10.04.2012

Gesunder Zweifel

Rezension von Günter Ropohl

In "Passivrauchen: Götterdämmerung der Wissenschaft" erklärt der Mediziner und Experte für Gesundheitsprävention Romano Grieshaber, warum die Gefahren des „Passivrauchens“ maßlos übertrieben werden.

Ein Gespenst geht um in der Welt, das Gespenst des „Passivrauchens“. Wenn Menschen unfreiwillig den Tabakrauch einatmen, der von Rauchern ausgeht, droht ihnen angeblich die Gefahr, an Lungenkrebs und Herzleiden zu erkranken und zu sterben. Genau 3301 Tote soll der Umgebungstabakrauch jedes Jahr in Deutschland kosten, so eine Schrift aus dem Jahr 2005, die vom WHO-Kollaborationszentrum Tabakbekämpfung in Heidelberg veröffentlicht wurde und inzwischen zur Bibel der Tabakgegner geworden ist.

Viele haben immer wieder daran gezweifelt, nicht zuletzt wegen der erstaunlichen Genauigkeit der genannten Zahl. Dazu gehört auch der Mediziner Romano Grieshaber, der sich in der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten viele Jahre um die Gesundheit der fast vier Millionen Beschäftigten gekümmert hat, die Mitglieder der Berufsgenossenschaft sind und Versicherungsschutz gegen alle Unfälle und Erkrankungen geniessen, die mit ihrer Arbeit zusammenhängen. Dazu gehört natürlich auch das Personal der Gaststätten, das vor Einführung der Rauchverbote im Jahr 2007 ständig dem Tabakrauch der Gäste ausgesetzt war.

Hier hätten sich die Folgen des „Passivrauchens“ besonders deutlich zeigen müssen, so Grieshaber, und er analysierte die umfangreichen Statistiken, die über alle berufsbedingten Erkrankungen erhoben worden waren. Das Ergebnis ist verblüffend: Kellnerinnen und Kellner erkranken nicht öfter, eher sogar seltener, an Lungenkrebs als andere Menschen (S. 37ff.) – ein Ergebnis, das auch durch andere Untersuchungen bestätigt wird. Die Behauptung über die besonderen Gefahren des „Passivrauchens“ erweist sich also als haltloses Gerücht! Wenn schon die Beschäftigten in der Gastronomie nicht geschädigt werden, haben die Gäste erst recht nichts zu befürchten.

Im ersten Kapitel seines Buches schildert der Autor die höchst merkwürdigen Reaktionen des erwähnten Kollaborationszentrums auf seine Forschungsergebnisse – Anfechtungen aller Art, die ihn schliesslich dazu bewogen haben, mit der Buchveröffentlichung zu warten, bis er in den Ruhestand treten konnte. Vorläufiger Tiefpunkt dieser untergründigen Machenschaften ist der Umstand, dass die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, der Grieshaber ebenfalls verbunden war, Begriff und Programm des „Technischen Nichtraucherschutzes“ in Acht und Bann getan hat, weil nicht sein kann, was nicht sein darf – bestürzender Opportunismus einer Organisation, die eigentlich sachlicher Neutralität verpflichtet sein sollte.

Im zweiten und dritten Kapitel befasst sich Grieshaber mit den Gründen, die für die unsachlichen Verhaltensweisen seiner Kontrahenten verantwortlich sein könnten. In Wirklichkeit, führt er aus, ist jenes Kollaborationszentrum nämlich keine Forschungseinrichtung, sondern der verlängerte Arm einer politischen Gruppierung in der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die seit bald 40 Jahren einen „Kreuzzug“ führt, um weltweit das Tabakrauchen auszumerzen. Beobachter wundern sich, wieso das sonst seriöse Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) eine solche Propagandaabteilung, die den Namen dieser Institution diskreditiert, überhaupt bei sich beherbergt.

Grieshaber zeigt, wie fadenscheinig die Vorwürfe sind, die das Kollaborationszentrum gegen den Umgebungstabakrauch vorbringt, denn er sieht sich, auch nach Rückfragen, die nicht beantwortet wurden, aus¬serstande, dessen „Begründungen“ nachzuvollziehen. So muss er bekräftigen, was andere Kritiker schon seit Langem sagen: Das „Passivrauchen“ ist von den Tabakgegnern erfunden worden, um die Nichtraucher gegen rauchende Menschen zu mobilisieren. Der eine oder andere mag Tabakrauch manchmal lästig gefunden haben, aber unduldsam werden die Nichtraucher erst dann, wenn man ihnen einredet, ihre eigene Gesundheit stände auf dem Spiel. Sogar das Bundesverfassungsgericht hat sich dieser vorgeblichen Logik gebeugt und geurteilt, die Gesundheit sei ein höheres Verfassungsgut als die Freiheit tabakfreundlicher Gastwirte und rauchender Gäste – Gesundheit statt Freiheit?

Im vierten Kapitel geht der Autor auf die Schäden ein, die das Rauchverbot der traditionellen Wirtshauskultur zufügt. Er belegt mit handfesten Zahlen Umsatzeinbussen und Betriebsschlies¬sungen, was Tabakgegner immer wieder herunterzuspielen versuchen, die sich toleranten Kompromissen (abgetrennte Raucherbereiche, wirksame Klimaanlagen usw.) hartnäckig widersetzen. Auch das weist deutlich darauf hin, dass es in Wirklichkeit nicht um den „Nichtraucherschutz“ geht, sondern um das Kampfziel der WHO: die systematische Unterdrückung und Verdrängung der rauchenden Menschen.

Im fünften Kapitel wendet sich Grieshaber den wissenschaftlichen Methoden zu, mit denen die angebliche Gefährlichkeit des „Passivrauchens“ ermittelt wurde. Der Kardinalfehler bestehe darin, dass aus äusserst schwachen statistischen Zusammenhängen vorschnell geschlossen werde, allein der Umgebungstabakrauch sei die Ursache der errechneten Todesfälle. Der Autor zeigt, dass die überwiegende Mehrzahl dieser Todesfälle erst bei sehr alten Menschen eintritt, und er folgert, dass sie weniger tabakbedingt als vielmehr schlicht und einfach altersbedingt geschehen. Ausführlich befasst er sich mit sehr merkwürdigen Abwehrversuchen, mit denen Tabakgegner solche Kritik zurückweisen und die Kritiker teilweise sogar persönlich verunglimpfen.

Im sechsten Kapitel geht Grieshaber auf Tendenzen in Deutschland und anderen europäischen Ländern ein, mit immer weitergehenden Verboten rauchende Menschen vollends aus der Öffentlichkeit zu verbannen und möglichst auch in ihrem Privatbereich (Wohnung, Auto usw.) am Tabakgenuss zu hindern. Diese Tendenzen werden nicht nur von der WHO, sondern auch von Bürokraten der Europäischen Union gefördert. Um ihre illiberalen Umtriebe zu rechtfertigen, warten die Aktivisten nicht nur mit fingierten Bildern schwarz eingefärbter „Raucherlungen“ auf (S. 214), sondern auch mit der Behauptung, seit Einführung der Rauchverbote seien die Herzkrankheiten deutlich zurückgegangen. Grieshaber zeigt im siebten Kapitel, dass solche Behauptungen einer seriösen statistischen Betrachtung keineswegs standhalten.

Im achten und neunten Kapitel wendet sich der Autor allgemeineren Fragen der zunehmenden Bevormundungspolitik zu, und er vertritt die Ansicht, dass derartige Reglementierungen nicht nur die Selbstbestimmung freier Menschen einschränken, sondern häufig schädliche Nebenwirkungen zeigen, die schwerer wiegen als der angestrebte Nutzen. Er wendet sich gegen Kollegen, die vorläufige Untersuchungsbefunde vorschnell als endgültige Wahrheit ausgeben, und gegen sensationslüsterne Medien, die solche Meldungen ungeprüft aufbauschen. Und er kritisiert eine Gesundheitsauffassung, die alle Erkrankungen auf individuelles Fehlverhalten zurückführt, statt das systemische Zusammenwirken vielfältiger Risikofaktoren in den Blick zu nehmen. Zählt man, so Grieshaber (S. 249ff), die Todesfälle zusammen, die nach Ansicht der jeweiligen Experten jedes Jahr durch falsche Ernährung, Rauchen und Alkohol verursacht werden, erhält man eine Summe, die nahe an der Gesamtzahl der Sterbefälle liegt. Wer stirbt, ist selber schuld, und wer den fachkundigen Gesundheitsempfehlungen der Experten folgt, lebt ewig; das wäre die absurde Konsequenz aus solchen Todesdrohungen. So plädiert der Autor zum Schluss „für eine fehlbare und lernbereite Wissenschaft, die fähig ist, alte Gewissheiten aufzugeben, wenn neue Erkenntnisse zu gewinnen sind“ (S. 258).

Die Fülle der Tatsachen und Überlegungen, die dieses hervorragende Buch enthält, kann in einer kurzen Besprechung auch nicht annähernd wiedergegeben werden. Gegenüber den wenigen anderen Büchern, die sich ebenfalls mit guten Gründen gegen die Tabakhysterie wenden, hat dieses zwei wichtige Vorzüge: Zum Einen hat der Verfasser nach eigenem Bekunden nie im Leben geraucht; niemand kann ihm unterstellen, die „Suchtabhängigkeit“ habe ihm die Feder geführt. Zum Zweiten aber ist es erstmals jemand vom Fach, der die haltlosen Spekulationen der Medizinstatistiker entlarvt, ein Präventionsexperte, der sich ein Leben lang für die Gesundheit seiner Klientel eingesetzt hat. Romano Grieshaber gebührt grosser Respekt für seine redliche und mutige Arbeit, die das Komplott fundamentalistischer Gesundheitsideologen an den Tag bringt und hoffentlich die Politik von weiteren Fehlentscheidungen abhält.