17.06.2026
Mehr Dialog wagen
Rezension von Gunter Zimmermann
Gefühle gegen Populismus einsetzen möchte Johannes Hillje. In seinem Buch „Emotionen wagen“ gibt er Mainstream-Parteien Ratschläge und grenzt andere aus.
„Mehr Emotionen wagen“, rät der Politikberater Johannes Hillje in einem Buch mit dem gleichnamigen Titel einer grünen Bourgeoisie, die ihre jahrzehntelange kulturelle Hegemonie und politische Vorherrschaft durch den unaufhörlichen Aufstieg anderer gesellschaftlicher Klassen bedroht sieht. Der Publizist, zu dessen Auftraggebern die Heinrich-Böll, die Friedrich-Ebert- und die Friedrich-Naumann-Stiftung gehörten – die parteinahen Stiftungen der Grünen, der SPD und der FDP – war im Bundestagswahlkampf 2025 als Berater der Grünen tätig. Er will den Politikern der genannten Parteien, also den politischen Repräsentanten der grünen Bourgeoisie, nach dem Untertitel des genannten Werkes zeigen, „wie wir Angst, Hoffnung und Wut nicht dem Populismus überlassen“.
Im Unterschied zu anderen Soziologen und Politikwissenschaftlern wie Felix Heidenreich oder Eva Illouz hält Hillje immerhin daran fest, dass Emotionen nicht an sich „demokratisch“ oder „undemokratisch“ sind. Angst, Hoffnung und Wut lassen sich – das erkennt er – nicht in diesen Kategorien erfassen, sondern sind letzten Endes unpolitische Äußerungen allgemein menschlicher Erregungen und Gemütsbewegungen. Doch er sieht in der politischen Rhetorik in jeder Form Strategien und Vorgehensweisen am Werk, die er selbst insgesamt als „Emotionalisierung“ bezeichnet. Unter diesem Gesichtspunkt ist es seiner Ansicht nach möglich, zwischen „demokratischer“ und „undemokratischer“ Emotionalisierung zu unterscheiden.
Heilmittel „Demokratische Emotionalisierung“?
Aus verständlichen Gründen erläutert der Politikberater nicht, was er unter einer „demokratischen Emotionalisierung“ versteht – es gibt sie nicht. Dagegen fühlt er sich in der Lage, die „undemokratische Emotionalisierung“ genau und präzise zu bestimmen. Sie ist seiner Auffassung nach bestimmt durch vier Begriffe, die die wesentlichen Tendenzen der Rhetorik des Rechtspopulismus kennzeichnen: Entmenschlichung, Antagonisierung, Wahrheitsmonopolisierung und Verächtlichmachung demokratischer Institutionen.
Unter diesen vier Reitern der Apokalypse (Offenbarung des Johannes 6,1-8) sind allerdings sehr unterschiedliche Phänomene miteinander vermengt. Während Entmenschlichung und Wahrheitsmonopolisierung negativ besetzt und unter allen Umständen abzulehnen sind, ist Antagonisierung ein unvermeidliches Element jeder politischen Strategie und die Verächtlichmachung demokratischer Institutionen bei anderer Wortwahl ein Beweis für eine lebendige liberale, parlamentarische Demokratie.
Dass weder Entmenschlichung noch Wahrheitsmonopolisierung exklusive Kennzeichen der Rechtspopulisten sind, zeigt die alltägliche anekdotische Erfahrung. Unter dem Applaus der grünen Bourgeoisie spricht der Pianist Igor Levit davon, die Mitglieder- und Wählerschaft der AfD bestehe aus „Menschen, die ihr Menschsein verwirkt haben“, die Bundesarbeitsministerin und Co-Vorsitzende der SPD Bärbel Bas summiert Bürger, die die unbegrenzte und unkontrollierte Zuwanderung nach Deutschland ablehnen, unter „Einheitsgrau“ und eigentlich „Einheitsbraun“. Und für die Politiker aller linken, rot-grünen Parteien gilt, dass sie mindestens dem Sinn nach den Lenin zugeschriebenen Ausspruch akzeptieren: „Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.“ Die beiden problematischen Tendenzen Entmenschlichung und Wahrheitsmonopolisierung fallen in den Bereich einer unreflektierten und unkontrollierten Emotionalisierung, die auf allen Seiten des politischen Spektrums zu finden ist, gegenwärtig allerdings wohl mehr bei der grünen Bourgeoisie als bei anderen gesellschaftlichen
„Da die gewünschte demokratische Emotionalisierung analytisch nicht zu fassen ist, muss Hillje zu anderen Instrumenten greifen, um seinem Lieblingsgedanken mehr Inhalt zu verleihen.“
Konkurrenz und Gegnerschaft unter um die Macht ringenden Parteien, also Antagonisierung, sind wiederum wesentlich für eine liberale Demokratie, wie auch Hillje einräumt. Allerdings sieht er eine undemokratische Emotionalisierung dann am Werk, wenn Gegner zu Feinden werden. Wiederum bemerkt er nicht, dass dieser Vorgang schon längst bei denjenigen eingesetzt hat, die den „Kampf gegen rechts“ propagieren, die die Mitglieder und Wähler der AfD als „Feinde unserer Demokratie“ etikettieren und die statt der politischen Auseinandersetzung und Gegnerschaft das Verbot der Opposition befürworten. Zu Recht ist festzustellen, dass „die“ (liberale) Demokratie am Ende ist, wenn in ihr alle „Feinde auf der rechten Seite“ beseitigt sind und es „nur noch Links gibt“.
Auch bei der Verächtlichmachung demokratischer Institutionen muss der Politikberater zugeben, dass legitime Kritik oder wünschenswerte Skepsis begreiflicherweise nicht zu verurteilen sind. Die Behauptung, dass das Demokratie- und Rechtsstaatsprinzip durch die herrschenden Eliten ausgehebelt werde, zählt seiner Ansicht nach jedoch nicht zu den legitimen Äußerungen politisch interessierter Bürger. Die Verteidigung der Demokratie ist in seinen Augen eine Verächtlichmachung der Demokratie, weil „unsere Demokratie“ eben Eigentum der grünen Bourgeoisie sei. An dieser Stelle wird sich aber jeder Leser fragen, in welcher Traumwelt Hillje lebt, wenn ihm offensichtlich entgangen ist, dass eine Bundeskanzlerin – um nur ein markantes Beispiel zu nennen – aus dem fernen Südafrika anordnen kann, dass eine verfassungsgemäße demokratische Wahl im Parlament eines deutschen Bundeslandes rückgängig zu machen ist.
Fazit: Alle Phänomene, die der Politikberater als Bestandteile einer undemokratischen Emotionalisierung bezeichnet, sind auch bei Politikern zu finden, die Hillje wohl als Demokraten und mögliche Repräsentanten einer demokratischen Emotionalisierung begreift.
Message Testing
Da die gewünschte demokratische Emotionalisierung analytisch nicht zu fassen ist, muss Hillje zu anderen Instrumenten greifen, um seinem Lieblingsgedanken mehr Inhalt zu verleihen. Die von ihm gewählte Methode ist das „Message Testing“, die Erhebung politischer Einstellungen durch die Befragung der Teilnehmer einer interessengeleiteten Untersuchung. Vorgegeben sind in dieser Versuchsanordnung Botschaften, die nach dem Publizisten als exemplarische Behauptungen demokratischer bzw. undemokratischer Emotionalisierung bewertet werden können. Die Teilnehmer können den einzelnen Aussagen zustimmen oder sie ablehnen, wobei sie ihre Zustimmung bzw. Ablehnung auf einer Skala positionieren können. Die Auswahl der Stimuli, der (fiktiven) Statements demokratischer bzw. undemokratischer Emotionalisierung, ergibt sich in der von Hillje organisierten Untersuchung aus den zwei Themenbereichen, die im Zentrum der rechtspopulistischen Agenda stehen: Klimawandel und Migration.
Bezeichnend für diese merkwürdige Art von Wissenschaft ist, dass die Teilnehmer nicht zum Gespräch untereinander aufgefordert werden, sondern dass die Reaktionen auf die angebotenen Reize allein dazu dienen, die Befragten in verschiedene Schubladen einzuordnen. Ist schon dieser Vorgang eigenartig, so ist auch die Kategorisierung der Stimuli in sich nicht kohärent. Hillje unterteilt die von ihm formulierten Statements in „progressiv, konservativ und rechtspopulistisch“. Zur Auswahl stehen prinzipiell „progressiv, konservative und regressiv (von mir aus auch: reaktionär)“ bzw. „linkspopulistisch, konservativ und rechtspopulistisch“. Die Vermischung unterschiedlicher Kategorien, die keinen Erkenntnisgewinn bietet, spricht dagegen nicht für logische Stringenz. Erkenntnisgewinn ist jedoch wohl auch nicht das Anliegen des Politikberaters.
Unter den Botschaften bzw. Reizen, die Hillje anbietet und in seinem Buch zitiert will ich zunächst nur die zugegebenermaßen bizarrste herausgreifen, die Artikulation der Angst vor dem Klimawandel. Nach dem Publizisten führt demokratische Emotionalisierung, die mit progressiv bzw. linkspopulistisch gleichgesetzt wird, beispielhaft zu folgender Aussage: „Wenn wir nicht mehr gegen die Klimakrise machen, werden immer mehr Menschen an Hitze sterben, immer mehr Häuser durch Hochwasser zerstört und die Chancen unserer Jugend geraubt.“ Konservative werden dagegen durch das Statement „Hitze, Dürre und Extremwetter sind eine große Bedrohung für unsere Heimat, Sicherheit, Gesundheit und unser Eigentum“ repräsentiert, Rechtspopulisten bzw. Regressive durch die Feststellung „Die Klimahysterie macht uns alle ärmer, zerstört unsere Industrie und befördert uns zurück in die Steinzeit“.
„Daraus könnten sich spannende Folgen für den politischen Diskurs ergeben, die aber den Politikberater nicht interessieren.“
Da der Publizist trotz des Augenscheins darauf besteht, dass im Sinne der Korrespondenztheorie die Wahrheit einer Aussage in ihrer Übereinstimmung mit der Realität liegt, kann man sich fragen, ob das rechtspopulistische Statement nicht – von einer gewissen Übertreibung abgesehen – der Wahrheit näherkommt als die linkspopulistischen und konservativen Aussagen, wobei die konservative Auffassung immerhin eine echte Besorgnis ausdrückt. An dieser Stelle müsste sich Hillje jedoch fragen, was dieser Befund für den politischen Diskurs unter gleichberechtigten Teilnehmern bedeutet.
Nehmen wir als zweites Beispiel die Stimuli, in denen die Hoffnung auf das glückliche Ende der ungeregelten und unkontrollierten Zuwanderung nach Deutschland formuliert wird. Der linkspopulistische bzw. progressive Reiz, der die demokratische Emotionalisierung zum Ausdruck bringt, lautet nach Hillje: „Wir sollten stolz darauf sein, dass wir aus unserer Geschichte gelernt haben und Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen, heute bei uns Schutz geben“. Umgekehrt dokumentiert sich die konservative Auffassung in dem Statement: „Mit einer deutschen Leitkultur gelingt uns, dass wir nur Menschen aufnehmen, die zu unserem Land passen und zum Zusammenhalt beitragen“, die regressive bzw. rechtspopulistische in der Aussage „Wenn wir Europa zur Festung machen, können wir endlich wieder in Sicherheit leben und uns um unsere eigenen Bürger kümmern“.
Angesichts der katastrophal erhöhten Kriminalität und drastisch verminderten Sicherheit im öffentlichen Bereich, vor allem für Frauen, der Überlastung des Sozial-, Gesundheits- und Bildungssystems, der existenzbedrohenden Lage für untere Schichten durch die zunehmende Konkurrenz um Jobs, Sozialleistungen und Wohnungen und des völligen Kontrollversagens staatlicher Organe darf man wiederum fragen, ob die rechtspopulistische Stellungnahme nicht eher mit der Wirklichkeit korrespondiert als die linkpopulistische, die wohl als „Sozialkitsch“ zu betrachten ist, und die konservative, die trotz aller anerkennenswerten Bemühungen die Schwierigkeiten der Integration unterschätzt. Wiederum könnten sich daraus spannende Folgen für den politischen Diskurs ergeben, die aber den Politikberater nicht interessieren.
Die Wahrheit der vorgegebenen Aussagen im Sinne der Korrespondenztheorie, im Sinne der Übereinstimmung mit der Realität, ist für Hillje offensichtlich zweitrangig. Im Gegensatz dazu ist für ihn die Gesamtthese wichtig, dass die progressiven bzw. linkspopulistischen Statements Beispiele für „demokratische Emotionalisierung“ sind, wohingegen die konservativen Stimuli sich irgendwie in der Mitte befinden und die regressiven bzw. rechtspopulistischen Behauptungen exemplarisch für „undemokratische Emotionalisierung“ stehen. Bevor wir uns wiederum im Sinne der Korrespondenztheorie überlegen, ob diese Prädikationen zutreffen, ob die Prädikate „demokratisch“ und „undemokratisch“ richtig angewandt sind, müssen wir klären, warum für den Publizisten diese Etikettierungen überhaupt wesentlich sind.
Ein Syllogismus
Implizit setzt Hillje den folgenden Syllogismus voraus, der erklärt, weshalb der Gebrauch des Terminus „demokratisch“ für ihn so wichtig ist:
- Nur Progressive, nur Wähler, die die zitierten Statements teilen, sind demokratisch gesinnt bzw. demokratisch
- Nur demokratisch Gesinnte bzw. Demokraten sind in einer Demokratie zur Herrschaft berechtigt
- Nur Progressive, nur Wähler, die die zitierten Statements äußern, sind in einer Demokratie zur Herrschaft berechtigt
Der Syllogismus ist ohne Zweifel korrekt, die Konklusion ist nicht zu bestreiten, aber wie steht es mit Ober- und Untersatz, propositio maior und propositio minor? Der Obersatz betrifft Hilljes Anwendung des Begriffs „demokratisch“, die wir noch besonders erörtern müssen, der Untersatz ist nach allen gängigen Definitionen des Begriffs „Demokratie“ falsch. Die Demokratie lebt nach den Vorstellungen ihrer Anhänger und ihrer Gegner von der politischen Praxis, dass generell alle (erwachsenen) Bürger (mit geringen Ausnahmen) an einer relevanten und bedeutsamen Wahl oder Abstimmung (in der alle Stimmen gleich zählen) teilnehmen dürfen, in der im weitesten Sinne über die Herrschaft entschieden wird. Sofern eines dieser Merkmale nicht gegeben ist, sofern vor allem das Allgemeine, das Generelle nicht mehr gewahrt bleibt, kann der betreffende Staat nicht mehr als „Demokratie“ begriffen und bezeichnet werden, auch wenn er sich „Deutsche Demokratische Republik“ nennt.
„Statt mehr Emotionen zu wagen, kann ich den politischen Repräsentanten der grünen Bourgeoisie nur raten, mehr mit der Wählerschaft ins Gespräch zu kommen.“
Im Gegensatz zu einer Staatsform, in der alle Bürger durch eine allgemeine, freie und gleiche Wahl an der Gesetzgebung und damit an der Herrschaft partizipieren, befürwortet Hillje einen Staat, in dem nur Menschen, die inhaltlich eine spezielle Auffassung, nämlich in erster Linie die linkspopulistische bzw. progressive, vertreten, zur Gesetzgebung und damit zur Herrschaft legitimiert sind. Maximilien de Robespierre hat diese Konzeption auf die bündige Formel gebracht: „In der Republik ist, wer nicht republikanisch ist, der Fremde, der Feind. Er genießt nicht den gesellschaftlichen Schutz.“
Ich nehme nicht an, dass der Publizist so weit gehen will wie der Kopf des Wohlfahrtsausschusses. Er verrät auch nicht, wie er schätzungsweise einem Drittel der Wählerschaft politische Mitbestimmung und Mitwirkung verwehren will. Möglich wäre z.B., dass wie in der Islamischen Republik Iran ein Wächterrat oder wie in der Stadt Ludwigshafen ein Wahlausschuss über die Zulassung zur Kandidatur entscheidet und zunächst einmal rechtspopulistischen bzw. regressiven, danach aber konservativen Politikern ebenfalls das passive Wahlrecht entzieht. Wie dem auch sei, mit diesen Überlegungen ist deutlich geworden, warum es für Hillje so wichtig ist, dass allein die von ihm als linkspopulistisch bzw. progressiv bezeichneten Haltungen und Einstellungen mit dem Prädikat „demokratisch“ ausgezeichnet werden.
Offenkundig ist, dass hier ein Missbrauch des Begriffs vorliegt. Der Obersatz in dem genannten Syllogismus ist letzten Endes als eine Definition anzusehen, eine Definition allerdings, die mehr als fragwürdig ist. Sie dient au fond nur dazu, unliebsame Meinungen aus dem öffentlichen Diskurs und des Weiteren aus dem gesellschaftlichen Schutz auszuschließen. Demokratisch dagegen ist es nach dem normalen Sprachgebrauch, wenn in einem gegebenen sozialen Verband, einer Fußballmannschaft, einem Sportverein, einer Eigentümergemeinschaft, einer Partei und schließlich in einem Staatswesen in Konfliktfällen die Mehrheit entscheidet und der Mehrheitsbeschluss effektiv durchgesetzt wird. Demokratische Haltung und Einstellung manifestiert sich darin, dass ich die Entscheidung der Mehrheit akzeptiere, auch wenn ich ihr nicht zustimme. „Nicht mein Präsident“ ist nicht Ausdruck einer demokratischen Gesinnung, sondern das genaue Gegenteil.
Was tun?
Statt mehr Emotionen zu wagen, kann ich den politischen Repräsentanten der grünen Bourgeoisie nur raten, mehr mit der Wählerschaft ins Gespräch zu kommen. Es lohnt sich, unter anderem Arbeiter, die am ehesten der AfD anhängen, zu fragen, warum sie in vielen Bereichen der Politik der Opposition mehr vertrauen als einer „Mitte“, die sich irrtümlich als „demokratisch“ bezeichnet. In diesem Sinne also: Mehr Dialog wagen!