20.10.2016

Bevormundung neutral verpackt

Kommentar von Bill Wirtz

Nach den Schockbildern auf Zigarettenpackungen droht die Einheitsschachtel ohne Farben. Eine paternalistische und nutzlose Regulierung, gegen die sich eine Kampagne richtet.

Während man in vielen EU-Staaten erst seit ein paar Monaten mit den neuen Schockbildern auf Zigarettenschachteln konfrontiert ist, geht Frankreich bereits einen Schritt weiter. Bis Anfang 2017 müssen Tabakpackungen ein „neutrales“ Format annehmen. Bei diesem sog. Plain Packaging entfallen jegliche Produktinformationen jenseits des Markennamens (Logo, Farben), während die Ekelbilder und -texte bleiben. Der Staat wolle über diesen Weg besonders den Konsum bei Teenagern reduzieren, die „durch die farbigen Schachteln angezogen werden“. Man kann diese Entscheidung unterschiedlich bewerten, kommt aber an der Schlussfolgerung nicht vorbei, dass die Politik Raucher wie auch Nicht-Raucher wie Kinder behandelt und bevormundet.

In der alltäglichen politischen Diskussion kommt Australien eher selten vor, mal abgesehen vielleicht von Känguru-Clips am Ende der Nachrichten. In dieser Debatte allerdings ist Australien zum Aushängeschild eines angeblich vorbildlichen Umgangs mit dem Tabakkonsum geworden: sehr teure Zigaretten, stark eingeschränktes Rauchen in der Öffentlichkeit und seit Dezember 2012 Plain Packaging.

Einer Studie von Wirtschaftswissenschaftlern der Universität Zürich zufolge haben neutrale Zigarettenschachteln bei Teenagern zwischen 14 und 17 Jahren übrigens keinen Effekt auf den Konsum. So heißt es:
„Da wir beim Messen der Inferenz recht großzügig vorgegangen sind, ist unsere Analyse – wenn überhaupt – eher in die Richtung verzerrt, dass wir einen statistisch signifikanten (negativen) Zusammenhang zwischen ‚plain packaging‘ und der Verbreitung des Rauchens bei Australiern zwischen 14 und 17 Jahren gefunden hätten. Nichtsdestominder haben wir keinen Beleg für so einen Zusammenhang ermittelt. Wären wir bei der Inferenzmessung strikter vorgegangen, wäre das Ergebnis vermutlich sogar noch deutlicher ausgefallen.“

„Nach dem Ende des Einflusses von Religion auf den Staat ist die Bevormundung nun in Form des Nanny-Staats zurück.“

Wenn es also um die Erwachsenen geht, so erleben wir alle, dass man heutzutage von Werbung geradezu bombardiert wird. Dadurch entwickelt man auf lange Sicht eine gewisse Immunität. Das zeigt sich darin, dass Werbeagenturen immer kreativer werden müssen, um unsere abstumpfte Aufmerksamkeit überhaupt noch zu erhalten. Von morgens bis abends wird uns im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung, an der Bushaltestelle usw. erklärt, warum wir dieses oder jenes Produkt kaufen sollten.

Aber französische Politiker nehmen offenbar an, dass es bei Tabakwaren schon ausreicht, das Produkt hinter der Theke farbig zu platzieren, um Erfolg zu haben. Da würde sich Coca-Cola sicher freuen und könnte alle übrigen Marketing-Anstrengungen einstellen.

Es ist ein Zeichen von Arroganz, Menschen ein Verhalten vorzuschreiben: was man essen, trinken oder wie man sein Geld ausgeben soll. Nach dem Ende des Einflusses von Religion auf den Staat [in Frankreich] ist nun die Bevormundung in der Form des Nanny-Staats zurück. Und dieser bevormundet uns mehr denn je.

„Die neutrale Zigarettenschachtel beflügelt den Schwarzmarkt.“

Einem Unternehmen die Vermarktungsstrategie vorzuschreiben geht gegen die Geschäftsfreiheit. Insbesondere auch deshalb, da die Verpackung in den meisten Ländern die einzige Marketingtechnik ist, die bei Tabak noch verwendet werden darf. Man muss sich klar vor Augen führen, dass in Frankreich über 75 Prozent jeder verkauften Tabakwaren-Einheit an den Staat gehen, jegliche Werbung verboten ist und der Konsum an Bushaltestellen, in Bars und in Nachtclubs untersagt ist. In Zukunft werden verschreibungspflichtige Medikamente weitaus mehr Freiheit beim Marketing haben als Tabak, und das, obwohl sie zu tausenden Toten im Jahr führen.

Man kann auch bereits erahnen, dass die neutrale Zigarettenschachtel den Schwarzmarkt beflügeln wird. Und in der Tat ist im Musterland Australien zwischen 2011 und 2013 eine Steigerung der Zigarettenfälschungen von insgesamt 60 Prozent festzustellen. Gleiche Situation in Großbritannien, wo Zigarettenfälscher sich besonders über die neue Regelung freuen. Diese gefälschten Produkte sind mit großen Risiken verbunden: „Eine unabhängige Laboranalyse im Auftrag der [britischen Zeitung] Sun ergab, dass die Zigaretten [eines Dealers] Insektenkot, Eier, Hautstücke, Milben, ein ‚unbekanntes organisches Material‘ und einen Stein enthielten.“

Die libertäre Organisation Students For Liberty stellt sich dem Konzept der neutralen Zigarettenschachtel mit der Kampagne „Genussfreiheit entgegen: Eine neutrale Schokoladenverpackung mit dem Warnhinweis „Schokolade schadet Ihrer Gesundheit“ wirft die legitime Frage auf, was denn wohl als nächstes drankommt. In Frankreich sieht man: Sobald der Staat einen Freifahrtschein erhält, sich in das Verhalten von Individuen einzumischen, lässt er sich immer mehr Einschränkungen einfallen. Bereits jetzt muss jede Art von Werbung für Getränke oder Nahrungsmittel einen zwei Sätze langen Warnhinweis beinhalten.

Der Mensch ist aber als Individuum eigenverantwortlich und frei, und als solches sollte man ihn ansehen – ganz im Sinne der Aufklärung. Und nun bitte ich um Entschuldigung – ich hab’ noch Schokolade übrig …