12.01.2026

Berlins Stromausfall: Wenn der Staat versagt

Von Sabine Beppler-Spahl

Titelbild

Foto: Sebastian Vandrey via Flickr (CC BY 2.0 / bearbeitet)

Durch den Blackout wissen wir Berliner nun, wie eine Welt ohne fossile Brennstoffe aussieht. Der Berliner Senat zeigt sich sowohl mit Katastrophenmanagement als auch mit Linksextremismus überfordert.

Der schreckliche vier­tägige Stromausfall, der über 45.000 Haushalte im Südwesten der Stadt in Dunkelheit stürzte, ist endlich vorbei. Vier Nächte ohne Licht und Heizung – in Wohnungen, Geschäften, Pflegeeinrichtungen, zeitweise sogar in einem Krankenhaus. Der Blackout traf Berlin mitten in einer Kältewelle mit Temperaturen bis minus sechs Grad.

Wenige Ereignisse verdeutlichen so drastisch, was auf dem Spiel steht, wenn die Zivilisation ins Wanken gerät – eine Zivilisation, die nach wie vor auf fossile Brennstoffe gebaut ist. Wie Thomas Hobbes in „Leviathan“ (1651) über das „Leben in der Natur” schrieb:

In einer solchen Lage […] gibt es keinen Ackerbau, keine Schifffahrt, keine bequemen Wohnungen, keine Werkzeuge höherer Art, keine Erkenntnis der Erdoberfläche, keine Zeitrechnung, keine Künste, keine Literatur, keine Gesellschaft […] und das menschliche Leben ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz.

Der Ausfall, verursacht durch einen gezielten Angriff auf Kabelverbindungen zu einem Gaskraftwerk, war ein Vorgeschmack auf jene „fossilfreie“ Zukunft, von der große Teile unserer politischen Eliten träumen.

Auch wenn Strom und Heizung inzwischen zurück sind, die politischen Folgen sind noch längst nicht verarbeitet.  Der Anschlag wurde einer linksradikalen Gruppe zugeschrieben, die sich in einem offenen Bekennerschreiben dazu äußerte. Der Ton des Schreibens ist erschreckend vertraut:

Wir können uns die Reichen nicht mehr leisten. […] Wir können den Raubbau an der Erde stoppen. In der Gier nach Energie wird die Erde ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt, geschunden, niedergebrannt […]. Ganze Regionen werden unter der Hitze unbewohnbar gemacht. […] Oder Lebensräume verschwinden unter den Fluten bei Überschwemmungen oder aufgrund des steigenden Meeresspiegels…

Wir kennen ihn von der Rhetorik des „Hungers nach fossilen Energien“ (Habeck) bis hin zu „Wir legen uns mit den Reichen an“ (Die Linke). Wir finden ihn in Regierungserklärungen und Talkshows oder auch bei Fridays for Future wieder. Nun ist er in kriminelle Tat übergegangen.

„Das Versprechen, Berlin in wenigen Jahren CO₂-neutral zu machen, zerfällt angesichts dieser Realität.“

Und das Ergebnis ist eindeutig: Eine Stadt, die ihre Energieversorgung auf „Erneuerbare“ umbaut, bricht zusammen, sobald die Verbindung zu verlässlicher Stromproduktion gekappt wird. Das Versprechen, Berlin in wenigen Jahren CO₂-neutral zu machen, zerfällt angesichts dieser Realität.

Noch schwerer wiegt, was der Blackout über die Funktionsfähigkeit des Staates offenbart. Nur vier Monate zuvor hatten bereits 50.000 Berliner Haushalte wegen eines ähnlichen Anschlags 60 Stunden ohne Strom ausgeharrt – der schlimmste Ausfall seit dem Zweiten Weltkrieg. Auch damals brachen Mobilfunknetze und Notrufe zusammen. Wie konnte das wieder passieren? Warum wurden die Täter nicht gefasst? Fand überhaupt eine ernsthafte Suche nach ihnen statt?

Die mutmaßliche „Vulkangruppe“ operiert seit über einem Jahrzehnt, verübte Brandanschläge auf Bahnstrecken, sabotierte Strom- und Funkmasten und legte zeitweise das Tesla-Werk in Brandenburg lahm. Doch die Behörden verfolgen diese Fälle auffällig halbherzig – im Gegensatz zu ihrem Eifer bei Razzien gegen Rechtsextreme (viele erinnern sich noch an die großangelegten und mit viel Medienpräsenz durchgeführten Razzien gegen Reichsbürger, denen ebenfalls vorgeworfen wird, Anschläge auf kritische Infrastruktur geplant zu haben).

Während der Verfassungsschutz weiter behauptet, die größte Gefahr komme von rechts, breitete sich linksextreme Infrastrukturgewalt nahezu unbehelligt aus. Der Eindruck drängt sich auf: Der Staat ist politisch nicht neutral. In Zeiten des Rechtspopulismus gilt linke Gewalt als nicht so schlimm – vor allem, wenn sie sich einer Klima- und Antikapitalismusrhetorik bedient. 

Der Stromausfall offenbarte auch die Ohnmacht unseres aufgeblähten Sozialstaates – die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die zum Jahresbeginn veröffentlich wurden, zeigen, dass seit 2019 zwar Hunderttausende Arbeitsplätze in der Industrie verloren gegangen sind, der staatliche Sektor jedoch um fast den gleichen Betrag gewachsen ist). Trotz der vielen Sozialarbeiter, Therapeuten und Pädagogen wirkte der „fürsorgliche Staat” wie gelähmt.

„Schulen und Kindergärten blieben geschlossen – die Standardlösung seit Corona.“

Als bekannt wurde, dass die Haushalte erst Tage später wieder Strom erhalten würden, machte sich Verzweiflung breit. Die Bild-Zeitung stellte fest, dass sogar die vom Krieg zerrüttete Ukraine beschädigte Stromnetze innerhalb von 24 Stunden repariere. Anwohnern wurde geraten, in Hotels zu ziehen. Die Angst vor Einbrüchen und Plünderungen nahm zu. Nur die wenigen alten Gaslaternen flackerten noch in der Nacht. Einige Haushalte konnten sich mit Dieselgeneratoren warmhalten, aber die meisten waren der Kälte hilflos ausgeliefert. Wer in die betroffenen Straßen, nach Einbruch der Dunkelheit ging, hatte das Gefühl, einen Bannkreis – wie in einem Science-Fiction- oder Horrorfilm – zu betreten. Schulen und Kindergärten blieben geschlossen – die Standardlösung seit Corona.

Auf die Frage, was für ältere oder schutzbedürftige Menschen getan werde, die möglicherweise allein und hilflos in kalten Wohnungen festsitzenm, antwortete die Gesundheitssenatorin, sie habe keine Liste dieser Menschen und wisse daher nicht, wo sie seien. Zum Glück halfen Nachbarn und Familien in den meisten Fällen, wo die Verwaltung versagte. (Zu spät allerdings offenbar für eine 83-jährige Frau, die tot in ihrer Wohnung gefunden wurde).

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) wurde zum Blitzableiter des Volkszorns. Während Teile der Stadt im Chaos versanken, blieb er stundenlang abgetaucht – angeblich in „wichtigen Telefonaten“. Später kam heraus: Er spielte Tennis.

Ein Report der Welt zeigt aufgebrachte Bürger, die sich darüber beschweren, dass ein pflegebedürftiger Mann im Rollstuhl in einer Notunterkunft schlafen musste. Es verbreitete sich viral. Ein weiteres Video, bei dem sich der Regierende über eine fast 100-jährige Frau beugt, die in Decken gewickelt auf einer Pritsche in einer Notunterkunft liegt, löste ebenso Empörung aus. Julian Reichelt von Nius merkte an, dass der Staat jungen, gesunden Männern aus Syrien und Afghanistan Hotelzimmer besorgt hätte, während pflegebedürftige Berliner unter schlechtesten Bedingungen ausharren mussten.

„Der linke Terrorismus sei nach Deutschland zurückgekehrt, sagte Wegner – als wenn er je fort gewesen wäre.“

Seit Jahren kümmerten sich die Behörden mehr um Gendern und die Breite von Radwegen als um die Katastrophenvorsorge, lautete das Urteil des Katastrophenschützers Albrecht Broemme (ehemaliger Chef des THW auf Bundesebene und der Berliner Feuerwehr). Noch zu erwähnen wären die enormen Anstrengungen und Ressourcen, die der Kampf gegen rechts und gegen die sogenannte Hassrede verschlingen.

Dieser Blackout kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Bevölkerung der moralischen Dauererregung rund ums Klima ohnehin überdrüssig ist. Die Mehrheit war nie auf der Seite radikaler Aktivisten. Nun scheint ein Teil dieser Aktivisten ihre Ziele mit Terror durchsetzen zu wollen. Wegner kündigte „Härte“ gegen die Täter an und versprach, die Hotelkosten der Betroffenen zu übernehmen. Der linke Terrorismus sei nach Deutschland zurückgekehrt, sagte er – als wenn er je fort gewesen wäre.

Doch das Grundproblem bleibt. Die Stromausfälle sind kein isoliertes Phänomen, sondern ein Symptom. Für einen dysfunktionalen Staat, der sich im Nebensächlichen verliert, dessen politische Führung in Symbolpolitik versinkt und dessen Prioritäten gefährlich verschoben sind.

Die Angriffe richteten sich gegen ganz normale Bürger – aber sie waren zugleich ein Angriff auf das Rückgrat des westlichen Wohlstands und auf die Zivilisation selbst: auf Sicherheit, Verlässlichkeit und die Idee eines funktionierenden Gemeinwesens. Dass der Staat so schlecht gerüstet ist, diese Errungenschaften zu verteidigen, sollten wir Bürger nicht vergessen.

jetzt nicht

Novo ist kostenlos. Unsere Arbeit kostet jedoch nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Unterstützen Sie uns jetzt dauerhaft als Förderer oder mit einer Spende!