06.08.2012

Ba(h)r jeglicher Vernunft – Sinnloser Aktionismus gegen „dicke Kinder“

Analyse von Uwe Knop

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr erklärt dem Übergewicht bei Kindern öffentlichkeitswirksam den Kampf. Mit einer Aufklärungskampagne will er der „juvenilen Adipositas“ Herr werden. Wieso solcher politischer Aktionismus nichts bringt

Ende Juli, rechtzeitig zum Sommerloch war es mal wieder soweit: Die Politik sagt dem „Übergewicht bei Kindern den Kampf an“ - und zwar boulevardesk in persona Daniel Bahr, unserem FDP-Gesundheitsminister, der mit diesem Thema öffentlichkeitswirksam punkten möchte: „Wir kümmern uns um Eure Kinder.“, so lautet die Bahr’sche Botschaft. Seine Erklärung für den „Vorstoß gegen Fett“ liefert er auch gleich mit: Die Zahl übergewichtiger Kinder hätte in den letzten Jahren stark zugenommen und Schuld seien vor allem falsche Ernährung und zu wenig Sport [1].

Wie realitätsfern diese Vermutungen tatsächlich sind, zeigt ein Blick auf aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse: Erstens gibt es bislang „keine repräsentativen Daten zur Entwicklung des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland“, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) feststellt. Zweitens existiert keine einzige Studie, die beweist, dass „falsche Ernährung“ oder Bewegungsmangel für krankhaftes Übergewicht verantwortlich sind. Und drittens gelten nach dem Kinder- und Jugendsurvey (KiGGS) [2] des Berliner Robert Koch-Instituts (RKI) 75 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland rein statistisch betrachtet als „normalgewichtig“, das übrige Viertel entweder als „zu dick“ oder „zu dünn“ - das sind Daten, die zwar nur auf dem wissenschaftlich unbrauchbaren BMI basieren, aber dennoch eine humanbiologische Normalverteilung der „Kindergewichtsklassen“ zeigen. Selbst diese einzig verfügbaren, relevanten Daten geben also weder Anlass zur Polemik noch zur Panik in Sachen „Übergewicht bei Kindern“. Was also will Bahr mit diesem politischen Alarmismus erreichen, der letztlich doch nur ernährungsapostolischen Aktivisten „pro gesunde Ernährung“ in die Karten spielt? Wahrscheinlich den Kindern helfen - aber bar jeglicher Vernunft nach vorne geprescht kann dieser Schuss schnell nach hinten losgehen …

Alle bisherigen Kampagnen zur „gesunden Ernährung“ oder zur „Prävention von Übergewicht“ haben eines gemeinsam: Sie bringen nichts, aber kosten viel. Es gibt bislang keine Nutzennachweise, dass öffentliche Kampagnen das Essverhalten geändert haben oder die Kinder und Jugendlichen dünner gemacht hätten. Auch die kleine Anfrage von Bündnis90/Die Grünen an die Bundesregierung, in der die Wirksamkeit des nationalen Aktionsplans „In Form“ zur Reduktion von Übergewicht bei Kindern in Frage gestellt wird [3], zeigt die aktuelle Ratlosigkeit - die Antwort von des Staatssekretärs beim Bundesernährungsministerium Gerd Müller (CSU) liest sich erwartungsgemäß wie ein politisches Phrasendresching auf Höchstniveau: „Wir sorgen für Transparenz und Information; wir schaffen Strukturen zur Förderung eines gesunden Lebensstils; hier wird gesundes Genießen leicht gemacht; es ist uns gelungen, einheitliche Botschaften zu formulieren.“ Das sagt zwar de facto nichts aus - aber was soll Müller auch sagen, wenn er allem Anschein nach mit leeren Händen da steht.

Die Nutzlosigkeit der Kampagnen ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite jedoch sollte mehr Beachtung finden: die Anti-Übergewichts-Propaganda kann zu einer gestörten Selbstwahrnehmung der jugendlichen Zielgruppe führen. Bereits 2008 hat das RKI gewarnt: Es sei „sorgsam zu überlegen, inwieweit die derzeit allgegenwärtigen Kampagnen gegen das Übergewicht den Anteil der Jugendlichen erhöht, der sich ohne Grund als zu dick erachtet. Dabei geht es um einen sehr großen Anteil normalgewichtiger Jungen und Mädchen, die sich für „zu dick“ oder „viel zu dick“ halten.“ Und dieser Teil wahrnehmungsgestörten Nachwuchses wächst: Das „gefühlte“ Übergewicht ist und bleibt der Jugend schwerstes Sorgenkind - und nicht die tatsächlichen Kilos. [4]

Kinderkampagnen - weniger ist mehr!

Diese Entwicklung ist besonders bedenklich, wenn man sieht, dass der Kinderkampagnen-Wildwuchs inzwischen unüberschaubare Ausmaße angenommen hat. Bereits im Februar 2011 erklärte Elisabeth Pott, Direktorin der BZgA: „Zahlreiche Institutionen und Berufsgruppen bieten in Deutschland Präventionsmaßnahmen an, um Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen vorzubeugen. Einheitliche Standards hierfür fehlten jedoch bislang.“ Das liegt laut BZgA auch daran, dass keine langfristigen Konzepte zur Vermeidung von Übergewicht bekannt sind. Auch aus der Forschungsliteratur geht hervor, dass die Übergewichts-Präventionsmaßnahmen bei Kindern bislang „trotz der hohen Kosten nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben.“, wie der Gesundheitsökonom Alexander Konnopka von der Uni-Klinik Hamburg Ende 2011 in einem Interview mit der F.A.Z. erklärte.

Am Rande erwähnt: Das Gleiche gilt übrigens auch für die Bemühungen, Kinder vor Alkoholmissbrauch zu schützen: „Die Wirksamkeit der massenmedialen Kampagnen ist nicht belegt“, gab das Deutsche Institut für medizinische Dokumentation und Information bereits Mitte 2011 bekannt und zog folgendes Fazit: „Gegenwärtig sind die Präventionsmaßnahmen zur Reduktion oder Minderung von riskantem Alkoholkonsum in Deutschland nicht ausreichend auf ihre nachhaltige Wirksamkeit hin evaluiert.“

Kampagnen für arme, dicke Ausländerkinder?

Das generelle Dilemma der „Kampagnenlandschaft Deutschland“ ist auch der BZgA bekannt: Deren Direktorin, Frau Pott, hatte bereits im Sommer 2010 gefordert, dass Programme zur Prävention und Gesundheitsförderung stärker auf ihre Wirksamkeit hin überprüft werden müssen – denn bis dato würden über 95 Prozent dieser Programme keinen Nutzennachweis liefern. Dieser Nutzen wird von der Kinderkommission des Deutschen Bundestags auch für die zahlreichen Kinderprogramme in Frage gestellt: Präventionsprogramme für Kinder seien oft ineffektiv und erreichten die Zielgruppen nicht, da sie fast ausschließlich mittelsstandsorientiert seien. Doch wer ist eigentlich die Zielgruppe?

Grundsätzlich sind es die „übergewichtigen“ Kinder mit Fokus auf der kleinen Kernzielgruppe der 6 Prozent adipösen Kinder. Nur ist diese Zielgruppe nicht gleichmäßig in deutschen Haushalten verteilt, sondern die „dicken Kinder“ kommen vorwiegend aus sozial schwachen Schichten und Familien mit Migrationshintergrund, also Einwandererfamilien – aber nicht aus der Mittelschicht. Das scheint die Kinderkampagneros bislang jedoch nicht sonderlich zu interessieren. „Durch die bisher praktizierten Maßnahmen erreichen wir zu wenig sozial Schwache“, erklärte auch Petra Lambeck von der „Plattform Ernährung und Bewegung“ (peb), der manche Experten eine zu enge Zusammenarbeit mit der Zuckerindustrie vorwerfen.

Der gleichen Meinung ist auch Christoph Klotter von der Hochschule Fulda. In der Apotheken-Umschau erklärt der Ernährungspsychologe: „Abnehmprogramme sprechen einfach nicht die Sprache der unteren Schichten und erreichen sie daher nicht.“ Vielleicht bringen Präventionskampagnen für „arme, dicke Ausländerkinder“ nicht genug Publicity und damit wenig Fördergelder, so dass stattdessen die gut situierten Mittelstandskinder öffentlichkeitswirksam mit Maßnahmen zwangserzogen werden, die sie nicht benötigen und deren langfristige Auswirkungen auf die kindliche Psyche und den heranwachsenden Körper niemand kennt.

„Diese Art der Prävention bringt es nicht.“

Zumindest die Deutsche Adipositas Gesellschaft warnte im September 2011 öffentlich: „Gutgemeinte Präventions- und Behandlungsprogramme der Adipositas bergen jedoch auch die Gefahr von gestörtem Essverhalten bis hin zu einer Essstörung wie der Bulimia nervosa, die insbesondere bei jungen Frauen nicht selten ist.“ [5] Wenn aus „gut gemeinter Prävention“ die real gelebte Behandlung fettleibiger Kinder und Jugendlicher wird, dann sehen die Erfolgsquoten sehr düster aus: Lediglich bei drei Prozent aller Kinder sind die Maßnahmen dauerhaft erfolgreich – das ergab die Auswertung diverser Adipositasprogramme, die Ende 2011 auf dem Kongress des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte vorgestellt wurde. Ein konkretes Beispiel ist die „Kieler Adipositas Präventionsstudie“ [6] unter Leitung von Ernährungsmediziner Manfred Müller – sein Fazit im Stern Stern lautet nach 15 Jahren und 18.000 Studienteilnehmern: „Diese Art der Prävention bringt es nicht.“

Eltern, lasst Eure Kinder zu Hause - Grundschule macht dick!

Vielleicht aber bringt es eine andere Art der „Prävention juveniler Adipositas“, die auch bei den Kindern (endlich) auf große Zustimmung trifft: Keine Schule! Denn gerade erst hat die Universität Mainz herausgefunden, dass die Einschulung ein „Dickmacher“ ist. [7] Das ist natürlich Unsinn, denn die Gründe für den Kilozuwachs nach der Einschulung sind genauso multikausal wie unklar: Ernährung, Bewegung, Schlaf, Gene, Stress, Hausaufgaben-Kompensations-Essen… - keiner weiß es. Vielleicht hängt es gar mit den Vorsorgeuntersuchungen beim Zahnarzt zusammen - denn ab dem 6. Lebensjahr können Kinder zweimal jährlich zur Prophylaxe. Und das nutzen laut Techniker Krankenkasse 85 Prozent der sechsjährigen Schulanfänger. Also korrelieren Einschulung, Gewichtszuwachs und Zahnarzt-Vorsorgeuntersuchungen - aber das lässt natürlich keine Aussage über einen ursächlichen Zusammenhang zu. Jedoch genauso plump, einfältig und dumm wie der „Keine Schule“-Vorschlag sind alle anderen Ideen zur Reduktion der Kilos bei Kindern. Denn das Schema dahinter ist stets das gleiche: Statistische Zusammenhänge werden zu Kausalitäten gemacht, um dann lauthals Maßnahmen zu fordern: Weniger TV, weniger Fast Food, mehr Bewegung! Wobei es im Bereich der Fettleibigkeit bei Kindern noch nicht einmal Korrelationen zu Bewegung und Ernährung gibt - von Kausalitäten demnach ganz zu schweigen!

In Anbetracht der Tatsache, dass die Wissenschaft keine allgemeingültigen Antworten für die Lösung des „Problems juveniler Adipositas“ geben kann, bleibt folgendes Fazit: Wer krankhaft (!) dicken Kindern helfen möchte, der muss die Individualanalyse fördern. Nur die intensive Beschäftigung mit dem betroffenen Kind kann helfen. Aber sicher keine Kampagnen, die ba(h)r jeglicher Vernunft auf Politiker-Fantasien basieren, dass „falsche Ernährung und zu wenig Sport“ unseren Nachwuchs dick macht.