12.04.2019

Deutsche gegen den Brexit – ohne mich

Von Sabine Beppler-Spahl

Titelbild

Foto: Fernando Butcher via Flickr / CC BY 2.0

Das Buch „Brexit – Demokratischer Aufbruch in Großbritannien“ informiert deutschsprachige Leser, dass es sehr wohl gute Gründe für einen Austritt aus der Europäischen Union gibt.

Über den Brexit ist in den deutschen Medien mehr berichtet worden als in allen anderen europäischen Medien, außer natürlich in Irland. Das ist das Ergebnis einer Studie des Reuters Institute aus dem vergangenen Jahr. Und dennoch ist die deutsche Öffentlichkeit paradoxerweise schlecht informiert. Warum? Weil uns die Brexit-Geschichte von Journalisten erzählt wird, die fast ausschließlich einen ausgeprägten Pro-EU-Standpunkt vertreten.

Nur sehr selten, wenn überhaupt, hören wir die Stimmen derer, die für den Austritt gestimmt haben. Stattdessen wird uns unablässig mitgeteilt, das Referendum sei ein Fehler gewesen oder die meisten Briten hätten ihre Meinung geändert und das gesamte Land bestehe faktisch nur noch aus EU-Anhängern usw.

Für diejenigen, die mit dem Wunsch der Briten, die EU zu verlassen, sympathisieren – und das sind laut einer  Umfrage 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland ­– ist diese tendenziöse Berichterstattung ein Ärgernis, das bereits mit der Sprache beginnt. Sollen wir uns daran gewöhnen, den Begriff „Brexit“ nur in Kombination mit Wörtern wie „Chaos“, „Desaster“ oder „Drama“ zu hören? Brexit-Unterstützer werden häufig als konservativ, ultra-konservativ oder als Fundamentalisten bezeichnet. Nur sehr selten hören wir von linken Brexit-Sympathisanten und nie von progressiven. Diese Adjektive scheinen nicht zum EU-Austritt zu passen. Bezeichnend ist, dass die 30 Prozent Brexit-Befürworter, von denen in einem Spiegel-Artikel die Rede ist, ebenfalls als „jung, pessimistisch und rechts“ charakterisiert werden. Der Grund? Ein Teil dieser Brexit-Befürworter – 35 Prozent ­– gaben an, die AfD wählen zu wollen.

Sind deutsche Journalisten besonders voreingenommen, wenn es um den Brexit geht? Das glaubt Daniel Johnson, der frühere Deutschland-Korrespondent des britischen Daily Telegraph. „Die deutschen Korrespondenten berichten nicht über den Brexit, sondern sie produzieren Merkel-Propaganda“, schreibt er. Aber dieses Bild von Journalisten als Hofschreiber Merkels vermag nicht zu überzeugen. Die wenigsten Journalisten würden sich als Fans der Kanzlerin bezeichnen. Ihre Solidarität gilt eher der britischen „Remainer“-Elite, die in der EU verbleiben will. Sie teilen deren Misstrauen gegenüber dem Populismus und dem Votum der Wähler.

Zum Ausdruck kommt weniger eine Pro-Merkel-Haltung als eine Art Dünkel. Mit ihren britischen Pro-EU-Kollegen teilen diese Journalisten den sozialen Status und die politische Grundhaltung. Und so beziehen sie sich in ihrer Berichterstattung auch stark auf ihre gleichgesinnten britischen Freunde. Sie stellen sicher, dass wir nur deren Stimmen hören.

Am 25. Juni 2016 z.B., kurz nach der Brexit-Abstimmung, druckte meine Zeitung, die Berliner Zeitung, Interviews mit Briten, die in Berlin leben. Alle zeigten sich entsetzt über das Wahlergebnis. Ein schottischer Kneipenbesitzer wurde mit der Aussage zitiert, Millionen britischer Schwachköpfe hätten dem gesunden Menschenverstand ins Gesicht geschlagen.

Im November 2018 sendete der Deutschlandfunk im Programm Kontrovers eine Debatte mit dem Titel „Wie weiter mit dem Brexit-Abkommen?“. Die Verteidigung des Austritts wurde einem AfD-Politiker überlassen. Einer der drei Gesprächspartner war der britische Journalist Grahame Lucas, der die schlimmsten Anti-Brexit-Vorurteile vertrat: Die Abstimmung sei das Ergebnis einer kolonialen Nostalgie seiner Landsleute, die meisten Wähler hätten sich von Emotionen und nicht ihrem Gehirn leiten lassen usw.

Zu den bekannten britischen Anti-Brexit-Stimmen gehört auch Kate Connolly, die Deutschlandkorrespondentin des Guardian. Sie dürfte, nachdem sie in unzähligen Fernsehdebatten aufgetreten ist, die am besten bekannte britische Journalistin in Deutschland sein. Ihr Buch „Exit Brexit: Wie ich Deutsche wurde“, ist in vielen Medien besprochen worden.

„Die einseitige Berichterstattung hat zur Folge, dass es sehr wenig wirklich offene Debatten über den Brexit gibt. Das aber ist schlecht für uns alle."

Weitere Brexit-Gegner, denen Exklusivinterviews oder Gastkommentare gewährt wurden, sind der Philosoph A.C. Grayling („Wir können den Brexit stoppen”, Die Zeit), Christopher Clark („Leider sind die Menschen so dumm, dass sie von der Geschichte eher nicht lernen“, Deutschlandfunk) und Timothy Garton Ash („Die EU hat [...] das bestmögliche Angebot gemacht“, Tagesspiegel).

Gelegentlich wurden auch kritische Stimmen zugelassen. So nahm die ursprünglich aus Deutschland stammende britische Labour-Politikerin Gisela Stuart, die 2016 die Vote-Leave- Kampagne leitete, im Januar an einer ZDF Talkshow teil. Doch im Großen und Ganzen wird der Brexit in Deutschland als das Werk der falschen Wähler dargestellt ­– derjenigen, die anfällig für populistische Propaganda sind. Der Journalist Damir Fras spricht in der Frankfurter Rundschau von „einem Land, in dem die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler nicht mehr Teil der EU sein will, weil sie einer beispiellosen Lügen- und Desinformationskampagne aufgesessen sind“.

Die einseitige Berichterstattung hat zur Folge, dass es sehr wenig wirklich offene Debatten über den Brexit gibt. Das aber ist schlecht für uns alle. Deutschland mag ein Land sein, das politisch und wirtschaftlich eng mit der EU verbunden ist – aber gerade deswegen ist es so wichtig, dass wir verstehen, was auf dem Kontinent vor sich geht.

„Das Buch 'Brexit – Demokratischer Aufbruch in Großbritannien' versucht, die andere Seite der Debatte über den EU-Ausstieg darzustellen."

Mein Buch „Brexit – Demokratischer Aufbruch in Großbritannien“ versucht, die andere Seite der Debatte über den EU-Ausstieg darzustellen. Jedes Kapitel behandelt ein weitverbreitetes Argument gegen den Brexit und beginnt mit einem Zitat, das der deutschen Presse entnommen ist. Über den Brexit zu schreiben ist nicht möglich, ohne zugleich über die EU, die Demokratie und die deutsche Politik nachzudenken. Eine besondere Entdeckung beim Schreiben waren die Bücher, Reden und Schriften von Deutschen, die die EU oder ihre Vorgängerinstitutionen von einem demokratischen Standpunkt aus kritisierten, wie Hans Magnus Enzensberger oder der Antifaschist Kurt Schumacher.

In ihrem Geleitwort schreibt die Labour-Politikerin Gisela Stuart, die 2016 Vorsitzende der „Vote Leave“ Kampagne in Großritannien war:„Als man schließlich den Wählern hier die Frage gestellt hat, wer das letzte Wort über Gesetze, Steuern und Grenzen haben sollte, entschieden sie mehrheitlich, das müsse ihre eigene Regierung sein“. Das ist ein Anspruch an die Politik, den auch wir in Deutschland ernst nehmen sollten.