31.01.2019

Der grüne Nervenzusammenbruch

Von Andreas Müller

Titelbild

Foto: RitaE via Pixabay / CC0

Der Öko-Glaube der Deutschen hat als weltliche Religion den Nachteil, dass man nicht einmal darauf hoffen kann, erlöst zu werden oder in den Himmel zu kommen.

Atomausstieg, Anbauverbot für grüne Gentechnik, Dieselfahrverbote und nun der Kohleausstieg: Deutschland verliert den Glauben an den technischen und wirtschaftlichen Fortschritt. An seine Stelle scheint der Glaube an ökologische Ideen wie „Nachhaltigkeit“ und „Klimaschutz“ zu treten. Doch der Schein trügt. Die Deutschen glauben eigentlich an gar nichts.

Der britische Altphilologe Gilbert Murray analysiert in seinem historischen Klassiker „Five Stages of Greek Religion“ die Entwicklung der altgriechischen Weltanschauung. Die vierte Phase nannte er: „Der Nervenzusammenbruch“. Es war die Zeit, als die alten Griechen, von ständigen Kriegen ermattet, sich schließlich selbst aufgaben. Sie warfen alles hin, was sie einst zu Griechen gemacht hatte, darunter ihren Glauben an die Vernunft und an ein glückliches Leben auf Erden. Liest man Murrays Beschreibung jener Endzeit im Deutschland des Jahres 2019, mag einem manches bekannt vorkommen.

„Es ist schwer zu beschreiben“, so Murray. „Es ist ein Aufstieg des Ästhetizismus, des Mystizismus, gewissermaßen des Pessimismus; ein Verlust des Selbstvertrauens, der Hoffnung auf dieses Leben und des Glaubens an das gemeine menschliche Streben; ein Verzweifeln an der geduldigen Forschung, ein Schrei nach der unfehlbaren Offenbarung; eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Gemeinwohl, eine Hinwendung der Seele zu Gott.“

„Die Grünen sind im Kern religiöse Sektierer. Nur ohne Gott.“

Nur ist es nicht Gott, dem die Deutschen sich heute zuwenden. Die Grünen haben seit 2018 mit einer atemberaubenden Unmittelbarkeit die Herzen zahlreicher Wähler erobern können. Bei den bayerischen Landtagswahlen errungen sie plötzlich 9 Prozent mehr Stimmen als bei der vorigen Wahl, in Hessen 8,7 Prozent mehr. Bei der Sonntagsfrage verschiedener Umfrageinstitute erreichen die Grünen Ende Januar 2019 satte 18 bis 20 Prozent der Wählerstimmen und überholen damit die einstige Volkspartei SPD.

Was bedeutet dieser Umbruch? Inhaltlich sind sich die Grünen gerade beim Thema Ökologie weitestgehend treu geblieben. Sie predigen Konsumverzicht, lehnen moderne Technik ab und ignorieren alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, die nicht zu ihrer grünen Eschatologie passen. Ihre Angstkampagnen gegen Atomkraft, Gentechnik, Herbizide wie Glyphosat, Tierversuche, Autos und Kohle unterscheiden sich nicht grundlegend von ihrer einstigen Kampagne gegen den damals neuen Personalcomputer – wobei sie diesem übrigens weiterhin skeptisch gegenüberstehen und zumindest Laptops statt Desktop-PCs empfehlen. Wie die Urchristen, welche die Antike endgültig begruben, sind die Grünen im Kern religiöse Sektierer. Nur ohne Gott.

Ein höheres Wesen hätte sie zumindest ein wenig Demut lehren können. Stattdessen gibt es für die Grünen absolut keine Zurückhaltung und keine Rücksicht, wenn es um die „große Transformation“ der Gesellschaft in ein ökologisch korrektes Paradies geht. „Verzichten, Verbieten, Häretiker zum Schweigen bringen!“, lautet das apokalyptische Mantra. „Es ist eine Atmosphäre, in der das Ziel des guten Menschen nicht darin besteht, gerecht zu leben, die Gesellschaft zu unterstützen, in der er lebt, und die Wertschätzung seiner Mitmenschen zu genießen“, so Murray, „sondern er möchte durch einen glühenden Glauben, eine Verachtung der Welt und ihrer Maßstäbe, durch religiöse Ekstase, Leid und Märtyrertum Vergebung erhalten für seine unaussprechliche Unwürdigkeit, für seine maßlosen Sünden.“

„Wir opfern den Fortschritt, unsere Zukunft, um das große Nichts zu besänftigen, das uns keineswegs für unser Opfer belohnen wird.“

Doch wer soll unsere Sünden, die wir durch Konsum von Zucker und Fleisch, durch die Anpassung der Natur an unsere Bedürfnisse durch Technik, durch Autofahren, ja nicht zuletzt durch elektrische Zahnbürsten anhäufen, vergeben, wo doch von Gott keine Rede mehr ist? Und auf welches Jüngste Gericht sollen wir uns vorbereiten, wo doch die Rückkehr von Jesus Christus für den Durchschnittsgrünen nicht zur Debatte steht? Kurzum: Eine weltliche Religion, eine Religion ohne Gott, ist eine Religion ohne jeglichen Daseinsgrund, die letztlich nach gar nichts strebt – eine Ideologie des Nichts.

Und so opfern wir den Fortschritt, unsere Zukunft, um das große Nichts zu besänftigen, das uns keineswegs für unser Opfer belohnen wird. Das ist es, was wir tun, wenn wir aus der Grundlage unserer eigenen Energieversorgung „aussteigen“, wenn wir uns von der Wissenschaft und ihrem weltlichen Lohn, der Technik, verabschieden. Wir tun das nicht für das Wohl von Tieren, Pflanzen, Klima oder gar für zukünftige Generationen, wir tun es, um einem toten Gott zu dienen, der uns gar nichts versprochen hat, keinen Himmel und keine Erlösung.

Damit es niemand falsch versteht: Es geht mir nicht darum, dass wir Gott wieder in die Gleichung einfügen müssten. Wir sollten, meine ich, vielmehr auf die Religion, und darunter auf ihr uneheliches Kind, die weltliche und damit völlig sinnentleerte Religion, konsequent verzichten. Gott ist tot und das ist auch gut so. Nun gilt es, unser Leben nicht etwa dem großen Nichts im Himmel zu opfern, sondern vielmehr sollten wir zu dem zurückfinden, was die westliche Zivilisation groß gemacht hat: Zum Glauben an die Vernunft und an ein glückliches Leben auf Erden.