02.10.2013

Neoliberale Werte

Rezension von Frank Furedi

Burgins faszinierende Untersuchung der Rolle liberaler Intellektueller, wie Milton Friedman und Friedrich Hayek, für die Rehabilitierung der Ideologie des freien Marktes, liefert spannende Einblicke in die aktuelle Krise des Liberalismus.

Das Buch The Great Persuasion: Reinventing Free Markets Since the Depression des amerikanischen Historikers Angus Burgins ist eine aufschlussreiche Untersuchung des langwierigen und beharrlichen Kampfes zur Rehabilitierung der Prinzipien des freien Marktes. Es konzentriert sich auf die Mont Pelerin Society, die nach Kriegsende das Marktprinzip wiederbeleben wollte, bietet aber auch tiefe Einblicke in die Krise des modernen Liberalismus.

Burgin erklärt, wieso die fehlende kulturelle Zustimmung für den Laissez-faire-Kapitalismus in den 1930ern nicht zu dessen endgültigem Untergang führte. Seine Studie beginnt in den späten Dreißigern, als viele davon ausgingen, der freie Markt würde niemals wieder den Status und das Ansehen des 19 Jahrhunderts erreichen. Das Buch endet mit dem triumphalen Comeback des freien Markts in den 1980ern. John Maynard Keynes war also etwas voreilig, als er in den 1920ern den Tod des freien Marktes verkündete. Bis in die 1980ern dominierte eher der Keynesianismus als die freie Marktwirtschaft, welche – wie Keynes formulierte – „inzwischen als Relikt einer rapide schwindenden, ökonomischen Welt betrachtet“ wurde. Burgin schreibt dazu: „In den 1980ern war die öffentliche Diskussion im angloamerikanischen Raum von der Annahme durchdrungen, der freie Markt müsse vor allen staatlichen Eingriffen geschützt werden“.

Burgin’s Darstellung der Wiederbelebung der Ideologie der freien Marktwirtschaft konzentriert sich auf ein kleines Netzwerk sehr engagierter Menschen. Diese Gruppen waren zwar isoliert und wurden in den „Diskussionen auf nationaler Ebene marginalisiert“, aber sie schafften es „als breite und diversifizierte Gemeinschaft aufzutreten, die von ihrem eigenen Projekt in supranationalen Dimensionen dachte. Laut Burgin lieferten diese Leute im Umkreis der Mont Pelerin Society einen entscheidenden Beitrag zum intellektuellen Einfluss der Lehre des freien Marktes. Dass eine Idee, die in den 1930ern noch auf Randgruppen der Gesellschaft beschränkt war, in den 1970ern ein derart triumphales Comeback hinlegen konnte, ist auf die harte Arbeit und den starken Einsatz einer Handvoll hervorragender Denker zurückzuführen.

Man sollte hier in Erinnerung behalten, dass der Rechten in den 1930ern und 1940ern buchstäblich die Worte fehlten. Denjenigen, die die Ideale der freien Marktwirtschaft hochhalten wollten, standen lediglich überkommene Begrifflichkeiten zur Verfügung, „die viele für widersprüchlich und obsolet hielten“. Das zeigte sich 1937, als im Rahmen des Colloque Lippmann – benannt nach dem Journalisten Walter Lippmann, Autor der liberalen Abhandlung „The Good Society“ – in Paris eine Gruppe Liberaler zusammenkam. Sie wollten ein internationales Netzwerk schaffen, um die liberale Doktrin des freien Marktes zu verteidigen, standen dabei aber zunächst vor der Frage nach einer geeigneten Selbstdefinition. Immerhin hatte der Begriff „Liberalismus“ durch die Assoziation mit der Manchester School stark gelitten (ein pejorativer Sammelbegriff für Manchesterkapitalisten wie Richard Cobden und John Bright, die im freien Handel tendenziell ein soziales und politisches Allheilmittel sahen). Diese 1937 in Paris versammelten Liberalen machten es sich also zur gemeinsamen Aufgabe, „den Liberalismus durch seine Umgestaltung zu retten, auch wenn diese Ideologie scheinbar unaufhaltsam in die späteren Phasen des selbstverschuldeten Niedergangs einzutreten schien.“ (Dieses Treffen gilt heute vielen als Gründung des Neoliberalismus).

„Das hartnäckigste Problem der Verteidiger des kapitalistischen Systems bestand darin, dieses mit einer philosophischen oder moralischen Begründung auszustatten.“

Laut Burgin konnten sich die Teilnehmer des Colloque Lippmann „nicht mehr als ‚Liberale’ verstehen, denn durch diesen Begriff wären sie mit genau derjenigen Philosophie in Verbindung gebracht worden, die sie doch gerade überwinden wollten“. Während des Treffens wurden Begriffe wie „Liberalismus“, „Neoliberalismus“, „Individualismus“, „Laissez-faire“ und „Linksliberalismus“ zwar immer wieder vorgeschlagen aber durchweg abgelehnt. Bemerkenswerterweise musste also die Bewegung zur Rettung der liberalen Tradition zunächst gegen den Verfall der eigenen Identität in der öffentlichen Wahrnehmung ankämpfen. In den folgenden Jahrzehnten versuchten die Anhänger dieser Tradition, sich um die Begriffe „klassischer Liberalismus“, „Libertarianismus“ und „Konservatismus“ zu organisieren. Laut Burgin wurde „das Scheitern der Mitglieder des ‚Colloque Lippmann‘ bei der Namensfindung jedoch in späteren Jahren zu einer Belastung für die Bewegung: Es fehlte die echte Einheit, und so identifizierten sich die Mitglieder zunehmend mit verschiedenen Bezeichnungen und bestanden vehement auf den jeweiligen Differenzen“.

Das Problem der Bezeichnung besteht bis heute. Als Ökonom der Chicagoer Schule trat Milton Friedman in den 1950er-Jahren zwar als Radikaler auf, aber auch er hatte Schwierigkeiten mit der Darstellung seines Standpunkts. Laut Burgin fehlten Friedmann – wenigstens in diesem Zusammenhang „die Worte“.

Hinter dem Problem der Namensgebung steckte jedoch ein weitaus grundsätzlicheres Problem: Wie war die kapitalistische Perspektive der freien Marktwirtschaft auf philosophischer und sozialer Ebene grundlegend zu rechtfertigen? In den 1930ern war Lippmann’s The Good Society „der zentrale Grundlagentext des Neoliberalismus: die erste Kritik der Wirtschaftsplanung und der ‚Laissez-faire‘-Methode in Form eines umfassenden und überzeugenden philosophischen Systems.“ Aber weder The Good Society noch Friedrich Hayek und seinem Kreis in späteren Versuchen gelang es wirklich, dem Kapitalismus ein tragfähiges moralisches Fundament zu geben.

Die Schwierigkeiten der Fürsprecher des freien Marktes angesichts der anti-kapitalistischen Kultur der 1930er und 1940er wurden schon oft diskutiert. Das hartnäckigste Problem der Verteidiger des kapitalistischen Systems bestand darin, dieses mit einer philosophischen oder moralischen Begründung auszustatten. Während des Kalten Krieges konnten die Befürworter des freien Marktes diesem Problem ausweichen. Denn angesichts der augenscheinlichen Mängel der zentralen Wirtschaftsplanung schien das Prinzip des offenen Marktes vorübergehend eine gewisse moralische Autorität zu besitzen.

Aufgrund des Fehlens einer intellektuell überzeugenden moralischen Begründung des Kapitalismus waren dessen Werte beständig der Kulturkritik ausgesetzt. Den Anhängern der Mont Pelerin Society war sehr wohl bewusst, dass das vorherrschende politische Klima ihrem Projekt eher feindlich gesonnen war. Selbst in der Blütezeit des Nachkriegsbooms der 1960er war die Idee des Kapitalismus für das intellektuelle und kulturelle Leben nur von begrenzter Attraktivität. Und Ende der 1960er-Jahre trat der so genannte Selbstwiederspruch des Kapitalismus dann offen zutage, denn viele der für ihn grundlegenden Werte wurden nun zunehmend vor dem Hintergrund eines sich anbahnenden langwierigen Kulturkampfes kritisiert.

„Bis heute ist die Haltung der Rechten in moralischen Fragen defensiv und war daher in den meisten kulturellen Diskussionen unterlegen.“

Damals versuchte der Journalist John Davenport zu erklären, warum die Ideen der Mont Pelerin Society so sehr auf Ablehnung stießen. Laut Burgin hat Davenport der Society bei einem Treffen in den 1970ern geraten, die „utilitaristische“ Konzeption der Ökonomie hinter sich zu lassen und stattdessen „die eigenen politischen und philosophischen Prämissen noch einmal zu überdenken“. Er behauptete, der einseitige Fokus auf ökonomische Effizienz lenke von den Normen und Werten ab, die man zu vermitteln versuche. Er sagte: „Wir behaupten zwar, Ökonomie ist neutral. Aber bei dem Versuch, die Wahlmöglichkeiten und Optionen des Menschen zu maximieren, waren wir alles andere als neutral. Unter der Hand wollten wir das politisch und menschlich ‚Gute‘ definieren. Stattdessen sollten wir uns aber offen zu unseren Werten bekennen“.

Der Vorschlag von Davenport zielt also darauf ab, den intellektuellen Waffen der Idee des freien Marktes diejenigen des Konservatismus zur Seite zu stellen. Seiner Ansicht nach sollten sich die Liberalen „wenigstens ein bisschen um den Bereich der Moral kümmern“, um Raum für die Vorstellung zu schaffen „die verschiedene Konservative schon lange vertreten, nämlich dass es dem Menschen im Leben nicht nur um das Streben nach Genuss sondern nach etwas ganz anderem geht – dem Streben nach Exzellenz – oder nennen wir es doch gleich Tugendhaftigkeit“. Laut Burgin plädierte Davenport letztlich für die Rückbesinnung auf das ursprüngliche Ziel der Entwicklung einer „allgemein verständlichen, moralischen Weltanschauung“. Das wäre die Grundvoraussetzung für die Entwicklung eines freien Marktes, „der die Gesellschaft überzeugen würde“. Die Forderung der Unterordnung liberaler Impulse unter konservative Traditionen lässt sich jedoch auch völlig anders verstehen, nämlich als Eingeständnis der ausweglosen moralischen Lage des Liberalismus zur damaligen Zeit.

Auf die Frage, warum es nicht gelungen ist, eine „allgemein verständliche, moralische Weltanschauung“ zu entwickeln, gehen weder Burgin noch die führenden Köpfe der Mont Pelerin Society ausdrücklich ein. Man hat das mit Sicherheit nicht einfach vergessen, denn etliche Mitglieder der Society – darunter auch der prominenteste Vertreter Friedrich Hayek – widmeten der Einführung dieses Projektes in den 1950ern und 1960ern viel Aufmerksamkeit. Die Konzentration der Society auf die Wirtschaft ergab sich vor allem daraus, dass mit prokapitalistischen Argumenten in diesem Bereich am meisten zu erreichen war. Der Versuch traditionelle, moralische Werte als Fundament des modernen kapitalistischen Lebens wiederzubeleben, war wiederum ein schwierigeres Projekt. Bis heute ist die Haltung der Rechten in moralischen Fragen defensiv und war daher in den meisten kulturellen Diskussionen unterlegen.

Im Jahre 1972 warnte der neo-konservative Ideologe Irving Kristol, der Kapitalismus lebe von dem durch die früheren Philosophien „akkumulierten moralischen Kapital“. Er kritisierte die Tendenz Befürworter des freien Marktes, den Materialismus über alles zu loben und zugleich die Gefahren eines kulturellen Niedergangs zu verkennen. Er störte sich am Fahlen eines moralischen Fundaments des Kapitalismus und rief die Mitglieder der Mont Pelerin Society zum Kampf für kulturelle Werte auf. Laut Burgin glaubte Kristol, die Mitglieder der Society führten „noch immer einen Kampf, den sie eigentlich längst gewonnen hatten“. Auf dem Treffen 1972 sagt er, „diese ideologische Schlacht ist ausgestanden und die Diskussion über die relativen ökonomischen Vorteile zentraler Wirtschaftsplanung gegenüber dem freien Markt ist bereits entschieden“. Laut Kristol müsse der Kampf im Bereich der Kultur ausgetragen werden. Er erklärte der Society, die Neue Linke habe den Kampf um Effizienz aufgegeben, um sich stattdessen den Werten zuzuwenden. Was die Neue Linke von den Vorgängern unterschied war laut Kristol, die Weigerung „ihrer Vertreter, ökonomisch zu denken, und ihre Abneigung gegen die bürgerliche Gesellschaft, gerade weil diese zu ökonomischem Denken neigt“. Kristol stellte diese Kritiker nicht als progressiv, sondern als „zutiefst regressiv“ dar und bemerkte, die Neue Linke habe einfach den Denkansatz der alten Rechten übernommen, die „die liberal bürgerlichen Revolutionen des 18ten und des 19ten Jahrhunderts nie akzeptiert haben“.

Laut Kristol habe die säkulare libertäre Philosophie „angesichts des Sittenverfalls mangelnden Einfallsreichtum bewiesen“. Laut Burgin meinte Kristol, dass „die Mitglieder der Mont Pelerin Society ihre ökonomischen Einsichten in einen umfassenden, moralischen Rahmen einbetten müssen, der auch der Tugend Raum gibt und dem menschlichen Handeln in den Bereichen Grenzen setzt, wo der Markt gedrosselt werden soll“. Mit anderen Worten wollte Kristol die Mitglieder der Society dazu anhalten, sich selbst wieder als soziale und kulturelle Konservative darzustellen.

„Was die Neue Linke von den Vorgängern unterschied war laut Kristol, die Weigerung ‚ihrer Vertreter, ökonomisch zu denken‘”

Milton Friedmann war zu diesem Neokonservativismus nicht bereit. Er war der Ansicht, die freien Märkte besäßen selbst eine moralische Dimension. Anders als Hayek, unternahm er keinen wirklichen Versuch die Verteidigung der freien Marktwirtschaft mit der konservativen Weltanschauung in Einklang zu bringen – und er ging bei der Verteidigung des Marktes viel weiter. Laut Burgin formulierte Friedman die Bedingungen der Diskussion um und warb für eine „unapologetisch marktorientierte Welt.“ Frühere Kritiker der Wirtschaftsplanung, wie etwa Frank Knight, Wirtschaftsexperte der Universität Chicago, konnten zwischen Markt und Moral kaum eine Verbindung erkennen“. Demgegenüber argumentierte Friedman, indem der Markt die Verantwortung des Einzelnen betont, „trägt er elegant und zuverlässig zur Förderung tugendhaften Verhaltens bei“.

Burgins Auseinandersetzung mit Friedmans bemerkenswerter Karriere und seinem Einfluss, konzentriert sich zu sehr auf dessen Taktiken zur Beeinflussung des öffentlichen Lebens. Zweifellos war ein hervorragender und einflussreicher öffentlicher Intellektueller mit erstklassigen kommunikativen Fähigkeiten. Aber Friedman profitierte auch vom ökonomischen Aufschwung der Nachkriegszeit und den globalen ökonomischen Bedingungen, die seinen Ideen ohne weiteres zugutekamen. Ende der 1960er- bis Mitte der 1970er-Jahre „schienen seine Ideen ungemein zutreffend, während diejenigen seiner zahlreichen Gegner sich wiederholt als falsch erwiesen“. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Probleme, die mit der massiven Steigerung der öffentlichen Ausgaben und den Leistungsschwächen des Wohlfahrtstaates zusammenhingen, den Reiz der Planung unterminiert. Der Zerfall des sowjetischen Systems geplanter Modernisierung war nur zu augenscheinlich. Anders als Hayek, war Friedman nicht mehr mit einer Welt konfrontiert, in der Wirtschaftsplanung ideologische Hegemonie genoss. So wurde Friedmans Liberalismus der freien Marktwirtschaft seiner Zeit gerecht, was letztlich dadurch bestätigt wurde, dass der 1976 den Nobelpreis erhielt.

Die Marktwirtschaft hat zweifellos über den Keynesianismus und andere Versuche der Wirtschaftsplanung triumphiert. Weniger klar ist jedoch die Rolle der verschiedenen Gruppen bei dieser Entwicklung. Was diesem eleganten Buch fehlt, ist eine Bewertung der wichtigen externen Entwicklungen – des Nachkriegsbooms, des Verlusts der moralischen Autorität der Sowjetunion und der Zerfall des Wohlfahrtstaates –, die den Weg des ökonomischen Denkens von den 1960ern bis heute beeinflusst haben.

Selbst während der Hochphasen hielt sich der Triumph der Ideen eines kapitalistischen freien Marktes immer in Grenzen. Vor allem konnte er die Bevölkerung in der Breite nie wirklich inspirieren. In seinem 2004 erschienen Artikel „The Battle is Half Won“ schrieb Friedman, die Stimmung nach dem zweiten Weltkrieg war „sozialistisch, aber die Praxis war freiheitlich marktorientiert; derzeit ist die Stimmung freiheitlich marktorientiert aber die Praxis ist in weiten Bereichen sozialistisch“. Friedmann folgerte: „Wir haben die ideelle Auseinandersetzung größtenteils gewonnen (auch wenn ein Sieg hier nie für alle Zeiten währt); wir haben den Vormarsch des Sozialismus aufgehalten, aber wir konnten ihn noch nicht zurückschlagen“. Was Friedman als eine halb gewonnene Schlacht beschrieb, kann auch als Teil einer umfassenderen Auseinandersetzung verstanden werden, bei der es keinen klaren Sieger gibt. Außerdem haben Friedman und seine Mitstreiter an der ökonomischen Front zwar erhebliche Fortschritte erzielt, mussten an der kulturellen Front aber zugleich verschiedene Niederlagen einstecken.

Zweifellos haben Friedman und sein Kreis einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet, dem wirtschaftlichen Denken wieder zu seinem Recht zu verhelfen. Ihr Engagement ist beispielhaft für die Bedeutung, die der kontroversen Diskussion von Ideen in der modernen Gesellschaft zukommt. Der Neoliberalismus ist heute zwar unpopulär, aber Alternativen zu ihm glänzen vor allem durch Abwesenheit. Deshalb ist unsere aktuelle globale Wirtschaftskrise mit der Situation in den1930er-Jahren auch nicht vergleichbar.