19.12.2011

Wider die Besorgnisgesellschaft

Rezension von Günter Ropohl

Walter Krämer leistet mit seinem Buch brillante Aufklärungsarbeit über gesellschaftliche Risikowahrnehmung und Panikmache. Für Günter Ropohl ist wichtig, dass er dabei die Frage beantwortet, woher das oft beobachtbare Missverhältnis zwischen Angstgefühl und realer Gefahr kommt

Allenthalben wird die Wissensgesellschaft beschworen, doch was ist das für eine Gesellschaft, in der ein Journalist, also jemand, der von Berufs wegen Wissen vermitteln soll, „jeden fünften Autofahrer“ mit „fünf Prozent“ gleichsetzt? Das zitiert Walter Krämer, Statistikprofessor und vielbeachteter Kritiker „populärer Irrtümer“, in seinem neuen Buch aus einer Tageszeitung (S. 278). Liest man das Buch, gewinnt man den Eindruck, dass wir nicht in einer Wissensgesellschaft, sondern in einer Besorgnisgesellschaft leben.

Die Medien überschütten das Publikum mit furchterregenden Prozentzahlen zu allen möglichen Gesundheitsgefahren, doch den Sinn solcher Zahlen verstehen nicht einmal die Urheber, geschweige denn die Leser. Krämer hat aus den vergangenen Jahren eine Fülle von Alarmmeldungen zusammengetragen, die ständig neue Verunsicherungen erzeugen, aber bei Licht betrachtet für die meisten Menschen völlig unerheblich sind: Rinderwahnsinn, Vogelgrippe, Schweinegrippe, alle möglichen Krebserreger und Schadstoffbelastungen, vergiftete Lebensmittel, kurz: ein Panoptikum von Hiobsbotschaften, die fortgesetzt lebensgefährliche Bedrohung suggerieren.

Dabei sind es genau genommen höchstens ein paar Einzelfälle, in denen Menschen durch solche „Risiken“ ernsthaft zu Schaden gekommen sind, und oft auch nur dann, wenn sie bereits durch eine Vorerkrankung belastet waren. Viel höhere Fallzahlen gibt es bei den ganz alltäglichen Vorkommnissen. Jährlich sterben in Deutschland jeweils ein paar tausend Menschen bei Verkehrsunfällen, Haushaltsunfällen, Krankenhausinfektionen und durch Selbsttötung; das ist mehr als die Bevölkerung einer Kleinstadt. Und beim Sport, das sei hinzugefügt, gibt es jedes Jahr Zigtausende von Unfällen, die längst nicht immer harmlos ausgehen. All das jedoch ist den Medien keine Schlagzeile wert, während jene verschwindend kleinen „Risiken“ immer wieder über Gebühr dramatisiert werden.

Das ist die Kernfrage, um die es in diesem Buch geht: Woher kommt das Missverhältnis zwischen hysterischem Angstgefühl und wirklicher Gefahr? Dafür gibt der Autor mehrere Gründe an, denen er, teilweise recht kursorisch, in zehn Kapiteln nachgeht. Da ist erstens der Alarmismus der Medien, die möglichst dick auftragen, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Damit können sie aber nur Erfolg haben, wenn sich das Publikum offenbar gerne in Angst und Schrecken versetzen lässt. Diese Angstbereitschaft erklärt Krämer mit atavistischen Instinkten, die früher, als die natürlichen Lebensumstände viel bedrohlicher waren, einen echten Überlebensvorteil boten, heute jedoch in einer weithin abgesicherten Zivilisation kaum noch mit wirklichen Gefahren korrespondieren und sich dann sozusagen freischwebend fiktive Gegenstände suchen.

Dieses evolutionstheoretische Argument könnte man freilich mit einer kulturtheoretischen Überlegung ergänzen, die Krämer übergeht. Jahrtausende lang haben die Herrschenden bei den Beherrschten planmässig Ängste geschürt, um damit ihre eigene Herrschaft als Beschützeraufgabe zu rechtfertigen. Besonders die Religionen haben sich damit hervorgetan, den Menschen die ewige Sorge um ihr „Seelenheil“ einzupflanzen, um dann selbst als Heilsbringer auftreten zu können. Der säkularisierte Zeitgenosse kann sich kaum noch vorstellen, wie tiefgreifend diese Besorgnis um „Erlösung“ in religionsbestimmten Gesellschaften das Leben geprägt hat – und in gewissen Teilen der Welt noch heute prägt: das Beten, das Büssen, das Fasten, das Opfern und die frommen Werke hat man ja nicht freudig aus eigenem Antrieb verrichtet, sondern vor allem aus der eingeimpften Angst heraus, anderenfalls verspiele man das „ewige Heil“.

Nun sind politische und religiöse Autokratien in der Moderne nicht mehr gefragt, aber die Angst, die sie erzeugten und missbrauchten, ist als undurchschautes und unbewältigtes Erbe lebendig geblieben. Was machen nun die Menschen mit ihrer tief verwurzelten Besorgnis, die bei herkömmlichen Autoritäten keine hilfreichen Tröstungen mehr findet? Sie erfinden für die Angst neue Objekte: die „Umwelt“ und die „Gesundheit“. Unterstützung erhalten sie bei paternalistischen Politikern, die sich den Wählern mit Bevormundung andienen, und bei gewissen Organisationen, die damit Zuschüsse und Spenden auf ihre Mühlen lenken wollen. Und es erhebt sich eine neue Autorität: die Wissenschaft. Vor allem die „Gesundheit“ ist zum Fetisch einer Ersatzreligion geworden, des Sanitarismus. Nicht umsonst kreisen all die Angst erzeugenden Alarmmeldungen, die Krämer genüsslich protokolliert, besonders um die vermeintlichen Krankmacher, die man peinlichst meiden sollte. Und natürlich führen die fortgesetzten Kassandrarufe regelmässig die Wissenschaft ins Feld, die mit ihren „Studien“ wieder einmal ein neues „Risiko“ entdeckt hat und mit allerhand verwirrenden „Grenzwerten“ um sich wirft.

Zu Recht kritisiert der Autor die Kurzschlüssigkeit der Epidemiologie, die statistische Untersuchungen über Erkrankungen und ihre Begleitumstände anstellt. Die Epidemiologie zählt Krankheits- oder Todesfälle, sie erfasst zugleich Besonderheiten in der Lebensführung oder in der Umwelt der Betroffenen, und sie setzt diese Zahlen zueinander in Beziehung. Ist die Zahl der Erkrankungen höher bei Menschen, die stärker einem bestimmten Lebens- oder Umweltumstand ausgesetzt sind als andere, folgert man, dass die Erkrankung mit diesem Umstand zu tun haben muss, und erklärt ihn kurzerhand zum „Krankmacher“. Mit anderen Worten: Was man zunächst nur als einen statistischen Zusammenhang ermittelt hat, deutet man vorschnell als ein Verhältnis von Ursache und Wirkung – ohne zu berücksichtigen, dass die Erkrankung auch ganz andere Ursachen haben könnte. Nachdenkliche Epidemiologen sind sich dieses Problems bewusst, aber die meisten öffentlichen Alarmmeldungen beruhen auf dem skizzierten Kurzschluss, und das Publikum versteht zu wenig von wissenschaftlichem Denken, als dass es das Schema dieser Irreführung durchschauen könnte.

Zum Krebsproblem kann Krämer allerdings als Statistiker beitragen. Die Zahl der Krebstoten in einem Land, weist er nach, steigt mit der durchschnittlichen Lebenserwartung (S. 152ff). Je älter die Menschen werden, desto grösser ist ihr Risiko, an Krebs zu sterben. Krebs ist grossenteils eine Alterskrankheit, und als plausiblen physiologischen Grund führt er an, dass die „Mechanismen“ der Zellregeneration mit fortschreitender Alterung störanfällig werden. Zwischen diesen einleuchtenden Überlegungen und den Bemerkungen zum Lungenkrebs von Rauchern hätte allerdings der Autor eine Querverbindung herstellen können. Tatsächlich sind nämlich auch zwei Drittel der Lungenkrebstoten – ob Raucher oder nicht, darüber sagt die amtliche Statistik nichts – älter als 65 Jahre. Auch Lungenkrebs ist mithin vor allem eine Alterskrankheit.

Da ich nun dieses unschickliche Thema bereits angeschnitten habe, muss ich beklagen, dass sich Krämer das „Passivrauchen“ – er erwähnt es nur beiläufig (S. 231f) – hat entgehen lassen, um seine Thesen zur Angstmanipulation zu illustrieren. Vor ein paar Jahrzehnten haben ein paar Tabakgegner das Gerücht in die Welt gesetzt, Nichtraucher würden durch Tabakrauch ernsthaft geschädigt. Tausende von Epidemiologen sind dieser Behauptung nachgegangen, aber sie haben wenig Überzeugendes herausgefunden. Trotzdem sind fragwürdige „Befunde“, zum Teil von geltungsbeflissenen Forschern und zum Teil von der Lobby der Tabakgegner, in die Medien lanciert worden. Die haben den Umgebungstabakrauch zum neuen „Krankmacher“ erkoren und damit eine panische Angst vor jedem kleinsten Rauchwölkchen provoziert. Wieder einmal halten die Menschen für wahr, was die Gazetten massenhaft als „wissenschaftliche Erkenntnis“ verbreiten. Wahr ist nicht, was man selber kritisch geprüft hat, wahr ist, was alle anderen sagen. Diese sozialpsychologische Regel macht Krämer zu Recht für andere Angstspiralen verantwortlich (S. 74ff), doch er vernachlässigt leider, dass es sich mit dem „Passivrauchen“ ganz genauso verhält. Sogar das Bundesverfassungsgericht hat sich von dieser Modemeinung düpieren lassen.

Sonst aber leistet Krämer brillante Aufklärungsarbeit, und man wünscht sich, dass er damit Erfolg hat. Aber der Autor weiss selber, dass bei den meisten Menschen die „Bauchgefühle“ stärker sind als die kritische Vernunft. So steht zu befürchten, dass er mit dem Satz von Immanuel Kant Recht behält, den er seinem Buch vorausschickt: „Dummheit ist der Mangel an Urteilskraft, und einem solchen Gebrechen ist nicht abzuhelfen“.

(Beiläufig bemerkt, scheint auch der Verlag auf das „Bauchgefühl“ des Publikums zu setzen, das wohl meinen soll, mit dem Ladenpreis von 19,99 EUR ein tolles Schnäppchen zu machen, das nicht einmal zwanzig Euro kostet.)