04.08.2017

Der grüne Zeigefinger

Kommentar von Johannes Richardt

Titelbild

Foto: ResoneTIC via Pixabay

Die Anti-Diesel-Kampagne moralisiert gegen die Grundlagen der modernen Lebensweise.

Es liegt eine erhellende Ironie im Umstand, dass der große Diesel-Gipfel mit dem diesjährigen „Earth Overshoot Day“ zusammenfiel. Während Politik und Autobosse vorgestern in Berlin konferierten, gedachte die globale Öko-Community der Endlichkeit irdischer Ressourcen. Alles, was wir ab diesem Tag an Wasser, Fleisch, Eisen oder Erdöl „verbrauchen“, laufe „auf Pump bei Mutter Erde“. Aktuell sind wir bereits bei „eineinhalb Planeten pro Jahr" angekommen, so die Warnung.

Wir haben bei Novo immer wieder darauf hingewiesen, wie viel solcherlei Rechenspiele mit Panikmache und wie wenig sie mit tatsächlichen Fakten zu tun haben. Die grünen Weltuntergangpropheten vergessen regelmäßig menschliche Kreativität und Erfindungsgabe in ihre Gleichungen mit aufzunehmen. Klar ist aber auch, dass sehr viele Menschen in diesem Land von der Richtigkeit dieser Botschaften überzeugt sind.

Die Erzählung vom gierigen und verblendeten, modernen Menschen, der seine Grenzen nicht erkennt und dabei ist, seine eigenen Lebensgrundlagen zu ruinieren, ist zentraler Bestandteil des kulturellen Inventars unserer Gesellschaft. Hätte der erhobene Zeigefinger eine Farbe, sie wäre nach wie vor grün. In der Debatte um den „Dieselskandal“ hatte dieser grüne Zeigefinger einmal mehr Hochkonjunktur.

Für grüne NGOs, Verbraucherschützer, Politiker und ihnen nahestehende Journalisten war und ist sie die große Bühne, um ihre moralische und politische Agenda voranzutreiben. „Der Fukushima-Moment“, mit den Worten des Grünen-Bundesvorsitzenden Cem Özdemir, der ihnen die Möglichkeit bietet, in einer aufgekratzten Diskussionsatmosphäre ordentlich Stimmung für die eigene Sache zu machen.

„In der Debatte um die Tricksereien der deutschen Autohersteller ging es nur vordergründig um das Nicht-Einhalten von Emissions-Grenzwerten.“

Nur wenig Produkte sind emotional so aufgeladen wie das Auto. Es ist Statussymbol, Lebensraum, an dem viele persönliche Erinnerungen hängen – Knutschen mit Freundin, Kinder von der Kita abholen, Urlaubsfahrten usw. – und nicht zuletzt auch Freiheitsmaschine, die vielen Spaß und allen Mobilität bringt. Hier liegt jenes „Skandalisierungs- und Eskalationspotential“, das es nach Meinung des Geschäftsführers der umstrittenen Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, braucht, um erfolgreiche Kampagnen zu führen.

Und so ging es in der Debatte um die Tricksereien der deutschen Autohersteller von Beginn an nur vordergründig um eher banale technische oder juristische Fragen wie das Nicht-Einhalten von Emissions-Grenzwerten. Aus dem staubtrockenen, eher langweiligen und unspektakulären Sachverhalt lässt sich die Aufgeregtheit jedenfalls nicht erklären.

Dass Stickoxide in hohen Dosen gefährlich sein können, ist unbestritten. Welche reale Gefahr von den Grenzwertüberschreitungen ausgeht, hingegen nicht. Dennoch kursierten in der Diesel-Debatte immer wieder horrenden Zahlen angeblicher Todesopfer. Dass es sich dabei nicht um reale Tote, sondern um „statistische Tote“ handelte, die durch Rechenmodelle zustande gekommen sind, dass wir ehrlicherweise nicht genau sagen können, wie groß die Gefahr ist, wurde – Stichwort: „Skandalisierung und Eskalation“ – in den wenigsten Fällen dazu gesagt.

Den Vogel schoss dabei ein Tweet des ARD-Energieexperten“ Jürgen Döschner ab, für dessen historisch völlig danebene Wortwahl er sich im Nachhinein entschuldigte: „Deutsche Automafia vergast jedes Jahr 10.000 Unschuldige". Bedächtigere Stimmen, die etwa darauf hinwiesen, dass die Luft in deutschen Städten noch nie so sauber sei, wie heute, und dabei auch die Stickoxidwerte seit Jahren zurückgehen – in den letzten 25 Jahren um deutlich mehr als die Hälfte! –, wurden durch die Hysterisierung an den Rand gedrängt.

„Die ‚Dreckschleuder Diesel‘ steht sinnbildlich für die Sünden der Moderne.“

Denn letztlich saß die mächtige deutsche Autolobby nicht nur wegen tatsächlicher Verfehlungen auf der Anklagebank, sondern vor allem stellevertretend für alle jene Aspekte des modernen Lebens, aus deren Ablehnung die meinungsstarken grün-bürgerlichen Kreise dieser Republik ihre gesellschaftliche (und nicht selten auch finanzielle) Position begründen.

Angeklagt wurde „die Industrie“, die uns angeblich nur aus reiner Profitgier manipuliert und vergiftet; Massenkonsum und -mobilität, die angeblich für die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen verantwortlich sind und die technische Intelligenz und Rationalität, in der sich die angebliche Hybris und der Machbarkeitswahn des modernen Menschen ausdrücken.

Die „Dreckschleuder Diesel“, dieses vorgebliche Relikt des fossilen Zeitalters, steht sinnbildlich für die Sünden der Moderne, die uns die grünen Mahner, Abmahner, Moralisten, Bevormunder, Ablasshändler usw. in Ministerien, Verwaltungen, Redaktionsstuben, NGO-Geschäftsstellen und wo das Geschäft mit dem grünen Gewissen sonst noch betrieben wird, austreiben wollen.

Auch wenn sie das Gegenteil von sich behaupten: Diese Kräfte stehen nicht für Mobilitätsfortschritt, sondern für den gesellschaftlichen Rückwärtsgang. Gerade in einem Industrieland sollte man ihnen nicht länger die moralische Deutungshoheit überlassen.