08.03.2021

Der Mythos des „White Privilege“

Von Xin Du

Titelbild

Foto: John Duffy via Flickr / CC BY 2.0

Die heutige Debatte über die vermeintlichen Privilegien weißer Amerikaner basiert auf einem Aufsatz aus den späten 1980er Jahren, der damals schon wenig Sinn ergab.

In der heutigen Zeit werden Nachrichten oft in vorformulierten und mundgerechten Häppchen an die Massen verfüttert. Dabei werden, sobald ein Narrativ aufgebaut ist, wichtige Grundlagen als selbstverständlich vorausgesetzt. Die Proteste und Ausschreitungen als Reaktion auf den Tod von George Floyd im Frühjahr 2020 sind ein solches Beispiel.

Die Vorstellung, dass die Polizei in den USA systematisch rassistisch handelt und Schwarze brutal ermordet, wird als selbstverständliche Wahrheit akzeptiert. Und das trotz zahlreicher Studien und endloser Statistiken, die dieses allzu vereinfachte Narrativ in Frage stellen. 1 Ironischerweise haben die Unruhen, die durch diese – auf sehr wackeligem Boden stehende – Erzählung mitausgelöst wurden, zur Zerstörung von Schwarzenvierteln 2 sowie zahllosen Geschäften 3 und sogar zum Tod von mindestens 28 Menschen, darunter auch schwarze Kinder, 4 geführt.

Das Narrativ von Black Lives Matter lautet: Die US-amerikanische Republik, so wie sie von Weißen konzipiert wurde, ist unabänderlich und zutiefst rassistisch. Im Strudel der Empörung haben die wenigsten Black-Lives-Matter-Anhänger einen Moment innegehalten, um darüber nachzudenken, woher diese unterdessen sehr weitverbreitete Erzählung überhaupt kommt.

„Die Autorin liefert weder Statistiken noch anekdotische Fallstudien, um ihre Behauptungen zu untermauern.“

Allen Vermutungen eines institutionalisierten Rassismus liegt das so genannte „weiße Privileg“ zugrunde – die Vorstellung, dass Weiße aufgrund unverdienter Privilegien, die ihnen ihre Hautfarbe gewährt, automatisch ein leichteres Leben haben – und zwar auf Kosten derer, die nicht weiß sind. Eine der einflussreichsten Quellen dieser Idee ist der 1989 erschienene Aufsatz, „White Privilege: Unpacking the Knapsack“ von Dr. Peggy McIntosh. 5 McIntoshs kurzer Essay ist lesenswert und wurde in der akademischen Fachliteratur über 5000 Mal zitiert.

Doch McIntoshs These basiert ausschließlich auf Annahmen. Sie macht „weiße Privilegien“ als ein Phänomen geltend, das sie aus einem festgestellten männlichen Privileg extrapoliert. Sie liefert weder Statistiken noch anekdotische Fallstudien, um ihre Behauptungen zu untermauern. Trotzdem beschreibt sie „weiße Privilegien“ als „unsichtbares Paket unverdienter persönlicher Guthaben“. Da sie dieses unsichtbare Phänomen nicht wirklich konkret beschreibt, geht sie dazu über zu fragen: „Was tue ich, um diese unsichtbare Bevorteilung zu verkleinern oder zu beenden, nachdem ich sie beschrieben habe?“

McIntosh listet 26 Aussagen auf, die versuchen, die „weißen Privilegien“, die sie in ihrem täglichen Leben erfährt, zu untermauern. Die Liste beginnt mit dem fantastischen: „Ich kann, wenn ich will, die meiste Zeit in der Gesellschaft von Menschen meiner eigenen Rasse verbringen“. Sie enthält auch die sich selbst erfüllende Prophezeiung: „Wenn ich will, kann ich davon ausgehen, dass ich einen Verleger für diesen Text über ‚weiße Privilegien‘ finde.“

„McIntosh arbeitet mit rassistischen Verallgemeinerungen – und Nullsummen-Argumenten –, wie sie auch einem Ku-Klux-Klan-Mitglied nicht fremd wären.“

Seit McIntoshs Essay hat sich in den Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarben vieles verbessert. Doch auch als er erschien, hatten zahlreiche Schwarze große Erfolge zu verbuchen: Eddie Murphy, Whitney Houston und Michael Jackson zählten zu den größten Stars der Welt. 1988 gewann Jesse Jackson bei seiner zweiten Kandidatur für das Präsidentenamt sieben Millionen Vorwahlstimmen. Im selben Jahr kandidierte Lenora Fulani als dritte Kandidatin für das Präsidentenamt und gewann die meisten Stimmen, die eine Frau bis dahin jemals bei einer Präsidentschaftswahl erhalten hatte. Und 1984 wurde Ben Carson der jüngste Direktor der pädiatrischen Neurochirurgie der USA. Dennoch schien McIntosh nach wie vor darauf zu beharren, dass Schwarze keinen Erfolg hätten.

McIntosh arbeitet mit rassistischen Verallgemeinerungen – und Nullsummen-Argumenten –, wie sie auch einem Ku-Klux-Klan-Mitglied nicht fremd wären. So stellt sie z.B. fest, dass „in dem Maße, in dem man meiner eigenen rassischen Gruppe Selbstvertrauen, Bequemlichkeit und Unbeirrbarkeit gewährte, andere Gruppen wahrscheinlich unsicher, unbehaglich und zunehmend entfremdet wurden“. Es scheint für McIntosh unmöglich, sich eine Welt vorzustellen, in der Weiße und Schwarze gleichzeitig glücklich sein können. Die logische Schlussfolgerung aus dieser Kasuistik ist, dass Weiße weniger glücklich gemacht werden müssen, damit Schwarze glücklicher sind. Einen Teil dieses Gefühls erkennen wir in der Black-Lives-Matter-Bewegung wieder, die zunehmend fordert, dass Weiße Platz machen sollen.

Selbst McIntoshs Postulierung eines „männlichen Privilegs“ – die Annahme, auf der die Erzählung des Privilegs der Weißen beruht – ist fragwürdig. Die meisten Obdachlosen in den USA sind Männer (rund 70 Prozent), 6 wie auch die Mehrheit (93 Prozent) der Gefängnisinsassen 7. Fast 70 Prozent der Selbstmorde wurden 2018 von weißen Männern begangen. 8 Und auch bei den arbeitsbedingten Verletzungen und Todesfällen machen Männer durchweg über 90 Prozent aus. Ganz zu schweigen davon, dass die überwiegende Mehrheit derer, die in Kriegen getötet werden auch Männer sind. Ein tolles Privileg!

„Laut McIntoshs These müsste ein bosnischer Flüchtling, der in den frühen 1990er Jahren ohne Geld, ohne Familie und ohne Englischkenntnisse in die USA kam, einen inhärenten Vorteil gegenüber Eddie Murphy genießen.“

Der britisch-amerikanische Autor Christopher Hitchens sagte einmal, dass die Aufgabe eines öffentlichen Intellektuellen größtenteils darin besteht, zu sagen: „Ganz so einfach ist es nicht“. Im Vergleich dazu ist McIntoshs Riecher für Verallgemeinerungen ziemlich erstaunlich. Bei der Verwendung des Begriffs „weiß“ scheint sie die unterschiedlichen Lebensumstände und Schicksale der verschiedenen „weißen“ Gruppen, die in den USA leben, zu übersehen. Zu den amerikanischen „Weißen“ gehören Juden, die in den 1930er und 1940er Jahren vor den Nazis aus Polen, Deutschland, Österreich und anderswo flohen; die große griechische Einwandererbevölkerung, die in den 1950er bis 1970er Jahren den wirtschaftlichen und politischen Verwüstungen in Griechenland entkam; und die bosnisch-muslimischen Flüchtlinge, die vor dem versuchten Völkermord in den frühen 1990er Jahren flüchteten. Dies sind einige der am stärksten verfolgten Personengruppen der Welt. Aber laut McIntoshs These müsste ein bosnischer Flüchtling, der in den frühen 1990er Jahren ohne Geld, ohne Familie und ohne Englischkenntnisse in die USA kam, einen inhärenten Vorteil gegenüber Eddie Murphy genießen.

Und man fragt sich, was McIntosh dazu sagen würde, dass die Amerikaner mit dem höchsten Verdienst heute ethnische Asiaten sind. Indische Amerikaner stehen an der Spitze (mit einem durchschnittlichen Haushaltseinkommen von 100.000 Dollar). 9 Japanische (74.000 Dollar) und chinesische Amerikaner (70.000 Dollar) verdienen ebenfalls mehr als Weiße (67.800 Dollar).

Die Zahl der Weißen, die 2018 unterhalb der Armutsgrenze lebten (15,7 Millionen), ist fast doppelt so hoch wie die der Schwarzen (8,9 Millionen). 10 Zwar ist der Anteil der Schwarzen in Armut höher als der der Weißen, doch sollte die schiere absolute Zahl der mittellosen Weißen uns zumindest zu eingehenderer Reflexion über die weitreichenden Theorien verleiten, die McIntosh vertritt und die inzwischen zu einer der am stärksten verankerten Erzählungen in der amerikanischen Politik geworden sind. Es ist an der Zeit, den Mythos des privilegierten Weißen ein für alle Mal zu begraben.