26.01.2017

Das Problem mit den Fakten

Kommentar von Justin Campbell

Titelbild

Foto: Gkenius via Pixabay / CC0

Der Begriff „postfaktisch“ ist in aller Munde. Doch Studien und vermeintliche Tatsachen genügen nicht, um politische Entscheidungen zu treffen.

Im November erklärte das Oxford English Dictionary (OED) ‚post-truth‘, also ‚postfaktisch‘, zum Wort des Jahres. Laut Definition des OED bezieht sich der Begriff auf Umstände, in denen objektive Fakten weniger Einfluss auf die politische Meinungsbildung haben als Emotionen oder persönliche Überzeugungen. In Folge des Brexits und des Wahlsiegs von Donald Trump in den USA erlangten der Begriff ‚postfaktisch‘ und die Redewendung ‚low information voter‘ (zu Deutsch: ‚schlecht informierter Wähler‘) Popularität. Viele Twitter-User hat dies dazu veranlasst, John Maynard Keynes zu zitieren: „Wenn sich die Tatsachen verändern, ändere ich meine Meinung. Was tun Sie?“. Davon wurde die Annahme abgeleitet, es gebe zwei Typen Mensch: denjenigen, der an Fakten glaubt und denjenigen, der sich von Emotionen leiten lässt (der schlecht informierte Wähler). Nur wenige haben sich allerdings gefragt, was Fakten überhaupt sind: Wie zuverlässig sind sie? Sollte die politische Entscheidungsfindung primär auf Fakten basieren?

Ein Fakt lässt sich ganz einfach definieren als eine Sache, die bekannt oder erwiesenermaßen wahr ist. Daher sollte man zuerst einmal überprüfen ob das, was man für einen Fakt hält, tatsächlich ein Fakt ist. Zu oft gehen Meinungen oder Anhaltspunkte als Fakten durch. Indizien für etwas zu haben, macht es nicht zwangsläufig wahr. So ist es nicht verwunderlich, dass Websites, die Fakten überprüfen, häufig der Voreingenommenheit beschuldigt werden. Wenn sie sich auf überprüfbare Fakten beschränkten, gäbe es tatsächlich nicht viel, worüber es sich zu schreiben lohnte.

Im März letzten Jahres überprüfte der „Fact Checker“ der australischen öffentlichen Rundfunkanstalt ABC die Behauptung des Oppositionspolitikers und Labor-Vorsitzenden Bill Shorten, wonach Beweise aus Europa belegten, dass der Mindestlohn keinen negativen Einfluss auf die Arbeitslosenquote habe. Die Mindestlohn-Debatte ist eine der am kontrovers diskutiertesten Fragestellungen der Ökonomie und entzieht sich der Überprüfbarkeit. Jede Seite beruft sich auf Studien, die ihre Sichtweise stützen. Die Problemstellung ist jedoch zu kompliziert, um einfach als ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ beschrieben zu werden.

„In den meisten politischen Angelegenheiten kann man sich nicht nur auf ‚Fakten‘ stützen“

Gerade die Mindestlohn-Debatte zeigt den wichtigen Unterschied zwischen Beweisen und Fakten. So gibt es Hinweise, dass die Erhöhung des Mindestlohns zu einer Verringerung der Beschäftigungsnachfrage führt. Andererseits deutet einiges darauf hin, dass es keine oder nur minimale Auswirkungen auf die Beschäftigungsnachfrage gibt. In den meisten politischen Angelegenheiten kann man sich nicht nur auf „Fakten“ stützen. Entscheidungsträger müssen die Beweiskraft wissenschaftlicher Resultate selbst beurteilen und auf dieser Grundlage, im Einklang mit ihren eigenen Wertvorstellungen, politische Argumente entwickeln.

In einigen wissenschaftlichen Disziplinen wird das Problem unvollkommener Erkenntnisse dadurch verschlimmert, dass sie keine reproduzierbaren Experimente erlauben. Das kontrollierte Experiment ist in der Wissenschaft der Goldstandard. Jedoch sind kontrollierte Experimente in Wirtschaft, Psychologie und Klimaforschung kaum möglich. Häufig sind Studien nicht wiederholbar. Eine Studie ermittelte, dass nur die Hälfte der wissenschaftlichen Publikationen in den Wirtschaftswissenschaften reproduzierbar seien. Andere Studien haben denselben Mangel an Reproduzierbarkeit auch in anderen Disziplinen festgestellt. Dies sollte uns gegenüber den „Fakten“, die diese Disziplinen generieren, skeptisch stimmen.

Die Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie waren schon immer kritisch gegenüber der Nutzung mathematischer und ökonomischer Modelle zur Vorhersage menschlichen Verhaltens eingestellt. In seinem Buch „Human Action“ (1949) schrieb Ludwig von Mises, dass die Wissenschaft vom menschlichen Handeln ein komplexes Phänomen sei, zu dessen Erforschung keine Laborexperimente durchführbar seien. Dies gilt meiner Meinung nach auch für andere Disziplinen, die keine kontrollierten Studien erlauben. Wissenschaftliche Studien mögen zwar interessant und informativ sein, sie bringen jedoch oftmals keine in Stein gemeißelten „Fakten“ hervor.

„Selbst wenn verifizierbare ‚Fakten‘ verfügbar sind, können diese allein nicht die politischen Prioritäten festlegen“

Selbst wenn verifizierbare „Fakten“ verfügbar sind, können diese allein nicht die politischen Prioritäten festlegen. Was hat Vorrang – Arbeitsplätze zu schaffen oder eine bedrohte Tierart zu retten? Was bewertet man als wichtiger – die Bewahrung kultureller Traditionen oder moderne Lebensstandards? All diese Entscheidungen werden auf Basis individueller Prioritäten, und nicht auf Basis von „Fakten“, getroffen. Solche Entscheidungen werden in freien Gesellschaften demokratisch beschlossen. Sie sind keine wissenschaftlichen, sondern politische Entscheidungen. Zu behaupten, die eigene Sichtweise sei objektiv und „wissenschaftlich“, ist kein stichhaltiges Argument.

Doch wenn Fakten nicht als alleinige Grundlage der Meinungsbildung herangezogen werden können, was kann dann an deren Stelle treten? Ich denke, politische Argumente sollten auch philosophisch bewertet werden. Für mich persönlich ist die individuelle Freiheit der höchste Wert. Ich frage mich: Wie wirkt sich diese Entscheidung auf die persönliche Freiheit von Individuen aus? Wenn die Freiheitsrechte zweier Personen miteinander in Konflikt geraten, versuche ich Lösungen zu finden, die die Autonomie beider Parteien wahren.

In der Praxis sind wissenschaftliche Fakten weniger verbreitet als von jenen behauptet wird, die den Anbruch eines vermeintlich „postfaktischen“ Zeitalters anprangern. Wir sollten stets verfügbare wissenschaftliche Erkenntnisse für die Entscheidungsfindung hinzuziehen. Jedoch sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass dieses Beweismaterial oft keine unumstößlichen „Fakten“ schafft oder uns die Aufgabe abnehmen kann, auf Basis unserer Werte politische Prioritäten festzulegen.