17.12.2014

Denn sie wissen, was sie tun

Kommentar von Sabine Beppler-Spahl

Heute beginnt das jüdische Chanukka Fest. Erinnert wird an den erfolgreichen Aufstand gegen den Herrscher der Seleukiden, der die Beschneidung per Todesstrafe untersagte. Der "moderne Kreuzzug" gegen Beschneidung ist auch nicht frei von Antisemitismus.


Manchmal flammt wie aus dem Nichts eine Debatte auf, die mit viel Emotionalität geführt wird, weil sich hinter ihr mehr verbirgt, als wir uns eingestehen. Ein Beispiel ist die Beschneidungsdebatte. Natürlich beteuern die Gegner der Knabenbeschneidung, dass es ihnen nicht um Antisemitismus geht. Sie begründen ihre Meinung, dem Zeitgeist folgend und politisch korrekt, mit dem Kinderschutz oder der Rückständigkeit religiöser Praktiken. Dass ihre Kampagne das Judentum stigmatisiert und sich gegen eine Minderheit richtet, die schlimmsten Verfolgungen ausgesetzt war, nehmen sie in Kauf.

Es gehört einiges an Unaufrichtigkeit dazu, zu behaupten, die Diskussion habe nichts mit Antisemitismus zu tun. Wie schmal der Grat ist, wurde mir bei einem Gespräch deutlich. „Ich bin keine Antisemitin“, sagte eine Bekannte, „aber ich finde, es muss endlich Schluss sein, mit dem Sonderstatus, den Juden genießen.“ Es könne nicht sein, so die Dame, dass Kritik an rückständigen Praktiken nur wegen des Holocausts nicht erlaubt sei. Vielleicht, so fügte sie hinzu, seien die Juden an ihrem jahrelangen Leid ein Stück selber schuld. Das war gedankenlos dahergeredet, erinnert aber an ein altes Muster. Ist es wieder hoffähig, über dieses „störrische Volk“ (Edward Gibbon) zu klagen, weil es an Praktiken festhält, die der Mehrheit fremd und abstoßend vorkommen?

Die Wortführer der Kampagnen gegen Beschneidung wissen, dass ihnen der Applaus von Leuten wie meiner Bekannten sicher ist. Es ist ihnen egal, wenn sie diejenigen bestärken, die meinen, es sei Zeit, gegen „lästige Minderheiten“ und deren „religiösem Aberglauben“ vorzugehen. Marlene Rupprecht, Kinderbeauftragte der SPD Bundestagsfraktion, z.B. ist „entsetzt“, dass die religiöse Beschneidung in Deutschland weiterhin erlaubt sein soll. Hier werde für eine Gruppe in Deutschland ein besonderes Gesetz geschaffen, klagt sie und tut so, als habe das nichts mit ihr und ihrer Kampagne zu tun. [1]

Mit erstaunlicher Unbekümmertheit wird auch in Fernsehsendungen wie z.B. „Log In“ [2] gegen die Beschneidung Stimmung gemacht. Die Meinung der Mehrheitsgesellschaft, die ohnehin von einem Verbot nicht betroffen wäre und sich bisher wenig um die Frage gekümmert hat, wird aufgewiegelt… Wachsende Intoleranz und die Brandmarkung „Andersgläubiger“ als irgendwie rückständig sind der Preis, den die Gegner zu zahlen bereit sind. Sie haben kein Problem, notfalls an die Macht des Staates zu appellieren, um ihren Standpunkt durchzusetzen, weil sie überzeugt sind, ihre Meinung stünde für eine noble und fortschrittliche Sache. Woher kommt diese Selbstsicherheit?

Wissen sie nicht, dass ihr Engagement weniger neu und fortschrittlich ist, als sie glauben? Der Kreuzzug gegen die Beschneidung hat eine lange Geschichte. Im 1. Buch der Makkabäer z.B. werden die Taten des Königs der Seleukiden Antiochus IV beschrieben (2 Jh. V. Chr.): „Der König befahl seinem ganzen Reich, dass alle zu einem einzigen Volk werden sollten, und jeder seine Eigenart aufzugeben hatte“, heißt es dort. „Frauen, die ihre Kinder beschneiden ließen, wurden auf Befehl hingerichtet und die Säuglinge an den Hals ihrer Mütter gehängt“ (Verse 60f.). Es war einer von vielen Versuchen, das Judentum auszurotten. Bis heute erinnert das jüdische Chanukka-Fest an den erfolgreichen Makkabäer-Aufstand gegen die Herrschaft dieses Tyrannen. Auch im Mittelalter gab es Versuche, die „barbarische Praxis“ der Beschneidung zu verbieten. Diese uralte Ablehnung kam nicht zuletzt auch den Nazis zugute. War das „abscheulich, archaische Volk“, so die Logik der Henker, nicht selber schuld? Die Verquickung althergebrachter Vorurteile mit dem vermeintlich guten Zweck des Kinderschutzes ist besonders perfide, wenn es um die Beschneidung geht. Sie basiert auf der Behauptung, die Zirkumzision sei eine Verstümmelung. Ein relativ kleiner Eingriff, den Millionen Väter weder bei sich noch bei ihren Söhnen als Problem empfinden, wird kurzerhand zur Körperverletzung deklariert. Der daraus folgende Umkehrschluss besagt nichts weniger, als dass gläubige Juden (und Moslems) ihre Kinder misshandelten. Diese Kinder, so die Forderung, müssten durch den deutschen Staat vor ihren uneinsichtigen Vätern und Müttern geschützt werden. Wieder drängen sich ungute Parallelen auf. Im 16. Jahrhundert z.B. soll der Freiburger Jurist Ulrich Zasius gefordert haben, jüdische Kinder ihren Familien wegzunehmen, damit sie getauft werden könnten. Das sollte natürlich nur geschehen, um sie vor dem Aberglauben ihrer Eltern zu schützen.

„Das tiefe Misstrauen gegen Eltern ist das eine Problem. Ein anderes ist der arrogante und paternalistische Ton, der die Debatte begleitet“

Auch Marlene Rupprecht will den Einfluss der Eltern brechen. Ihnen soll das Entscheidungsrecht darüber, ob sie ihre Kinder im eigenen Glauben erziehen, genommen werden. Deswegen fordert sie, die Beschneidung erst ab dem 14. Lebensjahr zu erlauben und von der Entscheidung des Jugendlichen abhängig zu machen. (Ob sie Jugendlichen damit einen Gefallen tut, sich mitten in der Pubertät für oder gegen den Willen ihrer Eltern und ihrer Tradition entscheiden zu müssen, scheint die selbsternannte Kinderschützerin nicht zu interessieren). Auch was mit den Eltern zu tun sei, die sich gegen das Verbot entscheiden, und ihre Kleinkinder heimlich – wie in alten, autoritären Zeiten – beschneiden lassen, vermag sie nicht schlüssig zu erläutern. Die (rhetorische) Zwischenfrage eines Abgeordneten, während ihrer Bundestagsrede, ob solchen Familien künftig die Kinder schon bei der Geburt weggenommen werden müssten, wenn die Gefahr bestünde, dass sie gegen das Verbot verstießen, war durchaus angemessen. Geht es um Kinder, so scheint es, darf man beim Abbau von Freiheitsrechten nicht zimperlich sein.

Das tiefe Misstrauen gegen Eltern ist das eine Problem. Ein anderes ist der arrogante und paternalistische Ton, der die Debatte begleitet. Nicht wenige argumentieren wie Holm Putzke, der sich seit Jahren für ein strafrechtliches Verbot der Beschneidung stark macht. Es stimme nicht, so der Rechtswissenschaftler aus Passau, dass jüdisches Leben nach einem Verbot in Deutschland nicht möglich sei. Viele Juden ließen ihre Kinder schließlich nicht mehr beschneiden oder warteten ab, bis sie selbst entscheiden könnten. Doch in diesem Argument liegt das Problem. Hier wird gesagt, dass Juden bei uns leben dürfen, wenn sie ihrem Glauben absprechen. Wer sich assimiliert, wird toleriert und darf bleiben. Wer das nicht möchte, und für seine Tradition eintritt, muss nach dem Willen Holms bestraft werden.

Für Juden dürfte das „freundliche“ Angebot Professor Putzkes, sich entweder zu assimilieren oder sich strafbar zu machen, nicht akzeptabel sein. „Die Brit Mila, die rituelle Beschneidung, ist eine der grundlegenden Fixpunkte des jüdischen Glaubens“, schreibt die deutsche Rabbinerin, Ärztin (Urologin) und Beschneiderin (Mohel) Antje Yael Deusel. Selbst Juden, die nicht nach den traditionellen Regeln des Judentums lebten, so Deusel, legten Wert auf die Beschneidung ihrer Söhne: „So ist die Brit Mila zu einem Symbol der Zugehörigkeit zum Judentum schlechthin geworden“. [3] Gewiss, es gibt Unterschiede zu früheren Assimilierungskampagnen. Putzke führt seinen Feldzug nicht im Namen des Christentums, sondern des Säkularismus. Er will Juden, davon dürfen wir ausgehen, nicht töten, wenn sie seinem Gesetz widerstehen. Trotzdem kommt hier ein Dogmatismus zum Ausdruck, der geeignet ist, manch einen religiösen Eiferer in den Schatten zu stellen.

Niemand soll überredet werden, die Beschneidung gut zu finden, aber die Kampagne dagegen ist rückwärtsgewandt und intolerant. Hier findet keine offene, freie Debatte statt, wie Herr Putzke behauptet, sondern ein Feldzug gegen eine Minderheit. Antje Rahel Deusel hat Recht, wenn sie schreibt, dass der Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit dieser Frage ein Gradmesser für die Akzeptanz der Minderheit insgesamt sei. Haben wir nicht bitter erfahren, was es heißt, wenn Minderheiten stigmatisiert werden? Diejenigen, die glauben, sie müssten Kinder schützen, indem sie gegen die Beschneidung vorgehen, sollten mit sich selbst ins Gericht gehen. Geht es ihnen wirklich um Kinder, die durch die Kampagne ebenso gebrandmarkt werden, wie ihre Eltern?

„Die Beschneidung ist keine Verstümmelung“

Die Beschneidung ist keine Verstümmelung und nie sollten wir vergessen, dass jede Studie und jede Aussage zum Thema von subjektiven Erfahrungen beeinflusst wird. Denen, die beteuern, sie seien durch ihre Beschneidung traumatisiert worden, stehen Millionen Männer gegenüber, die sich anders äußern. (Wir könnten übrigens unzählige Erwachsene finden, die durch andere Erfahrungen traumatisiert wurden. Eine Freundin erzählte mir, wie grausam und schmerzvoll Ballettstunden für sie waren, und trotzdem kommt niemand auf die Idee, Ballett für junge Mädchen zu verbieten.) Untersuchungen, die zeigen, dass beschnittene Männer sich beim Sex benachteiligt fühlen, werden durch andere widerlegt, die das Gegenteil behaupten [4]. Ein Zeitungsartikel zitiert Kinderärzte, die vor der Beschneidung warnen. In einem anderen warnen Kinderärzte wiederum davor, Jungen nicht zu beschneiden[5].  Je nachdem, wo wir stehen, lassen sich Studien hervorzaubern, die die eigene Meinung stützen.

Am Ende bleibt nur die Frage, wie wir uns das Deutschland der Zukunft vorstellen. Der Schriftsteller und Jude Stefan Zweig musste wegen des Horrors der Nazi-Herrschaft aus Österreich fliehen. Im England der 1930er Jahre fand er eine Gesellschaft, die ihn in Freiheit leben ließ. „Die eigentliche Wohltat war, dass ich endlich wieder eine zivile, höfliche, unerregte, hasslose Atmosphäre um mich fühlte […].“  Die Menschen, so der Autor, lebten zufriedener, weil sie mehr auf ihre eigenen Angelegenheiten achteten, statt auf die Gewohnheiten und Bräuche ihrer Nachbarn.