19.11.2018

Lektionen aus Weimar

Von Helene Guldberg

Titelbild

Foto: Bundesarchiv via Wikimedia / CC-BY-SA 3.0

Die Lektüre von Ian Kershaws Hitlerbiografie erinnert uns daran, wie wichtig es ist, für den Wert der Demokratie einzustehen.

Heutzutage glauben viele, die Nazi-Herrschaft in Deutschland von 1933 bis 1945 sei ein Ergebnis des „Volkswillens“ gewesen und „zu viel Demokratie“ habe zum kometenhaften Aufstieg Hitlers geführt. Das ist ein Irrtum. Ian Kershaws Buch „Hitler, 1889–1936: Hybris“, veröffentlicht 1988, zeigt, dass die Nazis im Gegenteil nur deshalb erfolgreich waren, weil die damaligen Eliten allzu bereit waren, einer fragilen Demokratie den Rücken zu kehren.

Tatsächlich zeigt Kershaws Studie, wie oberflächlich die heute von vielen geäußerte Behauptung ist, die Verhältnisse der 1930er-Jahre würden wiederkehren. Vielmehr war es der intensive Klassenkampf in der Zwischenkriegszeit, der zum Aufstieg des Faschismus in Deutschland unter Adolf Hitler, in Italien unter Benito Mussolini und in Spanien unter Francisco Franco führte.

Kershaws „Hitler“ untersucht die besonderen Bedingungen, die zum Faschismus in Deutschland führten. Er betrachtet die Auswirkungen der Niederlage im Ersten Weltkrieg, die nationale Demütigung durch den Versailler Vertrag und die Intensivierung des Klassenkampfes verbunden mit einer akuten Angst vor dem Kommunismus, wodurch sich das herrschende Bürgertum gegen die Demokratie und zur autoritären Herrschaft wandte. Diese Entwicklungen ermöglichten erst Hitlers Aufstieg. „Ohne das Trauma von Krieg, Niederlage und Revolution“, schreibt Kershaw, „ohne die politische Radikalisierung der deutschen Gesellschaft, die dieses Trauma mit sich brachte, wäre der Demagoge ohne Publikum für seine lauten, hasserfüllten Botschaften gewesen“.

1918 wurde die deutsche Nation traumatisiert und gespalten. Die Aufstände in Kiel und Wilhelmshaven im Oktober lösten die Revolution von 1918/19 aus. Es entstanden Soldaten- und Betriebsräte und in Massenprotesten wurden Demokratisierung und ein Ende von Krieg, Hunger und Elend gefordert. Diese Revolution wurden brutal niedergeschlagen.

„Der Versailler Vertrag von 1919 mit seinen schrecklichen, bestrafenden Reparationen habe den endgültigen Untergang der Weimarer Republik unvermeidlich gemacht.“

Von der gescheiterten Revolution schreibt Kershaw: „Die Mehrheit der Sozialdemokraten unter Reichspräsident Friedrich Ebert zeigte sich zu ängstlich gegenüber dem, was aus der geöffneten Büchse der Pandora des potentiellen sozialen Wandels folgen könnte; zu zögerlich, um selbst auf die Unterstützung ihrer eigenen Leute zu vertrauen und zu bereit, sich auf die Seite der Kräfte der alten Ordnung zu stellen, anstatt mehr Demokratie zu riskieren“. So setzten die regierenden Sozialdemokraten die Armee und rechte Milizen, die Freikorps, gegen die Revolutionäre ein. Wochenlang herrschte auf den Straßen Deutschlands Terror, Tausende wurden getötet. Dies hatte verheerende langfristige Auswirkungen auf die Arbeiterklasse und die revolutionäre Linke. „Die Ermordung der Spartakistenführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am 15. Januar [1919 durch die Sozialdemokraten] besiegelte den verhängnisvollen Risses innerhalb der Arbeiterbewegung, der während der Weimarer Republik die Bildung einer einheitlichen Front gegen die wachsende Bedrohung durch [die Nazis] verhinderte“, schreibt Kershaw.

Der Versailler Vertrag von 1919 mit seinen schrecklichen, bestrafenden Reparationen habe den endgültigen Untergang der Weimarer Republik unvermeidlich gemacht, argumentiert Kershaw. Die Republik war nicht in der Lage, sich den Alliierten zu widersetzen und die katastrophalen Auswirkungen ihrer Forderungen abzumildern und verlor schließlich jegliche Glaubwürdigkeit.

1923 war Deutschland bankrott. Die Währung war ruiniert. Die Mark fiel von 60 Mark pro Dollar im Jahr 1921 auf mehr als eine Billion Mark pro Dollar 1923. Hyperinflation machte Renten und Ersparnisse wertlos. Die Arbeitslosigkeit schoss in die Höhe, nur 29 Prozent der Erwerbsbevölkerung waren vollbeschäftigt. Die Menschen hungerten. Unzufriedenheit führte zur Radikalisierung von links und rechts; Massenstreiks und Unruhen breiteten sich in ganz Deutschland aus, und rechte Schlägertypen attackierten und ermordeten Kommunisten und Gewerkschafter. Die Reaktion der Weimarer Republik bestand in der Unterdrückung der Kommunistischen Partei Deutschlands, während die Gewalt der Rechten oft als legitimer Gegenpol zur Gefahr der Revolution dargestellt wurde.

1923 war auch das Jahr von Hitlers gescheitertem Bürgerbräu-Putsch. Trotz der Gewalt der Putschisten – vier Polizisten wurden getötet und mehrere sozialdemokratische Ratsmitglieder als Geiseln genommen – wurde Hitler wegen Hochverrats zu nur fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Er wurde ins Gefängnis Landsberg geschickt, wo er, wie Kershaw zeigt, mehr als Hotelgast denn als Gefangener lebte und nur ein Jahr seiner Strafe verbüßte. Während seines Aufenthaltes im Landsberg schrieb er „Mein Kampf“.

„Auch in Großbritannien wurde die Demokratie ohne Parlamentswahlen zwischen 1935 und 1945 ausgesetzt.“

Als Hitler entlassen wurde, hatte die extreme Rechte ihren Schwung verloren. Während des wirtschaftlichen Wiederaufschwungs und der „goldenen Jahre“ der Weimarer Republik bis Ende der 1920er-Jahre befand sich Hitlers Nazi-Partei (NSDAP) an der politischen Peripherie. Bei den Wahlen 1928 erhielten die Nazis 2,6 Prozent der Stimmen. Wie Kershaw ausführt, waren die extreme Wirtschaftskrise 1929 und die Wiederbelebung der Reparationsfrage jedoch „Wasser auf die Mühlen der Nazis“.

„Wirtschaftskrisen führen häufig dazu, dass Regierungen abgesetzt werden. Es kommt viel seltener zur Zerstörung von Regierungssystemen. Selbst die extreme Härte der Depression in den 1930er Jahren stellte in einigen Ländern nicht das Überleben der Demokratie in Frage – in Staaten, in denen die Demokratie bereits fest verankert war und nicht durch den verlorenen Krieg geschwächt war. Aber in Deutschland stand seit Beginn der Krise, die Natur des Staates‚ das ‚System‘ als solches, zur Disposition. Hitler und seine Partei waren die Nutznießer dieser systemischen Krise des Weimarer Staates. Nicht wenige der mächtigen Eliten warteten auf die Gelegenheit, die Demokratie, die sie so sehr verabscheuten, abzusetzen.“

Kershaw vergleicht die Fragilität des deutschen Staates und seiner Demokratie mit der Lage in Großbritannien und Amerika, wenn er schreibt: „Die Eliten haben das bestehende und seit langem etablierte demokratische System unterstützt, das verfassungsmäßig tief verankert ist, weil es weiterhin ihren Interessen diente“. Allerdings könnte er hier den britischen Eliten zu viel Anerkennung schenken, denn auch hier wurde die Demokratie „im nationalen Interesse“ ohne Parlamentswahlen zwischen 1935 und 1945 ausgesetzt.

In Deutschland fühlte sich die Mittelschicht zwischen der organisierten Arbeiterklasse und der wohlhabenden Bourgeoisie eingeengt und entwickelte nach 1929 eine Tendenz zur Nazipartei. Die Großindustrie hielt sich immer noch die Optionen offen zwischen dem damaligen Kanzler Heinrich Brüning und den Nazis. Aber nach Brünings Rücktritt 1932 erkannte das Establishment, dass es die Unterstützung der Nazis brauchte, um wieder Stabilität herzustellen und die Arbeiterklasse zu vernichten.

„Bewaffnete Zusammenstöße zwischen Kommunisten und den Braunhemden waren an der Tagesordnung und Deutschland stand kurz vor einem Bürgerkrieg.“

Das seit langem bestehende Verbot der Schutzstaffel (SS) und der Sturmabteilung (SA) - auch Sturmtruppen oder Braunhemden genannt – wurde im Juni 1932, einen Monat vor den Reichstagswahlen, aufgehoben. Dies leitete einen „Sommer der politischen Gewalt in ganz Deutschland, wie man es noch nie zuvor erlebt habe“ ein, schreibt Kershaw. Bewaffnete Zusammenstöße zwischen Kommunisten und den Braunhemden waren an der Tagesordnung und Deutschland stand kurz vor einem Bürgerkrieg. Bei den Wahlen im Juli erhöhten die Nazis ihren Stimmenanteil auf 37,4 Prozent und gewannen 230 Sitze – acht Sitze mehr als die Sozialdemokraten und Kommunisten zusammen.

Die Nazis erhielten vor allem Unterstützung – ihr Rückgrat bildeten die unzufriedene Mittelschicht, Geschäftsleute, Handwerker und Kleinproduzenten –, weil alle anderen Rechts- und Mitterechtsparteien diskreditiert waren und die Linke bitter gespalten war. Die Industrieproduktion war seit 1929 um 42 Prozent zurückgegangen und fast neun Millionen Menschen waren arbeitslos.

Im Herbst 1932, erklärt Kershaw, verschärfte sich die Krise der Weimarer Republik und die „Die Hebel der Macht konzentrierten sich zunehmend in [den Hände einer] kleinen Gruppe von Menschen. Hinter ihnen standen mächtige Lobbys – Großunternehmen, Gutsbesitzer und nicht zuletzt die Armee.“ Alle diese Teile des Establishments, wie auch die Intellektuellen, wollten ein Ende der Demokratie und die Unterdrückung der Kommunisten und Gewerkschafter. „Das deutsche Volk hatte zu diesem Zeitpunkt keinen direkten Einfluss auf die Regierungsform. Der Versuch, den Reichstag zu entmannen und die Herrschaft der Parteien überflüssig zu überwinden, hatte unter Brüning begonnen. Unter [Kanzler] von Papen wurde es zu einem Schlüsselprinzip der Regierung“, schreibt Kershaw. Reichspräsident Hindenburg war oft bereit, „den Reichstag für eine Weile nach Hause zu schicken“ und per Notverordnung zu regieren. „Ohne die Selbstzerstörung des demokratischen Staates, ohne den Wunsch, die Demokratie zu untergraben, hätte Hitler, unabhängig von seinem agitatorischen Talent, nicht annähernd an die Macht kommen können“, schließt Kershaw.

„Im Juli 1933 war die Nazi-Partei die einzige erlaubte Partei in Deutschland.“

Ironischerweise verloren die Nazis bereits Anhänger, als Reichspräsident Hindenburg zustimmte, Hitler für das Wiederherstellen der Ordnung einzusetzen. Der Stimmanteil der Nazis war bei den Wahlen im November 1932 auf 33,1 Prozent gesunken, während die Kommunisten und Sozialdemokraten zusammen 25 Sitze mehr gewannen als die Nazis. Im Januar 1933 wurde Hitler zum Kanzler ernannt. Es dauerte nicht lange, bis er sich die totale Macht sicherte.

Hitler gelang es, die Kommunistischen Partei für den Reichstagsbrand im Februar 1933 verantwortlich zu machen. Dies verstärkte die Angst vor einer Revolution unter den Grundbesitzern, Bauern, der Mittelschicht und der herrschenden Elite. Er nutzte diese Gelegenheit, um ein Ermächtigungsgesetz zu fordern, durch das die Regierung vier Jahre lang außerhalb der Verfassung agieren könnte. So sollten die Probleme Deutschlands gelöst werden. Die Zentrumspartei stimmte für Hitler ab und übergab ihm damit die Diktatur.

Obwohl die Arbeiterklasse von der „Depression eingeschüchtert und gebrochen“ war, war ihre Macht noch nicht vollständig gebrochen. Kershaw zeigt; wie es Hitler durch Terror und Gewalt schnell gelungen ist, den Job zu erledigen, für den er ernannt worden war. Er ließ die SA auf seine politischen Gegner los – woraufhin sie ungestraft folterten, verhafteten und mordeten. Politische Treffen wurden verboten. Die Meinungs-, Presse- und Vereinigungsfreiheit wurde ausgesetzt. Die Kommunistische Partei wurde innerhalb weniger Wochen nach dem Kanzlerantritt Hitlers verboten und kurz darauf auch die SPD. Im Juli 1933 war die Nazi-Partei die einzige erlaubte Partei in Deutschland.

„Wer behauptet, dass wir eine Renaissance Weimarer Verhältnisse erleben, verzerrt entweder vorsätzlich die Wahrheit oder ist historisch ungebildet.“

Es war nicht der „Wille des Volkes“, der die Nazis an die Macht brachte. Es war die Entschlossenheit der mächtigen Eliten – Grundbesitzer, Großunternehmen, Intellektuelle, Akademiker –, die Weimarer Republik und die Demokratie zu zerstören. Hitler nutzte das Momentum eines zusammenbrechenden Staates. Er zog seine Kraft aus der Verbitterung und Unsicherheit der Mittel- und Oberschicht. Sie fürchteten und verabscheuten die Arbeiterklasse und die „Bolschewiken“. Sie machten sie und ihre „hinterhältige“ Rebellion für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg verantwortlich. Die Arbeiterklasse und die Linke waren durch jahrelange Unterdrückung und den Verrat der Sozialdemokraten gespalten, wodurch es für sie unmöglich war, den reaktionären Kräften standzuhalten.

Die Vorstellung, dass die heutige politische Situation derjenigen in Deutschland der 1930er-Jahre ähnelt – wie es von denjenigen behauptet wird, die von der Brexit-Abstimmung in Großbritannien und dem Trump-Sieg in den USA entsetzt sind –, ist absurd. Es gibt absolut keinen Vergleich – weder in Bezug auf die mangelnde Legitimität des Weimarer Staates noch hinsichtlich der verheerenden wirtschaftlichen Bedingungen in Deutschland oder der Stärke der antidemokratischen Kräfte in der deutschen Gesellschaft.

Die Demokratie ist heutzutage gefährdet. Aber nicht durch faschistische Regierungen oder rücksichtslose paramilitärischen Organisationen. Heute geht die Bedrohung von den Eliten und einer Mittelschicht aus, die die Demokratie auf subtile Art und Weise untergraben – z.B. über die Gerichte und die Umgehung demokratischer Entscheidungen. Diejenigen, die die Demokratie für gefährlich halten, weil sie Demagogen wie Hitler Raum gebe, oder behaupten, dass wir eine Renaissance Weimarer Verhältnisse erleben, verzerren entweder vorsätzlich die Wahrheit oder sind historisch ungebildet. Jeder, der sich dieser Illusionen bedient, sollte Kershaws „Hitler“ lesen. Ein ausgezeichnetes Werk, das den Leser vor allem an die essentielle Bedeutung einer kompromisslosen Verteidigung der Demokratie erinnert.