15.06.2026

Deutschlands Elite und ihr Anti-Amerikanismus

Von Sabine Beppler-Spahl

Titelbild

Foto: Ronile via Pixabay (CC0)

US-Präsident Trump dient hierzulande nur als Anlass für antiamerikanische Ressentiments. Diesen liegt unter anderem der Versuch zugrunde, von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken.

Trump hat keine Ahnung von Außenpolitik“ „Trumps Amateur-Diplomaten“ „Trump privatisiert US- Außenpolitik“. Solche Aussagen hallen regelmäßig durch deutsche Nachrichtenredaktionen und Kommentarspalten – oft begleitet von noch drastischeren Bildern. Die Spiegel-Titelbilder, die Donald Trump als Hitler oder Diktator darstellen, sind dabei nur die auffälligsten Beispiele. Die kumulative Wirkung auf die öffentliche Meinung ist messbar: Eine kürzlich veröffentlichte Allensbach-Umfrage zeigt, dass die Zustimmung der Deutschen zur Zusammenarbeit mit Amerika und ihr Vertrauen in die USA dramatisch gesunken sind – von 62 Prozent im Jahr 2020 auf nur noch 34 Prozent. Zugleich stimmten 64 Prozent der Befragten der Aussage zu, Donald Trump bringe Chaos in die Welt, indem er internationale Regeln und langjährige Allianzen missachte.

Doch dieser Deutungsrahmen verdeckt eine längere und unbequemere Geschichte. Der Anti-Amerikanismus innerhalb der deutschen Eliten begann nicht erst mit Trump. Amerika zu kritisieren – oder antiamerikanische Ressentiments für innenpolitische Zwecke zu instrumentalisieren – gehört seit Jahrzehnten zu den wiederkehrenden Mustern der deutschen Politik. Die heutigen Angriffe auf Trump sind weniger eine Reaktion auf konkrete politische Entscheidungen als vielmehr Ausdruck eines tief verwurzelten Misstrauens gegenüber Populismus und unmittelbarer demokratischer Verantwortlichkeit.

Amerika-Kritik ist nichts Neues

Die Beziehungen Deutschlands zu den Vereinigten Staaten sind lang und vielschichtig. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Amerika zunächst Besatzungsmacht, später Schutzmacht im Kalten Krieg. Die Berliner Luftbrücke, Kennedys berühmtes „Ich bin ein Berliner“ und die Unterstützung der US-Regierung unter George H. W. Bush für die deutsche Wiedervereinigung trotz französischer und britischer Vorbehalte sind feste Bestandteile dieser gemeinsamen Geschichte.

Mit dem Ende des Kalten Krieges begann der Anti-Amerikanismus jedoch zunehmend in den respektablen Sprachgebrauch des politischen Establishments einzudringen. Selbst Vergleiche amerikanischer Präsidenten mit Hitler sind keineswegs neu. Auf dem Höhepunkt der Debatte über den Irakkrieg soll die damalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) im Jahr 2002 bei einer Gewerkschaftsveranstaltung ungefähr gesagt haben: „Bush will von inneren Problemen ablenken. Das ist eine gängige Methode. Hitler hat dasselbe getan.“ Kurz darauf wurde sie nicht erneut zur Justizministerin ernannt. Die damalige Welle der Empörung erscheint aus heutiger Sicht bemerkenswert. Eine vergleichbare Reaktion wäre inzwischen deutlich unwahrscheinlicher.

Diese Äußerungen fielen während der Kanzlerschaft Gerhard Schröders. Schröder inszenierte sich als Stimme europäischer Vernunft gegen die vermeintliche amerikanische Rücksichtslosigkeit und sicherte sich damit erfolgreich seine Wiederwahl. Die Geschichte hat über ihn jedoch ein anderes Urteil gefällt. Heute wird Schröder vor allem als jener Kanzler in Erinnerung behalten, der Deutschland in eine tiefe energiepolitische Abhängigkeit von Russland führte. Er wurde Aufsichtsratsvorsitzender der Nord Stream AG und arbeitete später für Rosneft.

„Trump stellt supranationale Institutionen infrage, die für viele europäische Eliten längst zu einem zentralen Bestandteil ihrer politischen Identität geworden sind.“

Bemerkenswert ist jedoch, dass sich damals in den Umfragen ein ähnlicher Stimmungswandel zeigte wie heute. Positive Einstellungen gegenüber Amerika sanken von 78 Prozent in den Jahren 1999 und 2000 auf 61 Prozent im Jahr 2002 und schließlich auf nur noch 25 Prozent im Jahr 2003.

Während Schröder Pazifismus und verdeckten Anti-Amerikanismus vor allem taktisch nutzte, geht das heutige politische Establishment einen Schritt weiter. Für viele seiner Vertreter verkörpern Trump und der amerikanische Populismus alles, was sie fürchten und verachten. Was sie ablehnen, ist nicht eine einzelne politische Maßnahme – weder Zölle noch Grönland oder andere außenpolitische Initiativen. Es ist vielmehr Trumps gesamter Politikstil, den sie als Affront gegen technokratische und prozessorientierte Regierungsmodelle verstehen, die möglichst weit vom unmittelbaren Druck der Wähler entfernt bleiben sollen.

Was sie besonders irritiert, ist nicht Trumps Interventionismus oder seine Rhetorik. Es ist die Tatsache, dass er offen nationale Interessen formuliert und die Wünsche seiner Wähler zum Maßstab seines politischen Handelns macht. Gleichzeitig stellt er supranationale Institutionen infrage, die für viele europäische Eliten längst zu einem zentralen Bestandteil ihrer politischen Identität geworden sind.

Die Angst vor dem Populismus

Die Wut auf Amerika ist für eine zunehmend verunsicherte Elite zu einem politischen Bezugspunkt geworden. Die Versuchung, äußere Mächte für innere Probleme verantwortlich zu machen, ist groß – und sie bleibt nicht auf rhetorische Gesten beschränkt.

Während der Bundestagswahl 2025 wurden wiederholt Sorgen über amerikanische Einflussnahme geäußert. Diese Befürchtungen waren nicht völlig unbegründet. Populistische Wähler, insbesondere Anhänger der AfD, machten keinen Hehl aus ihrer Freude über die implizite Unterstützung durch die Trump-Regierung. Für das politische Establishment war dies nicht nur unangenehm, sondern geradezu alarmierend.

Besonders deutlich zeigte sich diese Nervosität in den Reaktionen auf die Rede von Vizepräsident JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025. Was große Teile des deutschen Establishments schockierte, war nicht in erster Linie die Forderung nach einer Reduzierung amerikanischer Sicherheitsgarantien in Europa. Beunruhigender erschien ihnen seine Kritik an europäischen Regierungen wegen Einschränkungen der Meinungsfreiheit.

„Heute lautet das stärkste Argument vieler Kommentatoren lediglich, dass Trump die Europäische Union notwendiger erscheinen lasse.“

Die Reaktion von Verteidigungsminister Boris Pistorius, in der die Rede von Vance inakzeptabel nannte und betonte, eine Demokratie müsse sich auch wehren können, machte die zugrunde liegende Spannung noch deutlicher. Die Kluft zwischen Deutschland und Amerika spiegelt zunehmend auch eine innere deutsche Spaltung wider: die zwischen einem Establishment, das bestimmte Narrative schützen und steuern möchte, und einer wachsenden Öffentlichkeit, die diesen Anspruch zunehmend kritisch betrachtet.

Diese defensive Haltung wurde noch sichtbarer, als die Sendung „60 Minutes“ des amerikanischen Fernsehsenders CBS über Deutschlands Vorgehen gegen angebliche Hassäußerungen berichtete. Gezeigt wurden Polizeibeamte, die Wohnungen aufgrund von Online-Kommentaren durchsuchten und elektronische Geräte beschlagnahmten. Diejenigen, die sich selbst als Hüter der Demokratie verstehen, erschienen plötzlich in einem deutlich weniger schmeichelhaften Licht.

Hinzu kam die Peinlichkeit, die innere Schwäche der Europäischen Union offengelegt zu sehen. Die Bilder einer sichtbar angespannten Ursula von der Leyen bei Verhandlungen über Zölle mit einem selbstbewusst auftretenden amerikanischen Präsidenten fanden große Aufmerksamkeit und fielen kaum zugunsten der EU-Seite aus.

Das Ergebnis war ein zunehmend defensiver Anti-Amerikanismus. Während des Irakkriegs konnte sich Europa noch als vernünftiges „altes Europa“ gegenüber einem angeblich rücksichtslosen Amerika inszenieren. Heute lautet das stärkste Argument vieler Kommentatoren lediglich, dass Trump die Europäische Union notwendiger erscheinen lasse. „Wenn die Union jetzt nicht souverän wird, wird sie irrelevant“, warnte ein Kommentator. Darin steckt – bewusst oder unbewusst – ein bemerkenswertes Eingeständnis: dass das europäische Projekt bislang offenbar nicht in der Lage war, seine eigene Unverzichtbarkeit überzeugend zu begründen.

Die Angst vor dem Volk

Der Vorwurf, Amerika betreibe eine „amateurhafte“ Außenpolitik, offenbart eine tief verwurzelte Überzeugung innerhalb des deutschen Establishments: dass politische Entscheidungen von großer Tragweite zu komplex seien, um sie gewöhnlichen Wählern zu überlassen. Auch diese Haltung ist keineswegs neu. Ein erheblicher Teil des europäischen Überlegenheitsgefühls gegenüber Amerika beruht seit langem auf der Vorstellung, dass dort die falschen Menschen zu viel politischen Einfluss besitzen.

„Anstatt sich mit eigenen Fehlentscheidungen auseinanderzusetzen, richtet sich der Reflex nach außen.“

Der Politikwissenschaftler Russell A. Berman zitiert in seinem Buch „Anti-Americanism in Europe“ von 2008 den deutschen Autor Klaus Theweleit. Dieser äußerte nach dem 11. September 2001, dass „gerne übersehen wird, dass ausgerechnet jemand wie Bush die Wahlen nur mit den Stimmen aus dem Bible Belt gewinnen konnte: den Stimmen von fundamentalistischen Amerikanern, von religiösen Fanatikern […]“. Berman bringt den antidemokratischen Unterton dieser Aussage treffend auf den Punkt: „Will er andeuten, dass christliche Wähler vom Wahlrecht ausgeschlossen werden sollten?“ Derselbe Impuls prägt auch heute weite Teile der Trump-Kritik. Die unausgesprochene Annahme lautet nicht selten, dass nicht nur Trump selbst das Problem sei, sondern auch jene Bürger, die ihn gewählt haben.

Doch die Selbstsicherheit des Establishments zeigt zunehmend Risse. Trotz aller Verachtung für die angebliche „Amateurhaftigkeit“ amerikanischer Politik offenbarten die deutschen Eliten in ihren eigenen außenpolitischen Entscheidungen bemerkenswerte Fehleinschätzungen: die Überraschung über Putins Angriff auf die Ukraine, die jahrzehntelange Beschwichtigungspolitik gegenüber dem Iran oder die wiederholte Unterschätzung islamistischer Bedrohungen.

Anstatt sich mit diesen Fehlentscheidungen auseinanderzusetzen, richtet sich der Reflex erneut nach außen. So nennt ein aktueller Bericht des Institut der deutschen Wirtschaft Coronavirus, Krieg und Trump als die drei zentralen Belastungsfaktoren für die deutsche Wirtschaft seit 2020. Bemerkenswert ist dabei weniger die Nennung dieser Faktoren als das weitgehende Schweigen über den Beitrag hausgemachter politischer Fehlentscheidungen zum wirtschaftlichen Niedergang des Landes.

„Anti-Amerikanismus war historisch stets ideologisch vielgestaltig und fast immer von einem Element des Neides begleitet.“

Anti-Amerikanismus war historisch stets ideologisch vielgestaltig und fast immer von einem Element des Neides begleitet. Die politische Rechte lehnte Amerika einst als Symbol moderner Massengesellschaft, Kapitalismus und kultureller Entwurzelung ab. Die Linke betrachtete es als Motor des Imperialismus. Bis heute reproduzieren Teile der deutschen Linken in modernisierter Form Argumentationsmuster, die stark an ältere antiamerikanische Diskurse erinnern. Bereits im 19. Jahrhundert wandten sich deutsche Romantiker gegen die demokratischen Ideale der Amerikanischen Revolution. Eine Ausnahme war Goethe, der sich bereits 1827 mit der Amerikafeindlichkeit vieler seiner Zeitgenossen beschäftigte und in seinem posthum veröffentlichten Gedicht „Den Vereinigten Staaten“ schrieb: „Amerika, Du hast es besser“.1

Heute wird die Anti-Trump-Haltung großer Teile der deutschen Elite vor allem von der Angst vor populistischen Bewegungen getragen. Insofern ist der Begriff „Anti-Amerikanismus“ nur bedingt treffend. Die deutsche Elite lehnt Amerika nicht grundsätzlich ab. Sie orientiert sich weiterhin an Amerika – allerdings an einem sehr bestimmten Amerika: jenem der progressiven Küstenmetropolen, akademischen Milieus und kulturellen Eliten. Die Begeisterung zahlreicher Politiker aus dem grünen und linken Spektrum für den Aufstieg von Zohran Mamdani in New York, der offen mit antikapitalistischen und antiwestlichen Positionen Wahlkampf führte, verdeutlicht diese Präferenz.

Jede Partei hat das Recht, die amerikanische Außenpolitik kritisch zu beurteilen. Sachliche Kritik an den Entscheidungen eines anderen Staates ist nicht nur legitim, sondern notwendig. Doch der Anti-Trumpismus großer Teile der deutschen Elite ist etwas anderes. Er ist weniger eine politische Analyse als eine kulturelle Reflexhaltung, weniger Ausdruck nüchterner Kritik als Symptom tiefer Verunsicherung. Er dient dazu, eigene politische Fehlentwicklungen zu überdecken und innere Probleme auf einen ausländischen Sündenbock zu projizieren.

Im Kern steht dabei eine antidemokratische Versuchung: die Vorstellung, dass die „falschen“ Wähler immer wieder die „falschen“ Entscheidungen treffen und politische Prozesse deshalb möglichst weit von ihrem Einfluss entfernt werden sollten. Gerade deshalb sollte diese Haltung nicht als aufgeklärte Kritik missverstanden, sondern als das erkannt werden, was sie ist: Ausdruck eines zunehmenden Misstrauens gegenüber dem demokratischen Prinzip selbst.

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