25.04.2016

Das Lachen, das im Hals stecken bleiben sollte

Kommentar von Stefan Laurin

Titelbild

Foto: Arne List (CC BY-SA 2.0 / bearbeitet)

Der Sieg der FPÖ in Österreich ist vor allem auf das Versagen der Linken zurückzuführen. Statt sich für die Interessen der Unterschicht stark zu machen, verachtet sie deren Lebensstil

Ein Infografik des Standard zu gestrigen Präsidentenwahl macht unter meinen Facebookfreunden die Runde. Danach wurde der FPÖ-Kandidat Hofer vor allem von schlechter Gebildeten, der von den Grünen unterstütze Kandidat Van der Bellen von den besser Gebildeten gewählt. Viele machen nun amüsiert die Gleichung „Dumm gleich rechts“ auf, doch das Lachen sollte ihnen im Halse stecken bleiben.

Die Analyse des ersten Wahlgangs der gestrigen Präsidentenwahl in Österreich überrascht kaum: Wie in Frankreich der Front National oder zuletzt bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Sachsen Anhalt die AfD konnte die zwischen Rechtsradikalismus und Rechtspopulismus changierende FPÖ vor allem unter Arbeitern und verhältnismäßig gering Qualifizierten punkten. Die kläglichen Reste der Sozialdemokratie wurden zwischen Rechten und Grünen zerrieben, die Gesellschaft spaltet sich auf in eine zunehmend deklassierte Unterschicht und ein sie verachtendes ökologisch orientiertes Bürgertum.

Den Erfolg der rechten Parteien lachend als Ergebnis eine Bildungsdefizits zu erklären, wie es zum Teil unter meinen Facebookfreunden geschieht und es durch meine Timeline rauscht, ist gefährlich, denn es unterschätzt die Folgen einer so weitgehenden Spaltung der Gesellschaft und führt zu einer Selbstvergewisserung, die den Blick ablenkt von einem weitreichenden politischen Versagen jener, die zumindest teilweise für sich in Anspruch nehmen, links zu sein.

Als die Vorläufer der heutigen Linken vor mehr als 200 Jahren entstanden, wollten sie die Lebensverhältnisse jener verbessern, die in der gesellschaftlichen Hierarchie unten standen. Mehr noch: Auch ihre Lebensweise wurde anerkannt und zum Teil imitiert. Sicher, das war oft nicht ehrlich gemeint, aber es war doch eine Form der Anerkennung.

Der Öko-Bourgeoisie ist eine solche Form der Anerkennung fremd. Sie schätzt weder die beruflichen Tätigkeiten, die von jenen erbracht werden, die über keine hohe formale Bildung verfügen noch bringt sie ihren Lebensgewohnheiten Respekt entgegen. In einem in dem Kulturmagazin K.West erschienenen Artikel beschrieb ich diesen Kulturkampf im vergangenen Jahr:

Alles, was es heute gesellschaftlich zu ächten gilt, wird der Arbeiterklasse zugeschrieben. Sie rauchen und trinken zu viel, auf ihren Tellern liegt zu viel Fleisch, sie sind zu dick und machen zu wenig Sport, mögen Autos, fahren zu wenig Rad und arbeiten auch noch in Industrien, die man am liebsten gar nicht mehr im Land hätte. Dazu bekommen Sie noch viele Kinder und die sind dann auch noch dumm. Und Urlaub machen sie an den falschen Orten, wo sie in zu großen Mengen auftreten und sich dann auch noch schlecht benehmen.

Es ist ein Klassenkampf, der von einer autoritär-ökologisch geprägten Mittel- und Oberschicht geführt wird. Der Neoprotestantismus duldet keinen Widerspruch, seine schärfsten Waffen sind die brutale Abwertung aller anderen Lebensweisen und ein bislang nicht dagewesenen Kulturkolonialismus.

(…)

Aber auch die Zeit, in der die Arbeiterklasse eine wirtschaftliche Bedeutung hatte, geht zu Ende. In Hintergrundgesprächen träumen grüne Landespolitiker davon, ganze Industrien wie Stahl- oder Aluminiumerzeugung in skandinavische Länder auszulagern, wo der Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wird. Pläne, die in diesen Unternehmen Beschäftigten gleich mit zu deportieren, gibt es bislang nicht.

Arbeiter, Proll ist in dem Kulturkampf, dessen Zeugen wir gerade werden, zu einem Schimpfwort geworden. Wer sich so verhält, wie sich ein Arbeiter angeblich verhält, wer sich nicht freudig den ökoautoritären Normen und Werten unterwirft, ist kein Diskussionspartner mehr, sondern bestenfalls noch Objekt des paternalistischen Handelns der Volkserzieher.

Das Maß der Überheblichkeit, ja der Verachtung, des Bürgertums gegenüber jenen, die sie als Unterschicht ansieht, war seit dem Zweiten Weltkrieg nie so groß wie heute, zwischen beiden Welten gibt es kaum noch Kontakte, sogar die räumliche Trennung ist durch die Gentrifizierung ganzer Stadtteile so radikal wie nie.

Das Versagen der Sozialdemokraten besteht auch darin, Teil dieses Klassenkampfes von oben zu sein, die Interessen ihrer Kernklientel verraten zu haben, wie Forsa-Chef Güllner es beschrieben hat.

Parteien wie der Front National, die AfD oder die FPÖ werden erst zu stoppen sein, wenn dieser Graben überwunden wird. Das wäre eine Aufgabe der Linken, aber wenn sie dazu nicht mehr in der Lage ist, weil ihr das Schicksal von Eisbären mehr am Herzen liegt als die Förderung von Kindern aus armen Familien, bezahlbare Mieten und die Sicherung von Industriearbeitsplätzen, könnte es die große Chance der Liberalen sein. Sozialliberal wäre dann der Schulterschluss der aufgeklärten, nicht esoterisch-ökologischen Teile des Bürgertums mit den Arbeitern und den Deklassierten, um durch die Ausweitung individueller Freiheiten sowie einer durch Wachstum und technischen Optimismus gekennzeichneten Politik die gesellschaftlichen Gräben zu überwinden, die durch die Öko-Bourgeoisie aufgerissen und von den Rechtspopulisten genutzt werden.