15.04.2015

Modische Bevormundung

Kommentar von Christoph Lövenich

In Frankreich sollen dürre Models und Aufforderungen zum Sehr-dünn-Sein bald der Vergangenheit angehören. Der Magersuchtkult lässt sich nicht durch Freiheitseinschränkungen bekämpfen – schon gar nicht durch unglaubwürdige Feigenblattregulierung

Es ist wieder Frühling in Paris. Zeit für neue Reglementierung. Da greift man an der Seine gerne Anglopuritanisches auf, wie Tabakbekämpfung durch das Verbot des Rauchens im Auto im Beisein Minderjähriger. [1] Im Land der Mode stürzt man sich im Rahmen desselben Gesundheitsgesetzes gleich noch auf etwas anderes: Sehr dünne Models sollen künftig nicht mehr die Laufstege und Magazinfotos bevölkern. Dies beschloss die Nationalversammlung gestern, der Senat muss noch zustimmen. Unterhalb eines bestimmten Body Mass Index (BMI) sollen keine Mannequins mehr beschäftigt werden dürften. Andernfalls Prozess am Hals, es drohen bis zu 75.000 Euro Bußgeld oder ein paar Monate Knast. [2]

Damit nicht genug: „Anstiftung zur Magersucht“ wird nach dem Gesetzentwurf ebenfalls kriminalisiert. [3] Hier gehören die künftigen Verbrecher nicht zur Modeindustrie, sondern sind im Wesentlichen minderjährige Mädchen, die sogenannte „Pro-Ana“-Websites betreiben oder besuchen, welche sich einem mehr oder weniger extremen Magerkeitsideal verschrieben haben. Solche Blogs und Foren huldigen durch Fotos, quasi-religiöse Gebote, Diätrezepte und gegenseitige Aufstachelung einem Haut-und-Knochen-Kult.

Abgemagerte Models im Nulldiätwettlauf mögen den Vorstellungen einiger schwuler Modezaren entsprechen, rufen sonst aber im besten Fall Irritation hervor. Bei normalen jungen Frauen (und einigen jungen Männern), denen zum Ausgleich nicht mal Ruhm und Geld in der Modebranche winken, wirkt die Fixierung aufs Hungern umso sinnloser und tragischer. Da wünscht man den Betroffenen mehr Gelassenheit, mehr Selbstbewusstsein und ganz andere Formen der Ambition, Erfolge im Leben zu erzielen.

„Die gesundheitliche Stigmatisierung der Dicken ist zum offiziellen Mainstream geworden.“

Haben Politiker hier nun ein Problem erkannt und sind ehrlich bemüht, an dessen Behebung zu arbeiten? Zweifel sind mehr als angebracht. Seit über einem Jahrzehnt ist es Mode geworden, vermeintliche Übergewichtsexzesse und ‚unangemessenes‘ Essverhalten der Bevölkerung zu beklagen. Dick- und Molligsein wird staatlicherseits als Gesundheitsfrevel angeprangert und gesellschaftlich zunehmend ausgeschlossen. Gerade Heranwachsende, die nun vor der „bösen“ Modeindustrie geschützt werden sollen, sind die Hauptzielgruppe solcher „Aufklärungskampagnen“. [4] Frankreichurlaubern sind schon Lautsprecherwagen begegnet, die die in der westlichen Welt verbreitete Kampagne, gefälligst jeden Tag fünf Portionen Obst und Gemüse zu verspeisen, herausposaunt haben. Solcherlei Ratschläge, wie auch die gesundheitliche Stigmatisierung der Dicken, stehen wissenschaftlich auf tönernen Füßen, sind aber zum offiziellen Mainstream arriviert.

Da wirkt es wie Feigenblatt-Politik, wenn sich die gleichen Akteure auf einmal von einer übersteigerten Form ihrer eigenen Propaganda meinen distanzieren zu müssen, wenn sie sich zu Anwälten gegen Magersucht aufschwingen. Diese Geister haben auch sie heraufbeschworen, indem sie Essen zur Politik und den Körper zur Staatsaffäre erklärt haben. Mit der anvisierten Regulierung in Frankreich wird der BMI trotz seiner begrenzten Aussagekraft erneut als Goldenes Kalb verehrt. Der BMI berücksichtigt weder Körperbau noch Alter noch Fettverteilung noch sportlichen Trainingszustand und wird willkürlich in Gewichtsklassen eingeteilt. [5] Selbst einer Gesetzesbefürworterin ist er „allein als Kriterium wohl etwas mager“. [6] Immerhin soll damit ein Berufsverbot verbunden sein.

Ohnehin vermischt dieser Ansatz unterschiedliche Phänomene. Sehr dünn heißt nicht gleich anorektisch, und wer einen Abmagerungsblog betreibt, braucht weder das eine noch das andere zu sein. Im Gegenteil, dort tummeln sich viele Wannarexics (Möchtegern-Magersüchtige). Wirklich Kranken, die ja nicht durch Modeschauen oder Internetseiten magersüchtig werden, sondern sich wegen ihrer Krankheit für diese interessieren, ist mit einer Kriminalisierung und Stigmatisierung im Übrigen gar nicht geholfen, ganz im Gegenteil. Für sie kann der Austausch mit Gleichgesinnten im Internet psychisch hilfreich, gar lebensrettend sein, beschreibt eine ehemals Magersüchtige, der der Gedanke Sorge bereitet, dass sie für das damalige Schreiben über ihr Leiden heute bis 10.000 Euro Bußgeld riskieren würde. [7] Der Soziologe Antonio Casilli kritisiert: „Im Namen der Bekämpfung einer Krankheit bekämpft man die Kranken“. [8]

„Es könnte ein Gummiparagraph ähnlich dem Verbot ‚homosexueller Propaganda‘ in Russland entstehen“

Das Korsett, in das die Modewirtschaft geschnürt werden soll, beruht offenbar auf dem Verständnis, dass bereits der bloße Anblick sehr dünner Personen negative Wirkungen auslöse. Supermodel Kate Moss amüsierte sich schon vor Jahren darüber, dass man ihr von der Magersucht bis zum Rauchen die Verantwortung für alle möglichen Phänomene zuschiebe. Wird Moss, die sich vor einiger Zeit das auf Pro-Ana-Seiten oft zu findende Motto „Nichts schmeckt so gut, wie Dürrsein sich anfühlt“ zu Eigen machte und dafür Empörung erntete [9], deshalb bei der nächsten Einreise nach Frankreich verhaftet? Darf das Postergirl der Untergewichtsfetischisten, die spanische Prinzessin Letizia, auf französischem Boden nicht mehr fotografiert werden? Darf man demnächst nur noch ab einem bestimmten BMI U-Bahn fahren, um keine labilen Teenager zu verstören? Es könnte ein Gummiparagraph entstehen, der ähnlich wie das Verbot „homosexueller Propaganda“ in Russland willkürlich gegen Unliebsames eingesetzt wird.

Aus dem beliebten Vorwand des Gesundheitsschutzes werden zunehmend Verbote abgeleitet. Das öffentliche Verbreiten des eigenen Krankheitsschicksals, Lebensstils oder Schönheitsideals – gerade eines umstrittenen – unter Strafe zu stellen, bedeutet einen neuerlichen Eingriff in die Meinungsfreiheit, der leider viele Nachahmer [10] und Fortsetzungen finden wird. Als Nicht-Bulimiker kann ich darüber gar nicht so viel kotzen wie ich gerne möchte.