18.07.2019

Angstfrei essen

Von Detlef Brendel

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Foto: WerbeFabrik via Pixabay / CC0

Viele reden uns Angst vor Lebensmitteln und Übergewicht ein: Politiker, NGOs, die Weltgesundheitsorganisation und Pharmakonzerne. Dahinter stecken deren Interessen, nicht unsere.

Es vergeht kaum ein Tag ohne negative Nachrichten über Lebensmittel, über die Nahrungsmittelhersteller oder grundsätzlich über unsere eigentlich bewährte Ernährungsweise. Das Müsli schmeckt zu gut, weil es Sucht erzeugenden Zucker enthält. Fleisch macht aggressiv, nachdem die Rinder während ihres Lebens ohnehin schon den Klimawandel durch Blähungen beschleunigt haben. Im Bier findet eine perfekte Analytik Spuren von Glyphosat, das bei 1000 Litern täglich das Krankheitsrisiko erhöhen kann. Der Döner enthält Phosphat und soll verboten werden, obwohl dieser Stoff im menschlichen Körper nicht problematisch, sondern für die Knochenbildung wesentlich ist. Limos machen Karies, eine Zahnerkrankung, die nach der Studie der Zahnärzte wegen der gestiegenen Mundhygiene kaum noch existiert. Und wer nicht vegan lebt, sondern die traditionelle Küche liebt, den bringen zur Strafe die Eier durch Herzinfarkt um, so hatte man uns über 30 Jahre eingebläut – bis die Cholesterin-Warnung zurückgenommen wurde. Und in der Tat zeigt die nüchterne Betrachtung, dass jeder, der ein Leben lang gegessen hat, am Ende verstorben ist. Wir haben eine Sterblichkeit von 100 Prozent.

Die Menschen sind einem permanenten Trommelfeuer von Behauptungen, mehr oder weniger belegten Theorien und Interpretationen ausgesetzt. Vor allem durch wirtschaftliche Interessen oder Ideologien begründete Angriffe entsteht ein Zerrbild, an dessen Gestaltung Journalisten oft als Handlanger – wenn man darunter wenig kompetente Erfüllungsgehilfen ohne kritische Befragung der Stichwortgeber versteht – mitarbeiten. NGOs bestimmen wesentlich die Agitation. Aber die Agenda wird auch von anderen Interessen geprägt. Am wenigsten wird sie von seriösen Ernährungswissenschaftlern beeinflusst, die noch an die evidenzbasierte Wissenschaft glauben. Deren zweifelnde oder mahnende Kommentare bleiben zumeist ungehört, weil sie erstens das Geschäft mit der Angst stören und ihnen zweitens Parteilichkeit unterstellt wird. Da haben es diejenigen, die sich als Schützer der Verbraucher gegen die sie angeblich vernichtende Wirtschaft gerieren, erheblich besser.

Genuss und Angst

Die kontinuierlich geführte Angst vor der täglichen Ernährung schafft einen Nährboden der gesellschaftlichen Verunsicherung. Wenn schon die täglichen Nahrungsmittel, die zum Erhalt des Lebens benötigt werden, bedenklich sein sollen und die sie Produzierenden  – vom Landwirt bis zum Nahrungsmittelhersteller  – in Misskredit gebracht werden, gibt es noch weniger Vertrauen in die Wirtschaft insgesamt und speziell auch in die Entwicklung einer globalen Wirtschaft. Ebenso betroffen ist davon natürlich auch die Politik, die offenbar noch nicht einmal in der Lage ist, uns ein gesundes Frühstück zu garantieren. Da spendet man doch lieber denen Beifall und Geld, die das erkannt haben wollen und uns Heil versprechen.

„Das befreite Genießen steht auf dem Index.“

Genuss ist ein rationaler oder emotionaler Zustand, den man mit sich selbst erlebt. Er ist individuelle Wahrnehmung. Nicht isoliert, sondern durchaus auch gemeinsam mit anderen Menschen – aber individuell an den eigenen Kriterien des Genusses orientiert. Die Menschen suchen nach Identität. Das Essverhalten ist dabei ein Faktor von zunehmender Bedeutung. Man traut nicht mehr seinem eigenen Gefühl und stellt sich die Frage: „Worauf habe ich Appetit?“. Man empfindet Essen stattdessen als Bedrohung und vegetiert mit der bangen Frage: „Was schadet mir am wenigsten?“. Man unterwirft sich Normen, deren Einhaltung das Gefühl einer Zugehörigkeit vermittelt.

Eigentlich war das Essen ein Genuss. Aber es keimen Zweifel. War das kulinarische Ereignis mit seinen exotischen Zutaten im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit politisch korrekt? Lässt die aromatische Salzkruste den Blutdruck steigen? Wieviel den Geschmack optimierender Zucker war in allen Köstlichkeiten und dürfen ein oder zwei weitere Löffel Zucker in den Espresso, ohne Suizid auf Raten zu begehen? Kann es überhaupt politisch korrekt sein, sich an einem Essen zu erfreuen und es sogar zu genießen? Vielleicht wäre Haferbrei mit Milch in jeder Hinsicht korrekter gewesen. Aber Milch soll auch nicht so gesund sein, wie wir von Kindesbeinen an geglaubt haben.

Das befreite Genießen steht auf dem Index. Warum entwickelt sich ein Meinungsklima, das die Freude an der Ernährung nimmt und den Genuss als schädlich erscheinen lässt? Gibt es eine Lust an der Angst? Zweifellos gibt es gute und schlechte Ängste. Vor allem möchte man aber für seine Angst nicht selbst verantwortlich sein. Die Angst, durch einen falschen Lebensstil dick zu werden, die man durch den richtigen Lebensstil eliminieren könnte, wird ersetzt durch die Angst vor Lebensmitteln, vor Schokolade, Zucker und grundsätzlich vor Genuss. Dann sind nämlich die anderen schuld, die diese Genussobjekte preiswert in großer Vielfalt verfügbar machen. Die Verschwörungstheorie, dass wegen des Zuckers wohlschmeckendes Tomatenketchup nur produziert wird, um die Gesundheit des Verbrauchers anzugreifen, trifft auf sensibel getrimmte Ohren.

Zucker als Sündenbock

Was den Menschen nicht schmeckt, taugt nicht für den propagandistischen Kampf. Deshalb ist in jüngster Zeit vor allem der Zucker zur Zielscheibe der Agitation geworden. Er transportiert als Baustein vieler Nahrungsmittel Wohlgeschmack. Er ist zudem als angeblicher Schurke leicht merkfähig. Zucker ist kein Problem, sondern der arme Sündenbock in einer Strategie mit gewaltigen wirtschaftlichen Interessen. Er wird am stärksten angegriffen, er soll ein Universalverursacher von Krankheiten sein, und sogar über seine fiskalische Bestrafung wird in der Politik eine von Ahnungslosigkeit geprägte Diskussion angestrengt.

„Die Besserwisser der uns permanent verfolgenden Ernährungsaufklärung schaffen es, dass wir uns vor dem Essen und erst recht vor dem Genuss fürchten.“

Behauptungen schaffen keine Wahrheiten. Zucker ist keine Droge wie Kokain. Der wohlschmeckende Nahrungsmittelbaustein erzeugt keine Sucht. Zucker ist nicht der alleinige Verursacher von Übergewicht und anderen so genannten Wohlstandskrankheiten.1 Die Besserwisser der uns permanent verfolgenden Ernährungsaufklärung schaffen es, dass wir uns vor dem Essen und erst recht vor dem Genuss fürchten. Der lustfeindliche Umgang mit Ernährung ist ein Angriff auf die Psyche. Restriktion und Reduktion werden zu Leitlinien von Empfehlungen. Plakative Warnungen vor Fett und Zucker, vor Alkohol und Fleisch, vor Gluten und Glutamat, vor Histaminen und Laktose machen aus der Planung von Mahlzeiten Stress statt Vorfreude. Verzicht wird als problemorientierte und moralisch korrekte Ernährung propagiert. Und das Heer der Gesundheitsberater bombardiert die Verbraucher mit Warnungen vor drohenden Krankheiten und einem frühen Exitus. Aber wir leben noch. Und nicht nur das. Wir leben auch gut und immer länger.

Die angebliche Aufklärung tut den Verbrauchern Gewalt an. Sie hat sogar schon zu einer neuen Krankheit geführt, weil Ernährungsmediziner und Psychotherapeuten zunehmend gemeinsame Patienten haben. Die Fixierung auf das vermeintlich erstens gesunde und zweitens moralisch korrekte Essen kann einen zwanghaften Charakter annehmen. Orthorexia nervosa wird dieses Phänomen mit krankhaft anmutenden Zügen genannt. Es ist der verzweifelte Versuch, korrektes Verhalten als individuelle Lösung eines Problems zu finden, das damit erst zum eigentlichen Problem der Betroffenen wird. Es ist eine erkennbare Essstörung, die im Grunde eine Angststörung ist. Die Angst um die Gesundheit und die Konzentration auf Nahrungsmittel und Ernährung sind bei den Betroffenen allgegenwärtig. Für die darauf fixierten Menschen ist es ein zynischer Kreislauf. Neurobiologen wissen, dass Angststörungen oft mit einem geschwächten Serotoninsystem verbunden sind. Eine ausgewogene Ernährung, die auch für ausreichend Genuss sorgt, könnte hilfreich sein. Aber exakt diese wird aus ideologischer Konsequenz abgelehnt.

„Etliche wissenschaftliche Beobachtungen deuten darauf hin, dass der Konsum hoher Zucker- oder Kohlenhydratmengen nicht mit Übergewicht einhergeht.“

Für die menschliche Gesundheit scheint es nur ein zentrales Problem zu geben: das Gewicht. Von der Norm abweichende Kilos werden für eine phantasievolle Palette von Krankheiten verantwortlich gemacht. Wer vom Body-Mass-Index (BMI) abweicht, wird zu einem Risiko für sich selbst und zu einer wirtschaftlichen Belastung für die menschliche Gemeinschaft. Es ist faszinierend, mit welcher schlichten Logik sich offenbar alle Varianten von Wohlstandskrankheiten eliminieren lassen, wenn man nur vermeidet, zu detailliert in die Komplexität medizinischer Fragen vordringen zu wollen.

Übergewicht und Adipositas werden dabei fast immer in einem Atemzug mit dem Zucker genannt. Das hat sich seit Jahrzehnten bewährt, eingeschliffen und ist aus den Köpfen nicht herauszubekommen, obwohl etliche wissenschaftliche Beobachtungen darauf hindeuten, dass der Konsum hoher Zucker- oder Kohlenhydratmengen nicht mit Übergewicht einhergeht. Studien zufolge verzehren schlanke Menschen mehr Süßigkeiten als adipöse oder normalgewichtige, während dicke Personen durchschnittlich prozentual mehr Fett essen als die schlanken.2 Das bedeutet natürlich nicht, dass Übergewichtige ausschließlich wegen ihres Appetits auf Fetthaltiges adipös sind oder dass Schlanke dank ihrer süßen Vorlieben keine Rettungsringe ansetzen. Der Appetit auf Süßes oder Fettes ist nicht zuletzt ein Merkmal unterschiedlicher körperlicher Konstitutionen, also genetischer Prägungen und Veranlagungen. Marburger Forscher, die sich mit genetischer Disposition für das Körpergewicht beschäftigt haben, konnten durchaus einen Beleg für die traditionelle Behauptung von den Genen, die angeblich dick machen, finden. Zwei Erkenntnisse, die von den Marburger Forschern mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erzielt worden sind, lauten: „Zu etwa 60 Prozent sind die Erbanlagen dafür verantwortlich, dass jemand Übergewicht entwickelt.“ „Vor allem bei Menschen, die schon im Kindesalter starke Gewichtsprobleme haben, können oft genetische Faktoren die entscheidende Rolle spielen.“3 Das kann auch erklären, warum stark Übergewichtige es wegen ihrer genetischen Veranlagung zum Teil kaum schaffen können, langfristig wesentlich dünner zu werden.

Von zunehmendem Gewicht

Menschen, die wegen ihrer genetischen Veranlagung rasch zunehmen konnten, waren in der Menschheitsgeschichte lange im Vorteil. Wer in guten Zeiten ausreichend Fettreserven bildete, überstand auch Hungerperioden. In den Industrienationen hat sich dieser Vorteil umgekehrt: Die modernen Lebens- und Ernährungsgewohnheiten begünstigen Übergewicht und gleichzeitig kommen Hungerperioden nicht mehr vor. Wozu brauchen wir heute noch Bäuche, wo wir doch Kühlschränke und Pizzataxis haben?

„Wenn die Pillen da sind, werden Patienten gebraucht.“

Aber auch das Pizzataxi führt nicht automatisch zu Übergewicht. Das Gewicht ist bei Menschen, auch wenn uns dies der BMI suggerieren will, nicht genormt. Wie bei der Körpergröße gibt es eine erhebliche Streubreite. Da sind sie wieder, die unheimlichen Gene. Auch die Zufuhr einzelner Nährstoffe wie Fett, Eiweiß oder Kohlenhydrate ist nicht ausschlaggebend für das Risiko einer unerwünschten Gewichtszunahme, sondern die Energiebilanz insgesamt. Wer sich kaum bewegt, braucht weniger Energie und gerät bei gleichzeitig hoher Energiezufuhr schnell in eine positive Energiebilanz. Das heißt, wenn man seinem Körper über die Nahrung mehr Energie zuführt, als der Körper verbrauchen kann, nimmt man an Gewicht zu. Deshalb ist auch der Zucker sui generis kein Dickmacher. Eine Kalorie ist schließlich eine Kalorie. Mit diesem Wissen schaffen es viele Menschen, ihr Körpergewicht durch eine gute Balance zwischen der aufgenommenen Nahrung und der durch Vitalität verbrauchten Energie in einer uns heute gesund erscheinenden Balance zu halten.

Bei der Fokussierung auf das Thema Gewicht drängt sich allerdings die Frage auf, wer hier die Grenzen definiert und eine Ordnung aufstellt, nach der die schlanken Menschen vorbildlich sind und die übergewichtigen und adipösen diskriminiert werden. Diese Klassifizierung individueller Menschen nach einer mathematischen Formel ist relativ neu. Auch vor 50 Jahren gab es laut Statistik schon viele Menschen, die keineswegs der heutigen Norm entsprachen. Vor 50 Jahren gab es allerdings noch keine täglich strapazierte Übergewichtsdiskussion. Das missfiel Branchen, die Krankheitsbilder brauchten, um Märkte zu gestalten. Die Norm wird zu einem Raster für potenzielle Krankheiten. Wenn die Pillen da sind, werden Patienten gebraucht. Für die kreative Erfindung von Krankheiten gibt es sogar einen Fachbegriff: Disease Mongering. Zur Systematik des Disease Mongering gehört es, Grenzwerte zu senken, um die Zahl zu behandelnder Personen zu erhöhen sowie Symptomen künstliche Relevanz zu verleihen. Ein leicht erhöhter Blutzuckerspiegel wird dann als Prädiabetes bezeichnet. Was mit etwas mehr Bewegung auszugleichen wäre, kann so ohne Rücksicht auf das Wohl des eigentlich gesunden Menschen mit Pillen behandelt werden.

Die WHO-Diät

Eine bei Ernährungsfragen immer wieder gern zitierte Institution ist die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Man sollte meinen, die Arbeit der WHO würde sich auf den weltweit immer noch existierenden Hunger als größtes Gesundheitsrisiko konzentrieren. Jährlich sterben rund drei Millionen Kleinkinder an Unterernährung. 20 Millionen untergewichtige Kinder werden jedes Jahr geboren, weil ihre Mütter mangelernährt sind. Eine weltweite Organisation für die Gesundheit hätte hier reichliche Aufgaben. Die WHO hat allerdings inzwischen das Hungerödem der Speckfalte nachgeordnet.

Erstmals wurde das Übergewicht von der WHO im Jahr 1988 durch das Regionalbüro für Europa thematisiert. Zum Vorsitzenden der Expertenanhörung über den möglichen Zusammenhang von Ernährung und chronischen Krankheiten wurde Prof. Philip James ernannt. Als Ergebnis wurde 1990 der WHO-Report 797 publiziert und die Empfehlung abgegeben, den Zuckerverzehr auf maximal zehn Prozent der zugeführten Kalorien zu begrenzen. Damit hatte sich Philip James gegen viele Widerstände durchgesetzt. Zahlreiche Experten waren der Meinung, dass die Beschäftigung mit der weltweiten Unterernährung erheblicher wichtiger sei als die Konzentration auf das Thema Übergewicht.

„Die in der Öffentlichkeit als unabhängige Institution und Beraterin der WHO auftretende IOTF maßgeblich mit Geldern der Pharmaindustrie gegründet wurde.“

Aber James hatte andere strategische Überlegungen. Er hatte 1986 die International Association for Studies and Obesity (IASO) gegründet, die ihm als Sprungbrett in eine wirtschaftlich erfolgreiche Wissenschaft diente. In den Jahren 1995 und 1996 baute er dann die International Obesity Task Force (IOTF) auf, die eifrig Daten sammelte, um sogar in Entwicklungsländern Übergewicht als aufkeimendes Risiko zu identifizieren. Damit schuf er das perfekte Koordinatensystem, um die gesamte Thematik zu dominieren. Die IASO fungiert im Verhältnis zur WHO als so genannte NGO, also nicht-staatliche Organisation mit klar definierten Interessen. Die IOTF arbeitete als Dachorganisation von zunächst 43 nationalen Organisationen direkt und eng mit der WHO zusammen, um deren Diskussionen und Entscheidungen zu lenken. Millionenschwere staatliche Aufträge für Studien wurden an die Institutionen vergeben, um Ideen von Nährwertprofilen über Regulierungsmaßnahmen bis hin zu Strafsteuern zu kreieren.

Im Jahr 2002 wurde der WHO-Report 916 publiziert, der Restriktion beim Zuckerverzehr forderte. Mehr als hundert Länder lehnten ihn ab, weil die geforderte Zuckereinschränkung keine wissenschaftliche Grundlage hatte. Die Strategie von James wurde eisern verfolgt: Am 16. November 2006 erschien die Europäische Charta zur Bekämpfung der Adipositas. In diesem Papier wird grundsätzlich von einer Adipositas-Epidemie gesprochen. So lässt sich schon durch die Nomenklatur der Eindruck erwecken, ein paar Pfund oberhalb der BMI-Messlatte wären eine geradezu seuchenartige Erkrankung mit verheerenden Folgen. Es wurden Rechtsvorschriften gefordert, die das Ausmaß und die Auswirkungen der Werbung für energiereiche Lebensmittel verringern. Es wurden Beschränkungen für Kinderwerbung gefordert. Die Anteile von Fett, freiem Zucker und Salz in verarbeiteten Lebensmittel sollten verringert werden. Gesetzliche und sonstige Regulierungsmaßnahmen einschließlich fiskalischer Bestrafungen sollten Bestandteile eines Überwachungssystems werden. Die IOTF und Philip James haben einen fetten Erfolg erzielt. Auch eine völlig unsinnige Ampelkennzeichnung von Nahrungsmitteln – von der Philip James behauptet, er habe sie bereits 1986 erstmals entwickelt – kam auf die Agenda der politischen Diskussion.

2005 veröffentlichte The Mail on Sunday, dass Prof. Philip James, auch Anti-Übergewichts-Berater der englischen Regierung, enge Verbindungen zu den Herstellern von Abnehmpräparaten hat und von diesen mit Millionen finanziert wurde.4 Das renommierte Londoner „British Medical Journal“ (BMJ) veröffentlichte im Juni 2006 interessante Hintergründe zu den Organisationen von Philip James.5 Es wurde detailliert belegt, dass die in der Öffentlichkeit als unabhängige Institution und Beraterin der WHO auftretende IOTF maßgeblich mit Geldern der Pharmaindustrie gegründet wurde. Die beteiligten Pharmakonzerne wollten Mitte der 1990er-Jahre eine Institution schaffen, die Übergewicht als ernsthaftes medizinisches Problem definiert und Vorsorge und Strategien zur Behandlung promotet. Die Aufbereitung eines Marktes für Schlankheitspillen war den Konzernen Millionen wert. Sie finanzierten rund 75 Prozent der Task Force, die den Menschen einzureden hatte, sie seien dick und damit gesundheitlich gefährdet.

„Wir sind auf einem guten Weg, den Menschen grundsätzlich ihre Genuss-‚Sucht‘ auszutreiben und sie in ein Leben mit verordneter Askese zu regulieren.“

Eigentlich muss es doch nachdenklich stimmen, dass alle wesentlichen Leiden der Wohlstandsgesellschaft am Gewicht hängen sollen. Als es noch keinen willkürlich festgelegten BMI gab, waren die Menschen auch nicht zwingend schlanker. Nachdenklich macht auch: Die zunehmend bewegungsarme Lebensweise wird als nicht relevant erachtet. Heutige Belastungen durch Stress und andere Umweltfaktoren werden in den Debatten als nebensächlich abgetan. Die Genetik, die zunehmend als prägend für viele Erkrankungen und auch für das individuelle Gewicht erkannt wird, findet keine große Aufmerksamkeit. Es sind stattdessen immer die Ernährung, speziell der Zucker und das Gewicht. Die Pillendreher hatten mit ihrer Strategie Erfolg auf der ganzen Linie.

Pille gegen Zucker

Ein verbreiteter Ansatz in der Medizin lautet: Es gibt es keine Gesunden, sondern nur schlecht diagnostizierte Kranke. Daraus lässt sich konsequent ableiten, dass neue Krankheitsbilder definiert werden müssen, um diese dann mit entsprechenden Mitteln zu behandeln. Ein gutes Beispiel dafür liefert die angeblich süchtig machende Wirkung von Zucker. An der Queensland University in Australien ist man im Frühjahr 2016 zu der erschütternden Erkenntnis gekommen, dass der gute Geschmack von Zucker glücklich macht und deshalb der konsequenten Behandlung bedarf. Neu ist die Erkenntnis nicht. Das mesolimbische System ist ganz wesentlich an der Emotion Freude beteiligt. Dazu gehört die Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin. Bei Genuss wird Dopamin ausgeschüttet. Allerdings passiert dies nicht nur beim Genuss von Zucker, sondern auch bei Sonnenlicht, Streicheleinheiten, nach einem guten Glas Wein, nach leckerer Pasta und sogar bei gelebter Sexualität. Positiv empfundene Erlebnisse, die oft mit Genuss verbunden sind, bewirken vielfältige Effekte im zentralen Nervensystem. Sind das alles Suchtpotenziale, die aus uns Patienten machen, die der dringenden Intervention bedürfen? Es kann ja noch kommen. Wir sind auf einem guten Weg, den Menschen grundsätzlich ihre Genuss-„Sucht“ auszutreiben und sie in ein Leben mit verordneter Askese zu regulieren.

Von Selena Bartlett von der Queensland University, die Zucker mit Kokain oder Morphium vergleicht, erhalten die Menschen eine beruhigende Botschaft. Sie will herausgefunden haben, dass sich das Verlangen nach Zucker mit den gleichen Medikamenten behandeln lässt, die für Nikotinsucht eingesetzt werden.6 Sorgfältige Recherche offenbart dann, dass Selena Bartlett in den Jahren 2007 und 2008, damals noch an der Universität Kalifornien tätig, sich große Meriten bei der Profilierung eines Präparats zur Rauchentwöhnung verdient hat.7 Wenn die Raucher weniger werden oder sich alternativ den Verdampfern zuwenden, wird für ein solches Präparat ein Ersatzmarkt gebraucht. Selena Bartlett hilft gern.

Die von ihr propagierten Pillen (Champix/Chantix) haben allerdings einen bitteren Beigeschmack. Sie führen zu einer Blockade des Belohnungs- und Lustzentrums im Gehirn und machen es für das im Körper ausgeschüttete Dopamin unempfindlich. Deshalb müssen alle Packungen der segensreichen Entwöhnungspillen den Warnhinweis tragen, dass die Gefahr besteht, an Depressionen zu erkranken, suizidale Neigungen zu entwickeln sowie gewalttätiges Verhalten zu zeigen. Der Wunsch, von der Brücke zu springen, wird bei einem blockierten Belohnung- und Lustzentrum im Gehirn verständlich. Das menschliche Wohlfühlen und die Glücksgefühle werden ausgeschaltet. Da hätte man doch besser eine Tafel Schokolade gegessen. Das Leben wäre lebenswerter und auch länger.