07.01.2022

Der Lockdown und die Einsamkeit

Von Daniel Ben-Ami

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Foto: Alexandra_Koch via Pixabay / CC0

Es ist zu weit hergeholt, die europäische Corona-Politik als totalitär zu bezeichnen. Dennoch können wir heute viel aus Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ lernen.

Wie ist das umfangreiche Arsenal an drakonischen Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie einzuordnen? Die Details variieren von Land zu Land, von Region zu Region und von Zeit zu Zeit, aber im historischen Vergleich sind sie außergewöhnlich. In vielen Fällen laufen sie auf ein System des Hausarrests für die breite Bevölkerung hinaus. Oftmals ist es den Menschen nicht erlaubt, ihr Zuhause zu verlassen, außer unter strengsten Auflagen. Wenn sie ihr Haus doch verlassen, gibt es häufig harte Vorschriften dazu, wie weit sie reisen dürfen, was sie tun dürfen und wann sie zurückkehren müssen. Auch die Freiheit, gegen solche Maßnahmen zu demonstrieren, wird in der Regel beschnitten. Diejenigen, die sich in den sozialen Medien über Lockdowns oder „Notbremsen“ beschweren, müssen damit rechnen, dass ihre Beiträge gelöscht oder zumindest mit Warnhinweisen versehen werden. Ob dieser Zustand bis zur Bundestagswahl gänzlich aufgehoben sein wird, lässt sich noch nicht absehen.

Die Maßnahmen, die ergriffen wurden, um die Bevölkerung zu isolieren, können als Einschränkung vieler der wichtigsten politischen Freiheiten gesehen werden, die eine liberale Demokratie ausmachen: Dazu gehören die Bewegungsfreiheit und die Versammlungsfreiheit. Sogar die polizeiliche Überwachung sozialer Medien – obwohl es sich dabei nicht um „die Presse“ im traditionellen Sinne handelt – kann als Einschränkung der Redefreiheit betrachtet werden.

Natürlich werden Lockdowns und ähnliche Maßnahmen im Allgemeinen damit begründet, die ernsten, zum Teil lebensbedrohlichen Gefahren, die von der Pandemie ausgehen, zu bekämpfen. Um die Frage, ob ein System des allgemeinen Hausarrests die beste Lösung für die beträchtlichen Herausforderungen ist, die Covid-19 mit sich bringt, soll es hier nicht gehen. Dieser Beitrag untersucht vielmehr, wie die Auswirkungen einer Situation zu verstehen sind, in der wichtige persönliche Freiheiten stark beschnitten, wenn nicht sogar abgeschafft worden sind. Selbst die eifrigsten Lockdown-Befürworter räumen oft ein, dass solche Maßnahmen drakonische Freiheitseinschränkungen und damit potenziell soziale Schäden mit sich bringen. Es ist nur so, dass die mainstreamigen Pro-Lockdown-Stimmen die Aussetzung von grundlegenden Freiheitsrechten als den notwendigen Preis dafür sehen, dass Corona das Gesundheitssystem nicht überlastet.

Wenn es den Begriff „Totalitarismus“ nicht bereits gäbe, könnte er die Situation treffend beschreiben, in der persönliche Freiheiten praktisch ohne Diskussion beiseite gefegt wurden. Es ist schwer, sich irgendeinen Aspekt des menschlichen Alltags vorzustellen, der nicht in irgendeiner Weise durch die Maßnahmen zur Corona-Eindämmung eingeschränkt wurde. Da der Begriff aber bereits historisch sehr belastet ist, sollen solche direkten Vergleiche hier bewusst vermieden werden.

„In vielen Fällen laufen die Corona-Maßnahmen auf ein System des Hausarrests für die breite Bevölkerung hinaus.“

Die gegenwärtige Situation ist eindeutig nicht von den schrecklichen Umständen gekennzeichnet, die sich als den „klassischen Totalitarismus“ von Nazideutschland oder der Sowjetunion bezeichnen lassen. Es gibt keine Konzentrationslager, die Staaten werden nicht von einer einzigen Partei regiert und die Bevölkerungen werden nicht von einer Geheimpolizei terrorisiert. Das sind natürlich immens wichtige Unterscheidungen. Aber dennoch wurde die persönliche Freiheit systematisch zurückgedrängt und wird es teilweise immer noch. Das wirft die Frage auf, ob es auf einer grundsätzlicheren Ebene Gemeinsamkeiten mit dem Totalitarismus gibt.

Manche mögen anführen, dass es doch sinnvoll sei, in Bezug auf die aktuelle Situation von „Totalitarismus“ zu sprechen – vielleicht, weil sich so die kleinteilige Reglementierung des Alltagslebens der Bevölkerung gut beschreiben ließe. Dieser Beitrag wird stattdessen argumentieren, dass die Parallelen nicht in den Merkmalen des Totalitarismus liegen. Sie liegen in den Rahmenbedingungen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben, und zwar, wie ich zeigen will, insbesondere in Bezug auf die Verschärfung von Einsamkeit beziehungsweise von sozialer Verlassenheit und in Bezug auf die Beschränkungen spontanen Handelns.

Zeitgenössische Nutzung des Totalitarismusbegriffs

Der Begriff „Totalitarismus“ hat in den letzten Jahren ein Revival erlebt. Im Zuge der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten 2016 entwickelte sich eine breite Debatte um den Begriff. „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (ab hier „Elemente“), der Klassiker aus der Zeit des Kalten Kriegs der deutsch-jüdischen politischen Theoretikerin Hannah Arendt, wurde in den USA zum Bestseller. Dort wurde das Werk oft beiläufig benutzt, um Trump als eine Art Proto-Hitler oder -Stalin darzustellen.

Paul Mason, ein britischer Journalist mit einem linken Hintergrund, liefert ein typisches Beispiel. Seinem Beitrag in der New York Review of Books mit dem Titel „Reading Arendt is Not Enough“ 1 („Arendt lesen reicht nicht“) zufolge beweise Trumps Sieg, wie nah am Totalitarismus sich die Welt befinde. Ausgangspunkt seiner Analyse war die Arbeit Arendts, auch wenn er ihren Ansatz später im Artikel kritisierte.

„Es ist schwer, sich irgendeinen Aspekt des menschlichen Alltags vorzustellen, der nicht in irgendeiner Weise durch die Maßnahmen zur Corona-Eindämmung eingeschränkt wurde.“

Wie viele ähnliche Kritiker bezog er von Arendt einen Schlüsselvergleich: die Verwischung von Fakten und Fiktion in totalitären Staaten. Mason führte eine oft zitierte Passage des Buchs an, in der es heißt: „Der ideale Untertan totalitärer Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi oder engagierte Kommunist, sondern Menschen, für die der Unterschied zwischen Fakten und Fiktion, wahr und falsch, nicht länger existiert.“

Für Arendt war das Verwischen der Grenze von Wahrheit und Lüge zwar ein Merkmal des Totalitarismus. Allerdings war dieses Verwischen für sie, wie ich zeigen werde, nicht dessen definierendes Merkmal.

Trumps engstirnige Kritiker eigneten sich im Wesentlichen Arendts Autorität an, um den damaligen Präsidenten als totalitär zu brandmarken. Sie waren verärgert über seine Verwendung des Begriffs „Fake News“, mit dem er Kritik abtat. Indem sie ein selektives Zitat aus den „Elementen“ herauspickten, konnten sie ihn als eine Figur hinstellen, die in gewisser Weise Hitler oder Stalin ähnelt. Mason schrieb in Bezug auf das oben zitierte Arendt-Zitat: „Das war eine 65 Jahre alte, nahezu perfekte Beschreibung der Wählerschaft, die von Trumps Kundgebungen, Fox News und den geheimen Facebook-Anzeigen des Kremls geprägt wurde.“

Natürlich gab es viele legitime Gründe, Trump zu kritisieren. Aber ihn als totalitär zu bezeichnen, weil er die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge verwischt, ist eine erhebliche Übertreibung. Wenn das der Fall wäre, könnte man eine große Anzahl antidemokratischer Regime als totalitär bezeichnen. Der Begriff wäre seiner besonderen, schrecklichen Bedeutung beraubt.

Arendts Nutzung des Totalitarismusbegriffs

Das aktuelle Interesse an Arendts Totalitarismusbegriff verweist allerdings auf einen vielversprechenden Weg der Untersuchung. Der Begriff des Totalitarismus ist im Laufe der Jahre von vielen verschiedenen Menschen auf unterschiedliche Weise verwendet worden. 2 Tatsächlich wurde er erstmals 1923 in Bezug auf Italien und 1929 in England zum ersten Mal als Oberbegriff für Faschisten und Kommunisten benutzt. 3 Aber die Ideen Arendts, einer der interessantesten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, sind in dieser Hinsicht vielleicht der fruchtbarste Untersuchungsgegenstand. Das wirft die Frage auf, ob in ihrer Charakterisierung des Begriffs irgendetwas enthalten ist, das auf die Gegenwart übertragen werden kann.

„Für Arendt war das Verwischen der Grenze von Wahrheit und Lüge zwar ein Merkmal des Totalitarismus. Allerdings war dieses Verwischen für sie, wie ich zeigen werde, nicht dessen definierendes Merkmal.“

Dies ist keine leichte Aufgabe, da Arendt nicht die Art von Denkerin ist, die prägnante Definitionen politischer Begriffe anbietet. Ihrer Argumentation wäre vielleicht leichter zu folgen, wenn sie dies täte, aber ein solch geradliniges Vorgehen führt oft nicht zu befriedigenden Antworten. Stattdessen skizziert Arendt eine komplexe Erzählung, in der sich Schlüsselkonzepte des Totalitarismus entfalten. Im Fall der „Elemente“, einem gewichtigen Wälzer, gliedert sich die Ausführung in drei Teile: eine Untersuchung des Antisemitismus als Katalysator für den Totalitarismus, eine Analyse der imperialen Expansion im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und schließlich Arendts Überlegungen zur Entstehung des Totalitarismus an sich. Natürlich folgt keine zeitgenössische Bewegung genau diesem Muster, aber es ist zumindest denkbar, dass sie einige Merkmale gemeinsam haben.

Worauf Arendt unmissverständlich besteht, ist der spezifische Gebrauch des Totalitarismusbegriffs. Im Vorwort schreibt sie zum Beispiel, dass „wir allen Grund haben, den Begriff ‚totalitär‘ sparsam und umsichtig zu verwenden“. Sie macht aus Gründen, die weiter unten diskutiert werden, deutlich, dass der Totalitarismus sich qualitativ von Diktatur, Tyrannei oder Despotismus unterscheidet. Arendt argumentiert sogar, dass Italien unter der Herrschaft von Benito Mussolini oder Spanien unter General Francisco Franco nicht vollständig totalitär waren, obwohl es sich um selbst erklärte faschistische Staaten gehandelt hatte. Sie schreibt: „Sogar Mussolini, der den Begriff ‚totalitärer Staat‘ so sehr liebte, versuchte nicht, eine vollwertige totalitäre Herrschaft zu errichten und begnügte sich mit Diktatur und Einparteienherrschaft.“

Tatsächlich ist es einfacher zu bestimmen, was Totalitarismus für Arendt nicht bedeutet, als was der Begriff für sie bedeutet. Im Gegensatz zu vielen Denkern ihrer Zeit und auch zu zeitgenössischen Kommentatoren weigert sie sich, Totalitarismus als eine Form von übersteigertem oder Hyper-Nationalismus zu sehen. Im Gegenteil: Für Arendt hat der Totalitarismus seine Wurzeln in dem Versuch, den Nationalstaat zu transzendieren. In Bezug auf die deutschsprachige Welt spricht sie zum Beispiel davon, wie pangermanische Bewegungen die Grundlage für die Nazi-Parteien bildeten. Die Nazis verachteten den Nationalstaat, da sie in ihm ein Vehikel für die Demokratie sahen, und sie waren darauf bedacht, mit Gewalt über die nationalen Grenzen hinaus zu expandieren. In ähnlicher Weise vertrat die Sowjetunion nach Arendt, trotz aller Klassenrhetorik, eine Form des Panslawismus. Sowohl der Nazismus als auch der Stalinismus waren ihrer Ansicht nach Formen des Imperialismus, die dem Nationalstaat als Institution feindlich gegenüberstanden.

„Im Gegensatz zu vielen Denkern ihrer Zeit und auch zu zeitgenössischen Kommentatoren weigert Arendt sich, Totalitarismus als eine Form von übersteigertem oder Hyper-Nationalismus zu sehen.“

Totale Herrschaft

Das offensichtlichste Merkmal des Totalitarismus in Arendts Darstellung ist sein Streben nach „totaler Herrschaft“. So wichtig ist ihr dieser Aspekt, dass sie den Begriff der totalen Herrschaft im Titel der deutschen Fassung ihres Buches verwendet. Das Ziel des Totalitarismus ist also nicht, die Freiheit stark einzuschränken – wie es eine Diktatur tun würde –, sondern die Grundlage für Freiheit und Spontaneität völlig zu zerstören.

Das Streben nach totaler Herrschaft drückt sich zum Beispiel im absoluten Verbot jeglicher Opposition aus. Der Führer, zu Arendts Zeit also Hitler oder Stalin, hat ein komplettes Monopol der Macht und Autorität. Es sind keine anderen Parteien erlaubt, es gibt keine Opposition und keine Freiheit der politischen Meinung. Die Gesellschaft wird direkt von der Partei regiert, sei es die kommunistische Partei in der Sowjetunion oder die Nazipartei in Deutschland, und nicht von anderen staatlichen Institutionen. Die Geheimpolizei spielt, im Gegensatz zur Armee, eine Schlüsselrolle in der Gesellschaft. Und das Konzentrationslager ist das Labor für das Projekt der totalen Herrschaft.

Arendt zitiert eine berühmte Zeile aus Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Das „Fressen“ ist hier wohl das wichtigste Wort. Totalitäre Herrscher verschlingen Fleisch wie ein Tier, statt wie ein Mensch zu essen. Es gibt einen völligen Mangel an Zurückhaltung oder Heuchelei. In dieser Hinsicht kann der Totalitarismus als eine Form des Gangstertums betrachtet werden. Der Terror spielt einerseits eine wichtige Rolle dabei, die Menschen einzuschüchtern, und dient andererseits der Umsetzung dessen, was Arendt die „praktischen Lügen“ des Regimes nennt.

Gesellschaftlicher Zusammenbruch

Aber obwohl die totale Herrschaft für Arendt ein Definitionsmerkmal des Totalitarismus ist, ist das Bild, das sie zeichnet, wesentlich komplexer. Für Arendt bedeutet Totalitarismus mehr als eine brutale, von oben oktroyierte Herrschaftsform. Er bringt den totalen Zusammenbruch der Gesellschaft mit sich. Der Totalitarismus ist eine Welt, in der sich traditionelle Klassen- und nationale Einteilungen auflösen. Tatsächlich wird jeder Diskussion materieller Interessen mit Verachtung begegnet.

Die zentralen Organisationen in totalitären Gesellschaften agieren außerhalb der traditionellen Institutionen. Zum Beispiel dominiert die herrschende Partei – zu Arendts Zeiten also die nationalsozialistische oder stalinistische – die Gesellschaft. Die herrschende Elite ist eher eine bürokratische, als dass sie Wirtschaftsinteressen vertritt. Diese Bürokratie agiert nicht nach Recht und Gesetz, sondern erlässt „vorübergehende und wechselnde Dekrete“. Nationale Grenzen werden bedeutungslos, da totalitäre Regime keine Skrupel haben, über ihre Herkunftsländer hinauszugehen.

„Das Ziel des Totalitarismus ist nicht, die Freiheit stark einzuschränken – wie es eine Diktatur tun würde –, sondern die Grundlage für Freiheit und Spontaneität völlig zu zerstören.“

Die Bedeutung der Einsamkeit

Vor diesem Hintergrund des gesellschaftlichen Zusammenbruchs ist Arendts Begriff der Einsamkeit („loneliness“) zu verstehen. Damit meint sie nicht „Einsamkeit“ im alltäglichen Sinne des Wortes. Sie bezieht sich ausdrücklich nicht auf die Traurigkeit der Ausgegrenzten oder der älteren Menschen, die keine Freunde oder Kontakte haben. In Arendts Sprachgebrauch handelt es sich bei der Einsamkeit nicht primär um einen emotionalen Zustand oder eine schlichte Gefühlsfrage. Sie wird vielmehr zu einer alltäglichen Erfahrung als Folge der radikalen Atomisierung, von der die gesamte Gesellschaft betroffen ist.

Wie sie in ihrem Text deutlich macht, geht es ihr um die Zerstörung der öffentlichen Sphäre und die Isolierung der Menschen. Nach Arendt ist es unter solchen Umständen für die Menschen nicht einmal möglich, ein Privatleben zu führen. Einsamkeit ist die Übersetzung des englischen „loneliness“. Doch in der deutschen Fassung ihres Buches verwendet Arendt den Begriff „Verlassenheit“ – mit seiner Konnotation von „verlassen werden“. 4 Die Menschen können im Totalitarismus nicht in einem vollständigen Sinne existieren, da sie so umfassend voneinander entfremdet sind.

Es ist auch wichtig, ihre Unterscheidung zwischen Verlassenheit und Einsamkeit im Sinne von Rückzug oder Abgeschiedenheit zu begreifen. Für Arendt ist Verlassenheit nicht Abgeschiedenheit. Abgeschiedenheit erfordert das Alleinsein, während sich Verlassenheit am deutlichsten in der Gesellschaft mit anderen zeigt. Ihrer Ansicht nach kann Abgeschiedenheit eine positive Erfahrung sein. Tatsächlich ist sie eine Voraussetzung, um schwierige Probleme durchdenken zu können. Abgeschiedenheit kann z.B. bedeuten, dass sich ein Autor vorübergehend von der Welt zurückzieht, um über schwierige Probleme nachzudenken. Der Autor kann nach dieser Sichtweise in einen produktiven Dialog mit sich selbst treten.

Im Gegensatz dazu ist es möglich, sich verlassen zu fühlen, während man von anderen umgeben ist. Es kann bedeuten, in einer Gesellschaft zu leben, in der die normalen sozialen Bindungen zwischen Menschen zerstört oder zumindest stark zersetzt sind. Die Menschen können nur als isolierte Individuen zueinander in Beziehung treten und nicht als Teil größerer gemeinschaftlicher Institutionen (eine fiktionalisierte Version einer solchen Welt, die während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland geschrieben und erstmals 1947 veröffentlicht wurde, ist Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“).

„Für Arendt bedeutet Totalitarismus mehr als eine brutale, von oben oktroyierte Herrschaftsform. Er bringt den totalen Zusammenbruch der Gesellschaft mit sich.“

So ist für Arendt die Verlassenheit eng verbunden mit Entwurzelung und Überflüssigkeit, die seit Beginn der industriellen Revolution der Fluch der modernen Massen sind. Sie führt weiter aus, dass die Verlassenheit mit dem Aufstieg des Imperialismus am Ende des vorletzten Jahrhunderts, dem Zusammenbruch der sozialen Traditionen und in unserer eigenen Zeit akut geworden ist. Mit anderen Worten, für Arendt ist Verlassenheit kein Alleinstellungsmerkmal des Totalitarismus, aber sie nimmt unter totalitären Regimen eine extreme Form an.

Folgen der Verlassenheit

Für Arendt hat dieser Zustand der Einsamkeit oder der sozialen Verlassenheit mehrere verhängnisvolle Konsequenzen. Ihrer Ansicht nach macht er die Gesellschaft anfälliger für Terror. Er ist ihrer Meinung nach der gemeinsame Boden für den Terror – die Essenz der totalitären Regierung und ihrer Ideologie oder Logik sowie die Vorbereitung von Opfern und Henkern. Es geht nicht so sehr um die Angst vor der Geheimpolizei, sondern um das Leben in einem Zustand beispielloser Unberechenbarkeit, einer Welt des ständigen Chaos.

Die Verlassenheit zerstört auch das Individuum und zwar in mindestens dreierlei Hinsicht. Sie hat zunächst die Tötung der „juristischen Person im Menschen“ zur Folge. Damit wird sowohl bestimmten Kategorien von Menschen der rechtliche Schutz entzogen als auch das Konzentrationslager außerhalb des normalen Strafvollzugs gestellt. Zweitens zieht die Verlassenheit die Tötung der moralischen Person im Menschen nach sich. Das wird nach Arendt dadurch erreicht, dass das Märtyrertum zum ersten Mal in der Geschichte unmöglich gemacht wird. Der Totalitarismus ist eine Welt, in der Trauer und Gedenken verboten sind, wo der Tod anonym und seiner Bedeutung beraubt ist. Der dritte und letzte brutale Schritt ist die Zerstörung der Individualität.

Die Zerstörung der Individualität bedeutet auch die Auslöschung der menschlichen Spontaneität. In einer Welt, in der die Individuen so stark voneinander getrennt sind, ist es unmöglich, etwas Neues zu beginnen. Selbst die nutzlosesten und harmlosesten Formen der Spontaneität müssen nach der Logik totalitärer Regime zerstört werden.

„In Arendts Sprachgebrauch handelt es sich bei der Einsamkeit nicht primär um einen emotionalen Zustand oder eine schlichte Gefühlsfrage. Sie wird vielmehr zu einer alltäglichen Erfahrung als Folge der radikalen Atomisierung, von der die gesamte Gesellschaft betroffen ist.“

Unter solchen Umständen der totalen Isolation ist es nach Arendt noch nicht einmal möglich, richtig zu denken oder Wahrheit zu finden. Die Menschen sind unter solchen Umständen dessen beraubt, was Arendt eine „gemeinsame Welt“ nennt. Die elementaren Regeln der Beweisführung, die Binsenweisheit, dass zwei und zwei gleich vier ist, können auch unter den Bedingungen der absoluten Einsamkeit nicht pervertiert werden. Sie sind die einzige verlässliche „Wahrheit“, auf die der Mensch zurückgreifen kann, wenn er die gegenseitige Versicherung, den geteilten Sinn, verloren hat. Beides braucht er, um in einer gemeinsamen Welt zu leben und sich zurechtzufinden. Aber diese „Wahrheit“ ist leer oder vielmehr überhaupt keine Wahrheit, weil sie nichts offenbart.

Relevanz für heute

Nachdem nun Arendts Totalitarismusbegriff, wenn auch nur knapp, skizziert wurde, ist es möglich, zur Ausgangsfrage zurückzukehren. Inwieweit wirft ihr Verständnis des Totalitarismus ein Licht auf das Leben unter dem Lockdown? Es sollte klar sein, dass das Leben unter dem Lockdown sehr weit vom Totalitarismus im Verständnis von Arendt entfernt ist. Auch wenn es Gemeinsamkeiten gibt, so überwiegen die Unterschiede doch deutlich und es stellt sich die berechtigte Frage, ob man überhaupt sinnvoll über einen Totalitarismus ohne Terror sprechen kann. Es wäre jedoch falsch, daraus zu schließen, dass wir in Bezug auf die Gegenwart nichts aus den „Elementen“ lernen können.

Die Unterschiede sind in vielerlei Hinsicht krass. Am meisten sticht heraus, dass es heute nichts gibt, was mit Konzentrationslagern vergleichbar wäre, geschweige denn mit Völkermord. Außerdem ist das heutige Westeuropa in der Regel relativ friedlich.

Auch besteht das gegenwärtige Europa nicht aus Einparteienstaaten. Im Gegenteil: Die europäischen Gesellschaften sind tendenziell von einer Vielzahl ineffektiver Parteien gekennzeichnet. Selbst wenn in einem Land eine oder zwei Parteien vorherrschen, sind sie weit davon entfernt, die politische Szene vollständig zu dominieren. In der Regel scheinen sie eher glücklos zu agieren statt allmächtig. Politische Macht wird im Allgemeinen auch eher durch staatliche Institutionen als direkt durch politische Parteien ausgeübt.

Auch Geheimpolizeien spielen keine herausragende Rolle. Natürlich hat jedes Land verdeckt arbeitende Polizei- und Geheimdienste. Und zweifellos tun diese Dienste manchmal fragwürdige Dinge. Aber sie sind nicht Teil eines systematischen Terrorapparats. Richtig ist, dass Google und die sozialen Medien Informationen über Einzelpersonen in einem Ausmaß sammeln können, von dem die Geheimpolizeien der Vergangenheit nur träumen konnten. Und manchmal nutzen sie diese Informationen, um politisch Andersdenkende zum Schweigen zu bringen. Aber zumindest zum jetzigen Zeitpunkt sind diese Konzerne nicht Teil eines Systems, das den Einzelnen mittels Angst und Gewalt beherrscht.

„Spontaneität ist unter Lockdown-Bedingungen praktisch ausgeschlossen. Die Regeln machen es faktisch unmöglich, spontan auszugehen, Freunde oder Familie zu besuchen oder auch nur in die Kneipe oder ins Restaurant nebenan zu gehen.“

Nichtsdestotrotz helfen Arendts Ausführungen über die äußerst schädlichen Folgen der sozialen Isolation, die gegenwärtige Situation zu erhellen, 5 insbesondere da Lockdowns als Maßnahmen angesehen werden können, die bewusst das Ziel verfolgen, diese soziale Isolation zu verstärken – selbst wenn die Motivation als positiv angesehen wird.

Sicherlich waren die europäischen Gesellschaften schon viele Jahre vor der Covid-19-Pandemie stark atomisiert. Die vorhandenen sozialen Bindungen zwischen den Individuen waren in vielerlei Hinsicht schwach. Dieser Zustand wurde mit der Verhängung flächendeckender Hausarreste noch verschärft, der Kontakt zwischen den Individuen wurde stark eingeschränkt. Die umfassenden Lockdown-Regeln verstärken nur die Entfremdung der Individuen voneinander.

Spontaneität ist unter Lockdown-Bedingungen praktisch ausgeschlossen. Die Regeln machen es faktisch unmöglich, spontan auszugehen, Freunde oder Familie zu besuchen oder auch nur in die Kneipe oder ins Restaurant nebenan zu gehen.

Mehr denn je leben wir in einer Welt, in der die Anwendung des individuellen Urteilsvermögens verpönt ist. Den Experten – in diesem Fall den Mainstream-Epidemiologen – nicht zu vertrauen, wird als Verhalten betrachtet, das die Allgemeinheit einem tödlichen Risiko aussetzt. Das einzig Verantwortungsvolle, so die Argumentation, sei es, gehorsam zu sein und sich anzupassen. Diese Botschaft wird sowohl in den Mainstream-Medien als auch in den sozialen Medien ständig wiederholt.

Lockdowns – was immer auch von der ihnen zu Grunde liegenden Motivation zu halten ist – verstärken von Natur aus die soziale Isolation. Sie haben das bereits bestehende Problem der weit verbreiteten Einsamkeit noch verschärft. Dieses Problem muss dringend angegangen werden.

Vielleicht lässt sich hier gut mit Arendts Beobachtung enden, dass möglicherweise die wahren Probleme unserer Zeit ihre authentische Form – wenn auch nicht notwendigerweise die grausamste – erst dann annehmen werden, wenn der Totalitarismus der Vergangenheit angehört. Dieser Punkt wurde vor über 70 Jahren gemacht. Aber vielleicht ist es jetzt, Jahrzehnte später, möglich, die Probleme der Verlassenheit und der unterbundenen Spontaneität in einer Form zu betrachten, die man als ihre authentische Form bezeichnen könnte.