entfernung eines Denkmals von Robert E. Lee – dem Oberbefehlshaber der Konföderierten – aus einem örtlichen Park. Es ging den Veranstaltern aber auch darum, die Stärke der rassistischen Rechten zeigen. Viele von ihnen tauchten bewaffnet auf – und stießen in einer Konfrontation mit antifaschistischen Demonstranten zusammen. Eine Gegendemonstrantin, Heather Heyer, wurde getötet und 19 weitere verletzt, als James Alex Fields sein Auto absichtlich in ihre Gruppe fuhr.

Die Stadt hatte ursprünglich versucht, die Demonstrationserlaubnis der Rassisten zu widerrufen. Die ACLU in Virginia wurde von den Organisatoren von Unite the Right angesprochen; sie nahm den Fall auch auf und erwirkte schließlich die Aufhebung des Verbotes. 4 Aus diesem Grund wurde die ACLU sofort beschuldigt, sich der Bigotterie der Rechten angeschlossen und so das Gemetzel vom 12. August mitsamt der Ermordung Heyers ermöglicht zu haben. Ein Vorstandsmitglied der ACLU von Virginia trat zurück. Er kritisierte, seine Organisation verteidige die Nazis, damit sie Menschen töten könnten. 5

„Der Abstieg in die Gewalt, der sich in Charlottesville ereignete, hatte nichts mit dem Ersten Verfassungszusatz zu tun. Es war ein Problem polizeilicher Inkompetenz.“

Glasser ist leidenschaftlich anderer Meinung. „Die ACLU in Virginia hat genau die richtige Entscheidung getroffen“, sagt er. „Der Abstieg in die Gewalt, der sich in Charlottesville ereignete, hatte nichts mit dem Ersten Verfassungszusatz zu tun. Es war ein Problem polizeilicher Inkompetenz.“

„Man muss die Rechte sowohl von Demonstranten als auch von Gegendemonstranten verteidigen“, sagt er. „Wenn irgendjemand – auf welcher der beiden Seiten auch immer – gewalttätig wird, muss man ihn wegen der Gewalt belangen – und nicht aufgrund seiner Meinungsäußerung.“ In New York City, fügt er hinzu, wäre dies angesichts der schon lange üblichen Überwachung umstrittener Demonstrationen niemals geschehen.

Auf den ersten Blick scheint es, als hätte die ACLU ihre Grundsätze in Bezug auf Charlottesville beibehalten, genau wie 40 Jahre zuvor im Fall Skokie. In Wahrheit aber gilt beinahe das Gegenteil: Die Reaktion der ACLU-Führung auf die Tragödie bestand darin, hastig den Rückzug anzutreten. Einen Monat nach Charlottesville erklärte der ACLU-Exekutivdirektor Anthony Romero (Glassers Nachfolger) gegenüber dem Wall Street Journal, die ACLU würde „die Proteste der rechten White Supremacists eingehender untersuchen“. Vor allem würde die ACLU keine Menschen mehr verteidigen, die bewaffnet aufmarschieren wollen. 6

„Der Mord wurde nicht von den Waffenträgern begangen“, entgegnet Glasser. „Der Mord wurde von dem Mann begangen, der das Auto fuhr. Und ich erinnere mich nicht daran, dass die ACLU in den 1960er Jahren auch nur ein Wort gesagt hat, als die Black Panther damals mit Waffen herummarschierten.“

Romero ging im Folgenden sogar noch weiter. Er argumentierte, dass „der Erste Verfassungszusatz keinesfalls weiße Rassisten schützt, die zu Gewalt aufstacheln oder selbst gewalttätig werden.“ 7 In Europa, wo der Tatbestand der Anstiftung/Volksverhetzung viel weiter gefasst ist, mag dies wenig umstritten klingen. Aber, wie das frühere ACLU-Vorstandsmitglied Wendy Kaminer betont: Romeros Kommentare setzen „vorherige Einschränkungen der Meinungsäußerung“ voraus. 8 Und genau das untersagt der Erste Verfassungszusatz.

Die ACLU gegen die Freiheit

Ein Jahr später ging Kaminer mit einem internen Dokument an die Öffentlichkeit, das ihr von einem ACLU-Mitarbeiter zugespielt worden war. 9 Aus diesem Dokument wurde ersichtlich, dass ACLU-Mitglieder dazu gedrängt werden sollen, zweimal nachzudenken, bevor sie Rechte von Faschisten und Rassisten verteidigen. Diese Richtlinien beziehen sich auf die Kontroversen um Charlottesville. Sie fordern die Mitglieder auf, bei der Auswahl der Fälle zu berücksichtigen, „inwieweit die Meinungsäußerungen dazu beitragen können, die Ziele der White Supremacists oder anderer, deren Ansichten unseren Werten widersprechen, voranzutreiben“. Der Justiziar der ACLU, David Cole, bestreitet zwar, dass sich etwas in der Grundausrichtung der ACLU geändert hat. 10 Aber Glasser überzeugt das nicht. Das alles zeuge doch „von Ambivalenz und Verwirrung“. Diese führe schließlich dazu, „dass die Befürwortung des Ersten Verfassungszusatzes, der Daseinszweck der ACLU, verwässert und geschwächt wird“.

„Die Befürwortung des Ersten Verfassungszusatzes, der Daseinszweck der ACLU, wird verwässert und geschwächt.“

Dann kommt der Todesstoß: „Ich glaube, dass die landesweite ACLU, wenn sie es heute mit dem Skokie-Fall zu tun hätte, diesen nicht annehmen würde. Sie könnte den gleichen Fall für die Martin Luther King Jr. Association annehmen. Sie würden sich aber nicht mehr für die Rechte von Nazis einsetzen.“ Wie Kaminer schon seit Längerem argumentiert, hat die Fäulnis bereits vor einiger Zeit eingesetzt. Aber seit Trumps Wahl scheut die ACLU deutlicher vor umstrittenen Fällen von Redefreiheit zurück.

In einem Bericht der New York Times aus dem Jahr 2017 heißt es: „In den ersten Monaten der Trump-Präsidentschaft schien die ACLU vorsichtiger zu sein, welche Rechtsstreitigkeiten sie annehmen würde.“ Der Bericht führt außerdem an, dass die ACLU „ungewöhnlich ruhig“ blieb, als Milo Yiannopoulos und Ann Coulter als Redner von der University of California in Berkeley verbannt wurden. 11

Glasser sieht die bedenkliche Neuausrichtung der ACLU als die Folge eines Generationswechsels innerhalb der Organisation: „Was mein Nachfolger tut, ist demagogisch. Er überlegt, was seine neue Stammklientel seiner Einschätzung nach hören möchte. Die neuen ACLU-Mitarbeiter müssen inzwischen in den Zwanzigern und Dreißigern sein. Sie wurden in einer anderen ACLU sozialisiert.“ Romero dürfte sich auch an die neuen Unterstützer der ACLU anbiedern. Nach Trumps Wahl begann sich die ACLU als Teil des Anti-Trump-Widerstands zu positionieren. Das hat sich auch ausgezahlt. Die Mitgliederzahl hat sich in einem Jahr vervierfacht. Allein die Online-Spenden beliefen sich auf 120 Millionen US-Dollar – 25-mal so viel wie im Vorjahr. 12

Die ACLU hat mittlerweile Hunderte von Klagen gegen die Trump-Regierung eingereicht. 13 Viele von ihnen stehen im Einklang mit dem Auftrag der ACLU. Es geht dabei beispielsweise um Klagen, die das „Reiseverbot“ von Muslimen anfechten – und die sich auf die Religionsfreiheit und den Grundsatz des rechtsstaatlichen Verfahrens stützen. Aber die ACLU befasst sich zunehmend auch mit eher engstirnigen, fast schon parteipolitisch anmutenden Fragen – genau zur gleichen Zeit, als sie sich in Fragen des Ersten Verfassungszusatzes zurückgezogen hat.

„Wir werden in neue politische Räume im ganzen Land vordringen, wenn wir darum kämpfen, die Trump-Agenda zu verhindern und auseinanderzunehmen“, schrieb Romero im März 2017. Ironischerweise findet sich diese Aussage in einem Artikel über die Überparteilichkeit der ACLU. Romero rechtfertigt die „oppositionelle Haltung der ACLU gegen diesen Präsidenten“ damit, dass Trumps Regierung eine „beispiellose Bedrohung unserer Bürgerrechte“ darstelle. Diese Haltung ist jedoch leicht anfechtbar.

„Was mein Nachfolger tut, ist demagogisch. Er überlegt, was seine neue Stammklientel seiner Einschätzung nach hören möchte.“

Für eine Organisation, die sich früher der neutralen Verteidigung der Bürgerrechte verschrieben hat, erscheint es bedenklich, wenn sie sich nun etwa im politischen Streit um die Gesundheitsreform Obamas auf die Seite der Demokraten schlägt. 14 Auch dass die ACLU seit einiger Zeit Anzeigen für und gegen bestimmte Kandidaten veröffentlicht, 15 stimmt misstrauisch. „Ich halte das alles für tragisch“, beklagt Glasser. „Nicht weil eine Organisation nicht das Recht hat, sich zu ändern und zu sagen, dass wir keine Bürgerrechtsorganisation mehr sein wollen, sondern eine fortschrittliche Organisation für soziale Gerechtigkeit. Das kann man machen.“

„Es gibt dabei jedoch zwei Probleme“, erklärt er. „Zum einen leugnet man diese Veränderung. Das ist intellektuell unehrlich. Und zum zweiten gibt es nichts, was die ursprüngliche ACLU als Organisation, die Bürgerrechte uneingeschränkt und neutral verteidigt, ersetzen könnte. Wenn die Organisation Planned Parenthood morgen beschließen würde, aus dem Geschäft mit Abtreibungskliniken auszusteigen, wäre das ein Schlag für die reproduktiven Rechte. Es gibt aber auch andere Organisationen, die dieselbe Position einnehmen. Bei Bürgerrechten hingegen gibt es keine Organisation wie die ACLU.“

Inspirationsquelle Robert Kennedy

Gegen Ende unseres Mittagessens erzählt mir Glasser, warum er sich in den 1960er Jahren entschlossen hat, seinen ersten Job bei der ACLU anzunehmen. Und die Geschichte hat es in sich. Genauso wie der afroamerikanische Baseballspieler Jackie Robinson bei Glasser die lebenslange Leidenschaft für Bürgerrechte zum Leben erweckte, überzeugte ihn Robert Kennedy – Bruder von John F., ehemaliger Generalstaatsanwalt und Präsidentschaftskandidat bis zu seiner Ermordung im Juni 1968 –, dass die ACLU eine Organisation sei, für die es sich zu arbeiten lohne.

Mitte bis Ende der 1960er Jahre arbeitete Glasser, damals Ende 20, bei einer politischen Zeitschrift. Er hoffte damals, in die Politik einzusteigen. Er sah in Kennedy jemanden, der, wenn er für das Präsidentenamt kandidierte, einer von Unruhen geprägten Nation Hoffnung geben könnte, und er träumte davon, eines Tages für ihn zu arbeiten. „Ich dachte, in Fragen der Rasse und des Vietnam-Krieges hat er es wirklich verstanden“, sagt Glasser. „Er war kein traditioneller Liberaler, da er sowohl die weiße Arbeiterklasse als auch die Schwarzen ansprach. Ich dachte einfach, er sei die hoffnungsvollste politische Zukunft.“

Dann, im Jahr 1966, schrieb Glasser Kennedy einen „außergewöhnlichen Brief“, in dem er erklärte, was er in ihm sah, warum er als Präsident kandidieren sollte und warum er glaubte, helfen zu können. Bemerkenswerterweise bekam er ein Treffen mit Kennedy in Washington. „Am Ende führte ich ungefähr 40 Minuten lang ein Einzelgespräch mit ihm. Ich glaube nicht, dass ich mich später als Exekutivdirektor der ACLU jemals 40 Minuten lang mit einem Senator der Vereinigten Staaten getroffen habe.“

„Ich glaube nicht, dass mir dieses Glück ohne das Gespräch mit Kennedy widerfahren wäre.“

Kennedy hatte seine Kandidatur noch nicht erklärt. Also gab es keine Funktion für Glasser. Aber Kennedy drängte ihn, in Kontakt zu bleiben und fragte, was er als nächstes tun wolle. Glasser erwähnte, dass sein Freund und ehemaliger Kollege Aryeh Neier ihm einen Job bei der NYCLU angeboten hatte. Er lehnte ab, weil er dachte, die ACLU sei für seine Interessen thematisch zu eng und legalistisch ausgerichtet. Kennedy drängte ihn, es sich noch einmal zu überlegen. Glasser zufolge meinte Kennedy, die ACLU sei eine „einzigartige Organisation im amerikanischen Leben“, die „eine radikale Vorstellung vertritt …, radikal im Sinne der Wurzel dessen, worum es bei den Prinzipien und Werten des Landes wirklich geht“, auch wenn sie über Mainstream-Kanäle agiert. „Es gibt keine vergleichbare Organisation“, so Kennedy zu Glasser. „Sie vertun sich, wenn Sie sie für zu eng halten.“

Glasser nahm Kennedys Rat an, wenn auch immer noch mit einem Auge auf die Politik. Als Kennedy 1968 ins Rennen ging, hoffte er, dem Team beizutreten. Aber dann wurde Kennedy erschossen. „Es war, als wäre der Boden unter mir weggebrochen.“ Also blieb er in der NYCLU. Er stieg zum Executive Director auf. In dieser Position lernte er, wie man eine Organisation leitet. Er beteiligte sich auch an der Kampagne zur Anklage gegen Nixon nach Watergate – „ein weiteres großes Highlight“ für ihn. 1978, als Neier das Bundesbüro verließ, bekam Glasser den Spitzenjob in der ACLU.

Bis heute schreibt er es Kennedy zu, dass er eine Laufbahn eingeschlagen hat, die ihn erfüllte. „Ich glaube nicht, dass mir dieses Glück ohne das Gespräch mit Kennedy widerfahren wäre.“ Mehr als 50 Jahre später ist er immer noch verblüfft über die Erkenntnisse, die Robert Kennedy damals hatte: „Dass jemand, der kein traditioneller Liberaler war, der aus einer autokratischen Familie stammte, der für Joe McCarthy gearbeitet hatte, der sich – noch vorsichtig ausgedrückt – bislang keine Meriten bei der Verteidigung von Freiheitsrechten erworben hatte, … dass gerade jemand wie er damals besser als ich … begriff, wofür die ACLU wirklich stand, war wirklich bemerkenswert.“

Glasser ist seit zwei Jahrzehnten im Ruhestand. Obwohl er weiterhin als Vorstandsvorsitzender der Drug Policy Alliance fungiert und es als seine weitere Lebensaufgabe ansieht, zur Beendigung des Krieges gegen Drogen beizutragen, widmet er einen Großteil seiner Zeit seiner Familie, dem Fitnessstudio, dem Strand und natürlich den Ballspielen. Seine Leidenschaft für Freiheitsrechte bleibt aber ungebrochen. Wenn man nur dasselbe über die Organisation sagen könnte, die er einmal geleitet hat.