11.12.2011

„Die Wissenschaft kann keine Entscheidungen einfordern!“

Interview mit Mike Hulme und Tim Black

Einer der führenden Klima-Experten, hält es für einen Skandal, dass wissenschaftliche Aussagen zulasten von Politik und Moral aufgewertet werden.

Mike Hulme, Professor für Klimawandel an der School for Environmental Sciences an der University of East Anglia, ist ein leidenschaftlicher Fürsprecher der Wissenschaft. Dennoch, wenn es zum Klimawandel kommt, erwarten zu viele Leute seiner Meinung nach zu viel von der Wissenschaft. Physik und Ethik scheinen in der Debatte um den Klimawandel miteinander zu verschmelzen. Wir sehen Politiker, die erwarten, dass die Wissenschaft die Politik bestimmt; wir sehen Umweltaktivisten, bewaffnet mit Expertengutachten, die davon ausgehen, alle Auseinandersetzungen zu gewinnen; und wir sehen wiederum sogenannte Skeptiker, die erwarten, dass ihre Wissenschaft die grüne Vision der Gesellschaft widerlegt. Aber für Hulme, Autor des Buches Why We Disagree About Climate Change, kann und sollte von der Wissenschaft nicht erwartet werden, dass sie diese Dinge leistet. Sie ist kein Ersatz für Politik oder moralische Urteile.

Formulierungen wie „die Wissenschaft fordert dies oder das“ lehnt Hulme als unangemessen ab, da sie suggerieren, dass das Gestalten von Klimapolitik oder Politik im Allgemeinen ein einfacher Prozess sei, in dem es lediglich darum gehe, wissenschaftliche Beweise in logisch sich ergebende Handlungen zu übersetzen. In Wirklichkeit funktioniert Politik in keinem Bereich so – am wenigsten beim Thema Klimawandel, wo das Gestalten der Politik eine viel größere Auswahl an Beweisstücken und auch politischen und ethischen Betrachtungen erfordert.


Wie sollten wir also die Beziehung zwischen Wissenschaft und Politikgestaltung begreifen? „Ich denke, dass wissenschaftliche Erkenntnisse über den Klimawandel sehr wichtig sind“, sagt Hulme. „Wissenschaft ist ein einzigartiger und sehr mächtiger Weg, um Verständnis darüber zu erlangen, wie die Welt funktioniert. Wissenschaftler waren in der Lage, den Fakt aufzudecken, dass die Menschen das Klima beeinflussen. Dieses Wissen sollte in die Öffentlichkeit und in Entscheidungen eingebracht werden – neben politischen, ethischen und moralischen Erwägungen.“

Hulme ist sehr daran gelegen, die Grenzen dessen aufzuzeigen, was die Klimaforschung uns über die Zukunft sagen kann: „Wissenschaftliche Erkenntnisse über den Klimawandel lassen nur sehr vage Spekulationen darüber zu, was künftig passieren wird. Ja, das Klima wird sich in Zukunft aufgrund menschlicher Emissionen weiter verändern. Aber den genauen Umfang der Veränderungen zu bestimmen und vorherzusagen, welche Risiken auf uns zukommen, kann die Wissenschaft nur sehr begrenzt leisten. Daher muss mit wissenschaftlichen Erkenntnissen vorsichtig umgegangen werden. Nicht, weil sie nicht nützlich oder nicht beachtenswert wären, sondern weil sie unsicher sind. Das ist der Grund, warum zusätzlich Bewertungen – politische, ethische, moralische Wertungen – für die konkrete Politikgestaltung genutzt werden müssen.“

Aber Hulme geht noch weiter: Ebenso wie die Wissenschaft keine Entscheidungen für uns treffen kann, so sollten die Argumente über den heutigen Klimawandel aus seiner Sicht nicht als Argumente wissenschaftlichen Ursprungs verstanden werden. Hier kommen weitere Positionen, unterschiedliche kulturelle Sichtweisen auf die Beziehung zwischen Mensch und Natur, unterschiedliche Einstellungen bezüglich der sich aus Religionen ergebenden Pflichten der Menschen zum Tragen. „Sogar in einem weltlichen Rahmen haben die Leute sehr verschiedene Einstellungen, die ihre Beziehung zum Klimawandel beeinflussen. Einige sehen beispielsweise die Natur, und somit den Planeten, als etwas, das zerbrechlich ist und einfach durcheinander zu bringen. Andere sehen, dass die Natur sehr robust und unverwüstlich ist. Und dann gibt es verschiedene Einstellungen – weltliche und religiöse – zur Technik. Die Menschen haben sehr verschiedene Einstellungen zu unserer Fähigkeit, Risiken und Gefahren zu mindern.

Wie sollte angesichts der offensichtlichen Unstimmigkeiten und einer vom Klimawandel getriebenen Politik die Bedeutung eines „wissenschaftlichen Konsenses“ eingestuft werden? „In der Wissenschaft“, sagt Hulme, „werden Formulierungen wie ‚der wissenschaftliche Konsens‘ oder ‚der Konsens des IPCC‘ [des Weltklimarates] häufig verwendet. Es ist wichtig zu verstehen, worum es bei diesem Prozess der Konsensfindung in der Wissenschaft überhaupt geht. Dieser Konsens wird von mehreren Seiten attackiert. Einige Leute kritisieren ihn, indem sie betonen, dass Wissenschaft nicht durch Konsens funktioniert, sondern durch Testen, Experimentieren, Widerlegen. Wissenschaft ist keine Demokratie. 99 Prozent der Wissenschaftler können falsch liegen, und ein Prozent von ihnen kann recht haben.“ Tatsächlich kritisieren einige den IPCC Prozess, weil er eine unangebrachte Methode zur Herstellung von Wissensansprüchen anwendet. Andere hingegen verstehen ‚Konsens‘ als eine Art gesichertes Wissen. Ich denke, es ist wichtig aufzudröseln, was Konsens in der Wissenschaft konkret bedeutet.“

Ironischerweise ist für Hulme gerade die angestrengte Suche nach einem Konsens in der Klimawissenschaft Beweis für die Uneinigkeit: „Das Fordern eines ‚wissenschaftlichen Konsenses‘ macht nur Sinn, wenn es Unstimmigkeiten unter den Experten gibt. Wenn alle Experten einer Meinung wären, müsste man nicht diesen Prozess der Konsensfindung durchlaufen. Wir brauchen diesen Prozess nicht, wenn es um das Gravitationsgesetz geht. Bei der Klimaforschung brauchen wir ihn, weil es da Unstimmigkeiten gibt. Hier gilt es zu eruieren, wo angesichts der Bandbreite an Ansichten und Wertungen das Zentrum liegt. Es geht also es nicht nur um Konsenswissen, sondern um das gesamte Spektrum an Überzeugungen.“

Aber falls Konsens auf Meinungsverschiedenheiten basiert, warum wird es mit so viel Sorge betrachtet, dass jemand den Konsens anzweifelt? Warum werden diese Menschen als Leugner und moderne Ketzer gebrandmarkt, wenn sie sich trauen, infrage zu stellen, was ein paar Grüne irrtümlicherweise als ein konkretes Übereinkommen unter führenden Experten betrachten? „Einer der Gründe dafür ist“, so Hulme, „die Annahme, es gäbe eine besondere Beziehung zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Politik. Daher wird behauptet, dass man ein klares und überzeugtes wissenschaftliches Fachwissen haben müsse, dass es in klare, überzeugte und überzeugende Politik zu übersetzen gilt. Und falls die Wissenschaft dargestellt wird, als sei sie weder klar noch überzeugend, dann bricht die ganze Behauptung, oder die ganze Politik, zusammen. Deshalb werden so viele ideologische Schlachten durch Stellvertreter der Wissenschaft geschlagen. Die Menschen denken, wenn man diesen Kampf gewinnt, hat man den politischen Kampf gewonnen. Auch das ist ein Missverständnis. Tatsächlich müssen die ideologischen Schlachten, die politischen Kriege auf dem Gebiet der Politik, der Ethik, der Weltanschauung und der Überzeugungen stattfinden. Da sollte der rechtmäßige Kampf stattfinden.“

Hulme führt den Stern-Report von 2007 als Beispiel für die beunruhigende Auslöschung politischer und ethischer Debatten zugunsten von vermeintlich offensichtlichen wissenschaftlichen Fakten an: „Der Report liefert starke wirtschaftliche Argumente für ein frühes und schnelles Reagieren auf den Klimawandel. Was der Stern-Report jedoch nicht erörtert, es aber hätte tun müssen, ist die ethische Dimension, die diese ökonomische Analyse untermauert. Der Fokus liegt einfach zu sehr auf den Zahlen. Der Bericht hätte eine breite öffentliche Debatte darüber anstoßen müssen, wie wir Gegenwart und Zukunft bewerten. Stern vertritt hier eine sehr spezielle ethische Position. Man kann mit ihm übereinstimmen oder nicht, aber die Auseinandersetzung hierüber hätte im Mittelpunkt stehen sollen. Stattdessen dominierte die ökonomische Dimension, ganz so, als ob dies den einzigen Weg zu politischen Entscheidungen darstellt.

Warum wird die öffentliche Debatte über das „gute Leben“  und darüber, wie wir die Gesellschaft organisieren sollten, nicht unter ihren eigenen Bedingungen, sondern stattdessen durch das Prisma der Wissenschaft ausgetragen? Für Hulme wirft diese Frage eine viel größere Reihe von Fragen auf, die weit über das Thema Klimawandel hinausgehen. „Die Menschen haben darüber in einem viel weiteren Kontext der politischen, kulturellen und ideologischen Stimmung am Ende des 20. und dem Beginn des 21. Jahrhunderts nachgedacht und geschrieben. Das schließt das Auslöschen ideologischer Unterschiede im politischen Leben und die begleitende Verharmlosung der Politik ein, aber auch den Widerwillen der westlichen liberalen Demokratien, sich an Debatten und Auseinandersetzungen über grundlegende Fragen von Wert, Absicht und Bedeutung zu beteiligen. Deshalb stimmen wir alle bis zu einem gewissen Grad dem liberalen, kapitalistischen Modell zu, das den meisten von uns ein sehr komfortables Leben bietet. Es ist das weiter gefasste kulturelle Phänomen, in dem auch die Klimadebatte verortet ist, das uns verstehen hilft, warum wir eher darüber streiten, ob dies eine gute oder eine schlechte Wissenschaft ist oder ob Wissenschaftler von Ölkonzernen oder von umweltbedingter Panikmache beeinflusst werden. Diese Art von Auseinandersetzungen scheint weitaus beruhigender und weniger fordernd zu sein als eine solche über den Skandal der globalen Armut in einer Welt des Überflusses.“