09.05.2012

Kunst und Freiheit

Rezension von Frank Alva Buecheler

Die Autoren der Streitschrift Der Kulturinfarkt schreiben über die Befreiung der Künste und Künstler aus Traditionen, Konventionen und vor allem den sedativen Strukturen staatlicher und politischer Einflussnahme.

Lieben die deutschen Künstler ihre Ketten?...


...über alles! Das kann die einzige Antwort sein, bilanziere ich die Reaktionen, die das Autorenquartett von Der Kulturinfarkt – Von allem zu viel und überall das Gleiche auf die Veröffentlichung seiner Streitschrift erhalten hat. Die Stellungnahmen kommen nicht aus breiten Bürgerkreisen, die sich um das Thema nicht – oder nicht mehr – scheren, sondern naturgemäß nur aus den Reihen der Vertreter – besser: der Nutznießer und Profiteure – der etablierten, öffentlich finanzierten Kulturszene. Die verbitten sich reflexhaft jede noch so profunde Kritik. Stattdessen kauen sie die bis zum Erbrechen repetierten Unverzichtbarkeitsfloskeln wieder und wieder hervor, um sodann selbstverständlich den Untergang wenigstens der Nation, wenn nicht eigentlich mindestens Europas zu proklamieren, sollte noch einmal irgend so ein Wahnsinniger oder Barbar auch nur ein paar unvoreingenommene Fragen zur Kulturpolitik, zum viel beschworenen Kulturstaat oder zur Art der Kultursubventionierung zaghaft zu äußern wagen… Mir selbst erging es so, als ich während eines Universitätsvortrags ein paar neuartige Anregungen zu eben diesen Themen gab und ein Zuhörer lauthals feststellte, früher hätte man mit solchen wie mir kurzen Prozess gemacht. Es war kein geringerer als ein Intendantenkollege, der da so in den alten Zeiten schwelgte und den noch flächendeckenden Geist der hiesigen Kulturszene kabarettreif dekuvrierte – die eben ein geschlossenes System, ein wundersames Perpetuum mobile des Nehmens und Gebens ist, in der argwöhnisch beachtet wird, das alles bleibt, wie es ist, und keiner dabei stört.

Ach Gott, was für eine Enge, was für eine Ängstlichkeit, welch typisch deutsche Unsouveränität begegnet einem da! Gerade da, in der Kulturszene! Deren Selbstbild doch auch ein ganz anderes ist.

Theater muss sein! – gab vor geraumer Zeit schon der Deutsche Bühnenverein, wesentliches Sprachrohr der öffentlichen Theater, x-fach zu Protokoll. Genutzt hat’s wenig, auch wenn überall Sticker mit dem Slogan klebten oder gar Tagungen unter diesem Motto abgehalten wurden, um das schleichende Siechtum der veralteten Strukturen zu kaschieren. Kunst müsse also sein – was für ein fundamentaler, welch ein bezeichnender Irrtum! Es ist doch gerade das Wunderbare der Kunst, dass sie verzichtbar ist, dass sie nicht sein muss! Eben dies bereitet uns Vergnügen, berauscht uns, verschafft uns ungeahnte Emotionen, weitet den Blick und die Gedanken, schärft die Sinne und setzt uns sogar vielleicht auf die Spur, selbst dem ganzen globalen Kram hier einen Sinn abzugewinnen.

Kunst ist immer ein Kann. Deswegen darf man sie durchaus auch mit Können und nicht nur mit konzeptioneller Absicht oder ausgrenzender Abstraktion in Verbindung bringen, wie es dem Publikum seit nun schon Jahrzehnten weisgemacht wurde und wie die Kulturinfarkt-Autoren es treffend anmerken. Kunst ist per se spielerisch. Das Spielerische ist ein höchst menschliches, ein wahrlich humanes Moment. Deshalb ist die Kunst uns so wertvoll. Wird ihr aber das Spielerische ausgetrieben, wird es ihr verunmöglicht, wird sie zum leeren Gefäß, zur musealen Hülle. Das ist ihr Tod. Er kommt auf Raten und hierzulande auf weichen, leisen Sohlen. Und ist – sicherlich nicht intendiert – das logische Resultat der staatlichen Bemühungen um die Kunst, die Bewahrung bewirken und nicht das Neue, das Attraktive, das Innovative – so sehr diese Begriffe in all den langweiligen Sonntagsreden und Wohlfühldiskursen beschworen werden. Aber es muss so nicht sein. Das ist die Diagnose der Kulturinfarkt-Analysten.

Direkt oder indirekt wird von ihnen an so ziemlich allen Klischees der Kulturbranche gekratzt, z.B. der von der „Kultur für alle“. Ein immer schon bescheuertes Diktum. Abgesehen von der sicherlich berechtigten Frage, wie viel Kultur als kulturnah bezeichnete Schichten so haben, sollte man doch endlich akzeptieren, dass es Bevölkerungskreise gibt, denen es in ihrer Kulturferne und mit RTL 2 an nichts fehlt. Der Schiller-Imperativ von der ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts – unter der gesamten Menschheit macht es ein deutscher Dichter nicht, den nur sein permanent kränkelnder Gesundheitszustand etwas entschuldigen kann in dieser Angelegenheit – war immer schon erschreckend in seiner Hybris und Instrumentalisierung der Kunst für ein gesellschaftliches Programm. Doch diese kategorische Vorstellungswelt hat mit ihrem Totalmissverständnis den deutschen Intellekt bis Tief ins Innerste der 68er-Generation geprägt. Despotisch sorgen die bis heute dafür, dass kein kritischer Kopf vordringt in die wohl alimentierten Zirkel ihrer Jünger, die sowieso komplett benebelt sind von ihrer abstrusen Zwergenmacht.

In dieser Situation gebührt den vier Autoren das Verdienst, geradezu eine knappe, konzise Philosophie nicht nur der Freiheit der Kunst, sondern der Befreiung der Künste und Künstler aus Traditionen, Konventionen und vor allem den sedativen Strukturen staatlicher und politischer Einflussnahme vorgelegt zu haben!

Staat und Kirche sind getrennt, Staat und Kunst sind es bei uns nicht. Der 68er-Mythos der institutionalisierten Kulturszene reklamiert die völlige Unabhängigkeit der Kunst. Die Wahrheit aber ist das uneingestandene Paradoxon, dass eben diese Kulturszene ständig nach dem Staat ruft. Der soll die Kunst ordnen! Doch da wagt das Autorenquartett zu schwärmen: „Wir plädieren für eine Lichtung, die Platz schafft für eine Zukunft, in der die Kunst wieder eine Rolle spielt. Eine Rolle, die fern ist von der aktuellen Anbiederung der Kulturszene an die Politik. Eine Rolle, die sich Künstler und Rezipienten teilen.“ Denn auch dieser Bogen hin zu dem, was wir so modisch mit Transparenz, Partizipation und Nachhaltigkeit ständig auf den Lippen haben, gelingt den Autoren elegant. Ihr Insistieren auf Qualität vor Quantität, ihr Plädoyer für die Konzentration der Kräfte – in die polemische Formel von der Halbierung der wuchernden Anzahl von Kulturinstitutionen gepackt – verdient Beachtung und Respekt. Man wäre geneigt, das nahezu schmale Bändchen einen Wurf zu nennen!

Dass es der ganz große Wurf leider nicht geworden ist, liegt an einem gleichwohl ehrenwerten Unterfangen. In Deutschland, wo Kritik immer als Angriff aufgefasst wird, wie es die Autoren auch jetzt schon wieder erfahren, wird dem Kritiker vorgehalten: „Dann mach’s doch besser!“ Das ist unsinnig, die fundierte Kritik steht schließlich für sich selbst. Dennoch hat sich das Autorenquartett in einem schwachen Moment diese latente Forderung vorauseilend zueigen gemacht. Das ist sympathisch, verständlich, aber bedauerlich. Denn die intelligenten Analysten, die erkenntnisreich große Linien zu ziehen vermögen, deren historische und soziologische Einordnungen so treffend sind wie mit Esprit formuliert, überzeugen als Visionäre nicht. Berechtigt fordern die Vier, nach verheerenden Erfahrungen im 20. Jahrhundert, auf Utopien zu verzichten, und wollen sich auf Vorschläge beschränken und Möglichkeiten formulieren. Da wird die Lektüre dann merkwürdig zäh. Ja, die Autoren schießen – das immerhin dann erneut mit einigem Unterhaltungswert – übers Ziel hinaus, wenn sie „die Kultur als Retter in der Not“ persiflieren oder das zugegebenermaßen überlastete Thema der Umwegrentabilität öffentlicher Mittel für die Kulturlandschaft geißeln. Oder weiter: „Heute ist Kulturpolitik ein anonymer Auftrag an viele zur normativen Anpassung an wenige. Morgen könnte Kulturpolitik eine einzige große Möglichkeit für alle sein.“ Das ist ein Gedanke, schwächelt aber in seiner Formulierung, bleibt seltsam papiern und klingt irgendwie auch wieder nach der Kultur für alle. Wer andern eine Grube gräbt… Auf alle Fälle ist es ein strategischer Fauxpas des Autorenteams.

Doch sei’s drum. Die ignorante, bornierte und subkomplexe Kritik, die ihnen widerfährt, haben Haselbach, Klein, Knüsel und Opitz nicht verdient. Eigentlich hatte ich der NovoArgumente-Redaktion versprochen, mich eben mit diesem Phänomen detailliert und dezidiert auseinander zu setzen. Aber wie? Es ist nur mühsam. Was soll ich denn groß sagen, wenn ein Kulturpolitiker auf Staatssekretärsebene den Autoren das Urteil absprechen will, weil sie „unbekannt“ seien? Dürfen sich hier nur noch Talkshowjunkies zu Wort melden? Ist Pius Knüsel, Chef von Pro Helvetia, der größten und einflussreichsten Schweizer Kulturstiftung, ein Nobody? Soll das auch gelten für Dr. Achim Klein, Professor für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft in Ludwigsburg, Verfasser von Der exzellente Kulturbetrieb, ein grundlegendes Kompendium, das für sich selber Exzellenz beanspruchen darf? Das scheint dem Staatssekretär jedenfalls unbekannt zu sein. Bedauerlich, denn Kleins Darlegungen böten ihm vielleicht Inspiration, sich aus seiner lethargischen Verwaltung des „historisch Gewachsenen“ zu befreien – ebenso wie manch mitreißende Passage im Kulturinfarkt da dienlich wäre. So prompt nach dessen Erscheinen und so floskelhaft wie der Staatssekretär in Der Spiegel jedoch dagegen wetterte, drängt sich der Eindruck auf, er habe das Buch nur flüchtig überflogen. Nein, auch der Soziologieprofessor und Kulturberater Dieter Haselbach und der Kieler Kulturmanagementprofessor Stephan Opitz müssen ihre Kompetenz dem Herrn Staatssekretär nicht lange nachweisen. Die belegt ohnehin ihr Text.

Die Repliken der Politiker erscheinen allerdings noch differenziert verglichen mit dem, was das ZDF sich in seinem infantilen Format Kulturpalast leistete, als die so hübsche wie zapplige Moderatorin vor der Kamera den Kulturinfarkt buchstäblich in zwei Stücke riss. Das sollte witzig sein, von wegen, die Autoren sagten ja, es bräuchte von allem nur die Hälfte… – aber leider hatte wohl keiner in der Redaktion auch nur die Hälfte des Werkes gelesen. Zudem ist natürlich klar, dass, wer im Land der Richter und Henker Bücher zerreißt, sich auf blamable Art in die Tradition des 10. Mai 1933 einreiht, als die Bücher zwar verbrannt wurden, sich aber jener selbe Ungeist, man könnte auch sagen: die selbe deutsche Unkultur im Umgang mit jenen Dichtern und Denkern offenbarte, die Dinge anderes denken. Oder neu.

Rostock hat wegen Geldmangel sein Stadttheater geschlossen. In Schwerin muss das Staatstheater bis auf die Knochen des Verwaltungsapparates abspecken, das Thalia Theater in Hamburg, mehrfach zum „Theater des Jahres“ gekürt, lässt kürzlich wissen, keineswegs wegen mangelndem Publikumsinteresse, sondern wegen Fehlens disponibler Mitteln müsse die Produktion zukünftig empfindlich reduziert werden. Der smarte Kölner Opernintendant teilt kurz darauf mit, er müsse in der nächsten Saison den Spielbetrieb mangels Budget ausfallen lassen. Adrienne Goehler, einst in sechs Monaten als Kultursenatorin in Berlin verheizt, schlägt vor, das seit Intendanzen spießig dümpelnde Gorki Theater der freien Szene zu übergeben. Wirklich inspiriert und über den Tag hinaus geblickt, ist jedoch auch das nicht.

Da kann es insgesamt nur an der German Angst liegen, dass in diesen Zeiten Der Kulturinfarkt nicht richtig gelesen wird. Wenn großer Nachfrage mit der Rücknahme des Angebots begegnet wird, wie es das Thalia Theater exemplarisch vormacht, ist das die Verkehrung aller Verhältnisse. Es ist noch nicht einmal absurdes Theater, es ist ja gar keins mehr. Der Vorhang bleibt lieber zu. Infarkt.

Doch für Verzagtheit besteht in Wahrheit kein Anlass. Das grundsätzliche Interesse des Publikums und seine Sehnsucht nach der Begegnung mit und in der Kunst ist so ziemlich unverbrüchlich, stößt es nur auf Resonanz bei der Produzentenseite – den Künstlern. Etliches, was das hoch alimentierte Kultursystem hervorbringt, dürfte zwar ohne dessen Dauerstütze wenig überlebensfähig sei, doch gibt es Maler, die mehr auf der Palette haben als Konzeptkunst, der überhaupt erst die umständlichen Erklärungen der unsäglichen Kuratorenbrut, die dem Publikum das X fürs U vormacht, den Anschein von Kunst verleiht. Es gibt doch Schauspieler, die mehr können als sich pathetisch schreiend auf den Bühnen mit Blut und Sperma zu exaltieren, weil es ihre Regisseure so diktieren, und die nichts lieber wünschten als mit differenzierter Charakterdarstellung die Herzen ihrer Zuschauer zu erreichen – was im Kino, das sehr viel stärker vom Markt gesteuert wird denn von Förderinstrumenten, problemlos möglich ist. Talent und Fähigkeit ist vorhanden in Deutschland und bei seinen Nachbarn in Europa. Es besteht aller Grund zum Selbstbewusstsein! Auch gegenüber Staat und Politik.

Bleibt also zu konstatieren: Die Künstler lieben ihre Ketten! Oder sind die, die sich im etablierten Kulturbetrieb eingerichtet und dessen Abhängigkeit vom Staat in schöner, obrigkeitshöriger Tradition verteidigen, gar keine? Die Strukturen haben ein spezielles Personal positioniert. Künstler sind aus andrem Stoff, sie kümmern sich nicht um den drohenden Kollaps eines Systems. Sie setzen sich durch beim Publikum und am Markt. Sie machen einfach gute Kunst!


Nachtrag: Neulich gab ein junger Mann auf dem Blog einer großen Tageszeitung zu Protokoll, er habe das Abitur bestanden und sei mit seinem Studium fast fertig. Garantiert fertig sei er jetzt aber auch mit dem Theater. Er hätte es einfach satt, von den Theaterleuten ständig für blöd erklärt zu werden, wenn die Alexander den Großen mal wieder in Windeln über die Bühne hopsen lassen würden. – Der junge Mann hat Recht. Dem ist nichts hinzuzufügen, pointierter kann die Richtung gar nicht angezeigt werden – und die vier Autoren formulieren es so: „Anschauung ... muss sinnlich sein und hat immer etwas mit dem gekonnten Erzählen von konkreten Geschichten zu tun.“