29.06.2026

Am meisten zu verlieren – gerade deshalb All In

Von Kolja Zydatiss

Titelbild

Foto: Stephan Sprinz via Wikicommons / CC BY 4.0

Die Wirklichkeit hält sich nicht immer an die identitätspolitische Dramaturgie: Oft sind es gerade Minderheiten, die den woken Hass auf den Westen ablehnen und dessen Errungenschaften verteidigen.

Ein regressiver identitätspolitischer Tsunami hat in den letzten Jahren scheinbar den ganzen Westen erfasst. Er hat einige der schlechtesten Elemente der historischen Linken übernommen – manichäische Gegenüberstellungen von „Unterdrückern“ und „Unterdrückten“, irgendwas von der „Wärme des Kollektivismus“ – und sie mit ahistorischen Wahnvorstellungen über den Westen vermengt, die großen Teilen der alten Linken zu peinlich, platt und undialektisch gewesen wären. Aufklärung, Christentum, Marktwirtschaft, technischer Fortschritt, Abendland immer schlecht. Dritte Welt, Islam, Stamm, Sippe und Clan immer gut, bis hin zu Terror, Pogrom und Genitalverstümmelung, für die man auch irgendwie Verständnis haben müsse.

Den ganzen Westen? Nein! Denn eine ganze Reihe unbeugsamer gallischer Dörfer weigert sich beharrlich, dem vorgegebenen Skript zu folgen. Treibende Kraft sind dabei interessanterweise oft Gruppen, die der identitätspolitischen Logik zufolge selbst zu den Unterdrückten und Verlierern zählen, sich also auf Seiten des woken, islamophilen Drittweltismus verorten müssten, diesem aber überhaupt nichts abgewinnen können und ihn sogar mit aller Kraft bekämpfen.

„Nicht wenige Jesiden, Aleviten und Kurden verstehen sehr gut, gegen wen Israels Armee im Gazastreifen und im Libanon kämpft.“

Ich denke unter anderem an die oppositionelle iranische Diaspora– ihre Demos ein Meer aus USA- und Israelflaggen und den Emblemen einer untergegangenen, mit dem Westen verbündeten Monarchie. Ich denke an die rechten Exilkubaner in Florida, die dir aufs Maul geben wollen, wenn du im Che-Guevara-Shirt aufkreuzt (einer dieser hispanischen Linkenfresser, Marco Rubio, hat gute Chancen, der nächste US-Präsident zu werden).

Nicht weniger Abendland-Ultra ist ein kleines Land im Nahen Osten, dessen Bevölkerung im Wesentlichen aus den Nachkommen europäischer Holocaust-Überlebender und den Angehörigen einer orientalischen Minderheit besteht, die sich in den umliegenden Ländern glücklich schätzen können, wenn sie „nur“ als Menschen zweiter Klasse behandelt und nicht Opfer eines Pogroms werden. Und ich denke an die jesidischen Flüchtlinge (und nicht wenige Aleviten und Kurden) in Europa, die sehr gut verstehen, gegen wen die Armee dieses kleinen Landes im Gazastreifen und im Libanon kämpft, und deren Islamkritik manchmal deftiger klingt als die der AfD.

Ich denke an meine jüdischen Freunde und Bekannten in Deutschland, die meisten von ihnen vom Milieu her eher bei Atlantikbrücke als bei Seebrücke verortet. Ich denke daran, dass es in den letzten Jahren oft Realos mit islamischem Migrationshintergrund wie Cem Özdemir, Ahmad Mansour, Seyran Ateş oder Güner Balcı waren, die mit ihren weltfremden „autochthonen“ Kollegen innerhalb der Professional-Managerial-Class aneinandergeraten sind und zu deren naiv-kultursensiblem Weltbild ein notwendiges Korrektiv gebildet haben. (Noch deutlicher in ihrem Bekenntnis zu westlichen Werten und ihrer Kritik am Kulturrelativismus sind oft migrantische Ex-Muslime wie Ayaan Hirsi Ali, die 2023 erklärte, dass sie zum Christentum konvertiert ist.)

„Die identitätspolitische Linke ernennt sich zum Sprachrohr ihrer Mündel und ist empört, wenn diese aus der Reihe tanzen.“

Die Natur ist nicht beim Naturschutzverein – das zeigt sich in der Realität immer wieder. Doch die identitätspolitische Linke ernennt sich weiter zum Sprachrohr ihrer Mündel und ist empört, wenn diese aus der Reihe tanzen, so etwa aktuell im Fall eines DFB-Spielers mit Wurzeln in Nigeria (einem Land, in dem die Christenverfolgung in letzter Zeit genozidale Ausmaße erreicht hat), der seinen christlichen Glauben zeigt, und dafür von einem weißen taz-Autor beschimpft wird. Bevormundung und Herablassung, das ist auch die westliche Arbeiterschicht gewohnt, die sich an der Wahlurne immer wieder für Stabilität und Kontinuität statt für Dekonstruktion und utopische Versprechen entscheidet, und deshalb laut progressiven Besserverdienern dumm ist und ihre eigenen Interessen nicht kennt. Apropos Wahlurne: Welche Parteien präferieren eigentlich schwule Männer in Deutschland? Nun, sehen Sie selbst.

So unterschiedlich diese verschiedenen Gruppen auch sein mögen, sie alle haben eines gemeinsam: Sie haben durch den fortschreitenden Abriss der historisch-gewachsenen Nationalstaaten des Westens, der bei all seinen Defiziten und Hypokrisien die humansten und zivilisiertesten Gesellschaften, die es jemals gegeben hat, hervorgebracht hat, und ihrer Ersetzung durch ein postbürgerliches Etwas, in dem unregulierte Masseneinwanderung aus rückständigen Gewaltkulturen, blutleerer Habermas‘scher Verfassungspatriotismus, Global Governance, Kulturrelativismus und technokratische Vielfaltsverwaltung irgendwie etwas Besseres ergeben sollten, viel zu verlieren – im Extremfall sogar ihr Leben.

Über den Antisemitismus wird gesagt, er sei so etwas wie der Kanarienvogel in der Kohlemine für den Zustand der Gesellschaft, denn eine Zunahme des Judenhasses geht oft mit einer allgemeinen Entzivilisierung und Wendung gegen die Errungenschaften der westlichen Moderne einher. Doch es sind derzeit nicht nur viele Juden, die Alarm schlagen. Zu ihren Warnungen gesellen sich die Stimmen anderer, für die ebenfalls gilt – oder besser: gezwungenermaßen gelten muss – was Vojin Sasa Vukadinovic vor acht Jahren als Titel eines von ihm herausgegebenen Sammelbandes zur Kritik der postmodernen Identitätspolitik wählte: „Freiheit ist keine Metapher“.

„Es sind derzeit nicht nur viele Juden, die Alarm schlagen.“

Sie sprechen mal zögerlich und mal lautstark, mal eloquent und mal rüpelhaft, manchmal in der Tradition gewachsener Gruppenidentitäten und manchmal aus persönlicher Reife oder Erkenntnis heraus, mal aus privater Notwehr und mal aus Bürgersinn – dem Gefühl der Verantwortung fürs große Ganze. Doch die Essenz ist unverkennbar: Die historisch gewachsenen westlichen Werte, Institutionen und Lebensweisen sind für sie kein Käfig der Unterdrückung, entworfen, um die Privilegien alter weißer Männer zu schützen, sondern im Gegenteil die Voraussetzung für individuelle Freiheitsrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, gesellschaftlichen Fortschritt und einen zivilisierten Umgang miteinander. Die Mächtigen täten gut daran, zuzuhören.

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