25.03.2015

„Der humanitäre Anspruch war weg, also ging ich.“

Interview mit Patrick Moore

Einer der Gründer von Greenpeace im Interview. Heute kritisiert er die Organisation und setzt sich für die Zulassung des gentechnisch veränderten Goldenen Reises ein. Aktuell tourt er mit seiner "Allow Golden Rice Now"-Kampagne durch Asien.

Vor 40 Jahren haben Sie Greenpeace gegründet, heute bekämpfen Sie Greenpeace. Was ist in der Zwischenzeit schief gegangen, wann und warum?

Vieles ist schiefgelaufen über die Jahre. Zusammengefasst: Als Greenpeace anfing, und ich mit Greenpeace, ging es nicht nur um die Umwelt, sondern auch um die Menschen. „Green“ stand für die Umwelt und „Peace“ für das Ziel, die Gefahr eines Atomkriegs aus der Welt zu schaffen. Im Lauf der Jahre driftete Greenpeace dann dorthin, wo die Organisation heute und seit Langem steht. Sie charakterisieren heute den Menschen im Grunde als Feind der Erde. Das ist ein ganz anderer Ansatz und keiner, mit dem ich noch zu tun haben möchte. Menschen sind Teil der Erde. Wir sind mit unseren großen Gehirnen und unserer Technologie einzigartig unter den Lebewesen. Wir haben eine große Verantwortung, untereinander und gegenüber der Umwelt. Und wir nehmen sie auch wahr. Es gibt das Element des Eigeninteresses. Wenn wir Umwelt zerstören, können wir sie nicht mehr nutzen. Es gibt aber auch die Liebe zur Natur, die die Menschen verspüren.

Ich hatte das Glück in der unberührten Natur der Urwälder im Norden von Vancouver Island zur Welt zu kommen. Meine große Naturverbundenheit hat mich dazu geführt, Ende der 1960er-Jahre Ökologie zu studieren. 1971 schloss ich mich dem „Don’t Make a Wave Committee“ an, um gegen die Atombombentests in Alaska zu protestieren. Da ich praktisch auf Booten aufgewachsen bin, hatte ich gute Voraussetzungen für diese frühen Aktionen, die wir in einer kleinen Gruppe durchführten. Die ersten beiden Kampagnen waren gegen Atombombenversuche und der ganze Fokus war gegen Krieg. Wir nannten unser Boot damals Greenpeace. 1972 übertrugen wir den Namen auf die Organisation: die Greenpeace Foundation. Es gab damals zwei Fraktionen bei Greenpeace: die Peaceniks und die Ecofreaks. Als wir die Rettet die Wale-Kampagne starteten, fragten die Peacenik Leute: Was soll das denn? Mit den Kampagnen zur Rettung der Wale und gegen das Abschlachten von Robbenbabies haben wir uns vom Blick auf den Menschen entfernt und ganz auf Ökothemen konzentriert. Das war wahrscheinlich die entscheidende Wende für Greenpeace hin zu einer rein umweltzentrierten Ausrichtung. Die wäre okay, wenn sie rational begründet und konstruktiv wäre. Das Gegenteil ist aber der Fall.

In den 1970er-Jahren wuchs Greenpeace zunächst schnell und ungeordnet. Es wurden überall mehr oder weniger autonome Greenpeace Büros eröffnet, da der Name nicht geschützt war. Damit nicht alles außer Kontrolle gerät, haben wir 1979 Greenpeace International gegründet, wo ich einer der Direktoren war – der einzige mit einer wissenschaftlichen Ausbildung.  Die Zentrale wurde von Vancouver nach Amsterdam verlegt, da es in Europa am meisten Geld zu holen gab. Mittlerweile fanden wir Zustimmung bei der Mehrheit der Menschen: Atomare Abrüstung, Wale retten, Giftmüll kontrollieren – das alles war Mitte der 1980er nicht mehr kontrovers. Greenpeace wurde etabliert, einflussreich und reich.

„Wirtschaftlicher Erfolg, sich stetig verbessernde Lebensbedingungen und Schutz der Natur schließen sich keineswegs aus.“

Was hat das für die inhaltliche Ausrichtung bedeutet?

Die Aktivisten hatten nur eine Chance, die konfrontative Anti-Establishment-Haltung, die zu ihrem Selbstverständnis gehörte, zu bewahren: Sie mussten immer extremer werden. So wurde schließlich jeder Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und Logik aufgegeben, um Null-Toleranz-Kampagnen fahren zu können. Gentechnik und Atomkraft wurden die Paradethemen für einseitige kompromisslose Verteufelung und die Forderung nach Totalverboten. Gleichzeitig endete der Kalte Krieg, und die Friedensbewegung verlor ihren Inhalt. Die Friedensbewegung war im Grunde eine linksgerichtete, antiamerikanische Bewegung. Ich war Teil der Friedensbewegung, aber nie ausgesprochen links. Ich war links in Hinblick auf individuelle Freiheit und rechts in Hinblick auf wirtschaftliches Wachstum. Der Umweltschutz lässt sich da nicht einordnen, den verorte ich zwischen den Lagern. Ich glaube, der Verzicht auf wissenschaftlich begründbare Forderungen, kombiniert mit einer linken, antiamerikanischen und antimarktwirtschaftlichen Einstellung führte die Umweltbewegung in die ideologische Sackgasse, in der sie heute steckt.

Obwohl Sie ausgestiegen sind und ein vehementer Kritiker von Greenpeace geworden sind, sehen sich selbst noch als Umweltschützer. Was ist Ihrer Meinung nach der richtige Ansatz für vernünftigen Umweltschutz?

1982 nahm ich an einem Treffen von 85 Führern internationaler Umweltschutzorganisationen in Nairobi teil. Ich erinnere mich, wie der Leiter von Friends of the Earth UK - Tom Burke heißt er, arbeitet heute für Rio Tinto – erstmals den Begriff „nachhaltige Entwicklung“ (sustainable development), verwendete. Ich hatte davon bisher nichts gehört, und wenn ich den Begriff nicht kannte, musste er sehr neu sein. Greenpeace lehnte das Konzept von Anfang an ab. Sie wollten keine „nachhaltige“ Entwicklung, weil sie überhaupt keine Entwicklung wollten. Entwicklung ist aber etwas Gutes. Wenn wir etwas brauchen, dann Entwicklung. Wenn es keine Entwicklung gäbe, würde die Zeit stillstehen. Heute wird der Begriff der nachhaltigen Entwicklung inflationär genutzt, falsch interpretiert und auch missbraucht. Für mich ist es aber nach wie vor der richtige Ansatz. Ich definiere nachhaltige Entwicklung als die Verbindung von wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Zielen. Es geht darum, win-win-win-Situationen zu schaffen. Ich sehe das nicht als theoretisches Konzept, sondern als ganz praktische Aufgabe. Wirtschaftlicher Erfolg, sich stetig verbessernde Lebensbedingungen und Schutz der Natur schließen sich keineswegs aus. Man ist nur gefordert, in jedem Einzelfall vernünftig abzuwägen und tragfähige Lösungen zu finden. Damals habe ich gedacht: Wow, die nächste Herausforderung ist viel größer, viel wichtiger, als sich nur um die Umwelt zu kümmern. Es geht darum, die ökologischen Werte in die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung mit einzubringen. Greenpeace war einfach. Alle sagten: Ja, ja, das ist, was wir wollen.

Oder eher: was wir nicht wollen.

Ja richtig, keine Atomkraft, kein Gentechnik, keine Chemie, usw.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung für einen Umweltschützer?

Wenn ich gefragt werde, was das größte Umweltproblem ist, lautet meine Antwort: Armut. Arme Leute können sich nicht leisten, Abwässer zu klären, die Luft zu säubern, nach der Rodung neue Bäume nachzupflanzen, usw. Armut ist ein Problem für die Menschen und für die Umwelt. Die Armut zu bekämpfen hilft beiden. Da gibt es keinen Gegensatz.

Warum haben Sie Greenpeace verlassen?

Als mir klar wurde, dass der humanitäre Anspruch von Greenpeace verschwunden war, sah ich, dass ich gehen musste. Ich wollte vom Konfrontationskurs weg und hin zu einer Konsenspolitik. Wenn sich alle einig sind, dass die Umwelt wichtig ist, kann man aufhören, dem anderen auf den Kopf zu schlagen, und sich hinsetzen und über konkrete Lösungen für konkrete Probleme sprechen. Und ich wollte weg von der Anti-Entwicklungshaltung zu einem Ansatz der nachhaltigen Entwicklung. Als meine Kollegen auf die verrückte Idee kamen, Chlor verbieten zu wollen, hat es mir endgültig gereicht. Ich sagte: Lieber Gott, Jungs, hört auf! Man kann keine chemischen Elemente verbieten. Chlor ist das wichtigste Element für die Gesundheitsversorgung. Ich weiß, es geht nur um Menschen, aber wir brauchen Chlor. Chlor ist genau deshalb so wichtig, weil es giftig ist. Giftig für Bakterien, die uns umbringen wollen. Giftige Chemikalien brauchen wir, um ein gesundes Leben führen zu können. Wir können gegen bestimmte Chlorverbindungen für bestimmte Nutzungen sein, aber wir können doch nicht im Ernst fordern: „Ban chlorine worldwide!“ Wegen dieser Kampagne habe ich schließlich 1986 Greenpeace verlassen.

Wenn Greenpeace so extremistisch geworden ist, warum ist es so beliebt?

Weil die Umweltbewegung tatsächlich eine Religion geworden ist, oder besser eine Art Hybrid zwischen Religion und politischer Ideologie. Wenn Menschen neue Werte verinnerlichen, den Wunsch, umweltbewusst zu sein, die Welt zu retten usw., und Greenpeace Forderungen stellt, die dazu passen, dann erfreut sich die Organisation eben großer Beliebtheit. Dass dabei jeder Bezug zur Realität aufgegeben wird, spielt offenbar keine Rolle. Nehmen wir das Beispiel Bergbau. Greenpeace ist gegen Bergbau, nicht nur bestimmten Bergbau, sondern jeglichen. Wenn man einen grünen Politiker auffordert, eine Mine zu nennen, die ökologisch okay ist, bekommt man keine Antwort. Das wäre gegen die Regel, die lautet: kein Bergbau. Aber wie bekommt man Handys und Fahrräder und schnellen Transport, Gebäude und Windräder? Es ist eine absolute Traumwelt. Sie nennen es Idealismus, aber in Wirklichkeit ist es Weltfremdheit.

Eine wichtige Rolle in dieser Religion spielen auch Angst und Schuld. Am besten funktioniert das beim Thema Globale Erwärmung. Erstens ist das Problem global, angedroht wird der Weltuntergang. Und zweitens verbraucht jeder Energie und muss sich daher schuldig fühlen. Deshalb ist die sogenannte Klimaschutzbewegung so extrem erfolgreich: weil sie dazu führt, dass die Leute Angst haben und sich schlecht und schuldig fühlen und glauben, sie sollten Geld geben – an die Church of Greenpeace.

„Obwohl offensichtlich ist, welchen Nutzen moderne Technik hat, kämpft Greenpeace dagegen. Dabei können sie selbst keinen Moment darauf verzichten.“

Lebensmittel sind auch ein großes Thema.

Ja natürlich. Ernährung beschäftigt die Leute. Da funktioniert die Verunsicherung sehr gut. Wie bei der Energie werden auch hier die realen Bedürfnisse von 7 Milliarden Menschen einfach ignoriert.

Greenpeace kämpft gleichzeitig gegen Überfischung und Aquakultur. Greenpeace ist gleichzeitig gegen Hochleistungslandwirtschaft und für den Erhalt von Biodiversität. Aber Aquakultur ist die einzige Möglichkeit, viel Fisch zu erzeugen, ohne die natürlichen Bestände zu gefährden. Und intensive Landwirtschaft ist die einzige Möglichkeit, die Menschheit zu ernähren, ohne die gesamte Natur in Ackerland zu verwandeln. Wenn man gegen beides ist, heißt das letztlich, dass ein paar Milliarden Menschen zu viel auf dem Planeten sind und es darum geht, die irgendwie loszuwerden.

Die Technisierung der Landwirtschaft ist der Schlüssel zur Bekämpfung der Armut. Moderne landwirtschaftliche Methoden führen auch automatisch zu einem Rückgang des Bevölkerungswachstums. Die Menschen ziehen in die Stadt, Frauen erhalten mehr Bildung, emanzipieren sich und müssen nicht ihr ganzes Leben barfuß und schwanger verbringen. Die Basis für diese Entwicklung ist die Technisierung der Landwirtschaft. Ich streite oft über dieses Thema. Die Leute sagen, mehr Bildung für Frauen sei der Schlüssel. Aber wie sollen Mädchen sich bilden, wenn sie mit acht anfangen müssen, auf dem Feld zu arbeiten? Die Leute setzen sich für allen möglichen Unsinn ein, etwa die Erhaltung von Subsistenzwirtschaft, die als „bäuerliche Landwirtschaft“ romantisiert wird, in Wirklichkeit aber nur Plackerei, bittere Armut und ein kurzes Leben bedeutet.

Obwohl offensichtlich ist, welchen Nutzen moderne Technik hat, kämpft Greenpeace dagegen. Dabei können sie selbst keinen Moment darauf verzichten. Um gegen fossile Energien zu demonstrieren, greift Greenpeace eine russische Bohrinsel in einem großen Boot mit Dieselmotoren an. Das finde ich nicht gerade konsequent. Als wir nach Alaska segelten, um gegen die Nukleartests zu protestieren, hatten wir keine Atombombe an Bord. Sie tun auch so, als sei ihr neues 32 Millionen Dollar-Boot ein Segelschiff, in Wirklichkeit hat es einen 5000 PS Dieselmotor. Ich habe nichts gegen Dieselmotoren. Ich will nur verdeutlichen, in was für einer Traumwelt diese Leute leben.

Was halten Sie vom Vorsorgeprinzip?

Es wird leider fast immer falsch benutzt. Der Schlüssel dabei ist, die Risiken des Unterlassens gegen die Risiken des Handelns abzuwägen. Goldener Reis ist das klassische Beispiel. Was ist das Risiko des Anbaus von Goldenem Reis, der einen enormen Beitrag gegen die schrecklichen Folgen von Vitamin A-Mangel leisten könnte? Ich weiß es nicht. Sagen wir mal, dass ich theoretisch zustimme, dass es irgendein kleines Risiko geben könnte, auch wenn ich bisher keins sehen kann und nicht weiß, worin es bestehen könnte. Was ich jedoch genau kenne, ist das Risiko der Nichtzulassung des Goldenen Reis. Und das ist alles andere als hypothetisch. Zwei Millionen Kinder sterben jährlich an Krankheiten, die mit Vitamin A-Mangel zu tun haben. Wenn ich also das Vorsorgeprinzip ernst nehme, kann ich nur fordern, goldenen Reis sofort zuzulassen. Wenn Vitamin A-Mangel eine Krankheit wäre, wie Malaria, und jemand würde eine Medikament erfinden, mit dem die Krankheit geheilt wird, dann würde es nicht so lange dauern, bis die Menschen es nutzen könnten.

Die heute verbreitete Auslegung des Vorsorgeprinzips ist vollkommen absurd. Sie lautet: Wenn mit einer Technologie, oder irgendeiner Sache, irgendein denkbares Risiko verbunden ist, sollte sie niemals genutzt werden. Dann kann ich nur sagen: Bleib am besten morgens im Bett liegen. Oder bring dich besser gleich um. Denn das ist die einzige Möglichkeit, alle Risiken zu verhindern. Wenn Du tot bist, kann dir nichts mehr gefährlich werden.

„Genau das, was Gentechnikgegner an GMOs gerne kritisieren, wäre für den Goldenen Reis sehr hilfreich: wenn eine große Firma dahinter stecken würde, die damit viel Geld verdienen wollte.“

Der Goldene Reis wurde vor 15 Jahren erfunden. Warum dauert es so lange, bis er angebaut werden kann?

Aus zwei Gründen: erstens die Behinderung durch Organisationen wie Greenpeace. Zweitens – und hier liegt die Ironie: Es handelt sich um ein humanitäres Projekt. Es steht kein Monsanto dahinter mit Hunderten von Millionen Dollar. Genau das, was Gentechnikgegner an GMOs gerne kritisieren, wäre für den Goldenen Reis sehr hilfreich: wenn eine große Firma dahinter stecken würde, die damit viel Geld verdienen wollte. Doch von Beginn an war jedem klar, dass der Goldene Reis kein großes Geschäft würde. Bei armen Leuten, die kaum genug zu essen haben, lässt sich kein Geld holen. Es ist also ein Projekt, das von gemeinnützigen Organisationen getragen wird. Und damit ist es für die Grünen leichter, es zu blockieren.

Was haben die gegen den Goldenen Reis?

Sie sagen, er sei ein trojanisches Pferd für GMOs. Dazu muss man wissen, dass das trojanische Pferd zwei Seiten hatte. Die damit überwältigt wurden, sagten, das war unfair. Aber die im Pferd waren schlau. Wenn ich das Argument höre, sage ich also einerseits: Leute, was soll das? Das ist ein humanitäres Projekt! Es geht nicht um Profit. Andererseits weiß ich natürlich, dass der Goldene Reis, wenn er eingeführt wird und hält, was wir versprechen, viel dazu beitragen kann, die Menschen vom großen Nutzen der Gentechnik zu überzeugen.

Wenn Greenpeace sich darauf beschränken würde, von wohlhabenden Europäern Geld zu sammeln, um sie vor der bösen Gentechnik zu bewahren, könnte man damit leben. Leider gibt sich Greenpeace aber nicht damit zufrieden, in den westlichen Ländern die Leute zu verunsichern. Sie haben Afrika und Asien massiv infiziert mit ihren Außenposten und der Finanzierung von Leuten, damit diese die von hier vorgegebene Agenda unterstützen. Das beste Beispiel ist die Kampagne gegen den Goldenen Reis auf den Philippinen. Greenpeace operiert auf der politischen und der juristischen Ebene. Sie finden Umweltminister, die sich als Umweltschützer präsentieren wollen und von Greenpeace beeinflussen lassen. Letztlich werden sie uns aber nicht aufhalten können. Ich glaube, sowohl die Philippinen als auch Bangladesch werden mit dem Goldenen Reis weitermachen. Ich bin sehr optimistisch und hoffe nur, dass Ingo Potrykus, der Erfinder des Goldenen Reises, es noch erleben wird.