10.04.2026
Der Rechtspopulismus und die westlichen Werte
In seinem Buch „Große Versprechen. Die westliche Moderne in Zeiten der globalen Krise“ arbeitet Religionssoziologe Detlef Pollack Sinnvolles heraus, bleibt aber beim Rechtspopulismus widersprüchlich.
Die explizite Verteidigung des Rechtspopulismus ist eine Sache, die von seinen Anhängern ziemlich selten unternommen wird. Im Folgenden soll dies geschehen in der kritischen Lektüre eines Buchs des renommierten Soziologen Detlef Pollack, Seniorprofessor am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster. In seiner Schrift „Große Versprechen. Die westliche Moderne in Zeiten der globalen Krise“ aus dem Jahr 2025 beschreibt er in den ersten drei Kapiteln die spezifische Eigenart des modernen Westens, während er im letzten Kapitel die gegenwärtigen Herausforderungen der (westlichen) Moderne erörtert: militärische Bedrohungen, Klimakrise und Rechtspopulismus. Wir wollen uns im Folgenden mit seiner Polemik gegen den Rechtspopulismus auseinandersetzen, nachdem wir zuvor die Charakteristika des modernen Westens in der Sicht Pollacks geschildert haben.
Charakteristika des modernen Westens
Als Ausgangspunkt für die Deskription der Besonderheiten des modernen Westens wählt der Religionssoziologie die Vorstellung des zeitlichen Horizonts, die sich grundlegend vom Zeitbewusstsein aller früheren, „vor-modernen“ Religionen unterscheidet. Seiner Darstellung nach wenden sich die Denker des ausgehenden 17. Jahrhunderts von allen religiösen Traditionen ab, die ein nahes Ende der Weltgeschichte erwarten, und verlängern sukzessive den Raum der künftigen Zeiten. Schließlich zieht Immanuel Kant 1755 den Zeithorizont definitiv ins Unendliche und erklärt, ohne dass ihm im modernen Westen jemand ernsthaft widersprechen wird, dass die Welt niemals zu existieren aufhören werde. Diese unüberbietbare Ausweitung der Zukunft trennt die westliche Welt auch in der Gegenwart von allen anderen Weltregionen, die, soweit ihre Angehörigen nicht selbst von der westlichen Moderne geprägt sind, über ein wesentlich anderes, geschlosseneres und begrenzteres Zeitbewusstsein verfügen.
Leider greift Pollack an dieser Stelle nicht die interessanten religiösen Hintergründe auf, die auch auf einen Wandel der religiösen Einstellung deuten. Während die religiösen Philosophien des Ostens wie z.B. der Hinduismus, der Buddhismus oder der Daoismus aufgrund ihrer Weltabgewandtheit an der Frage des Weltendes (genauso wie an der Frage des Weltanfangs) nicht interessiert sind, orientieren sich die traditionellen Religionen des Westens, der Zoroastrismus – die Religion Zarathustras, die heimliche Quelle aller monotheistischen Religionen – der Islam, das konfessionelle Christentum und das orthodoxe Judentum, apokalyptisch, d.h., sie erwarten ein Ende „dieser“ Welt in der Gegenwart, aber mindestens in der unmittelbaren Zukunft. Die Verkündigung des nahen Weltendes ist der Kern der Botschaft des Koran. Dagegen teilen die liberalen, zivilreligiösen Formen des Christentums und des Judentums mit der westlichen Moderne den Gedanken von der zeitlichen Unendlichkeit der Welt, wenn sie nicht sogar die religiösen Strömungen sind, die diese grundlegende Idee vorbereitet und verbreitet haben.
Eng verbunden mit dem unendlichen zeitlichen Horizont ist nach Pollack eine weitere Eigenart der modernen westlichen Welt, nämlich die Tatsache, dass die Verfassungen der westlichen Staaten, sozusagen die heiligen Schriften der liberalen, zivilreligiösen Formen des Christentums und des Judentums, in ihrem Text selbst ihre eigene Veränderbarkeit vorsehen. Das Grundgesetz legt sogar in seinem letzten Artikel (Art. 146 GG) fest, dass es seine Gültigkeit an dem Tag verliert, an dem eine vom deutschen Volk in freier Entscheidung beschlossene Verfassung in Kraft tritt. Änderungen, wenn meistens auch nicht so weitgehend, werden ebenso in den Verfassungen aller anderen westlichen Staaten akzeptiert, indem sie etwa als Zusatzartikel dem ursprünglichen Text angefügt werden. Dies dokumentiert einerseits die nicht nur im Buchstaben, sondern auch im Geist begründete Selbsterneuerungsfähigkeit der westlichen Welt, andererseits aber auch die prinzipielle Offenheit und Unabgeschlossenheit aller Institutionen des modernen Westens.
„Die liberalen und zivilreligiösen Formen des Christentums und des Judentums lehnen den Gedanken der heiligen und numinosen Ordnung ab.“
Gerade in diesem Punkt ist die Differenz zu den traditionellen, „vor-modernen“ Religionen auffällig, die von einer derartigen Möglichkeit nichts wissen. Die Idee einer ganzheitlichen, unveränderlichen, ewigen Ordnung, in die alles Irdische eingeschlossen ist, wird in vielen Religionen ins Bewusstsein erhoben und durch Begriffe erfasst, die genau diese kosmisch-ethisch-rituelle Ordnung der Welt bezeichnen. Diese numinosen Ordnungsbegriffe wie z.B. die ägyptische „maat“, das indische „dharma“ oder das chinesische „dao“ umschließen die im westlichen Denken getrennten Bezirke des Sakralen und Profanen, so dass auf Erden in der Regel der Sakralherrscher, der göttliche König, der Repräsentant und Beschützer der ewigen Normen ist. Im alten Ägypten etwa stand die „maat“ als Grundprinzip der ägyptischen Religion in enger Verbindung zum Pharao, der „Vollstrecker der maat“ war; der Sockel unter seinem Thron hatte die Gestalt des hieroglyphischen Zeichens für „maat“. Wie der Sonnengott einst dem Chaos ein Ende bereitet und die Ordnung der Natur geschaffen hat, so bewirken die Thronbesteigung und die fortgesetzte Regierung des Königs nicht nur in sozialer, sondern auch in kosmischer Hinsicht eine Erneuerung und Befestigung des Rechts und der sozialen und kosmischen Gerechtigkeit.
Für uns wesentlich ist der Umstand, dass, wie bereits erwähnt, die liberalen und zivilreligiösen Formen des Christentums und des Judentums den Gedanken der heiligen und numinosen Ordnung ablehnen, nachdem menschengemachtes Recht, an die Stelle des „divine right of kings“, des göttlichen Rechts der Könige, getreten ist.
Zum Dritten sind die Gesellschaften der westlichen Welt im Unterschied zu der Gesamtheit der traditionellen, „vor-modernen“ Religionen pluralistisch verfasst, indem in jedem Lebensbereich eine Vielheit von religiösen Auffassungen, Weltanschauungen, Ideologien usw. akzeptiert und sogar begrüßt wird. Darüber hinaus sind die Mitglieder westlicher Gesellschaften davon überzeugt, dass diese unterschiedlichen Lebens- und Daseinsentwürfe sich nicht aufeinander zurückführen, auseinander ableiten und letzten Endes zu einer Einheit zusammenfassen lassen. Darum ist es in der westlichen Welt unmöglich, die Gesellschaft selbst zum Steuerungszentrum der sozialen Kräfte und Gruppen zu erheben. Der von den liberalen, zivilreligiösen Formen des Christentums und Judentums bejahte pluralistische Charakter westlicher Gesellschaften schließt Bestimmungen aus, die sie als eine handlungsfähige Einheit oder gar als eine moralische, „juristische“ Person betrachten. In liberalen Demokratien sind nämlich der Wettbewerb und der Konflikt der Rahmen, in dem sich Individuen und Korporationen bewegen. Wettbewerb und Konflikt können, wie z.B. am modernen Sport deutlich wird, allerdings selbst ordnend und sozial integrierend wirken.
„Pollack plädiert ausdrücklich für die moderne westliche Welt, die durch den Gedanken von der Unendlichkeit der Zukunft, der Veränderbarkeit der Verfassung und den Konflikt und Wettbewerb der Weltanschauungen konstituiert wird.“
In den Religionen der traditionellen, „vor-modernen“ Gesellschaften war dagegen aufgrund der Sensibilität der direkten personalen Interaktion und der ständig drohenden Gefahr, Ehre, Würde, Prestige und Rang zu verletzen, die Vermeidung und Unterdrückung von Konflikten ein primäres Anliegen. Deswegen wurde der Konsens, die Eintracht, die Einstimmigkeit als soziales Bindemittel und Voraussetzung der gesellschaftlichen Ordnung erachtet, die durch unnötige und überflüssige Zwistigkeiten nicht entwertet werden sollten. Die „ordinatio imperii“ von 817 z.B. sah daher bei der Wahl des Kaisersohns Lothars Einhelligkeit vor. Prinzipiell galt Einheit als besser als Vielheit, besonders wenn sie als religiöses Gut qualifiziert werden konnte. Auseinandersetzungen und Polarisierungen mussten schon deshalb problematisch sein, weil sie den heilvollen Zustand der Gesellschaft in Frage stellten und unter Umständen zerstörten. Pluralität konnte im Rahmen dieser Vorstellungen nicht akzeptiert werden.
Pollack plädiert ausdrücklich für die moderne westliche Welt, die durch den Gedanken von der Unendlichkeit der Zukunft, der Veränderbarkeit der Verfassung und den Konflikt und Wettbewerb der Weltanschauungen konstituiert wird. Er konstatiert, dass die vom Neomarxismus, der Kritischen Theorie, dem postkolonialen Denken, dem Poststrukturalisms und anderen Richtungen inspirierte Systemkritik ein Zerrbild der westlichen Gesellschaft entwirft und an der Realität des Lebens in der westlichen Welt vorbeigeht. Umso überraschender ist es, dass er den Rechtspopulismus ablehnt, der seine Auffassung von den bleibenden Werten der westlichen Welt vertritt.
Was ist verkehrt am Rechtspopulismus?
Nach dem Religionssoziologen kommt es den Rechtspopulisten auf mehr individuelle Freiheit, mehr Demokratie, mehr direkte Mitbestimmung, mehr Gleichheit und Gerechtigkeit an, also auf eine vermehrte Verbreitung und Vertiefung der Ideale, die die westliche Moderne charakterisieren. Allerdings nehmen sie seiner Ansicht nach an, dass zur stärkeren Umsetzung dieser Werte die etablierten Institutionen zerstört und neu aufgebaut werden müssen. Damit sind sie in seiner Wahrnehmung im Namen der von ihnen bejahten und verfochtenen westlichen Moderne aggressive Gegner der westlichen Welt.
Der Gedankengang ist alles andere als schlüssig, wie jeder kritische Leser sofort erkennt. Zunächst einmal fehlt jeder Beleg dafür, dass Rechtspopulisten die etablierten Institutionen der liberalen Demokratie vernichten und durch andere Einrichtungen ersetzen wollen – wenn man nicht z.B. das Bundesamt für Verfassungsschutz oder den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk für essenzielle Institutionen der liberalen Demokratie hält. Darüber hinaus muss es aber nach der von Pollack vertretenen Theorie der westlichen Moderne möglich sein, staatliche und gesellschaftliche Einrichtungen aufzulösen bzw. zu reformieren und zu erneuern, wenn die Veränderbarkeit der Verfassung zu den konstituierenden Merkmalen der modernen westlichen Welt gehört. Selbst wenn Rechtspopulisten etablierte Institutionen der westlichen Gesellschaften beseitigen und abschaffen wollten, würden sie sich selbst in ihrem eigenen Bewusstsein im Rahmen der Konstitution der liberalen Demokratie bewegen. Ob bestimmte Vorschläge anzunehmen sind oder nicht, muss im Zweifelsfall der Wähler entscheiden.
„Pollack setzt sich nicht mit genuinen Vertretern des Rechtspopulismus, mit rechtspopulistischen Politikern, Publizisten und Influencern, auseinander.“
Unter diesem Gesichtspunkt ist es ziemlich rätselhaft, worin der Religionssoziologe das postulierte innenpolitische Dilemma westlicher Regierungen sieht. Eine klare Aussage konnte ich im gesamten Abschnitt nicht finden, aber ich vermute, dass es in der Alternative gewaltsame Unterdrückung oder zivile Auseinandersetzung besteht. Dies ist jedoch ein merkwürdiges Dilemma für eine Staatsführung, die sich letzten Endes als Repräsentant einer liberalen Demokratie versteht.
Um den „Kampf gegen rechts“ zu rechtfertigen, greift Pollack auf ein seltsames Instrument zurück, nämlich auf die Auswertung unterschiedlicher Datensätze, wie etwa der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (Allbus) sowie einer in Münster durchgeführten Studie mit dem Titel „Von Verteidigern und Entdeckern“. Er setzt sich also nicht mit genuinen Vertretern des Rechtspopulismus, mit rechtspopulistischen Politikern, Publizisten und Influencern, auseinander, sondern mit mutmaßlichen Wählern, die eine sozialwissenschaftliche Erklärung, nämlich die „Cultural-Backlash-Hypothese“, bestätigen sollen. Sie liefern die gewünschten Belege, indem sie z.B. die allgemeine Wirtschaftslage der Bundesrepublik als schlecht einschätzen, mit dem Funktionieren der Demokratie nicht zufrieden sind und Bundesregierung, Parlament und EU nur wenig vertrauen. Einen starken Einfluss haben auch die Gefühle der nationalen Zugehörigkeit, mit anderen Worten: die nationalen Identität, die Angst vor der Überfremdung durch illegale Migranten, die Erwartung, Zugezogene sollten sich stärker den deutschen Sitten und Gebräuchen anpassen und schließlich eine Neigung zur Relativierung des Nationalsozialismus (letztere kann man wiederum auch bei gewissen Linken diagnostizieren).
Nun lässt sich schlecht über Gefühle zu diskutieren, man hat sie oder hat sie nicht. Sobald jedoch diese Gefühle in deskriptive Behauptungen über Sachverhalte oder normative Forderungen an bestimmte Adressaten umgesetzt werden, ist es schwierig, die Diskussionswürdigkeit (sowie Wahrheits- und Begründungsfähigkeit) der Aussagen der rechtspopulistischen Wähler zu bestreiten. Ich greife nur die erste und die letzte der angeführten Stellungnahmen heraus: Sollte der Religionssoziologe die allgemeine Wirtschaftslage der Bundesrepublik als gut einschätzen, wird er anerkennen müssen, dass er mit dieser Beurteilung inzwischen ziemlich allein dasteht. Und die Relativierung des Nationalsozialismus – die keine Billigung oder Rechtfertigung bedeutet – ist Allgemeingut für Historiker, die als Wissenschaftler in der Geschichte keine absoluten Ereignisse kennen. „Du sollst keinen Holocaust haben neben mir“, ein von dem jüdisch-deutschen Publizisten und Kritiker Eike Geisel formuliertes Gebot, das die deutsche „Erinnerung“ als dogmatische Pflichtübung und Quelle nationaler Selbstbestätigung entlarvte, ist zwar Ausdruck eines einzigartigen deutschen Nationalismus (und universelleren Sündenstolzes), kann aber nicht als allgemeine Maxime einer liberalen Demokratie gelten.
„Pollack stellt fest, dass die bisherigen Versuche zum Eindämmen der Zuwendung breiter Teile der Wählerschaft zur AfD erfolglos waren.“
Trotz aller Erhebungen stellt Pollack fest, dass die bisherigen Versuche zum Eindämmen der Zuwendung breiter Teile der Wählerschaft zur AfD erfolglos waren. Ob die demokratischen (in Wirklichkeit illiberalen) Parteien Anliegen der Rechtspopulisten aufgreifen – mir ist davon allerdings nichts bekannt –, oder ob sie sich von der AfD abgrenzen und die Partei isolieren, der Aufstieg der Rechtspopulisten bleibt davon unberührt.
Die illiberalen Parteien „der Mitte“ betrachten die AfD als „anti-demokratisch“ (was immer das heißen mag), die Partei selbst setzt jedoch nach Auffassung des Religionssoziologen die Verfahren der von ihr verachteten und beschädigten parlamentarischen Demokratie ein, um sich in den Parlamenten, Stadt- und Gemeinderäten eine Stimme zu verschaffen. In den Horror-Vorstellungen Pollacks unterlaufe sie die politische Ordnung und niste sich mit ihren Wahlerfolgen in den parlamentarischen Institutionen ein. Sie verlange Respekt und verweigere ihn allen anderen, sie trete für Selbstbestimmung und Inklusion ein und missachte die Rechte aller anderen. Nach dem bisherigen Stand der Dinge sind jedoch bisher im Bundestag, in vielen Landtagen und auch in einigen Stadt- und Gemeinderäten die parlamentarischen Rechte der AfD gröblich verletzt worden. Die „Feinde der Demokratie“ lagerten sich parasitär an der Demokratie an, würden Teil des demokratischen Spiels und beuteten deren Werte – Volkssouveränität, Freiheit, Selbstbestimmung, Respekt – für ihre Interessen aus. Eine merkwürdige Aussage, nachdem Pollack ausdrücklich konstatiert hat, dass die Rechtspopulisten für mehr Volkssouveränität, Freiheit und Selbstbestimmung eintreten.
Die „demokratischen“ Kräfte, denen keine anderen Instrumente als die Verfahren der freiheitlich-demokratischen zur Verfügung stehen sollten, versuchen mit (illegalen und „unparlamentarischen“) Mitteln, die AfD aus den parlamentarischen Institutionen herauszuhalten. Das wirkt hilflos, weil dieses Verhalten dem Geist der liberalen und parlamentarischen Demokratie widerspricht.
Der Abschnitt, mit dem Pollack die Darstellung schließt, wirkt so, als ob der ‚Kämpfer für die Demokratie‘ die Tagebücher Joseph Goebbels´ in die Gegenwart hätte übertragen wollen. Seine Behauptungen über die angebliche Strategie der AfD geben ziemlich offenkundig die zynischen Bemerkungen wieder, die der Chef-Propagandist der NSDAP zum demokratischen System der Weimarer Republik aufgezeichnet hat. An dieser Stelle rächt es sich wiederum, dass der Religionssoziologe keine Begegnung mit rechtspopulistischen Politikern, Publizisten und Influencern gesucht hat. Vielleicht wäre ihm dann aufgegangen, dass zivile Auseinandersetzung allemal besser als gewaltsame Unterdrückung ist.