23.04.2015

Möglichkeiten des Rausches

Analyse von Tobias Prüwer

Rauschzustände können religiöser Natur sein, leistungssteigernd oder bewusstseinserweiternd. Wie der Rausch wurde, was er heute ist, und wie sich seine öffentliche Wahrnehmung verändert hat, anhand einer Doppelrezension zweier Bücher zum Thema

"Oh wer erzählt uns die ganze Geschichte der Narcotica! — Es ist beinahe die Geschichte der „Bildung“, der sogenannten höheren Bildung!"  - Friedrich Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft


„Für mich sind Drogen ein Teufelszeug, egal ob sie Haschisch oder Crystal heißen“, meinte in einer Debatte zur sächsischen Landtagswahl der amtierende Ministerpräsident Stanislav Tillich, klare Kante zu zeigen. Am Tag darauf sah er hingegen kein Problem, auf einem Grillfest in Freital ein Fass Freibier anzuschlagen. Den Widerspruch zwischen dem Wettern gegen Rauschmittel und dem Lob des Alkohols zu entdecken, ist nicht nur Tillich nicht im Stande. Rauschmittel werden nicht nur unterschiedlich bewertet, sie werden mitunter gar nicht unter demselben Begriff gefasst – sonst müsste sich ein Drogenverbotspolitiker wie Tillich auch gegen Alkohol aussprechen. Crystal Meth ist keinesfalls eine US-imperialistische Erfindung oder Designerdroge der Spaßgesellschaft, sondern puschte und euphorisierte im Zweiten Weltkrieg als sogenannte „Panzerschokolade“ Wehrmachtssoldaten. Name des Wachhaltemittels: Pervitin. Und während man im England des 18. Jahrhunderts eine „Gin-Epidemie“ geißelte, gehört es heute zum kulturellen Kapital, über die Vorzüge von Tanqueray No. Ten oder Bombay Saphire zu streiten.

„Crystal Meth ist keinesfalls eine US-imperialistische Erfindung oder Designerdroge der Spaßgesellschaft“

Wie Rauschmittel unterschiedliche Bewertungen finden und fanden, so ergeht es dem Rausch nicht anders. Zwei Bücher rückten ihm zu Leibe und ergänzen sich aufgrund ihrer diametralen konzeptuellen Zuschnitte – einem diskurstheoretischen und einem materialistischen – wunderbar zur gemeinsamen Lektüre. In einer solchen sollen sie hier vorgestellt und dabei gezeigt werden, wie sich das Konzept des Rausches erst allmählich in der „westlichen“ Kultur herausschälte, der so gefundene Begriff sich veränderte und welche Potenziale er jenseits der Verdammung einzelner Drogen birgt.

Die Entdeckung des Rausches

Mit der Katerstimmung ist er schon wieder verflogen, der Rausch. Unbestimmbar ist er für den Kopf, den er befiel: Wie bin ich nach Hause gekommen? War ich peinlich? Doch auch der theoretische Zugriff auf den Rausch muss besondere Hürden überwinden. Wenn der Rausch herrscht, ist das beobachtende Bewusstsein umgekrempelt, der Blick nach innen unscharf, das Ich flöten gegangen. Rausch wird – ob negativ oder nicht bewertet – als Bewusstsein und Wahrnehmung übersteigend gesehen, gilt als kreativer Motor oder ultimative Verblödung. Immer aber wird heute Rausch im Verhältnis zu einem intellektuellem Subjekt gedacht. Das ist nicht zwingend und war auch nicht immer so, zeigt Robert Feustels Grenzgänge. [1]

Seine Studie der Rauschdiskurse und Drogendeutungen zeichnet die Geburt des Rauschbegriffs vom Renaissance-Fest zur Rave-Techno-Kultur nach. Dabei stellt er zunächst klar, dass es den Rausch nicht gibt. Er ist – wie so viele Praktiken, Phänomene, Erfahrungen – keine Universalie, die man durch eine Kulturgeschichtsschreibung aufspüren und als bruchlose Traditionslinie von einem Ursprung bis heute nachverfolgen kann. Der Rausch ist nicht nur im oder am Individuum flüchtig und fragil, sondern auch als historischer Gegenstand. Ohne klar bestimmbare Essenz und Wesenskern erscheint der Rausch im Kontext historischer Realitäten jeweils anders, wie sich auch die Rauscherfahrungen unterscheiden, je nachdem, wie man über sie spricht und urteilt. Interessanterweise – so ist zu erfahren – trifft das nicht nur auf den Rausch zu, sondern gilt ebenso für das Subjektkonzept, also die Lichtseite der Vernunft.

„Eine Genealogie ist eine historische Auflösung selbstverständlicher Identitäten“ [2]: Feustels an Michel Foucault geschulte Genealogie dokumentiert in einem beeindruckenden Bogen, wie sich das Rauschkonzept in der Moderne herausschält und welchen Wandlungen es dabei unterliegt. Er untersucht vier Zeiträume mit ihren entsprechenden Diskursen darauf hin, wie Rausch dort zum Gegenstand wird. Zunächst war der Rausch an Alkohol und Christentum gebunden: Das Fest wird zum kurzen Ausnahmezustand und Moment kollektiver religiöser Erfahrung. Rausch ist Trunken- und Torheit, ist etwa im Karneval oder der gesellschaftlich-geselligen Verabredung legitimiert. Zugleich findet sich der Zustand von Moralaposteln verdammt – die anders als heute unsittliche und Seelenheil gefährdende Wirkung statt einer Gesundheitsschädigung ausmachten. Weil damals Körperlichkeit anders gedacht wurde und der moderne abgeschlossene Körper noch nicht existierte, war der frühneuzeitliche Rauch immer ein kollektives Phänomen – Ängste um getrübte Subjektivität und Ich-Verlust werden daher erst später aufkommen.

„Dem ‚Ich-Zerfall‘ galt ab dem frühen 20. Jahrhundert die Warnung der Experten, Rausch wurde weiter pathologisiert“

Ab Ende des 18. Jahrhunderts rückt der Rausch in den medizinischen Diskurs und jetzt auch ins Hirn des einzelnen Menschen. Er droht, das bürgerliche Subjekt aus der Balance zu bringen, wird als Geistesstörung gedacht – zu dieser Zeit wird immerhin auch die Verrücktheit als Krankheit identifiziert – und ist bester Kumpel von Wahn und Halluzination. Der jetzt fest gedachte Ich-Kern droht im Rausch (temporär) unterzugehen, der Schlaf der Vernunft gerät zur Mahnung. Medizin und beginnende Psychologie schauen, wie der Rausch die Cogito-Autonomie untergräbt.

Die Zerstörung des Ichs im Rausch wurde vielfach kritisiert, aber zugleich von der Romantik und lebensphilosophisch bewegten Strömungen bejaht, die im dionysischen Rausch etwas Schöpferisches und eine Befreiung erkannten. Als Bewusstseinserweiterung dank Drogen wurde er gesehen – die rhetorisch-verschleierte Verschleierung der drogeninduzierten Wahrnehmungsminderung inklusive. Neben einer Verschärfung und Intensivierung der Drogen-Diskurse werden in der nächsten historischen Etappe Sucht und Abhängigkeit virulente Themen rund um den Rausch. Dem „Ich-Zerfall“ galt ab dem frühen 20. Jahrhundert die Warnung der Experten, Rausch wurde weiter pathologisiert und Abstinenzbewegungen kristallisierten sich als radikale Rauschgegner heraus. Während andere die Grenzüberschreitung in Literatur und Kunst feiern und den Menschen hier zurück in seinem eigentlichen, natürlichen Bewusstsein sehen und teilweise dem Rausch auch eine gesellschaftsverändernde Kraft attestierten.

Letztere steht im Zentrum des abschließenden Untersuchungszeitraumes, welchen LSD, Hippies, Beatniks in den USA der 1950er und 1960er bestimmen. Die psychedelische Erfahrungslust gab sich dem Rausch hin, aber nicht alle beamten sich einfach komplett weg oder schossen sich mental ab. Was einigen nur als Eskapismus und Ausschalten des Alltags diente, nutzten andere gegenkulturell. Hier keimte auch im Rausch eine Bewegung mit politischer Sprengkraft, die man später 68er nennen sollte. Danach verliert das Transgressive des Rausches an Bedeutung. „Neben den psychedelischen Diskurs gesellen sich Vorstellungen von Rausch als esoterischer Selbsterfahrung, als hedonistischer Ablenkung, kreativitätsfördernder Leistungssteigerung, simpler Entspannungstechnik, Weltflucht, erotischem Erleben oder kollektiver Entgleisung.“ [3]

„Der Rausch wird zum Motor der Leistungssteigerung, zur geistigen Mobilmachung des flexiblen Menschen.“

Zur allgemeinen Drogenkriminalisierung, die Rausch als Selbstzerstörung wahrnimmt, gesellen sich Optimierungsträume: „Work hard, play hard“, Stresskompensation, mit Amphetaminen zum „Two-Nighter“ oder durch Schlafentzug berauscht als „Entscheider“ durch Politik und Wirtschaft brausen. „Es weiß ja niemand, wie die letzten Jahre gelaufen wären, wenn die Lehman-Brüder ausgeschlafen hätten, oder wenigstens Bahnchef Grube, Thomas Middelhoff und Wolfgang Urban, oder noch besser alle Börsenzocker und Politiker. Was man weiß, ist, dass die traurige Wahrheit der meisten Ich-komme-mit-vier-Stunden-Schlaf-aus-Helden etwas anders aussieht als die Selbstwahrnehmung: Napoleon ist immer wieder auf seinem Pferd eingeschlafen, seine Leute waren froh, wenn er nicht runtergefallen ist. Edmund Stoiber nahm seine Powernaps gelegentlich in wichtigen Sitzungen.“ [4] Der Rausch wird zum Motor der Leistungssteigerung, zur geistigen Mobilmachung des flexiblen Menschen.

Interessant ist beim Durchgang durch Feustels Arbeit, wie die Entdeckung des Subjekts mit den Diskussionen über den Rausch verbunden ist. Das für die moderne Philosophie so basale Konzept des erkennenden Ichs – für das bürgerliche Bewusstsein so wichtige Moral-Instanz – betritt gerade dann die Weltbühne, als das Individuum die Augen öffnet. In der nicht nur für diskurstheoretisch Eingeweihte lesbaren Studie wird die Schwierigkeit offenbar, objektiv über Rausch zu sprechen. Denn man muss zunächst einen Begriff von „normalem“ Bewusstsein haben, bevor man sich auf dessen Verneblung einen Reim machen kann. Das Grundproblem, wie über Rausch überhaupt zu sprechen ist, illustriert ein Versuch Hunter S. Thompsons schön: Er fertigte Mitschnitte seiner Räusche an, um sie zu dokumentieren, aber nüchtern sagten ihm seine Protokolle nichts. Und dennoch birgt der Rausch als das Andere oder ein Anderes der Vernunft Möglichkeiten, um die ein anderes Buch thematisch oszilliert.

Rausch, Störung, Widerstand

Leben im Rausch von Daniel Kulla [5] ist es darum bestellt, neben der Kritik an der Kriminalisierung eines vermeintlich falschen Rausches zu erörtern, was Räusche mit dem Menschen anstellen und was dieser mit dem Rausch so alles anstellen kann. Er macht eine komische Verengung des Konzepts aus, aus der heutigen Rauschvorstellung fallen Schlaf und Traum heraus, religiöse und quasi-religiöse Erlebnisse wie das Aufgehen in der Masse von Fußballfans oder im Rockkonzert ebenso. Auch die kapitalistische Gesamtsituation fußt auf sanktioniertem Rausch – trotz biopolitisch-gouvernementaler Verbotsbewegungen etwa gegen das Rauchen.

Leistungsdruck und Existenzangst sind systemisch willkommene Pusher – Downer kommen schon von allein. Schon zeichnet sich eine Ermüdungsgesellschaft (Byung-Chul Han) ab, in der Selbstausbeutung zur heute prägenden Gewalterfahrung gedeiht. War noch die Kontrollgesellschaft äußerlich gewaltförmig und setzte auf Abschöpfung, so hat sich das Gewalttätige im Leistungsprinzip verinnerlicht und wirkt sich als Selbstausbeutung bis zur Entkräftung aus. Weil sie von innen kommt, ist diese Gewalt von einer scheinbaren Positivgestimmtheit getragen, die sie gefährlich macht: Das Subjekt sieht sich vor unzähligen Möglichkeiten und Freiraum und entwirft sich dahin, wird selbst zum Projekt. In der so um sich greifenden Dopingkultur regiert der Zwang zur Körper- und Leistungsoptimierung. Erschöpfung, Ausgebranntsein, Depressionen sind nicht nur modische Erscheinungen, sondern auch ernst zu nehmende Folgen.

Drogengebrauch – ob legal oder illegal – verfügt Kulla zufolge über eine Eigenheit, die ihn von anderen so genannten Ventilsitten unterscheidet. Das sind soziale Regeln, die Spannungen neutralisieren und sie in harmlose Bahnen kanalisieren oder in der Berauschung an der Gemeinschaft dem Individuum Halt geben. „Gleichschritt und andere Formen synchroner Bewegung“ – ob Parade, Marsch oder traditioneller Tanz – zeitigen solch einen Effekt: „Die Synchronizität stärkt das Gefühl der Zusammengehörigkeit.“ [6] Ventilfunktion kommt dem Karneval zu, Sportwettbewerbe, Feste und viele Unterhaltungsformate zählen dazu – auch der Drogenkonsum. Aber diese Rauschmittel sind schneller und effektiver als die anderen Formen. Man kann sie individuell nehmen, ohne Ritual. Dem haftet ein Moment des Unkontrollierten an. „Die Substanz ermöglicht grundsätzlich eine größere Selbstbestimmtheit und eine geringere Abhängigkeit von Gemeinschaften, woran jedoch viele der Gebrauchenden gerade scheitern.“ [7]

„Andere soziale Kontexte ermöglichen andere Rauschzustände“

Letztlich seien es nicht die Drogen an sich, sondern gesellschaftliche Zustände, an denen die Menschen leiden (können) – andere soziale Kontexte ermöglichen andere Rauschzustände, wie der Rausch eben auch andere Kontexte kurz aufscheinen lassen könne. „Rausch kann eine Ebene der Transzendenz erzeugen, Ähnlichkeiten aufzeigen und Unterschiede betonen, er kann aber auch alles verwischen und einebnen, seine eigene Mystifizierung und Veräußerlichung begünstigen.“ [8] Vom eher stabilisierenden „Betäubungs- und Leistungsrausch“ unterscheidet Kulla den überwindenden, „meist zumindest verpönten, oft aber direkt unterdrückten Lust- und Erkenntnisrausch“. [9]

Materialistisch ist Kullas Perspektive, weil er sich dem Rausch auch neurowissenschaftlich nähert. Als zunächst überreizter Ausnahmezustand des Nervensystems kann der Rausch eine Differenzerfahrung bewirken, Momente der Verdichtung, die Ideen durch neue Verknüpfungen entstehen lassen. Rausch könnte so als etwas Anderes wirken denn dumpfe Betäubung, Ablenkung oder ekstatische Bejahung kontemporärer sozialer Pathologien. Als Assoziationsrahmen oder Labor des Imaginären könnte er Möglichkeitsraum aufscheinen lassen und vielleicht das kitzeln, was Musil als Möglichkeitssinn skizzierte: „Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.“ [10]

Oder, wie Kulla in seinem Anstöße gebenden Buch selbst formuliert: „Zu kultivieren wäre der Moment des Innehaltens und der Besinnung, letztlich der Besinnung des Ich auf das, was es am besten kann: es also davon abhalten, den Rausch zu unterdrücken oder sich in ihm zu verlaufen, sich jenseits des Geltungs- und Wirkungsbereichs zu verzetteln und Kompetenz anzumaßen, und es stattdessen dazu anhalten, den Rausch zu entfalten, sich der Rätsellösung zu widmen, das reichhaltige Material, das ihm vom hochempfindlichen Nervensystem angeboten wird, das sichtbar werdende Unsichtbare, zur theoretischen und praktischen Lösung des großen Rätsels der Herrschaft und ihrer Überwindung, zur Einrichtung einer besseren Welt zu verwenden. Dazu würde auch gehören, das Versprechen der Ausnüchterung aufzugreifen und zu überlegen, wie das angestrebte mündige Subjekt, dieser zurechnungsfähige Mitmensch, auf den man sich verlassen kann, unter Einbeziehung des Rauschs denkbar wäre.“ [11]