29.05.2012

Alter Moralismus in neuer Verpackung

Analyse von Christopher Snowdon

Die aktuelle Kampagne für Einheitsverpackungen für Zigaretten in Großbritannien wird mit hässlichem prohibitionistischen Eifer betrieben. Dabei geht es letztlich nur um substanzlose Symbolpolitik.Über die fortschreitende Regulierung und Denormalisierung des Tabakkonsums

Über Einheitsverpackungen für Zigaretten gibt es wenig zu sagen, was nicht auch schon Sir Humphrey in der berühmten britischen Polit-Sitcom der 80iger-Jahre Yes, Prime Minister geäußert hatte: „Etwas muss getan werden. Und das hier ist etwas. Also muss es getan werden.“ Und so läuft Jahr für Jahr wieder die PR-Maschine der führenden britischen Antiraucher-Lobbyorganisation Action on Smoking and Health (ASH) [1] an und drängt die Politik, aufgrund der „überwältigenden Beweislage“ endlich „mutige Schritte“ zu unternehmen. Jedes Jahr werden die Maßnahmen surrealer. Bildliche Warnhinweise haben nichts gebracht? Dann gehören die Zigaretten eben hinter Rollläden versteckt. Rollläden funktionieren nicht? Dann gehören bunte Verpackungen verboten. Was sie nächstes Jahr fordern werden, können wir nur raten, doch wenn man sich an Australien orientiert, könnte die Forderung nach einem Lizenzzwang für Raucher dabei sein.

Eine naheliegende Frage wird in diesem Zusammenhang allerdings nicht gestellt: Funktioniert denn diese Strategie der Über-Regulierung und „Denormalisierung“ überhaupt? Manche würden diese Frage mit einem schallenden „Ja“ beantworten. Im Jahre 2006 erstellte die Antiraucherbewegung eine Tabakbekämpfungs-Wertungsliste, eine Hitparade, in welcher Großbritannien und Irland dank kompromissloser Rauchverbote, turmhoher Tabaksteuern und Auslageverboten im Einzelhandel standardmäßig Spitzenplätze eingenommen haben. Die Einheitsverpackung soll es Großbritannien nun ermöglichen, diesen Spitzenplatz auch künftig zu verteidigen.

Also alles in Butter? Nicht ganz. Nachdem die britische Raucherquote jahrelang stetig gefallen war, hat sie sich seit 2007 stabilisiert, derweil die irischen Zigarettenpreise, deren Höhe einem die Tränen in die Augen treibt, die Grüne Insel zum Zentrum des westeuropäischen Tabak-Schwarzmarktes haben werden lassen. Wenn es das Ziel der Tabakbekämpfung ist, Raucher zu stigmatisieren und die Tabakindustrie zu ärgern, dann sind die beiden Länder Spitze; geht es allerdings um die Verbesserung der allgemeinen Gesundheit, dann sollte man sich vielleicht ein Land zum Vorbild nehmen, das auf der Wertungsliste einen mittelmäßigen neunten Platz einnimmt: Schweden.

Laut jüngsten EU-Statistiken beträgt die Raucherquote in Schweden lediglich 16 Prozent – gegenüber 28 Prozent in Großbritannien und 23 Prozent in Irland. (Die Zahlen der unterschiedlichen Datenerhebungen variieren erheblich, Schweden hat aber stets die geringsten Raten in Europa). Wenig überraschend weist Schweden dann auch die geringste Lungenkrebsrate der EU auf. Warum also läuft es auf besagter Tabakbekämpfungs-Wertungsliste also nur so sang- und klanglos unter „Ferner liefen“? Weil es Minuspunkte dafür erhält, dass es Ausnahmen vom Rauchverbot zulässt, Werbung für rauchlosen Tabak erlaubt und erschwinglichere Zigaretten hat als Großbritannien und Irland. Darüber hinaus finanziert die schwedische Regierung keine Nikotin-Ersatztherapie und versieht Zigarettenschachteln nicht mit Tumorbildern.

Aber warum nur hat Schweden, wenn es in so vielen Bereichen versagt, die niedrigste Raucherquote in Europa? Erstens: Weil die Kriterien, die die Antiraucherbewegung ihrer Wertungsliste zugrundelegt, nicht an der Wirksamkeit orientiert sind, sondern lediglich die Obsessionen ihres Führungspersonals widerspiegeln, etwa den Glauben, dass Rauchverbote zu Massenabstinenz führen, und dass massive, schaurige Warnungen dort Erfolg haben, wo einfache, faktenorientierte Warnhinweise scheitern. Den Tatsachen hält allerdings keiner dieser Glaubenssätze stand, und es gibt – ganz entscheidend – keine Korrelation zwischen hohen Tabakbekämpfungs-Punktzahlen und niedrigen Raucherquoten. Mit anderen Worten: Zur Verringerung der Raucherquote – dem einzigen Ergebnis, das zählt – taugt das orthodoxe Modell der Tabakbekämpfung einfach nicht.

Ein faktenorientierter Ansatz würde den Fokus auf die Methoden derjenigen Länder richten, die die geringsten Raucherquoten haben, und ihre Politik in ein Best-Practice-Modell miteinbeziehen. Beim Tabak funktioniert, wie bei den Drogen, die Risikominimierung besser als die Prohibition, aber die Risikominimierung ist eben das uralte Feindbild aller Eiferer und Moralunternehmer, weil sie die klaren Gewissheiten des Kampfes Gut gegen Böse, den sie zu führen wähnen, aushebelt. Der schwedische Ansatz ist im Wesentlichen der einer Risikominimierung. Der Schlüssel zur schwedischen Raucherpolitik liegt in der Ausstiegsklausel aus dem EU-Verbot von Oraltabak (Snus), die sich Schweden beim EU-Beitritt im Jahre 1995 vorbehalten hatte.

Die in Skandinavien traditionellen rauchfreien Tabakprodukte waren von der EU drei Jahre zuvor verboten worden, da Antirauchergruppen sie für krebserregend hielten. Sie sind es nicht, und die Europäische Kommission hat mittlerweile akzeptiert, dass diese Annahme einer wissenschaftlichen Grundlage entbehrt, das Verbot besteht aber weiter. Der Pro-Kopf-Tabakverbrauch liegt in Schweden nach Gewicht ungefähr genauso hoch wie in jedem anderen europäischen Land, allerdings wird das meiste davon in Form von Snus (Oraltabak) konsumiert. Durch diese Marktverschiebung hin zu einem Produkt, welches 99 Prozent ungefährlicher ist als Zigaretten, sind die schwedischen Raucher- und Krebs-Quoten drastisch gefallen. Einer im März in der Fachzeitschrift Nicotine & Tobacco Research veröffentlichten Studie zufolge haben 32 Prozent der norwegischen Ex-Raucher Snus benutzt, um sich das Rauchen abzugewöhnen, während nur 14 Prozent dazu die Ersatznikotintherapie verwendet haben. (Als Bürger eines Nicht-EU-Staats können Norweger Snus legal erwerben.) Eine 2004 im European Journal of Epidemiology publizierte Untersuchung ergab, dass eine Ausweitung des schwedischen Modells auf die gesamte EU 200.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr verhindern könnte.

Ungewollte Handlungsfolgen können eigentlich nicht viel verheerender sein. Im Namen der Volksgesundheit wurde ein praktisch harmloses Nikotinprodukt verboten, so dass den Rauchern nur noch die Entscheidung zwischen Aufhören und Sterben bleibt. Zahlreiche Experten aus dem Bereich der Volksgesundheit haben den Sinn dieses Verbots in Frage gestellt, u.a. das Royal College of Physicians und der ehemalige ASH-Geschäftsführer Clive Bates, doch scheinen sich die Neo-Prohibitionisten durchgesetzt zu haben. Wie ich schon zuvor auf Spiked geschrieben habe, wollen einige gar ein Verbot elektronischer Zigaretten durchsetzen, mit der Begründung, diese seien suchterzeugend (wie auch Nikotinpflaster, Methadon usw.). Die Nutzung minder gefährlicher Ersatzstoffe für Suchtdrogen ist zentraler Bestandteil des Risikominimierungsansatzes.

Indem sie hunderttausende Pfund zur Förderung inhaltsloser Symbolpolitik wie der Einheitsverpackung ausgibt, hat sich die gegenwärtige britische Regierung in die Gilde der Neo-Prohibitionisten eingereiht und damit denselben Glauben an Über-Regulierung zum Ausdruck gebracht wie ihre Vorgängerregierung. Würde sie diese Ressourcen zur Unterstützung der Initiative der schwedischen Regierung für eine Aufhebung des Snus-Verbots in der EU verwenden, käme sie dem vorgeblichen Ziel einer Verbesserung der Volksgesundheit tatsächlich näher. Dies würde allerdings das stillschweigende Eingeständnis voraussetzen, dass Verbote nicht immer wünschenswert, manchmal gar kontraproduktiv sind – eine Vorstellung, die der britischen Politik des 21. Jahrhunderts fremder nicht sein könnte.