24.06.2016

Auf zum 2. Saarländischen Kindertätowieren!

Kommentar von Kolja Zydatiss

Titelbild

Foto: Donato Accogli via Flickr (CC BY 2.0 / bearbeitet)

Tausende Facebooknutzer melden sich bei skurrilen Witzveranstaltungen an. Sie trotzen damit dem zunehmenden Kult um politische und kulturelle Korrektheit.

„Ich habe mir […] einen Spaß erlaubt. Dieser Spaß ist dann etwas eskaliert“, sagt „Freddy“, Initiator der Facebook-Seite „Die nicht so schmierige Veranstaltungsfirma“, die am 1. Juni dieses Jahres online ging und zum Erscheinungszeitpunkt dieses Artikels über 27.000 Likes vorweisen konnte. Rund 50 Witzveranstaltungen wurden dort bislang erstellt, sie ziehen tausende „Anmeldungen“ und Kommentare der Netzgemeinschaft an. Erste Nachahmerseiten gibt es auch schon. Den Effekt kann sich „Freddy“, nach eigenen Angaben 21-jähriger Student aus Würzburg, selbst nicht so richtig erklären. „Warum das plötzlich so ein riesiges Ding geworden ist, weiß ich auch nicht“, schrieb er dem ZDF. „Anscheinend gefällt den Leuten der Humor und vor allem die bildliche Vorstellung der Events.“

Der Humor ist mal harmlos („Freunde verlieren mit Pokémonkarten“), mal pubertär („Meditatives Sacksniffen mit Jogi Löw“). Auffällig ist jedoch vor allem, dass viele der Pseudoevents Bezug auf säkulare Glaubenssätze und Tabuthemen nehmen und diese gekonnt auf die Schippe nehmen.

Wohl um kein anderes Thema kreist derzeit so viel Besorgnis, werden so viele Moralpaniken gesponnen, wie um das Kindeswohl. Das scheint zu bitterbösem Humor zu verleiten. Wie sonst soll man sich die über 30.000 Anmeldungen und Interessenten für „Artgerechtes Verfüttern von Kleinkindern“ erklären? Auf den Punkt bringt es „Ines“, die wie 12.000 andere Facebooknutzer ihr Interesse am „2. Saarländischen Kindertätowieren und -piercen“ bekundet hat. Für sie ist die Witzveranstaltung ein „schöner Gegenpol zu den ständig besorgten, sehr viele Dinge extrem ernst nehmenden Mütter, die man sonst in vielen Gruppen auf Facebook findet“.

„Veganer erkennen und abschieben – Informationsabend“

Ein weiterer gesellschaftlicher Kult entfaltet sich um Tiere. Sie werden den konsum-, macht- und technikbesessenen Menschen gegenübergestellt und zum Inbegriff des Reinen und Edlen stilisiert. Die Tötung einzelner Exemplare ruft mediale Entrüstungsstürme hervor. Dabei sind die Geschehnisse oft (wie im Fall des kürzlich erschossenen Gorillas Harambe, der ein dreijähriges Kind gefährdete) unvermeidbar oder zumindest banal (der im Juli letzten Jahres getötete Löwe Cecil etwa wäre ohnehin bald an natürlichen Ursachen gestorben). Dies, und nicht etwa ein intrinsischer Hass auf Tiere, treibt wohl die Internetwitzbolde an, die Veranstaltungen wie „Enten mit Geld füttern, bis sie untergehen“ erstellen.

Augenzwinkernd werden Lifestyle-Trends („Veganer erkennen und abschieben – Informationsabend“) oder die Sicherheitsfixierung unserer Gesellschaft („Auffahrunfall – Wie geht das richtig?“) aufs Korn genommen. Viele Events scheinen sich gegen die pausenlose Gesundheits- und Anti-Drogen-Aufklärung offizieller Stellen zu richten („Schritt für Schritt das Rauchen anfangen“, „Mit Crystal Meth zur Traumfigur“). Auch um den Islam, ein Thema, bei dem sonst oft auf Eierschalen gegangen wird, wird kein Bogen gemacht. Wer will, kann sich zum „Mittagstisch für Ramadanschummler“ anmelden.

Auflehnung gegen den Zeitgeist

Auf grundsätzlicher Ebene können die schrägen Facebookveranstaltungen als ironische Auflehnung gegen einen Zeitgeist gewertet werden, der banale menschliche Verhaltensweisen moralisch überhöht und als potenziell gefährlich darstellt. Es sind gerade die „Normalos“, deren Befähigung zu moralischer Autonomie von politischen und medialen Eliten zunehmend in Zweifel gezogen wird, die hier eine Spielwiese für sich entdeckt haben.

„Kultureller Autoritarismus“, also die Vorstellung, dass Werbung, Songtexte, Videospiele und andere kulturelle Ausdrucksformen geistig korrumpierend wirken und strenger Kontrolle unterworfen werden sollten, ist sowohl im rechten als auch im linken Teil des politischen Spektrums die Standardposition. Ganze Heerscharen Dauerbesorgter und -empörter beschäftigen sich (meist im Namen von Parteien, Verbänden und Nichtregierungsorganisationen) mit „problematischen“ Aspekten der Kultur und wie mit ihnen umzugehen sei. Genau diese Berufsempörten werden zur Zielscheibe des Spotts.

„3. Dettelbacher Fettenbowling“

Dabei lässt sich der kulturelle Autoritarismus meist nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbaren. So fand eine aktuelle Studie entgegen der Behauptungen zensorischer Feministen keine Verbindung zwischen Videospielen und sexistischen Einstellungen. Wie der Soziologe David Gauntlett schreibt, haben über 60 Jahre Forschung keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Medienkonsum und menschlichem Verhalten feststellen können. Dies tut den Bemühungen der (sich heute oft progressiv-säkular gebenden) Sittenwächter keinen Abbruch. Aktuelle Beispiele sind das geplante Verbot „sexistischer“ Werbung oder die Rüge für ein Paintballunternehmen, dessen Werbeplakat (eine leichtbekleidete Frau und der Slogan „Bock auf Ballern“) vom Deutschen Werberat als „gewaltverharmlosend“ eingestuft wurde. Der Bürger als latenter Aggressionsherd, der durch externe Auslöser ausgesprochen leicht dazu gebracht werden kann, auch die menschenverachtendsten Aktionen auszuführen; durch Witzveranstaltungen wie „3. Dettelbacher Fettenbowling“ wird diese Vorstellung persifliert.

Antiautoritärer Humor

Die ursprüngliche Political Correctnesshatte den durchaus begrüßenswerten Anspruch, Menschen vor Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft zu schützen, war jedoch bereits ein Schritt in die falsche Richtung, da es primär um die Regulierung individuellen Verhaltens und nicht um inhaltliche Überzeugung oder die Änderung gesellschaftlicher Verhältnisse ging. Mit der Zeit ist das Agieren der Ausdrucks- und Kulturpolizei dermaßen pompös und misanthropisch geworden, dass man ihm nur mit Spott begegnen kann. Nichts anderes ist der aktuelle Trend zu schrägen Pseudoevents. Er macht geltend, dass Menschen zu moralischer Autonomie fähig und in ihrem Denken und Handeln souverän sind. Wir können über Kinderverfütterung schmunzeln und liebevolle Eltern sein, über ein Büffet für Ramadanschummler lachen und gegen Rassismus eintreten, die Vorstellung eines Seminars für Auffahrunfälle witzig finden und trotzdem verantwortungsbewusste Verkehrsteilnehmer sein.

„Allerdings fällt auf, dass die Kritik auf einem verniedlichenden, ironischen Niveau verharrt.“

Wie der amerikanische Journalist Jason Pontin anmerkt, hassen Autoritäre jeder Couleur den Klang des Lachens. Insgesamt sind die Witzveranstaltungen also eine positive Entwicklung. Allerdings fällt auf, dass die Kritik auf einem verniedlichenden, ironischen Niveau verharrt. Das ist charakteristisch für unser postideologisches, generell apolitisches Zeitalter, in dem starke Überzeugungen verdammt oder belächelt werden und Auseinandersetzungen über Werte und politische Prinzipien aus dem Weg gegangen wird. Eine wirkliche Herausforderung des neuen Autoritarismus muss auf mehr als Witzeleien beruhen.

Wir müssen konsequent den Wert der Meinungsfreiheit verteidigen und ausdrücklich für einen kulturellen Libertarismus eintreten, also für eine gesellschaftliche Atmosphäre in der kulturelle Ausdrucksformen frei, unbequem, respektlos und anstößig sein dürfen. Äußerungen können verletzend, reaktionär oder einfach nur unappetitlich sein. Doch die Infragestellung von Dingen, die vormals als unantastbar galten, war stets auch die Voraussetzung des gesellschaftlichen Fortschritts. Letzteres gilt es wieder zu würdigen. Nun müssen Sie mich aber entschuldigen. Ich muss jetzt meine tägliche Dosis Crystal Meth zu mir nehmen, bevor ich Kindern im Saarland beibringe, wie man Pferde tätowiert.