07.11.2017

1917: Ein Hoch auf den roten Oktober

Von Michael Fitzpatrick

Titelbild

Bild: Der Bolschewist (1920) - Boris Kustodiev via WikiCommons

Die Russische Revolution war der bisher ehrgeizigste Versuch, die Welt zu verändern. Betrachtungen zum wichtigsten Ereignis des 20. Jahrhunderts

Für den Historiker Eric Hobsbawm war die Russische Revolution nicht nur ein zentrales Ereignis des 20. Jahrhunderts, wie die Französische Revolution es für das vorhergehende Jahrhundert war. Ihr Effekt war „viel tiefgreifender“ und die „globalen Konsequenzen“ deutlich größer. Natürlich scheiterte die Russische Revolution katastrophal. Trotzdem muss man sich Hobsbawms Einschätzung anschließen. Es fällt jedoch auf, dass diese zehn welterschütternden Tage 100 Jahre später kaum Beachtung finden, geschweige denn gefeiert werden.

Die Historikerin Sheila Fitzpatrick merkt an, dass die Russische Revolution heute negativer bewertet wird, als es während des Kalten Krieges der Fall war. Selbst Ausstellungen über die Kunst und Kultur der Revolution rufen Herablassung und Ächtung hervor. China Miévilles aktuelles Buch „October: The Story of the Russian Revolution“ („Oktober: Die Geschichte der Russischen Revolution“) kommt deshalb gelegen. Der Autor beleuchtet darin, wie ein ursprünglich anarchischer Volksaufstand durch eine revolutionäre Arbeiterpartei in eine erfolgreiche Machtübernahme verwandelt wurde. Miéville betont, dass dies kein Zufall oder Glück war. Obwohl die auslösenden Ereignisse unkoordiniert waren, stand hinter der Russischen Revolution eine lange Vorbereitung. Anders als die Französische Revolution war sie geplant. Die Oktoberrevolution führte nicht nur zur erfolgreichen Machtübernahme in einem Land. Die Bolschewiki schufen ein universales Modell, das selbst in rückständigen Ländern problemlos angewandt werden konnte. Dieses Modell inspirierte Menschen weltweit, und versetzte die herrschenden Eliten in Angst und Schrecken.

„Der Verlust des Negativbeispiels Sowjetunion offenbarte die Schwierigkeiten westlicher Politiker, breite Unterstützung für das kapitalistische Wirtschaftssystem zu gewinnen.“

Doch auch der Zusammenbruch des Staates, den die Russische Revolution hervorbrachte, wurde kaum gefeiert. In seiner Studie des „kurzen 20. Jahrhunderts“ schreibt Hobsbawm: „die Ironie dieses seltsamen Jahrhunderts ist, dass es der Revolution nicht nur misslang, den Kapitalismus zu stürzen, sondern sie diesen sogar rettete“.1 Die Russische Revolution spornte den Westen dazu an, sich selbst zu reformieren und diente ab den 1920er-Jahren als abschreckendes Beispiel dafür, wohin der Staatssozialismus führen kann.

Die Russische Revolution fand im schwächsten der europäischen Reiche statt, in einer Zeit, als der Erste Weltkrieg es an den Rand des Zusammenbruchs getrieben hatte. Die Sowjetunion wurde während einer extremen Krise der kapitalistischen Ordnung geboren. Sie überlebte den Großteil des 20. Jahrhunderts nur wegen der andauernden Schwächen und Konflikte der großen Westmächte.

Diese Schwächen erklären, warum die Siegessstimmung im Westen nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches 1991 nur von kurzer Dauer war. Der Verlust des Negativbeispiels Sowjetunion offenbarte die Schwierigkeiten westlicher Politiker, in der Bevölkerung breite Unterstützung für das vorherrschende, kapitalistische Wirtschaftssystem zu gewinnen. Besonders deutlich wurde dies nach der Finanzkrise 2007/08. Dieses Jahr haben der Anführer der britischen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, und die Chefin der britischen Konservativen, Theresa May, eingeräumt, dass der Kapitalismus in einer Legitimationskrise steckt. Die politische Klasse hat einen gravierenden Vertrauensverlust erlitten. Kein Wunder, dass sie keine Lust hat, sich mit dem Scheitern des real-existierenden Sozialismus zu brüsten.

„Um den Sozialismus zu diskreditieren, musste der Westen den Glauben an menschlichen und sozialen Fortschritt im Allgemeinen abwerten.“

Die westliche Linke kann mit dem wichtigsten Aufstand der Arbeiterklasse heute nur noch wenig anfangen. Für das Moskauer Regime von Wladimir Putin sind die Bolschewisten eher ein peinliches Kapitel der Geschichte.

Mick Hume taxierte Mitte der 1990er-Jahre als Herausgeber von „Living Marxism“ (dem Vorgängermagazin von „Spiked“) die Konsequenzen des westlichen Sieges im Kalten Krieg. Dem Westen war es nach vielen konfliktreichen Jahrzehnten gelungen, den Sozialismus im In- und Ausland zu bezwingen. Dieser Sieg wurde jedoch teuer erkauft. Um den Sozialismus zu diskreditieren, musste der Westen den Glauben an menschlichen und sozialen Fortschritt im Allgemeinen abwerten. „Es sieht so aus, als ob die Entschärfung des subversiven Potentials der Russischen Revolution von 1917 von den westlichen Eliten verlangte, die Werte der Französischen Revolution von 1789 zu hinterfragen“. 2

Diese Werte spielten eine wesentliche Rolle bei der Festigung des kapitalistischen Wirtschaftssystems im 19. Jahrhunderts und legitimierten bis ins 20. Jahrhundert seine Existenz. Trotzdem werden diese Werte bis heute stetig untergraben. Nehmen wir zwei liberale Grundsätze, die aus der Französischen Revolution, ihrem Ruf nach „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit“, hervorgingen: Demokratie und Nationalismus. Beide werden zunehmend hinterfragt und verunglimpft, besonders seit dem Brexit-Referendum 2016.

„Die Dinge haben sich einst verändert und sie werden es wieder tun.“

Im 19. Jahrhundert entstand die Vorstellung, dass Nationen Gebilde sind, die Menschen individuelle und kollektive Freiheiten ermöglichen. Der Nationalstaat bildete den Rahmen für Kämpfe um die Abschaffung der Sklaverei, um Gewerkschaftsrechte, um die Ausweitung des Wahlrechts auf Frauen und Arbeiter, um den Sozialstaat und um Gleichberechtigung.

Im Zeitalter des Imperialismus wurde Nationalismus mit Chauvinismus, Militarismus und der Idee der rassischen Überlegenheit verknüpft. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass der Nationalismus Menschen im Kampf gegen absolute Monarchien und imperiale Diktaturen vereinte, und eine ideelle Grundlage für die Selbstbestimmung kolonisierter Völker schuf. Der Politologe Benedict Anderson schrieb, dass Nationalismus mit den „natürlichen Banden“ von Familie, Sprache und Kultur, Liebe, Solidarität und Selbstlosigkeit verknüpft ist. 3 Die Brüderlichkeit – der am wenigsten beachtete Teil der französischen revolutionären Triade – bedeutet für ihn im Wesentlichen Nationalismus. Unter Umständen kann der Nationalismus Rassismus, Angst und Hass befördern, doch er kann auch zu „aufopfernder Liebe“ inspirieren. Wer die Brüderlichkeit vor allem als etwas sieht, das die Menschen zu Mördern macht, denkt zu kurz. Laut Anderson hat die Brüderlichkeit in erster Linie bewirkt, dass viele Menschen bereit waren, für „imaginäre Gemeinschaften“ und das Freiheitsversprechen, dass sie mit diesen national-definierten Gemeinschaften verbanden, zu sterben.

Der hundertste Jahrestag der Oktoberrevolution fördert eine weitere Ironie zutage. Die britische Linke zeigte jahrzehntelang kaum Interesse daran, die negativen Aspekte des Nationalismus wie Forderungen nach rassistischen Einwanderungskontrollen oder die militärische Unterdrückung in Irland und anderswo in Frage zu stellen. Die Arbeiterbewegung unterstützte sogar viele dieser Maßnahmen. Doch heute schließt sich die Linke den Eliten an und verunglimpft Volksherrschaft und nationale Souveränität als „populistisch“ und „xenophob“.

„Erstmals in der Geschichte der Menschheit wurde versucht, die Gesellschaftsordnung umzuwerfen, die die Menschheit beherrschte und ihre Entwicklung ausbremste.“

„Die Dinge haben sich einst verändert und sie werden es wieder tun“, so die etwas gedämpfte Schlussfolgerung von China Miéville. Die einfache Tatsache, dass die Russische Revolution anfangs erfolgreich war, dass es zu einem echten gesellschaftlichen Umbruch kam, sollte uns Hoffnung geben. Ihren besten Protagonisten wie Leo Trotzki war schon früh klar, dass sich die Oktoberrevolution in die falsche Richtung entwickelte. Doch sie gaben die Hoffnung nie auf, versanken nicht in Selbstzweifeln, sondern versuchten, es besser zu machen. Ihre Zuversicht, die Zukunft positiv gestalten zu können, unterscheidet sich grundlegend vom heutigen Zeitgeist, wo einige ernsthaft glauben, dass die Brexit-Verhandlungen eine Reform des Rettungsdienstes unmöglich machen.

Wenn wir, wie die Bolschewiki, wieder an das Erbe der Volksherrschaft und die Möglichkeit einer freieren Gesellschaft glauben, werden sich die Dinge wieder schneller ändern. Der politischen Klasse der kapitalistischen Welt ist das bewusst. Die Ereignisse im Oktober 1917 verfolgen sie bis heute.

Die Russische Revolution war gut und ehrgeizig. Die bolschewistischen Revolutionäre suchten sich die Umstände nicht aus. Doch sie bewahrten mitten im Chaos des Ersten Weltkriegs die Nerven und nutzten die Chance, einem verhassten, wankenden Regime den Todesstoß zu versetzen. Anschließend wehrten sie erfolgreich den imperialistischen Gegenschlag ab. Doch der logistische Aufwand ihres Aufstandes verblasst neben ihrer politischen Vision. Erstmals in der Geschichte der Menschheit wurde versucht, die Gesellschaftsordnung umzuwerfen, die die Menschheit beherrschte und ihre Entwicklung ausbremste. Erstmals wollten Männer und Frauen den Strom der Geschichte bewusst lenken, in eine Richtung, die allen Menschen zu Gute kommen würde.