03.02.2015

Plädoyer für fossile Brennstoffe

Rezension von Andreas Müller

Die Moral gebietet, dass wir fossile Brennstoffe stärker nutzen. Dafür argumentiert der Philosoph und Energieexperte Alex Epstein in seinem Plädoyer für Kohle, Gas und Erdöl. Das Buch überzeugt mit einem entspannten Stil und überraschenden Fakten.

Fossile Brennstoffe haben einen denkbar schlechten Ruf. Lediglich eine finstere Lobby von profitgierigen Umweltzerstörern soll noch an den nicht regenerierbaren, aller Nachhaltigkeit widerstrebenden Rohstoffen festhalten. Natur- und Klimaverpestung würden rücksichtslos in Kauf genommen, um dem Gott der Geldgier ein Opfer darzubringen. Alex Epstein hat genauer hingesehen. Der Energieexperte räumt in seinem Buch The Moral Case for Fossil Fuels mit Irrtümern und falschen Behauptungen auf, die um das Thema fossile Brennstoffe kreisen. Am Ende ist es nicht zuletzt die Erdölindustrie, die allen irrationalen Anfeindungen zum Trotz aus den unnahbarsten Tiefen der Erde den Lebenssaft der Zivilisation pumpt. Die radikalen Klima- und Umweltschützer opfern derweil das menschliche Leben einem Götzen: Der vermeintlichen Heiligkeit einer vom Menschen ungenutzten Natur.

Das Buch beginnt mit einer Geschichte fossiler Brennstoffe – und wie sie unser Leben verbessert und verlängert haben. Es folgen Ausführungen über den stark unterschätzten Nutzen fossiler Energieträger auch in unserer Zeit. Der Treibhauseffekt und die Klimaerwärmung werden sorgfältig diskutiert. Der Autor weist nach, wie fossile Brennstoffe nicht nur unser Leben, sondern auch unsere Umwelt verbessert haben. Am Ende erklärt Epstein, warum wir im Interesse unserer Kinder und folgender Generationen moralisch angehalten sind, fossile Brennstoffe stärker zu nutzen.

Der Leser wird mit vielen überraschenden Fakten und Zusammenhängen konfrontiert. Epstein zeigt zum Beispiel auf, dass unsere fossilen Brennstoffe noch viele Jahrtausende ausreichen werden, wenn wir sie weiterhin so nutzen wie bisher. Gebrauchen wir beispielsweise Kohle wie bislang, so geht sie uns erst in 3050 Jahren aus. Das entspricht einem Zeitraum von mehreren Jahrhunderten vor der Antike bis zur heutigen Zeit. In der Moderne haben wir oftmals nur wenige Jahrzehnte benötigt, um neue Energiequellen zu erschließen. Ferner gibt es einen statistisch eindeutigen Zusammenhang, welcher der Intuition vieler Menschen widerstrebt: Je mehr fossile Brennstoffe wir nutzen, desto mehr haben wir davon.

Der Grund lautet, dass wir immer besser darin werden, Kohle, Öl und Gas aus schwer zugänglichen Bereichen zu fördern. „Zu unserem Glück sind die Kohle-, Öl- und Erdgas-Industrien sehr, sehr gut darin, diese verborgenen, eingesperrten und anderweitig nutzlosen Rohstoffe mittels Technik zu extrahieren und sie in Lebensenergie umzuwandeln – Rohstoffe, von denen in der menschlichen Geschichte niemand etwas wusste oder sich für sie interessierte.“ [1] 1985 hatten wir beispielsweise 750 Billionen Kilokalorien „bewährte Reserven“ an Gas – 2012 waren es etwa 1700 Billionen Kilokalorien. Und das, obwohl wir derweil immer mehr Gas verbraucht haben.

Der Autor erklärt, warum es weltweit kein einziges Kraftwerk gibt, das sich alleine auf Sonne und Wind verlassen kann – ohne von fossilen Brennstoffen, Atomkraft oder Wasserkraft gestützt zu werden. Die Sonne ist häufig durch Wolken verhangen und der Wind weht nicht immer stark genug. Schließlich stehen Sonne und Wind oftmals gar nicht als Energiequellen zur Verfügung. Ihre Energie lässt sich ferner nicht wirtschaftlich speichern. Wir brauchen also fossile Energieträger, um zu garantieren, dass die Lichter im Krankenhaus nicht plötzlich ausgehen. Das ist keine bloße Behauptung. Epstein veranschaulicht an einem Krankenhaus in Kenia, das sich auf Solarenergie verlässt, welche katastrophalen Folgen die ausschließliche Nutzung erneuerbarer Energiequellen haben kann. Dort ist es eine Frage von bloßem Glück, ob neugeborene Säuglinge überleben oder nicht.

Epstein belegt ebenso, dass bei einem massiven Anstieg von CO2-Emissionen in den letzten 80 Jahren ganze 98 Prozent weniger Menschen an Klima-bedingten Ursachen gestorben sind. Wir nutzen unsere Energie nämlich unter anderem, um uns besser vor Klimakatastrophen zu schützen. Entgegen weit verbreiteter Vorurteile steht auch fest: Während wir immer mehr fossile Brennstoffe nutzen, steigen die Luftqualität, die Wasserqualität, die Lebenserwartung, die Bevölkerungsgröße und das Bruttoinlandsprodukt pro Person in den USA immer weiter an. In Ländern wie China gibt es noch Probleme mit der Umweltverschmutzung durch die Nutzung fossiler Brennstoffe. Mit dem technischen und wirtschaftlichen Fortschritt stehen allerdings auch China immer bessere Filter- und Reinigungssysteme zur Verfügung.

Der Autor behauptet nun keineswegs, dass all diese begrüßenswerten Entwicklungen ausschließlich auf die Nutzung von Kohle, Gas und Erdöl zurückgeführt werden könnten. Er erläutert vielmehr, dass wir verlässliche und bezahlbare Energie als eine notwendige Bedingung benötigt haben, um unser Leben immer besser zu machen. Und: Wir benötigen sie weiterhin. „Wir brauchen Energie, um stabile Häuser zu bauen, um Wasser zu reinigen, um große Mengen frischer Nahrung anzubauen, um Wärme und Klimaanlagen zu produzieren, um Wüsten zu bewässern, um Malaria-verseuchte Sümpfe auszutrocknen, um Krankenhäuser zu errichten und um Arzneimittel herzustellen – neben vielen anderen Dingen.“ [2]

„Mit meinem philosophischen Hintergrund ist mir aufgefallen, dass die meisten Diskussionen über die globale Erwärmung keine 15 Sekunden Prüfung durch Sokrates standhalten würden.“

Die Klimaerwärmung ist real. Der Treibhauseffekt ist unter anderem auch menschengemacht. Aber, so wendet Epstein ein, die Klimaerwärmung entwickelt sich nicht katastrophal. Es gibt keine sogenannte „positive Rückkopplung“. Mit anderen Worten wird die Erwärmung nur durch das CO2 und andere Klimagase selbst erzeugt. Der Treibhauseffekt wird aber nicht durch andere atmosphärische Phänomene verstärkt – wie etwa durch eine vermehrte Bildung von Wasserdampf. Epstein nutzt die Daten der Klimaforscher, um die katastrophale Klimaerwärmung zu widerlegen.

Innerhalb von über 150 Jahren, von 1850 bis 2010, ist die globale Temperatur um weniger als ein Grad angestiegen. Zwar spielt das menschengemachte CO2 dabei eine Rolle, aber solche Trends hat es auch ohne Menschen in der Geschichte des Erdballs immer wieder gegeben. „Mit meinem philosophischen Hintergrund ist mir aufgefallen, dass die meisten Diskussionen über die globale Erwärmung keine 15 Sekunden Prüfung durch Sokrates standhalten würden, der seine Athener Mitbürger verstimmte, indem er sie um Definitionen ihrer vage gebrauchten Begriffe bat“ [3], stellt Epstein fest. Er zeigt auf, wie die häufig genannte Zahl jener 97 Prozent der Klimaforscher, die von menschengemachter globaler Erwärmung der katastrophalen Art ausgehen, zustande gekommen ist. Viel bleibt von dieser überwältigenden Mehrheit nicht mehr übrig. Obendrein meinen die Forscher etwas anderes damit, als vielfach behauptet wird.

Gegen Ende des Buches erläutert der Philosoph verschiedene Denkfehler, die mit der Ablehnung fossiler Brennstoffe einhergehen. Dazu zählt der „Missbrauch-Gebrauch-Trugschluss“. Demnach soll etwas gänzlich verboten werden, weil es auch missbraucht werden kann. Oder der „Kein-Schwellenwert-Trugschluss“. Demnach ist etwas, das in einer bestimmten Dosis giftig sein kann, grundsätzlich giftig.

Der letzte Satz des Buches bringt Epsteins Hauptaussage auf den Punkt: „Der menschliche Gebrauch von fossilen Brennstoffen ist in höchstem Maße tugendhaft – denn das menschliche Leben ist der Wertmaßstab und der Gebrauch fossiler Brennstoffe passt unsere Umwelt wunderbar an das menschliche Leben an.“ [4]

„Ich habe dieses Buch für jeden geschrieben, der die Welt zu einem besseren Ort machen möchte – für Menschen.“

Im Gegensatz zu anderen öko-kritischen Büchern profitiert The Moral Case for Fossil Fuels vom philosophischen Hintergrund seines Autors. Epstein sieht genauer hin, lässt keine nebulösen Aussagen gelten und argumentiert stets mit Blick auf eine klare moralische Richtlinie. Das menschliche Leben ist demnach der Maßstab der Ethik, anhand dessen Handlungen und Aussagen beurteilt werden. Der Mensch muss die Natur nutzen, um zu überleben. Eine ungenutzte Natur als Maßstab steht in direktem Gegensatz zu den Bedingungen des menschlichen Überlebens. Experten müssen Informationen stets im vollen Kontext nennen, objektiv informieren. Rationalität ist erforderlich, um die Realität zu erkennen und sie zu nutzen.

Leider erwähnt Epstein im gesamten Buch nie, wie die Philosophie, die Objektivität einfordert und das menschliche Leben als Wertmaßstab ansieht, eigentlich heißt. Es handelt sich um Ayn Rands „Objektivismus“. Alex Epstein war jahrelang für das amerikanische Ayn Rand Institute tätig, bevor er ein kleines Unternehmen gründete, um fossile Brennstoffe zu verteidigen. Man mag nun argumentieren, dass Rands Name viele Menschen noch immer abschrecken könnte, bedenkt man ihre Dämonisierung in so gut wie jedem journalistischen Artikel. Die öffentliche Wahrnehmung des Objektivismus beruht aber nun einmal, ähnlich wie die Wahrnehmung der Erdölindustrie, auf Denkfehlern, falschen Annahmen und absichtlicher Verzerrung seitens Autoren, die ihre eigene Agenda haben. Epstein hätte insofern gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können.

Davon abgesehen gibt es nichts am Buch auszusetzen. Im Gegenteil: Es ist klar geschrieben und einfach zu verstehen, sorgfältig recherchiert und die Grafiken tragen zum Verständnis statistischer Zusammenhänge bei. Deutsche Leser stoßen sich allenfalls an Epsteins persönlichen Geschichten und Anekdoten. Diese dienen ihm zur Veranschaulichung und um sein Anliegen aus den Augen der Leser zu betrachten. Er schreibt zum Beispiel: „Ich habe dieses Buch für jeden geschrieben, der die Welt zu einem besseren Ort machen möchte – für Menschen – und darunter für viele, die fossilen Brennstoffen abgeneigt gegenüber stehen, oder die sie zumindest skeptisch betrachten. Da ich selbst einst dieser Meinung war, ist mir bewusst, dass man ein gutes Motiv dafür haben kann.“ [5] Für amerikanische Sachbücher sind „Ichs“ und persönliche Anmerkungen typischer als für deutsche. In diesem Fall machen sie Epsteins Anliegen und ihn selbst jedenfalls sympathischer.

Man beendet die Lektüre mit einem tieferen Verständnis der Bedeutung von Energie allgemein, von fossilen Brennstoffen im Besonderen und des Phänomens der Klimaerwärmung. Man legt das Buch zudem mit einem Gefühl zur Seite, das man heutzutage selten bei der Lektüre eines Buches empfindet. Das Gefühl, dass der Mensch kein Opferlamm sein muss, sondern dass er ein Schöpfer ist, ein Denker, ein Macher. Der Mensch muss sich nicht der Willkür der Natur unterwerfen, sondern er sollte sie in eine Form bringen, die seinem eigenen Leben dient. Wir haben nämlich das Recht auf ein glückliches Leben, ob das den Dschungeln, den Siebenbürgener Teichmolchen, den natürlichen Felsformationen und deren Verehrern gefällt oder nicht.