27.02.2015

Herrschaft des säkularen Klerus

Rezension von Sean Collins

Joel Kotkin beschreibt die Herrschaft eines neuen Klerus. Die Priester unserer Zeit predigen Konsumverzicht und Umweltbewusstsein – und bekämpfen damit die aufstrebende Mittelschicht. Trotz begrifflicher Unklarheiten ist sein Buch eine wichtige Analyse, findet Sean Collins.

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Joel Kotkin mit den Faktoren, die den Aufstieg der amerikanischen „Mittelklasse“ behindern. Die Mittelklasse umfasst für ihn die Arbeiterklasse, Selbstständige und die Inhaber kleiner Geschäfte. Dabei verzichtet Kotkin auf herkömmliche Etiketten und stellt modische Theorien in Frage. Als Kapazität auf dem Gebiet der Geografie widersetzt er sich seit langem der Mode, Kritik an den amerikanischen Vorstädten zu üben. Er betont, dass derartige Kritik häufig nur einen schlecht getarnten Angriff auf die Arbeiterfamilien darstellt, die lieber nicht in den Innenstädten wohnen. Kotkin nimmt jetzt als Gesellschaftskritiker eine weitere Perspektive ein, die es ihm erlaubt, mit seinem Buch The New Class Conflict die allgemein verbreiteten Weisheiten über Eliten und die Massen umzuwerfen.

Kotkin weist gleich zu Beginn darauf hin, dass man sich von traditionellen Vorstellungen wie „links“ und „rechts“ verabschieden muss, um die Dynamik unserer heutigen Politik verstehen zu können. Er setzt als gegeben voraus, dass die alte „Plutokratie“ von Großunternehmern nach wie vor hinter den Republikanern steht. Er stellt allerdings fest, dass die Demokraten – eine Partei, die von vielen immer noch auf der Seite des Volkes bzw. der „99 Prozent“ verortet wird – ebenso elitär sind. Elitär sind die Demokraten nicht zuletzt deshalb, weil sie von den Technik-Oligarchen des Silicon Valley, von Wall-Street-Bankern und von anderen Großvermögensbesitzern unterstützt werden. Tatsächlich scheint das „eine Prozent“ ziemlich fest hinter den Demokraten zu stehen: Acht der zehn führenden Empfänger von Spenden seitens der Reichen waren linke Gruppen wie Emily’s List oder Moveon.org. Bei den letzten beiden Präsidentschaftswahlen stimmten die wohlhabendsten Teile des Landes für Obama.

Viele derjenigen, die heute als Linke gelten, haben eine elitäre Haltung angenommen, die den Massen entgegensteht. Wie Kotkin feststellt, „unterstützen selbsternannte Progressive häufig eine Politik, die die Aufwärtsmobilität der Mittelklasse behindert.“ In der Vergangenheit hatten „Sozialisten, Liberale und Konservative“ das Ziel eines großangelegten Wirtschaftswachstums gemein. Sie stritten sich nur über den besten Weg, dieses Ziel zu erreichen. Heute wenden sich viele unter dem Einfluss von Umweltbewusstsein und Konsumverzichtsideen gegen jenes ehrgeizige, großangelegte Wachstum, das historisch die Verbesserung der Situation der Arbeiterklasse erst ermöglich hat. „Verbrauche weniger Raum, verringere deinen ökologischen Fußabdruck, konsumiere weniger“ – so lautet das neue Mantra. „Bei allem Glanz des Progressiven“, so Kotkin, „ist die heutige Ideologie bemerkenswert rückwärtsgewandt“.

„Jeder Widerspruch gegen die Orthodoxie wird diffamiert oder ignoriert“

Laut Kotkin hat sich eine große Gruppe von Meinungsbildnern aus den Bereichen Medien, Erziehungswesen, Regierung und Gemeinnützigkeit das Ziel gesetzt, die moderne linke Weltanschauung zur vorherrschenden Ideologie zu machen. Kotkin nennt diese Gruppe „Clerisy“ (etwa: „Intelligenzia“), wobei er auf einen Begriff zurückgreift, den zuerst der britische Dichter Samuel Coleridge im Jahr 1830 verwendet hat, um eine Gruppe anglikanischer Kirchenführer zu beschreiben, die sich zusammen mit Intellektuellen, Künstlern und Pädagogen die Mission auferlegt hatten, den weniger erleuchteten minderen Klassen die Werte der Gesellschaft nahezubringen. Auf ähnliche Weise bezieht die heutige Intelligenzia ihre Autorität aus dem „Überzeugen, Unterweisen und Regulieren der übrigen Gesellschaft“, so Kotkin.

Aus einer Reihe von Gründen machen diese Gruppen eine deutlich unterscheidbare Intelligenzia aus und nicht lediglich eine Summe von Intellektuellen, zu denen Kotkin im Widerspruch steht. Zunächst einmal ist da ihre schiere Größe: Die Mitarbeiterzahl in den Medien, an den Universitäten und in Stiftungen hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen, so dass der Einfluss dieser Bereiche im Verhältnis zu anderen Sektoren zugenommen hat. Darüber hinaus teilen Mitglieder der Intelligenzia „eine einheitliche Weltsicht, besonders in politischen Fragen, in ihrer Haltung zu Umweltthemen und in Hinblick auf ihre gesellschaftlichen Werte.“

Was die Intelligenzia wirklich hervorhebt, sind ihr moralisierendes Ziel und ihre Vorgehensweise: „Auf weitgehend die gleiche Art wie ihre Vorgänger versucht die heutige Intelligenzia, den Massen die betont säkularen ‚Wahrheiten‘ der Gegenwart zu vermitteln.“ Statt sich auf die Suche nach Wahrheit zu begeben, präsentiert die moderne Säkularpriesterschaft ihre Ideen als eine Orthodoxie und will Konformität erzwingen. Im Widerspruch zum traditionellen liberalen Ideal der Toleranz versucht die Intelligenzia, die Sprache zu regulieren, die Jugend zu indoktrinieren, und „die Diskussion in den Bereichen einzuschränken, in denen sie aktiv ist, wie Homosexuellenehe, Klimawandel, Rasse- und Gender-Fragen.“ Debatten gelten als „entschieden“, jeder Widerspruch gegen die Orthodoxie wird diffamiert oder ignoriert.

„Die Intelligenzia bedient sich autoritärer Maßnahmen, welche die individuelle Autonomie untergraben“

Kotkin würdigt die Ironie, dass die neue Intelligenzia säkular, wenn nicht gar entschieden antireligiös daherkommt. Ein weiterer Grund, warum es nicht sofort ersichtlich sein mag, dass diese Gruppe eine dem Klerus ähnliche Rolle spielt, liegt in ihrem Vertrauen auf die Wissenschaft als Quell ihrer Autorität – insbesondere, wenn man berücksichtigt, wie gegensätzlich sich Wissenschaft und Religion traditionell gesonnen waren. Kotkin weist allerdings darauf hin, dass „die wissenschaftliche Community zum Teil einen theologischen Charakter angenommen hat“. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn gewisse Wissenschaftler im Namen „der Wissenschaft“ für eine politische Meinung Partei ergreifen. Sie sprechen sich gegen meine Forderung aus, die Industrialisierung rückgängig zu machen und den Konsum der Arbeiter zu verringern, um gegen die globale Erwärmung anzukämpfen? Dann sind Sie wissenschaftsfeindlich.

Kotkins Mittelklasse – die Besitzer kleiner Betriebe und die Arbeiterklasse – leidet unter dem Aufstieg der Intelligenzia. Diese fordert häufig im Namen des Umweltschutzes exzessive Regulierungen kleiner wie großer Betriebe, die das Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen bremsen. In Kalifornien haben Nullwachstums-Maßnahmen und die Förderung „grüner Energie“ die Entwicklung im Bundesstaat gehemmt und zu „linker Apartheid“ geführt: „Wohlhabende, überwiegend weiße und asiatische Küstenbewohner leben in einer wirtschaftlich unzugänglichen Blase, isoliert von der überwiegend armen Arbeiterklasse im Landesinneren, die überwiegend in von Lateinamerikanern bevölkerten Gemeinden lebt.“ Den Menschen im größtenteils ländlichen und armen, abgelegenen Staat New York hat man die wirtschaftlichen Vorteile des Abbaus von Schiefergasvorkommen (Fracking) wegen der Opposition reicher Städter und eines Gouverneurs der Demokratischen Partei vorenthalten, der auf die Unterstützung von Umweltschützern angewiesen ist.

Die Mittelklasse trägt allerdings nicht nur die Hauptlast der Wirtschafts- und Umweltpolitik der neuen Elite. Die Intelligenzia glaubt, dass alle Bereiche des sozialen Lebens ihrer technokratischen Expertise zugänglich seien. So bedient man sich autoritärer Maßnahmen, welche die individuelle Autonomie untergraben – bis hin zur Ernährung und zur Kindererziehung. „Die Rolle des Staates wird durch Versuche, sogar die allerpersönlichsten Verhaltensweisen zu regulieren, zunehmend unklar“, schreibt Kotkin. „Diese Regulierung dient nicht etwa dazu, irgendein spirituelles Ziel zu erreichen oder gar den materiellen Wohlstand zu mehren – wie in der Vergangenheit üblich –, sondern man möchte das Verhalten der Bürger ändern, um irgendein so wahrgenommenes gesellschaftliches ‚Wohl‘ zu erreichen.“ Die Intelligenzia wendet sich mit der Aufforderung an den Staat, Aufgaben zu übernehmen, die zuvor von Familien, Kirchen und Gemeinschaftsorganisationen wahrgenommen wurden. Obgleich Ehe und Familie historisch die soziale Mobilität unterstützt haben, feiert die moderne Klerikalkultur den Singlestatus und die Kinderlosigkeit.

„Die Intelligenzia ist eine Minderheit, die den Bezug zur Realität verloren hat“

Kotkins Offenheit für neue Entwicklungen hat eindeutig zu vielen wertvollen Erkenntnissen geführt. Sein Buch ist dennoch nicht fehlerfrei. Besonders sein übergreifendes Rahmenkonzept des „Klassenkonflikts“ trifft nicht gänzlich zu. Es gibt heute keine Klassen im herkömmlichen Sinne mehr – es gibt weder eine etablierte herrschende Kapitalistenklasse, noch eine gut organisierte, selbstbewusste Arbeiterklasse. Das Fehlen dieser beiden grundlegenden Klassen hat automatisch dazu geführt, dass wir in einer Welt leben, die die Vorurteile der gehobenen Mittelklasse widerspiegelt, die in Kotkins Definition von „Mittel“ nicht auftaucht – die Klasse, in der hoch gebildete Manager zuhause sind.

Die sich durch das ganze Buch ziehenden Hinweise auf wachsende Einkommensungleichheiten lassen Kotkin ferner als Opfer der modischen, für die Intelligenzia typischen Reichenschelte wirken. Er mag sich dadurch auszeichnen, dass er die Demokraten und Technik-Oligarchen für die Ungleichheit verantwortlich macht (statt die Republikaner und die Banker), und doch singt er zur Melodie von Thomas Piketty und Elizabeth Warren.

Auf weitaus festerem Boden steht Kotkin, wo er sich darauf beschränkt, wirtschaftliches Wachstum als Weg zur Steigerung des Lebensstandards der Arbeiterklasse und zur Förderung sozialer Mobilität zu propagieren. Wie er in seiner Schlussfolgerung schreibt, mag die Intelligenzia zwar den Äther beherrschen; sie bleibt dennoch eine Minderheit, und zwar eine Minderheit, die den Bezug zur Realität verloren hat: „Vielleicht ist die Kluft zwischen der Bevölkerung und den Führern der neuen Klassenordnung nirgendwo größer, als in der Frage, ob wirtschaftliches Wachstum und Aufstiegschancen für alle wünschenswert sind oder nicht.“ Kotkins Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufdeckung der Kluft, die sich zwischen dieser herablassenden, besserwisserischen säkularen Priesterschaft und dem Rest von uns auftut.