20.01.2015

Chlorhuhn als amerikanische Spezialität

Kommentar von Axel Kleemann

Das Freihandelsabkommen zwischen EU und USA (TTIP) soll regionale Spezialitäten wie den Hessischen Handkäs und den Salzwedeler Baumkuchen bedrohen. Dabei können wir von amerikanischen Spezialitäten wie dem Chlorhuhn profitieren.

In der europäischen „Database of Origin and Registration“ sind 79 deutsche Spezialitäten registriert. [1] Um als „garantiert traditionelle Spezialität“ durchzugehen, muss das Erzeugnis traditionell zusammengesetzt oder hergestellt, beziehungsweise verarbeitet werden. [2] In gewisser Hinsicht müsste man die amerikanischen Hühner zu den regionalen Spezialitäten unserer transatlantischen Verbündeten zählen. Dank eines kurzen Bades im Chlorwasser sind die US-Hühner nämlich gesünder als unsere. Antiamerikanische Vorurteile haben bei vielen Deutschen zu einer anderen Wahrnehmung geführt, aber die wissenschaftliche Faktenlage ist klar.

„Igitt, da ist ja Chemie drin…“, wird sich mancher Zeitgenosse gedacht haben, als er von den inzwischen berühmten Chlorhühnchen im Rahmen der Verhandlungen über das Freihandelsabkommen zwischen der EU und USA (TTIP) Wind bekam. Das können wir doch nicht zulassen, also muss schleunigst dagegen protestiert oder sogar demonstriert werden. Und schon haben sich europäische Bürgerinitiativen unter starker Beteiligung der einschlägig bekannten NGOs (u.a. Attac, BUND, Campact, GEW, Nabu, Brot für die Welt) formiert und in Stellung gebracht, bevor überhaupt ein ausgehandelter Vertragsentwurf vorliegt. Seitdem sind die Chlorhühnchen „in aller Munde“. Sowohl Kanzlerin Angela Merkel (CDU) als auch Justizminister Heiko Maas (SPD) haben sich prompt zu Wort gemeldet und die total verängstigten Mitbürger zu beruhigen versucht mit der Botschaft, dass sie die amerikanischen Chlorhühner nicht in unser Land lassen wollen. Immerhin haben wir ja auch die eine oder andere Gegenwaffe, beispielsweise Rohmilchkäse.

Dass Kanzlerin und Justizminister so schnell ihre verbale Beruhigungspille ausgepackt haben, mag verwundern. Gut, Angela Merkel ist Physikerin und Heiko Maas Jurist, also beide keine Lebensmittelfachleute – das haben sie übrigens mit dem „Team von Foodwatch“ gemein – aber sie hätten sich doch zunächst einmal schlau machen sollen, warum die Amerikaner ihre geschlachteten Hühnchen und Hähnchen überhaupt durchs Chlorbad ziehen. Eigentlich ist das sehr einfach, das hat den gleichen Grund wie die Zugabe von Chlor zum Schwimmbadwasser.

„Die Experten sind sich einig, dass ‚das deutsche Huhn auf keinen Fall gesünder als das US-Huhn ist‘.“

Auf den Oberflächen von Lebensmitteln, in diesem Fall den Hühnchen, finden sich genauso wie auf der Oberfläche unseres Körpers, jede Menge an Keimen – Bakterien, Viren, Parasiten – die durch Chlor relativ gut und rasch abgetötet werden. Dadurch wird das Risiko von Lebensmittelinfektionen minimiert. Das Chlorwasser wird bei den Hühnchen nach dem Bade mit normalem Wasser abgespült, bei den menschlichen Schwimmbadnutzern besorgt das die anschließende Dusche. Der Journalist Winand von Petersdorff hat einen vergleichenden Geschmackstest gemacht und in unterhaltsamer Weise beschrieben [3]: Ein Geschmacksunterschied war nicht festzustellen. Ich habe auch noch nicht gehört, dass Deutsche auf Besuch in den USA einen Bogen um Brathähnchen machen.

Die Experten sind sich da einig. Lüppo Ellerbroek vom Bundesinstitut für Risikobewertung versichert, dass „das deutsche Huhn auf keinen Fall gesünder als das US-Huhn ist“. [4] Dieser Auffassung ist auch die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA. Es herrscht allerdings kein Gleichstand zwischen den Hühnern, denn: „Ganz im Gegenteil: Wir müssen leider feststellen, dass wir ein massives Keimproblem auf deutschem Geflügel haben“, bemerkt Ellerbroek und verweist auf „einen sehr hohen Anteil an Campylobacter und Salmonellen als krank machende Erreger auf dem Geflügel.“ [5] Woran liegt das?

In unseren heimischen Küchen sollte die Kontamination mit Keimen durch hygienisches Arbeiten (Messer und Schneidebretter und Hände sofort nach Bearbeiten der Lebensmittel spülen) verhindert werden. Laut Andreas Hensel, dem Präsidenten des Bundesinstituts für Risikobewertung, gibt es in Deutschland geschätzt eine Million Fälle von Lebensmittelinfektionen pro Jahr. Natürlich sind nicht alle von Hühnchen verursacht, auch auf bzw. in Puten-, Schweine- und Rinderfleisch werden bei Kontrolluntersuchungen immer wieder Keime entdeckt. Dennoch: Ganze 17,8 Prozent der Hühner auf Deutschlands Schlachthöfen waren bei Schlachthofkontrollen mit Salmonellen belastet. Das berichtet die Wirtschaftswoche unter Berufung auf das Bundeslandwirtschaftsministerium. Im Einzelhandel wurden laut dem Bericht bei 6,3 Prozent des frischen Geflügelfleischs Salmonellen entdeckt. [6]

Zum Glück verlaufen die Infektionen in der Mehrzahl der Fälle relativ glimpflich. Das zeigt aber, dass unsere Küchenhygiene doch noch beträchtliche Lücken aufweist. Wo man auch hinschaut, es mangelt an Hygiene. Für den Lebensmittelbereich zeigen das die jährlich vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) veröffentlichten Zahlen der amtlichen Lebensmittelüberwachung. So wurden im Jahr 2010 921.000 Inspektionen in 538.000 deutschen Betrieben durchgeführt. In etwa 139.000 Betrieben (26 Prozent) wurden Verstöße bei der Betriebshygiene und im Hygienemanagement festgestellt. Bei 19 Prozent der untersuchten Proben wurde die mikrobiologische Beschaffenheit beanstandet. Ein nennenswerter Anteil der Beanstandungen geht auf Gaststätten und Schankwirtschaften zurück. Hier ist das Hygienebewusstsein noch verbesserungswürdig. Das kann man mitunter auch als Gast ohne ursprüngliche Inspektionsabsicht erkennen. Den Chlorhuhn-Gegnern ist das egal, hier geht es nicht um wissenschaftlich begründbare Fakten, sondern um ideologisch verbrämte Weltanschauungen, die sich bei vielen Menschen gegen die Chemie im Allgemeinen richten.

„Wir sollten froh sein, dass Bakterien und Viren noch nicht unter Artenschutz stehen“

Chemie wird gemeinhin als Gegensatz zu „biologisch“ und „natürlich“ begriffen. Und die Verwendung von Chlor oder gar Chlordioxid zur Abtötung von Keimen wird von den Chemophobikern als chemische Intervention wahrgenommen. Also Chemie gegen Bio! Ökologie schließt Chemie aus. Bio ist gut, weil natürlich. Chemie ist unnatürlich, also schädlich. Das ist das Credo der Bio-Fetischisten und Landwirtschaftsromantiker. Und viele Menschen glauben das auch, die an Schulen vermittelten Chemiekenntnisse sind ja dürftig genug. Es stimmt nur überhaupt nicht mit der Wirklichkeit überein. Denn: Alles Natürliche und alles Biologische ist auch gleichzeitig chemisch! Alle Vorgänge in lebenden (…und sogar noch in toten) Wesen sind chemische (sogenannte biochemische) Vorgänge – ob das nun in bestimmte ideologische Denkmuster passt oder nicht. Also: Auch Bio ist Chemie! Immerhin sollten wir froh darüber sein, dass Bakterien und Viren noch nicht unter Artenschutz stehen.

Dabei ist es manchmal eine wirklich gute Idee, Chemikalien gegen Biologisches wie Krankheitserreger einzusetzen. Die erhöhte Nachfrage nach Lebensmitteln ohne Konservierungsmittel seitens der Verbraucher hat zur Folge, dass der Anteil von Lebensmitteln, der vor dem Verzehr keine oder nicht ausreichende Verfahren zur Keimabtötung oder -reduktion durchlaufen hat, ansteigt. Die unbehandelte Rohware kann krankheitserregende Keime in die Küchen bringen. Das ist übrigens der Grund, weshalb Geflügel in USA vor dem Inverkehrbringen ein „Chlorbad“ durchlaufen, für viele unserer Landsleute ein „Kulturschock“, aber die Amerikaner wollen auf „Nummer sicher“ gehen. Und wenn dann keine hygienische Sorgfalt angewandt wird, kann es leicht kritisch werden. Das ist dann der Preis, der für das Weglassen von Konservierungsstoffen gezahlt wird!

Wir sollten uns weniger über das vermeintliche amerikanische „Laissez-faire“ bei der Lebensmittelproduktion aufregen. Ein mangelndes Traditionsbewusstsein der Amerikaner ist trotz ihres „Black Forest Ham“, dem sogenannten „Schwarzwaldschinken“ von US-Rindern, ebenso kaum zu befürchten. Vielmehr sollten wir sehen, was wir voneinander lernen können. Das bedeutet auch, dass wir womöglich etwas von den Amerikanern lernen können. Zum Beispiel folgendes: Die stärksten und raffiniertesten Gifte bietet uns die Natur nicht nur in Mikroorganismen, sondern auch in Pflanzen, Pilzen und sogar Tieren an. Durch solche biogenen Gifte gibt es weltweit mehr Todesfälle, Verletzungen und Erkrankungen als durch Produkte aus der „Chemieküche“.

Wir können nur hoffen, dass bei uns bald Chlorhühner auf den Tellern landen. Sie sind gesünder als unsere deutschen Hühner, da sie seltener von Keimen befallen sind. Eine echte amerikanische Spezialität.