17.04.2018

200 Jahre Frankenstein

Von Kolja Zydatiss

Titelbild

Foto: Universal Studios via Wikimedia Commons

Viele fürchten, der technische Fortschritt könnte die Menschheit auslöschen. Dabei ist er die beste Lebensversicherung auf einem Planeten, der von globalen Naturkatastrophen bedroht wird.

1818 erschien der Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ der gerade einmal 20-jährigen Mary Shelley. Das Buch handelt von dem Wissenschaftler Viktor Frankenstein, der ein künstliches Wesen aus Leichenteilen zum Leben erweckt. Entsetzt von seiner Schöpfung, der er zutraut, die Menschheit auszulöschen, ringt er den Rest des Buches mit den Folgen seines Handelns.

Wie kaum ein anderes literarisches Werk verankerte „Frankenstein“ im öffentlichen Bewusstsein die Vorstellung, dass sich menschliche Erfindungen gegen ihre Schöpfer wenden und diese zerstören können. Lange blieb es bei Schriftstellerfantasien. Doch am 16. Juli 1945 testete das US-Militär bei Alamogordo/New Mexiko „Trinity“, die erste Atombombe der Welt. Im Vorfeld hatte der Physiker Edward Teller Berechnungen angestellt und vor einer Kettenreaktion gewarnt, die die gesamte Erdatmosphäre entzünden könnte. Später stellte sich heraus, dass so etwas physikalisch unmöglich ist. Gleichwohl wurden Atomwaffen zu einer ernstzunehmenden Gefahr für die Menschheit. In den folgenden Jahrzehnten entstanden Kernwaffenbestände, die einen Großteil der Weltbevölkerung vernichten könnten. Die Menschheit hatte tatsächlich so etwas wie Frankensteins Monster geschaffen.

Seit dem Ende des Kalten Krieges ist ein Atomkrieg unwahrscheinlicher geworden. Doch auch heute, 200 Jahre nach der Erstausgabe von „Frankenstein“, fragen sich viele Menschen, ob technologische Entwicklungen das Überleben der Menschheit gefährden könnten. Ein Dauerbrenner ist natürlich der anthropogene Klimawandel, den viele für eine apokalyptische Bedrohung halten. (Tatsächlich ist er das wohl nicht: Entgegen einer weitverbreiteten Meinung haben die meisten Arten von Extremwetterereignissen durch den Klimawandel bisher nicht – oder nur geringfügig – zugenommen; menschengemachte Klimaveränderungen, die den Planeten unbewohnbar machen würden, sind laut dem „Weltklimarat“ IPCC praktisch unmöglich.)

„Es gerät in Vergessenheit, dass uns Fortschritt und Naturbeherrschung in den letzten 200 Jahren Freiheit, Wohlstand und Sicherheit von bisher nie gekanntem Ausmaß gebracht haben.“

Ein weiteres Aufregerthema ist die künstliche Intelligenz. In den letzten Jahren sorgten etwa der kürzlich verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking und der Unternehmer Elon Musk mit Warnungen vor ihrem zerstörerischen Potential für Aufsehen. Um die Möglichkeit einer menschengemachten Apokalypse ist ein kleiner Forschungszweig entstanden. Einrichtungen wie das Centre for the Study of Existential Risk (CSER) an der Universität Cambridge oder das Future of Humanity Institute an der Universität Oxford beschäftigen sich mit sogenannten existentiellen Risiken, also mit Szenarien, die zur Auslöschung oder zu einem erheblichen Rückgang der Weltbevölkerung führen könnten. Neben der bereits erwähnten mörderischen künstlichen Intelligenz könnten das z.B. im Labor geschaffene Superviren oder Horden von Nanorobotern sein.

Nicht jeder ist von der Weltuntergangsforschung begeistert. Die britische Risikoforscherin Joyce Tait betrachtet nur Atomwaffen als echte existentielle Bedrohung für die Menschheit. Alle anderen Szenarien hält sie für extrem unwahrscheinlich. Für den kanadischen Kognitionswissenschaftler Steven Pinker sind „existential risks“ eine nutzlose Kategorie. In seinem aktuellen Buch „Enlightenment Now“ („Aufklärung jetzt“) warnt er, dass „Frankenstein’sche Fantasien“ von der Lösung echter Menschheitsprobleme ablenken könnten.

Pinkers Sorgen erscheinen berechtigt. Die morbide Beschäftigung mit menschengemachten Weltuntergangsszenarien dürfte das allgemeine kulturpessimistische Klima verstärken. Viele Menschen im Westen verbinden heute technologischen Fortschritt mit Naturzerstörung und modernen Lebensweisen, die als unnatürlich, ungesund und entfremdend wahrgenommen werden. Vom vermeintlich „blinden“ Fortschrittsglauben früherer Tage will man nichts mehr wissen. Dabei gerät in Vergessenheit, dass uns Fortschritt und Naturbeherrschung in den letzten 200 Jahren Freiheit, Wohlstand und Sicherheit von bisher nie gekanntem Ausmaß gebracht haben. Es gibt keinen Grund, diesen Weg aufzugeben, also ärmeren Nationen einen westlichen Lebensstandard vorzuenthalten und auf weitere Wohlstandsschöpfung und Naturgestaltung zu verzichten.

Einschläge und Ausbrüche

Doch selbst wenn menschengemachte existentielle Risiken wahrscheinlicher sind, als Kritiker wie Tait und Pinker glauben: Sie bleiben unbekannte Größen. Ihnen gegenüber stehen mindestens zwei „natürliche“ Szenarien, die schwerwiegende globale Folgen, bis hin zur Zerstörung der menschlichen Zivilisation, haben könnten und die mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit eintreten werden.

Erstens war unsere Erde schon immer einem Trommelfeuer von Objekten aus dem Weltall ausgesetzt. Die allermeisten verglühen in der Erdatmosphäre, doch die größeren können auf Land oder Meer treffen und verheerende Schäden verursachen. Am bekanntesten ist sicherlich der ca. zehn Kilometer große Asteroid oder Komet, der vor 66 Millionen Jahren auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán niederging. Dieser Impakt (Einschlag) verursachte ein Massensterben, dem mehr als die Hälfte der bestehenden Tier- und Pflanzenarten, darunter die Dinosaurier, zum Opfer fielen. Solch große Einschläge passieren durchschnittlich alle 100 Millionen Jahre.

„Bei Einschlägen und starken Vulkanausbrüchen sind es klimatische Veränderungen, die die meisten Todesopfer fordern.“

Doch auch kleinere Objekte in der Größenordnung von 0,6 bis 5 km, die viel häufiger (ca. alle 500.000 Jahre) die Erde treffen, können nach Ansicht von Forschern eine globale Katastrophe auslösen. Die Gefahr geht nicht so sehr vom Einschlag an sich aus, sondern von einer starken Trübung der Atmosphäre durch Aerosole, die eine globale Klimaveränderung (ähnlich einem nuklearen Winter) verursacht. Es ist mit einem Temperatursturz von mehreren Grad Celsius zu rechnen, der viele Monate anhält und weltweit zu Ernteausfällen führt. Diese könnten über 1,5 Milliarden Menschen das Leben kosten (das sind etwa 30 mal mehr, als den beiden Weltkriegen zum Opfer fielen).

Eine ähnlich zerstörerische Wirkung können starke Vulkanausbrüche entfalten. Die Bedrohung, die von ihnen ausgeht, ist ungleich größer, da sie weitaus häufiger auftreten als Einschläge aus dem All. Allein im Holozän, also dem gegenwärtigen ca. 11.700 Jahre umfassenden Abschnitt der Erdgeschichte, gab es fünf bis sieben Eruptionen der Stärke VEI-7, der zweithöchsten Stufe auf der Skala des Vulkanexplosivitätsindex (VEI). Wie bei den Impakten sind es bei solch starken Vulkanausbrüchen nicht so sehr die direkten Auswirkungen der Eruption, sondern klimatische Veränderungen, die die meisten Todesopfer fordern.

Die VEI-7-Eruption des indonesischen Vulkans Tambora im Jahr 1815 führte etwa zu einer globalen Abkühlung von ca. 0,5 Grad Celsius. Das Folgejahr ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. In Asien, Europa und Nordamerika kam es zu Missernten und Hungersnöten. Am Genfer See mussten Mary Shelley, ihr späterer Ehemann Percy Bysshe Shelley und die Schriftsteller George Byron und John Polidori ihren Sommerurlaub vor dem Kamin verbringen. Aus Langeweile begannen sie, Schauergeschichten zu schreiben, woraus sich die Idee für „Frankenstein“ entwickelte.

„Bei ‚normalen‘ Naturkatastrophen haben der technologische Fortschritt und steigende Wohlstand zu einer spektakulären Verringerung der Gefahren geführt.“

Die VEI-Skala ist logarithmisch. Eruptionen der höchsten geologisch nachweisbaren Stufe VEI-8 werfen also etwa zehnmal so viel Material aus wie Tambora 1815. Solche extremen „Supervulkan“-Ausbrüche passieren circa alle 50.000 Jahre. Der jüngste war der Ausbruch des Taupo in Neuseeland vor 26.500 Jahren. Bekannter sind jedoch Yellowstone (vor ca. 630.000 Jahren) und die gewaltige Toba-Eruption auf der indonesischen Insel Sumatra vor knapp 74.000 Jahren. Letztere schleuderte 2500 bis 3000 Kubikkilometer Gesteinsfragmente in die Atmosphäre und verursachte eine mehrjährige globale Abkühlung von 5-15 Grad Celsius. Die Vulkanologen William Rose und Craig Chesner schätzen, dass dieser Klimaveränderung ca. 60 Prozent der damals lebenden Menschen zum Opfer fielen.

Gegenmaßnahmen

Was bedeutet die Möglichkeit solcher globaler Naturkatastrophen für unser Verhältnis zum Fortschritt? Sind moderne Industriegesellschaften anfälliger für ihre Folgen, etwa weil sie komplexer oder durch bestehende Umweltprobleme geschwächt sind? Das erscheint unwahrscheinlich. Bei „normalen“ Naturkatastrophen haben der technologische Fortschritt und steigende Wohlstand zu einer spektakulären Verringerung der Gefahren geführt. So zeigen Daten der Amerikanischen Behörde für internationale Entwicklung (OFDA) und des belgischen Zentrums für die Forschung über die Epidemiologie von Naturkatastrophen (CRED), dass die Anzahl der Toten durch Stürme, Dürren, Überflutungen, Erdrutsche, Lauffeuer und extreme Temperaturen in den letzten 90 Jahren um 95 Prozent (!) zurückgegangen ist. Und das, obwohl sich im gleichen Zeitraum die Weltbevölkerung mehr als verdreifacht hat und einige Extremwetterereignisse (insbesondere Hitzewellen und Überschwemmungen in Küstengebieten) durch den anthropogenen Klimawandel zugenommen haben. Fortgeschrittene Gesellschaften sind in der Lage, Bedrohungen wie schwere Stürme vorherzusehen (etwa durch Satellitentechnologie) und sich vor den Folgen zu schützen (z.B. durch robuste Gebäude, Entwässerungssysteme oder Evakuierung).

Bei einem Impakt oder starken Vulkanausbruch kämen ähnliche Mechanismen zum Tragen. Die Idee, potentielle Impaktoren aus dem Weltall zu entschärfen, ist vielen Menschen aus dem Spielfilm „Armageddon“ (1998) bekannt und ist tatsächlich technisch machbar. Voraussetzung ist natürlich die frühzeitige Identifizierung gefährlicher Objekte. Hier sind wir auf einem guten Weg. Laufende Forschungsprojekte wie LINEAR oder der Catalina Sky Survey erfassen und überwachen immer mehr Asteroiden und Kometen. Für einen Asteroiden auf Kollisionskurs mit der Erde würde die Vorwarnzeit wahrscheinlich mehrere Jahrzehnte betragen, bei einem der (glücklicherweise viel selteneren) Kometen wohl nur einige Monate. Denkbare Gegenmaßnamen wären die Zerstörung durch Sprengung, die langsame Ablenkung via Reflektoren oder Schwerkraft oder die impulsartige Ablenkung durch Rammen oder Nuklearsprengsätze (letztere beiden Ansätze stehen im Mittelpunkt des aktuellen NASA-Projekts „Hammer“, das einen Flugkörper zum 500 Meter großen Asteroiden Bennu schicken will).

Im Gegensatz zu einem Impakt lässt sich der Ausbruch eines Supervulkans nicht durch technologische Maßnahmen verhindern. 1 Eine umfassende Überwachung von Bodendeformationen würde jedoch eine Vorwarnzeit von Monaten oder gar Jahren erlauben. Neben der Evakuierung der unmittelbaren Gefahrenzone wäre es möglich, Lebensmittelreserven anzulegen, die erwarteten klimatischen Veränderungen zu modellieren und Maßnahmen zur Anpassung der Landwirtschaft zu treffen. Eine internationale Expertengruppe schätzt, dass solche Schritte 50 bis 100 Prozent der Todesfälle durch Hunger verhindern könnten.

„Der Fortschritt hat uns nicht zerstört, sondern sorgt dafür, dass Knappheit und Leid weltweit immer mehr zurückgedrängt werden.“

In westlichen Gesellschaften gehört es heute zum guten Ton, die menschliche Hybris zu geißeln und Verzicht, Vorsorge und Selbstbeschränkung zu fordern. Dabei werden nicht nur Bedrohungen aufgebauscht oder – wie im Fall der grünen Gentechnik – komplett aus der Luft gegriffen. Von Anfang an beschworen die grünen Prediger explizit den Untergang der Menschheit, ob durch Überbevölkerung, das Versiegen der natürlichen Ressourcen, apokalyptische Klimaveränderungen oder noch nicht absehbare Nebenwirkungen unserer Lebensweise.

Keines dieser Szenarien ist eingetreten. Der Fortschritt hat uns nicht zerstört, sondern sorgt dafür, dass Knappheit und Leid weltweit immer mehr zurückgedrängt werden. Die Möglichkeit eines vulkanischen oder Impaktwinters bleibt jedoch eine ernstzunehmende Bedrohung für die Menschheit. Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, durch ein solches Szenario ums Leben zu kommen, für eine individuelle Person äußerst gering (für Asteroiden und Kometen beträgt sie laut einer wissenschaftlichen Arbeit ca. 1:20.000, vergleichbar mit der Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeugabsturz zu sterben). Bunkerbauen, Lebensmittelhorten und ähnliche Panikreaktionen, wie sie u.a. in der amerikanischen Reality-TV-Serie „Doomsday Preppers“ gezeigt werden, sind also vollkommen unnötig.

Langfristig gesehen ist das Eintreten einer solchen globalen Naturkatastrophe jedoch keine Frage des „Ob“, sondern des „Wann“. Öko-Ideologen halten die Raumfahrt oder moderne Technologien, die Überfluss schaffen (etwa in der Landwirtschaft und Energieerzeugung), für gefährlich und überflüssig. Doch tatsächlich ermöglichen uns diese und andere Errungenschaften, schwerwiegenden Gefahren zu trotzen. Erstmals in ihrer Geschichte ist unsere Zivilisation in der Lage, Impakte aus dem Weltall komplett zu verhindern und starke Vulkanausbrüche halbwegs intakt zu überstehen. 200 Jahre nach der Veröffentlichung von „Frankenstein“ braucht die Menschheit nicht zu fürchten, dass sich ihre technologischen Erfindungen gegen sie wenden und ihr Überleben gefährden werden. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie uns retten.