18.11.2021

Aus den Schützengräben des Viruskriegs

Von Christoph Lövenich

Der Fernsehfilm „Die Welt steht still“, den das ZDF diese Woche ausgestrahlt hat, verbreitet in plakativer Form das vorherrschende Corona-Narrativ.

„Die Welt steht still“ – ein schöner Tag? Nein, nicht mal einen schönen Abend bietet „Die Welt steht still“, der am Montag im ZDF ausgestrahlte Corona-Fernsehfilm. Zur Prime Time sendete das Staatsfernsehen seine Sicht auf die frühen Monate der Corona-Transformation von Silvester 2019 bis in den April 2020 hinein. Als Hauptfigur in diesem fiktiven Drama agiert Krankenhausärztin Mellau, dargestellt von Natalia Wörner, der längeren Hälfte des (Noch-) Bundesaußenministers Heiko Maas.

Die schwäbische Lehrertochter tat unlängst kund: „Müsste ich einen Film drehen mit jemandem, der sich nicht impfen lassen möchte, würde ich das nicht tun.“ In „Die Welt steht still“ spielt sie eine autoritäre Spießerin, die Leute angiftet, die sich nicht an Corona-Vorschriften halten – selbst die eigene Tochter, weil sie ihren Freund küsst –, verstößt aber selbst schon mal gegen Regularien, wo es ihr beliebt. Ähnlichkeiten mit realen Personen nicht ausgeschlossen.

Die Figur Mellau wird als Intensivmedizinerin in Konstanz wie ihre Berufssparte und letztlich die ganze Gesellschaft von der sich langsam aufbauenden Corona-Panik ergriffen. Ihren Plan, beruflich kürzer zu treten, will ihr Chef ihr ausreden, zumindest für ein paar Wochen oder bis zum Ende der ersten Welle oder am besten ganz. In genau solchen Schritten sind uns ja seither die Freiheiten entrissen worden…

Der Film schildert zumindest an der Oberfläche, wie Mellaus Gatte und Kinder oder Dritte negativ vom Corona-Diktat betroffen sind. In einer Phase vor der allgemeinen Maskenpflicht, die erst Ende April 2020 über uns hereinbrach. Vor allem aber geht es dem Werk darum, das herrschende Corona-Narrativ in ein semi-fiktionales Ambiente zu kleiden. Triage, asymptomatische Ansteckung usw. Mellau tut kund, dass „die Einschränkungen das Schlimmste verhindern“ (siehe dazu hier), Deutschland besser mit dem Virus umgehe als die USA unter Trump, Großbritannien oder Russland und es im Gesundheitssystem nun nicht mehr um Gewinne gehe. Zu Letzterem: „Von März 2020 bis August 2021 verteilte die Bundesregierung deutschlandweit 10,2 Milliarden Euro als Prämien für Betten, die frei gehalten wurden. Zusätzlich gab es 50.000 Euro für jedes neue Intensiv-Bett.

„Die NZZ, die den Film verreißt, kritisiert den ‚erzieherischen Duktus‘.“

Dem Tagesspiegel zufolge, der ebenso die offizielle Linie verficht wie der Staatsrundfunk, sei „dem Buch von Grimme-Preisträgerin Dorothee Schön (‚Charité‘) nachzusehen, dass es seine Botschaften und Bilder manchmal überdeutlich formuliert.“ Die NZZ hingegen, die den Film verreißt, kritisiert den „erzieherischen Duktus“ und vermutet zutreffend, „dass die vielen Vorträge vor allem an das Fernsehpublikum gerichtet sind“. Besonders holzschnittartig und primitiv wird es beim ‚Gegenspieler‘ der Ärztin, dem Optiker Schwarz. Dieser wird uns als Verschwörungstheoretiker präsentiert, der Grundrechtseinschränkungen und Pharmalobby kritisiert. Natürlich muss er von Covid-19 als israelischer Biowaffe fabulieren, damit man ihn als potentiell antisemitisch framen kann – so wie man ja überhaupt den Antisemitismus-Vorwurf inzwischen als pauschale Unterstellung gegenüber beliebigen Andersdenkenden (von Querdenkern bis Hans-Georg Maaßen) missbraucht, auch, um von vom realen Antisemitismus abzulenken.

Verschwörungstheoretiker und Helden

Figur Schwarz wendet sich gegen „Gesundheitsfaschismus“ und prognostiziert: „Ich bin sicher, die machen jetzt das ganz große Geschäft mit dem Impfstoff und wir werden zwangsgeimpft“. Mellau meint dazu, ein etwaiger Covid-Impfstoff würde weggehen wie warme Semmeln, „ganz ohne Impfzwang“. Tja, da holt die Realität das noch vor dem Impfexperiment verfasste Drehbuch ein. Autorin Schön wünschte sich kürzlich in einem Interview, „dass man sich als Teil der Gesellschaft fühlt und sich deshalb impfen lässt“. Tolle Gesellschaft. „In der Krise suchen die Intelligenten nach Lösungen und Idioten nach Schuldigen“, lässt sie Mellau sagen. Auch diese Aussage ist angesichts der aktuellen Hexenjagd auf Ungeimpfte nicht gut gealtert. Schwarz Erwiderung, „ja, die unbelehrbaren Trottel sind immer die anderen“, hat mehr Niveau als Mellaus Entgegnung auf die ‚Verschwörungstheorien‘: „Warum sollte Bill Gates sowas machen?“  Mellau ergänzt: Hätte man mal auf Gates gehört, dann wäre es zu Beginn der Corona-Transformation in den Krankenhäusern zu keinem Mangel an Schutzkleidung gekommen.

Diesbezüglich zeigt der Film die Situation durchaus eindrücklich: Corona-Fälle werden in den Kliniken wie Aussätzige behandelt: Schutzanzüge, Isolation, mit Planen abgehängte Quarantänezimmer. Kein Wunder, dass das – zuweilen auch von Quarantäneanordnungen betroffene – Personal in dieser Zeit unter zusätzlicher Belastung leidet.

„Oft bleiben Geld- und Statusgier vieler Ärzte, ihre lukrative Nähe zur Pharmaindustrie, ihr Paternalismus und ihre Arroganz außer Betracht, obwohl die ihre Rolle in der Coronapolitik und -berichterstattung miterklären.“

Allerdings wird nicht nur Mellau „von der Regie zur Heldin stilisiert“, sondern das ganze medizinische Personal wird als tapfer, aufopferungsvoll und patientennah inszeniert. Ein einseitiges Bild, das sonst z.B. Krankenhausserien eigen ist und die stark verzerrte Wahrnehmung von Ärzten als ‚Halbgöttern in weiß‘ befeuert. Kritiker Schwarz muss im Film sterben, weil er die Intubation verweigert. Dass sich in der Realität massenhaft unnötig totbeatmete Menschen in den Corona-Sterbezahlen finden, passt natürlich nichts ins Narrativ. Arzt und Achgut-Autor Gunter Frank beklagt dabei, „dass Intensivmediziner die frühe invasive Beatmung ganz offen damit begründeten, und es teilweise immer noch tun, dass man sich selbst und das Krankenhauspersonal vor Ansteckung schützen möchte. Wird man etwa Arzt, um aus Eigenschutz, seine Patienten zu gefährden?“ Soviel zum Thema Aufopferung.

Frank weist außerdem auf „die attraktiven Abrechnungsmöglichkeiten einer intensivmedizinischen Behandlung, insbesondere der Beatmung als Motivationstreiber“ hin. Selbstlose Hingabe der am höchsten verdienenden Berufsgruppe in Deutschland. Ganz generell bleiben oft Geld- und Statusgier vieler Ärzte, ihre lukrative Nähe zur Pharmaindustrie, ihr Paternalismus und ihre Arroganz außer Betracht, obwohl die ihre Rolle in der Coronapolitik und -berichterstattung miterklären.

Das Mediziner-Zerrbild der Mainstream-Medien hat seinen Anteil am Sanitarismus bzw. der Gesundheitsreligion. Zum noch nicht so gebräuchlichen, aber topaktuellen Begriff des Sanitarismus findet sich Näheres bei Günter Ropohl, auch zum Impfzwang. Was die Gesundheitsreligion angeht, hat z.B. der niederländische Publizist und 2002 ermordete Populist Pim Fortuyn vor Jahrzehnten schon gespottet, dass die „die Wartezimmer der Ärzte die neuen Kirchenschiffe und die Arbeiter im Gesundheitssystem die zeitgenössischen Priester und Priesterinnen“1 seien.

Krieger in Kitteln

„Die Welt steht still“ zeigt aber noch eine zusätzliche Qualität, die der Sanitarismus in der Corona-Transformation angenommen hat. Ganz explizit in der Aufforderung eines französischen Arztes, dargestellt von Nikolai Kinski: „Bereitet euch auf einen Krieg vor!“, anspielend auf Macrons Kriegsrhetorik. Vorher hatte die Figur noch Verlustmeldungen abgegeben: tote Ärzte und Pfleger auf der Intensivstation. (Dass weniger als 0,1 Prozent der Corona-infizierten medizinischen Fachkräfte – daran oder damit? – gestorben sein sollen, steht im Abspann des Films.) Das klang wie ein Frontbericht: Gefallene, Verwundete. Überhaupt, nicht nur in diesem TV-Film, wird seit 2020 der Eindruck erweckt, dass das Gesundheitssystem von lauter Helden bevölkert wird, deren Schützengräben die Krankenhausflure, deren Schlachtfelder die Intensivstationen sind, und die Tag um Tag für uns ihr Leben riskieren, im gerechten Kampf gegen ein Virus.

„Der Sanitarismus ist der Militarismus der Postmoderne.“

Das soll keineswegs die Leistung derer schmälern, die unter den gegebenen, schwierigen Umständen ihr Bestes für die Patienten geben. Undank ist jedoch der Welten Lohn: Manche von ihnen werden heute nicht mehr verehrt, sondern verunglimpft. Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo, ein geübter Verdreher, behauptet, dass „nachweislich viele Tote auf das Konto von Pflegekräften gehen, die sich aus Bockigkeit nicht impfen lassen wollten“. Dabei können auch geimpfte Pflegekräfte infektiös sein. Aber es sind die ungeimpften, die jetzt womöglich vor dem Rausschmiss stehen. Mehr Gesundheit durch Pflegenotstand?

Deutschland soll statt Panzer Schutzkleidung finanzieren, heißt es im Film. Der Arztkittel wird zur Offiziersuniform, die Gesundheitswirtschaft zur Kriegswirtschaft, der sich alles andere unterzuordnen hat. Für die Corona-Toten werden Gedenkstätten errichtet (z.B. in Rendsburg und Bonn), ihnen wurde in Washington/D.C. durch eine Kunstinstallation gedacht, die an amerikanische Soldatenfriedhöfe erinnert, es gab in Berlin eine hochoffizielle Gedenkfeier mit den „Hinterbliebenen“. Noch vor hundert Jahren hat man Kriegerdenkmale für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet, nicht etwa für die ebenfalls sehr zahlreichen Toten der Spanischen Grippe. Nach dem Zweiten Weltkrieg ähnlich; man wäre nicht auf die Idee gekommen, die Weltkriegsdenkmale durch ein Andenken an die Verstorbenen der Asiatischen oder der Hongkong-Grippe zu ergänzen. Anders heute. Der Sanitarismus ist der Militarismus der Postmoderne.

Das macht „Die Welt steht still“ (der Titel ist irreführend, sie veränderte sich vielmehr besonders dynamisch in der Errichtung einer „Neuen Normalität“) letztlich zu einem Kriegsfilm. Einem, der nur die Verlierer zeigt, selbst die Protagonistin ringt am Ende mit dem Tod. Aber zu keinem guten. In diesem eher schlichten Propagandawerk waren unsere Zwangsgebühren gewohnt schlecht angelegt.