22.01.2021

Das lange Leben schlechter Ideen (1/2)

Von Mark Feldon

Titelbild

Foto: Pug50 via Flickr / CC BY 2.0

Diversity-Trainings gegen „unbewusste Vorurteile“ oder die Überbewertung „gelebter Erfahrung“ von Betroffenen basieren nicht auf gesellschaftlicher Vernunft.

Der gesunde Menschenverstand hat unter klugen Menschen bekanntlich nicht nur Freunde. Karl Marx, Erfinder des wissenschaftlichen Sozialismus, sah in ihm einen „dünkelhaften Grobianismus“ und Friedrich Nietzsche galt er als Quelle menschlichen Unglücks. Für Hannah Arendt hingegen war er eine Art sechster Sinn – den sie den Deutschen allerdings absprach. Manche schlechten Ideen widersprechen sowohl dem gesunden Menschenverstand als auch der wissenschaftlichen Vernunft – und sind dennoch nicht aus der Welt zu schaffen. Was den Triumph schlechter Ideen sichert, ist das Wirken einer intellektuellen Klasse, die glaubensmäßig an ihnen hängt und ein starkes Interesse an ihrem Fortleben hat. George Orwell brachte diesen Gedanken in seinem Essay „Über Nationalismus“ folgendermaßen auf den Punkt: „Man muss der Intelligenzia angehören, um solche Dinge zu glauben: Kein normaler Mensch könnte so dämlich sein“.1

 „Linguistischer Determinismus“

Der linguistische Determinismus (auch großspurig linguistisches Relativitätsprinzip genannt) erfüllt alle Kriterien einer schlechten Idee. Laut ihm hängt die Wahrnehmung der Wirklichkeit maßgeblich von der Muttersprache ab. Flamen und Wallonen bewegen sich demnach in getrennten Realitäten, obwohl sie Tür an Tür wohnen und sich sogar eine Hauptstadt teilen.

Frühe Formen dieser Idee wurden von Anhängern der Völkerpsychologie und später Willhelm von Humboldt vertreten. Ihren Erfolg verdient das Konzept jedoch der Sprachphilosophie Wittgensteins („Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“)2 sowie den Arbeiten der US-Anthropologen Benjamin Lee Whorf3 und Edward Sapir4 – weshalb der linguistische Determinismus heute auch auf den Namen Sapir-Whorfianismus hört. Auf den Punkt gebracht, sagt die Sapir-Whorf-These, dass das Denken (und damit auch Wahrnehmung und Handeln) von unseren Worten und der Grammatik bestimmt wird.

Whorf kam zu diesem Schluss, als er die Sprache der Hopi-Indianer untersuchte und erstaunt feststellte, dass ihr Zeichensystem keine Zeitwörter kennt. Die Hopi lebten also, anders als etwa Flamen und Wallonen, in einer zeitlosen Welt. Laut dem Sprachwissenschaftler Steven Pinker kam Whorf zu diesem verblüffenden Ergebnis, ohne jemals mit einem Hopi-Indianer gesprochen zu haben.5 Hätte er das getan, wäre er womöglich zum Schluss gekommen, dass Hopi-Indianer nicht nur nicht zeitlos sind, sondern sogar Wörter besitzen, die diesem Umstand gerecht werden. Whorf hatte schlicht unsauber geforscht.

„Was den Triumph schlechter Ideen sichert, ist das Wirken einer intellektuellen Klasse, die glaubensmäßig an ihnen hängt und ein starkes Interesse an ihrem Fortleben hat.“

Die Herero aus Namibia verwenden für die Farben blau und grün das gleiche Wort und dennoch gelingt es ihnen problemlos, einen blauen Himmel von grünem Gras zu unterscheiden. Im Russischen existieren zwei verschiedene Begriffe für hell- und dunkelblau, und trotzdem können Russen in Reaktionstests Blauschattierungen nicht wesentlich schneller oder präziser unterscheiden als Menschen, deren Muttersprache in diesem Farbspektrum undifferenzierter ist.6 Der wohl bekannteste „Beweis“ für die Herrschaft der Sprache über die Wirklichkeit ist der legendäre Wortreichtum der Eskimos für Schnee. Aber sagt die Anzahl an Wörtern, die es für einen Gegenstand gibt, wirklich etwas über dessen Wahrnehmung aus? Kann ein norwegischer Skilehrer Schneearten ungenauer bezeichnen als ein Ureinwohner Grönlands? Lassen sich die Eskimo-Bezeichnungen nicht auch in andere Sprachen übersetzen? Und können Eskimos keine Schadenfreude empfinden, weil es das Wort nur im Deutschen gibt? Der linguistische Determinismus jedenfalls ist da strikt: wo kein Begriff, da kein Gedanke.

Im Unterschied zu vielen anderen schlechten Ideen sind die Kernthesen des Sapir-Worphianismus logisch und praktisch falsifizierbar. Der US-amerikanische Linguist John McWhorter fasst in seinem Buch „The Language Hoax“, die Kritik an ihnen unterhaltsam und konzise zusammen und beschreibt (so der Untertitel), warum die Welt in jeder Sprache gleich aussieht.7 Für die Unterschiede im Vokabular hat McWhorter eine Erklärung, der zwar die romantisch-naturalistische Note von Sapir und Whorf fehlt, jedoch den Vorteil hat, plausibel zu sein: Zufall und begrenzte Speicherkapazitäten. Während die Anzahl sinnvoller sprachlicher Differenzierungen unbegrenzt ist, leiden Lexika und Gedächtnis unter Platzproblemen. Menschen müssen deshalb eine sprachliche Auswahl treffen. Warum wir für manche Begebenheiten Begriffe haben und für andere nicht, ist oftmals arbiträr und hängt von äußeren Umständen ab. Laut Steven Pinker bedeutet das Fehlen eines Wortes auch nicht, dass wir für einen Sachverhalt blind sind. Das Englische unterscheidet, anders als das Niederländische, nicht zwischen gut- und bösartigem Neid, und dennoch besitzen Engländer das gleiche Vermögen den Unterschied zu erkennen wie Niederländer. Der Sapir-Whorfianismus gilt unter Sprachwissenschaftlern als gründlich widerlegt, weshalb sein Name nur mehr Eingeweihten geläufig ist. Als schlechte Idee erweist sich der linguistische Determinismus jedoch als springlebendig.

„Gelebte Erfahrung“

Im allseits gelobten Bestseller „Zwischen mir und der Welt“ von Ta-Nehisi Coates8 nimmt folgende Anekdote eine Schlüsselrolle ein: Als Coates ein Kino an der New Yorker Upper West verlässt, stößt eine weiße Frau seinen Sohn, mit einem barschen „Come on!“, zur Seite. Das in der Form eines Briefes verfasste Buch soll Coates Kind auf ein gefährdetes Leben unter unheilbar rassistischen Weißen vorbereiten. Die Tendenz des Buches blieb nicht unwidersprochen. Der Kritiker Thomas Chatterton Williams warf ihm etwa vor, ein zynisches und verzerrtes Weltbild zu propagieren und Jason D. Hill galt das Werk als „amerikanische Horrorgeschichte“, die auf die Ausbeutung „weißer Schuld“ setzt. Der Ökonom Glenn Loury warf Coates vor, in schwarzen Amerikanern bloß „Marionetten am Ende einer von Weißen gezogenen Schnur“ zu sehen und keine selbstbewussten handelnden Akteure, die auf ihr Leben Einfluss nehmen können.

„Warum deutet er das Verhalten der Frau nicht als typische Großstadtaggressivität, sondern als rassistischen, auf den ‚schwarzen Körper‘ seines Sohnes zielenden Akt?“

Es mutet seltsam an, dass die Kino-Episode die einzige persönliche negative Erfahrung mit einer weißen Person ist, die Coates schildert. Warum fand sie überhaupt Eingang ins Buch? Und warum deutet er das Verhalten der Frau nicht als typische Großstadtaggressivität, sondern als rassistischen, auf den „schwarzen Körper“ seines Sohnes zielenden Akt? Coates vertraut darauf, dass der Leser seine Deutung des Vorfalls folgt und keine kritischen Fragen stellt. Nur seine Deutung ist zulässig und diese in Zweifel zu ziehen, hieße sich mit einer Rassistin gemein machen. Warum aber dürfen manche Interpretationen von Ereignissen in Zweifel gezogen werden, andere hingegen nicht? Der Grund dafür liegt in der Unterscheidung zwischen einer Erfahrung, also einer empirischen Behauptung, und einer „gelebten Erfahrung“, also einer Aussage, deren alleinige Richtigkeit die besondere Biografie des Erzählers verbürgt. Eine Erfahrung kann überprüft und in Zweifel gezogen werden, eine „gelebte Erfahrung“ gleicht hingegen einer dogmatischen Proklamation, deren Hinterfragung einem Akt der Blasphemie gleichkommt.

Nochmal zurück zur Kino-Episode. Wie die Frau das Zusammentreffen mit Coates und dessen Sohn sah, ist nicht überliefert. Ihre Deutung hätte es aber ziemlich schwer sich gegen das Narrativ von Coates zu behaupten, steht ihm als Teil einer „marginalisierten Minderheit“, doch ein privilegierter Erkenntnisstandpunkt zu. Dies behaupten auch Anhänger des Intersektionalismus, einer elitären Weltanschauung, die Menschen anhand materieller (etwa Hautfarbe) und immaterieller (etwa sexuelle Orientierung) Kriterien hierarchisch zu ordnen versucht. Die Güte der Interpretation einer Erfahrung ist dieser Theorie nach die Funktion der Position im identitären Kastensystem. Aber was, wenn zwei Menschen der gleichen Kategorie ein Erlebnis unterschiedlich deuten? Welche Bedeutung hätte der Kino-Vorfall wohl für Jason D. Hill, den schwarzen Philosophen mit dem positiven Amerikabild?

Den erklärten Opfern Glauben zu schenken gilt als Ausweis der Solidarität. Der Status als Opfer, der eigentlich am Ende der Überprüfung eines Sachverhalts stehen sollte, steht hier als Prämisse drohend am Anfang. Wer sich von solchen Warnungen nicht einschüchtern lässt, kann Interessantes zu Tage fördern. Der Politikwissenschaftler Wilfred Reilly kam etwa nach der Untersuchung von 346 sogenannten rassistischen Hassverbrechen zum Ergebnis, dass rund ein Drittel erfunden war.9 Ein Großteil der Opfer waren schlicht keine, ihre „gelebten Erfahrungen“ reine Fiktion.

„Eine Erfahrung kann überprüft und in Zweifel gezogen werden, eine ‚gelebte Erfahrung‘ gleicht hingegen einer dogmatischen Proklamation, deren Hinterfragung einem Akt der Blasphemie gleichkommt.“

Das Dogma der „gelebten Erfahrung“ bleibt also nicht auf den literarischen Bereich beschränkt, sondern hat spürbare Folgen für die Gesellschaft. Wie gestaltet sich etwa die Arbeit eines Gerichts, wenn die Güte von Aussagen davon abhängen soll, welcher demographischen Gruppe jemand angehört? Unser Recht orientiert sich an Evidenz und vernunftgeleiteten Argumenten und muss auch Tatschilderungen von Betroffenen in Zweifel ziehen dürfen. In einer Zeit, in der bereits der bloße Verdacht einer moralischen Verfehlung ausreicht, um Beschuldigten – also Unschuldigen – nachhaltig Schaden (Rufschädigung, Jobverlust, Ausschluss aus Netzwerken…) zuzufügen, muss die Unschuldsvermutung umso stärker betont werden. Minoritäten verfügen über den gleichen Sinnesapparat wie Mitglieder der demographischen Mehrheit, und sind folglich ebenso anfällig für Falschwahrnehmungen und Missdeutungen wie diese.

Andere Bereiche, die unter Beschuss gekommen sind, sind Kunst (darf eine weiße Künstlerin das Leid von Schwarzen darstellen?), Geschichtsschreibung (darf ein Weißer über den transatlantischen Sklavenhandel schreiben?) oder auch Politik (Schwarze brauchen schwarze Repräsentanten). Hier gilt „gelebte Erfahrung“ als Ausweis authentischen Sprechens und einzig legitimer Autorschaft bestimmter Themen. Es soll nicht in Zweifel gezogen werden, dass Minoritäten häufig Erfahrungen teilen, die der Mehrheit verborgen bleiben. Als Gegenstand der Oral History kann die persönliche Überlieferung unser Verständnis der Geschichte und heutiger Gesellschaften sicherlich vertiefen. „Gelebte Erfahrung“ aber absolut zu setzen würde verkennen, dass auch Minderheiten heterogene Gruppen darstellen, die Interessen haben und sich täuschen können. Es soll hier also nicht darum gehen, Deutungen von Erfahrungen abzuwehren, sondern den ideologischen Charakter, die zirkuläre Logik und die potentiell schädlichen Folgen „gelebter Erfahrung“ aufzuzeigen. Erfahrungen werden zu „gelebter Erfahrung“, wenn eine falsche Prämisse (Ungleichheit zwischen ethnischen Gruppen ist immer Resultat von Rassismus) herangezogen wird, um eine Anekdote in den Dienst derselben Prämisse zu stellen.

„Gelebte Erfahrung“ ist eine Erfahrung also dann, wenn sie vom Vorurteil über die Gesellschaft nicht abweicht, sondern diesem als Beweis a posteriori gilt. Gefangen in der „gelebten Erfahrung“ erscheinen manche radikale Maßnahmen plötzlich alternativlos. Ibram X. Kendi, der mal davon ausging, weiße Menschen seien buchstäblich Außerirdische, hat als Architekt solcher Maßnahmen eine lukrative Karriere gemacht.10 „Das einzige Mittel gegen rassistische Diskriminierung ist antirassistische Diskriminierung“ fordert der Bestsellerautor und Professor für antirassistische Forschung an der Universität Boston. Kendi weiß, dass seinem Vorhaben die amerikanische Verfassung im Weg steht, weshalb er den Aufbau einer Behörde vorschlägt, in der „ausgebildete Rassismusexperten und keine Gewählten“ darüber wachen, welche Gesetze erlassen und welche beseitigt werden sollen. Ebenfalls in den Aufgabenbereich des neuen Superamtes fielen die Überwachung der Äußerungen von Beamten oder die Einstellungs- und Geschäftspraxis privater Unternehmen. Der Journalist Coleman Hughes nannte die antirassistischen Visionen Kendis „totalitär“. Anders als die römische Diktatur wäre die antirassistische Gelehrtenrepublik auch nicht zeitlich begrenzt – dafür würde die „gelebte Erfahrung“ sorgen.

„Kendi weiß, dass seinem Vorhaben die amerikanische Verfassung im Weg steht, weshalb er den Aufbau einer Behörde vorschlägt, in der ‚ausgebildete Rassismusexperten und keine Gewählten‘ darüber wachen, welche Gesetze erlassen werden.“

„Unbewusste Vorurteile“

Schlechte Ideen machen gute Geschäfte. Die amerikanische Diversity-Industrie verzeichnet einen Umsatz von rund 10 Milliarden Dollar. Längst werden die Dienste professioneller Dienstleister nicht mehr nur an Schulen, Parteien, Universitäten oder in der Kulturbranche angeboten. Laut Harvard Business Review gibt es kein Fortune-500-Unternehmen, das auf die Segnungen von Seminaren, Workshops und Broschüren zur Förderung einer vielfältigen und vorurteilsfreien Belegschaft verzichten möchte. Für Kritiker wie Christopher Caldwell11 oder Michael Lind12 gründet diese Entwicklung im Wirken eines behördlichen Apparats, der nach Erreichen seines ursprünglichen Zieles (rechtliche Gleichstellung durch den Civil Rights Act in 1964) nicht etwa rückgebaut, sondern massiv erweitert wurde. Es handele sich hier um ein mustergültiges Beispiel von Mission Creep, einer schleichenden und kontinuierlichen Erweiterung der Ziele, Zuständigkeiten und Kompetenzen, die sich aus der Eigenlogik der Institution ergibt. Der Kampf für Chancengleichheit (Equality) hätte sich über die Jahrzehnte so zu einem Programm für die Durchsetzung von Ergebnisgleichheit (Equity) erweitert, das staatliche Diskriminierungsverbot zur öffentlichen und privaten Vorteilsgewährung nach ethnischen Kriterien. Maßnahmen wie Affirmative Action (auch euphemistisch positive Diskriminierung genannt) wurden häufig auf administrativem Weg durchgesetzt und konnten sich so ungestört von parlamentarischen Debatten frei entfalten.

Theoretische Grundannahme von Diversity-Schulungen ist die Vorstellung, dass rassistische Handlungen, die direkte Folge impliziter, unbewusster Vorurteile (Implicit Biases) sind. Während die „gelebte Erfahrung“ empirisch auf wackeligen Beinchen steht, sollen solche Vorurteile sogar unter Laborbedingungen nachweisbar sein. Dies behaupten u.a. Anthony Greenwald, Debbie McGhee und Jordan Schwartz, die Begründer des 1998 entworfenen Implicit Association Tests (IAT). In diesem Test müssen Probanden positive und negative Begriffe und Bilder von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe durch Knopfdruck ordnen. Auf Grundlage der Reaktionszeit wird eine Punktzahl errechnet, die Aufschluss über „unbewusste Vorurteile“ geben soll. Diese wiederum sollen persönliches diskriminierendes Verhalten ebenso erklären wie weiterhin bestehende Disparitäten in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen (Bildung, Einkommen, Arbeit…). Laut Test sollen 90 bis 95 Prozent der Getesteten rassistische Vorurteile hegen.

Die Veröffentlichung dieser dramatischen Ergebnisse stand an der Wiege der heutzutage ubiquitären Programme zur Bekämpfung von „strukturellem“ – also nicht intentionalem – Rassismus. Schulungen, die in der Tradition des „impliziten Vorurteils“ stehen, begnügen sich nicht damit, rassistisches oder sexistisches Handeln zur Sprache zu bringen; sie zielen auf die bislang (vermeintlich) im Verborgenen liegenden Bedingungen diskriminierenden Verhaltens. Nicht nur verspricht der Test, die „unheimliche Macht des Unbewussten“ aufzudecken, er soll auch Fachkräften das nötige Werkzeug liefern, um Gesellschaften Residuen der Ungleichheit auszutreiben. Beinahe-Präsidentin Hillary Clinton zeigte sich über die Versprechen der Impliziten-Vorurteils-Forschung ebenso begeistert wie ihr ehemaliger Vorgesetzter Barack Obama. Dieser erklärte Intersektionalismus gleich zur Chefsache und verdonnerte den gesamten Sicherheitsapparat des Landes (FBI, CIA, NSA, Verteidigungsministerium, Homeland Security…) per Dekret zu Schulungen und Tests auf Grundlage „unbewusster Vorurteile“. Noch sein letztes Memorandum hatte die Stärkung von „Vielfalt und Inklusion in den Nationalparks, Wäldern und anderen öffentlichen Landschaften und Gewässern“ zum Ziel.

„Schlechte Ideen machen gute Geschäfte. Die amerikanische Diversity-Industrie verzeichnet einen Umsatz von rund 10 Milliarden Dollar.“

Die Forschung zu „unbewussten Vorurteilen“ und damit verbundene Diversity-Schulungen sind – der Friedensnobelpreisträger des Jahres 2009 mag dies anders sehen – lediglich langlebige und besonders schädliche schlechte Ideen. Dass dem so ist, war Psychologen bereits kurz nach der Veröffentlichung der ersten praktischen Studien klar. Manche Anhänger des Tests erkennen in freundlichem Verhalten von Weißen gegenüber Schwarzen nur eine perfide Überkompensierung und ein Kaschieren von Vorurteilen. Ibram X. Kendi bezeichnet folgerichtig jedes nicht-rassistische Verhalten als rassistisch, da es nicht explizit antirassistisch, also positiv diskriminierend ist. Tests wie der IAT versprechen den ideologischen Schleier eines solchen Verhaltens zu lüften und handlungsleitende „Strukturen“ ans Tageslicht zu befördern. Leider gelang es einer Metaanalyse nicht, eine besondere Korrelation zwischen „unbewussten Vorurteilen“ und manifestem diskriminierenden Verhalten nachzuweisen. Auch wird dem IAT abgesprochen, überhaupt Unbewusstes erfassen zu können, gelingt es doch Probanden ihre Vorurteile, und damit ihre Punktzahl ohne weiteres voraus zu sagen. Warum braucht es dann aufwändige computergestützte Verfahren, wenn Vorureile sich auch einfach in Interviews erfragen lassen? Es ist auch nicht klar, was genau der Test misst: echte Vorurteile oder die Kenntnisse von Stereotypen. Sowohl Weiße als auch Schwarze scheinen laut Test hellere Hautfarben zu bevorzugen. Wird also auch Selbsthass gemessen?

Reaktionszeit, die einzige Variable, die der Test misst, hängt nicht nur von der Stimmung einer Person ab, sondern auch von ihrem Alter. Da ältere Menschen langsamer reagieren, schneiden sie auch schlechter (also rassistischer, sexistischer etc.) ab. Wer beim Test zu zögerlich handelt, weil er etwa als besonders politisch korrekt gelten möchte, der erweist sich als das genaue Gegenteil. Auch mit der Reproduzierbarkeit, einer der wichtigsten Indikatoren für die Güte eines Tests, sieht es schlecht aus. Wer den Test mehrmals hintereinander durchführt, bekommt jeweils unterschiedliche Resultate. In der Regel finden psychologische Test nur dann Verwendung, wenn sie einen Reliabilitätswert von über 0,7 (mit 1 als Bestwert) haben. Der rassistische Vorurteile messende IAT liegt bei 0,44, also weit unterhalb dieses Standards.

Der eigentliche Reibach wird nicht mit den Tests gemacht, sondern mit den auf ihm basierenden Seminaren, Workshops und Vorträgen. Manche „Experten“ kassieren bis zu 20.000 Dollar am Tag für ihre Dienste. 2017 wollte die australische Regierung der Sache mit den „unbewussten Vorurteilen“ bei Angestellten im öffentlichen Sektor auf den Grund gehen. 21.000 Teilnehmer erhielten für eine Studie Bewerbungen für gehobene Stellungen. Die Hälfte der Bewerbungen erfolgte „blind“, während die andere Identitätsmarker wie Name und Ethnie enthielt. Die Annahme war, dass die blinden Bewerbungen zum Vorteil von Frauen und Minoritäten und zum Nachteil häufig überrepräsentierter Männer ausgehen würden. Das Ergebnis: war Geschlecht und Ethnie bekannt, wurden überproportional Minoritäten und Frauen befördert. Wer das Glück hatte, nicht-weiß und Frau zu sein, konnte sich der Anstellung gleich sicher sein. Nur bei blinden – also strikt meritokratischen – Verfahren, behielten weiße Männer weiterhin die Oberhand. Man stellte also ein überraschendes und vermutlich nicht erhofftes Vorurteil fest: Weiße Männer werden aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Herkunft beruflich benachteiligt.

„Ibram X. Kendi bezeichnet jedes nicht-rassistische Verhalten als rassistisch, da es nicht explizit antirassistisch, also positiv diskriminierend ist.“

Tests, die „implizite Vorurteile“ erfassen sollen, erfassen also keine „impliziten Vorurteile“. Eher schon regen sie zu Widerstand an. Das Menschenbild der IATs ist ein zutiefst misanthropes, da es Verhalten behavioristisch als direkte Folge (rassistischer) unbewusster Strukturen begreift. Was einer Person, die sich als antirassistisch wahrnimmt und der keinerlei Fehlverhalten nachzuweisen ist, verborgen bleibt, soll ein schneller Computertest offenbaren? Durchgeführt von Menschen, die den Auftrag haben, nicht nur Wahrnehmen und Handeln, sondern gleich die Persönlichkeit zu manipulieren? Was Wunder, dass viele Teilnehmer auf solche Zumutungen aggressiv reagieren. Ein Positives wird solchen Tests jedoch nachgesagt. Sie können Angestellte, die in der Vergangenheit ein gutes Verhältnis hatten, gegeneinander aufbringen. Auf ihre vermeintlich rassistischen Vorurteile reduziert, sinkt das Vertrauen untereinander und die Ressentiments nehmen zu. Unter diesen Umständen wird den Wenigsten der Sinn nach einem Betriebsrat, einem solidarischen Zusammenschluss zur Durchsetzung kollektiver Interessen, stehen. Die zum Amazon-Konzern gehörende Supermarktkette Whole Foods ließ geoinformatisch erfassen, welche ihrer Filialen eher zur Bildung von Gewerkschaften neigen: Je höher der Grad an „racial diversity“, desto geringer war die Bereitschaft, sich zu organisieren.

Und wie sieht es mit den häufig auf IATs basierenden Diversity-Trainings aus? Der Placebo-Effekt gilt ja als nachgewiesen und vielleicht entspringt bereits dem bloßen Thematisieren von Diskriminierung unter Anleitung nachhaltig Gutes. Die Forschung gibt indes wenig Grund zur Hoffnung: „Aber es funktioniert nicht. Seit Jahrzehnten blühen Diversity-Management-Schulungen ohne den geringsten Beweis, dass sie etwas bewirken oder Erfolg haben.“ Zwei Harvard-Soziologen – Frank Dobbin und Alexandra Kalev (von ihr stammt das Zitat) – haben 830 Unternehmen untersucht, in denen Angestellte dazu genötigt wurden, an Diversity-Schulungen teilzunehmen. Wie nicht anders zu erwarten, führte der Zwangscharakter und der polarisierende Ton der Programme dazu, dass Angestellte sich entweder passiv verhielten oder Widerstand leisteten: „Sie werden nicht mitmachen wollen. Das ist es, was wir als menschliche Wesen nun mal tun – wir widersetzen uns der Kontrolle.“ Laut der Studie können solche Maßnahmen sogar dazu führen, dass Vorurteile zunehmen und Feindschaften entstehen. Auch das ostentative Lob der Vielfalt kann zur Konsequenz haben, dass der Tribalismus, eine laut Evolutionspsychologie zutiefst menschliche Eigenschaft, zunimmt. Die Psychologin Karen Stenner hat festgestellt, dass Menschen, die der Ideologie des Multikulturalismus kritisch gegenüberstehen, von solchen Programmen eher radikalisiert denn umgestimmt werden.